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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 8
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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Die sechs Waldkirschen.

Sechs Schwestern wohnten in einem Walde beisammen und wurden von Zeit zu Zeit von einer mächtigen Fee, die ihre Pate war, besucht. Sonst kam jahraus, jahrein niemand zu den sechs Mädchen, und sie waren Winter und Sommer immer allein. Diese Einsamkeit wurde durch die Güte und Macht der Fee versüßt; wenn sie zum Besuche kam, brachte sie stets in ihrem Körbchen, neben andern Gaben, sechs reife Waldkirschen mit, von denen sie jeder Schwester eine gab und zugleich sagte, die Besitzerin möchte sich irgendein lebendes Geschöpf wünschen, und alsobald, wenn die Fee ein gewisses Wort gesprochen, verwandelte sich die Kirsche in das verlangte Geschöpf. Das war nun sehr anmutig und zugleich sehr belustigend. Die eine Schwester wünschte sich ein Eichkätzchen, die andre ein Täubchen, die dritte ein Hündchen, die vierte einen Papagei, die fünfte eine weiße Maus, die sechste ein Lämmchen, das sie an einem rosenroten Bande im Walde herumführte. Am zwölften Tage kam regelmäßig die gute Pate wieder und nahm ihre Geschenke mit, die sie in Kirschen zurückverwandelte und brachte sechs neue Kirschen mit, aus denen die Mädchen sich wieder neues hübsches Spielwerk erschufen; so fehlte es in ihrer Einsamkeit nie an Gesellschaft und Unterhaltung, und das Haus im Walde war so belebt und heiter, als wenn es mitten in der volkreichsten Stadt gestanden hätte.

Einst saßen die Mädchen auf einem grünen Platz im Walde und jedes hatte seinen Liebling bei sich. Da hub Zeline, die älteste, an, indem sie den zierlichen Kopf ihres schokoladenfarbenen Windspiels, den sie sich diesmal von der Fee erbeten, auf ihrem Knie ruhen ließ: »Ich möchte mal unsre Pate fragen, ob sie uns nicht auch Menschen machen kann. Die Tiere sind ganz hübsch – aber sechs hübsche, kluge und lustige Mädchen, die mit uns hier im Walde spielten und sängen, um die Wette liefen und abends den Reihen um die große Eiche herumtanzten, wären mir doch lieber.«

»Ja – ja!« riefen die zweite, dritte, vierte und fünfte, allein die sechste schüttelte den Kopf und sagte: »Ich weiß nicht, liebe Schwestern, ob das uns guttun würde. Wir lieben uns alle so herzlich, die sechs fremden Mädchen, die doch nicht bei uns bleiben könnten, sondern um zwölf Tage wieder Abschied nähmen, würden das gute Einvernehmen zwischen uns stören. Meint ihr nicht, daß unsre gute Pate, wenn sie der Ansicht gewesen, daß menschliche Gefährtinnen uns nottäten, nicht solche uns schon längst gegeben hätte? Ich meinesteils glaube sicherlich, daß sie ihren guten Grund hat, so zu tun, wie sie bis jetzt getan. Wir wollen ihr keine Wünsche vortragen, die sie zu befriedigen nicht die Absicht hat.«

Aber die Schwestern hörten auf diesen Rat nicht. Als die Fee wieder erschien, riefen die fünfe einstimmig: »Diesmal mach' aus den Kirschen keine Tiere, sondern junge, lustige Mädchen, so wie wir sind.« Die sechste mußte wohl oder übel auch in diesen Wunsch einstimmen.

Die Fee berührte mit ihrem Zauberstäbchen die in dem grünen Laube so zierlich ruhenden sechs schwarzen glänzenden Kirschen, und siehe da, plötzlich standen in dem Zimmer sechs schlanke junge Mädchen, eine immer hübscher wie die andere und alle mit den schönsten kohlschwarzen, glänzenden Augen und dem herrlichsten schwarzen Haar.

»Ach! – ach! ach!« riefen die Schwestern; »da sind ja unsre Freundinnen, unsre Gespielinnen!«

»Wie wollen wir nun froh und lustig sein!« Und jede nahm sich eine der neuen Ankömmlinge und führte sie in ihr Zimmer und zeigte ihr alle ihre Schränke, gefüllt mit Putzsachen, und ihre Tische, auf denen eine Menge niedlicher Figuren und kostbaren Gerätes stand. Die Mädchen taten nicht im mindesten fremd, und es schien, als wären die sechs Gäste seit Jahren die innigsten Vertrauten und Bekannten. Als es Abend wurde und Kerzen hereingebracht wurden, saßen alle zwölf Mädchen um den großen runden Tisch, mitten in der Stube und spielten Lotterie oder spielten Karten. Nachts, wenn die Bäume im Walde säuselten, lagen sie im sichern, warmen Bette, immer zwei Mädchen in einem Bette, und es wußte eine der andern allerlei Geschichtchen zu erzählen, so daß sie erst spät und unter angenehmen Schauer einschliefen. Am Morgen gingen sie in den Wald und pflückten Blumen; am Mittag verzehrten sie ihr Mahl im Freien und sangen und lachten dabei mit hellen, anmutigen Stimmen, daß es weit durch den Wald schallte, und die Vögel ringsum neugierig aus den Zweigen blickten.

Das war ein Leben.

Am zwölften Tage, als die Fee kam, ihre Gaben wieder zurückzufordern, war großes Wehklagen im Waldhause. Die sechs fremden Mädchen wollten nicht fort, und die sechs einheimischen wollten sie nicht lassen. Die Fee nahm endlich mit großem Ernste das Wort und sagte: »Kinder, ihr wißt nicht, was ihr begehrt. So weit auch meine Macht geht, so kann ich die Naturgesetze doch nicht ändern. Zwölf Tage erhält sich eine Waldkirsche frisch, geht's über die Zelt hinaus, so wird sie welk, wie jede Frucht, und was ich aus der Kirsche gemacht, wird ebenfalls welk. Wollt ihr nun sehen, wie euer liebes Spielwerk unter euren Händen zusammenschrumpft? Das wäre ein häßlicher Anblick. Darum folgt meinem Rat und gebt gutwillig die Mädchen her, daß ich sie wieder verwandle. Ich habe in meinem Korbe sechs frische Kirschen mitgebracht, daraus will ich euch neue Gespielinnen schaffen.«

Es war nicht rätlich, der Fee zu widersprechen. So nahmen die Freundinnen denn rührend und unter Vergießung zahlloser Tränen voneinander Abschied, und die sechs fremden Mädchen wurden wieder Kirschen, und die sechs neuen Kirschen wurden ebenso lustige und hübsche Mädchen, als die Verschwundenen gewesen waren.

Nun ging die Freude von neuem an.

Die eben angelangten Freundinnen hatten die Putz- und Kostbarkeiten in Schränken und auf den Tischen noch nicht gesehen, es war also wieder ganz neues Entzücken, sie ihnen zu zeigen. Zugleich richtete man sich im voraus darauf ein, daß die Freundschaft nur zwölf Tage dauerte, und daß am Mittag des zwölften Tages man sich trennen müßte. Es fand sich aber jetzt schon, daß die Freundschaft manchmal schon früher zu Ende ging. Die fremden Mädchen brachten Kleider mit, die oft so schön und sogar schöner waren, als die einheimischen aufzuweisen hatten. Dies gab Streit. Dann gab es beim Spielen so viel Launenhaftigkeit, und beim Gesang so argen Zank, um diese oder jene Note, und zuletzt wollten die einheimischen sogar bemerkt haben, daß die fremden beim Spiel betrogen, Kurz, zuletzt konnten die sechs Mädchen den zwölften Tag kaum erwarten, wo sie ihre Gäste wieder los wurden. »Hab' ich's euch nicht gesagt?« rief die jüngste. »Es ist so gekommen, wie ich prophezeit habe. Wir wollen nun zu unsern Hündchen und Lämmern zurückkehren.«

»Ach nein!« rief die älteste, »das ist fade und langweilig. Ich wüßte wohl, was wir jetzt wünschen könnten.«

»Nun was denn?« fragten die andern neugierig.

Die älteste ließ mit schalkhafter Miene einige Zeit vergehen, ehe sie antwortete. »Nun,« sagte sie endlich, »könnt ihr noch fragen, was ich meine? Es soll nur jede daran denken, was sie sich heimlich oft gewünscht hat.«

»Was wir uns heimlich gewünscht haben? Und was wäre das? Ei – ei! hm! hm!« riefen sie durcheinander und legten die Zeigefinger an die Nasenspitzen.

»Nun,« rief die älteste, »fällt euch nichts bei?«

»Ich habe mir einmal ein rosenfarbenes Hündchen gewünscht«, sagte die dritte. »Aber so etwas gibt es nicht, und darum ist's ganz unnütz, es sich zu wünschen.«

»Ist auch ein alberner Wunsch!« bemerkte die älteste spöttisch. »Was soll denn ein rosenfarbenes Hündchen? Einfältig. Nein, ich hab' etwas ganz andres im Sinne.«

»Doch etwas Lebendiges?«

»Ja, etwas sehr Lebendiges, das uns die Zeit vortrefflich vertreiben soll, und in dessen Gesellschaft wir wie im Himmel leben werden.«

»O was kann das sein?« riefen alle.

»So will ich es sagen«, entgegnete die Sprecherin. »Wir wollen uns Liebhaber wünschen! Sechs junge hübsche Männer!«

»Daran haben wir nicht gedacht l« riefen die Schwestern, und jede hatte daran gedacht, nur keine wollte es aussprechen, sondern eine erwartete immer von der andern, daß sie's sagen sollte.

»Wird die Fee aber auch uns den Willen tun!« fragte die zweite Schwester. »Ich zweifle sehr. Sie wird sagen, ein solcher Wunsch ist für junge Mädchen nicht passend.«

»So wollen wir sie gar nicht fragen,« entgegnete die älteste; »es kommt jetzt der Frühlingsanfang, das ist die Zeit, wo sie immer auf drei Monden zu verreisen pflegt. Sie vertraut dann ihren Zauberstab einem alten, klugen Raben, dem sie den Auftrag gibt, uns ihn zu überbringen und ihn wieder mitzunehmen. Diese Zeit wollen wir benutzen und aus den sechs Zauberkirschen erschaffen, was wir wollen. Die Fee wird's nicht erfahren. Und wenn sie's auch erfährt, sie ist so gut, daß sie uns deshalb doch nicht zürnen wird.«

»Wenn es nur nicht schlimm abläuft«, sagte die jüngste. »Ich habe euch schon einmal richtig prophezeit, erlaubt, daß ich auch diesmal wieder meine warnende Stimme erhebe.«

»Nein, nein, nein!« riefen alle zugleich. »Der Plan ist gut, er soll ausgeführt werden. O was werden wir uns für hübsche Männer geben. Unsre Schwester hat recht, wir werden wie im Paradiese leben. Das allein hat uns nur noch gefehlt! –«

Die jüngste schwieg, da sie überstimmt war.

Es kam, wie die Mädchen gesagt hatten. Die Fee reiste fort und übergab dem Raben den Zauberstab mit dem Befehl, er solle ihn, samt den Kirschen, allemal den zwölften Tag in das Haus im Walde bringen. Zugleich sagte sie den Schwestern: »Vergeßt nicht, daß wenn ihr die Kirschen berührt, ihr das Wort, ›Kirmistan‹ aussprechen müßt, und wenn es wieder Kirschen werden sollen, ihr das Zauberwort ›Simurgos‹ dazu ausrufen müßt. Schreibt euch das in euer Gedenktäfelchen, damit ihr's ja nicht vergeßt.« – Von den sechs Schwestern schrieb nur allein die jüngste die Worte auf, die andern dachten: ei, wozu aufschreiben; wir werden es schon behalten. –

Als die Mädchen nun allein waren, und der Rabe das Zauberstäbchen und die Kirschen gebracht hatte, schlossen sie sich vorsichtig ein, und setzten sich im Kreise und jede nahm die ihr zugeteilte Kirsche, berührte sie mit dem Stäbchen, und die erste sagte: »Ich wünsche mir einen Minister mit einem Ordensstern, mit Degen und Federhut, der so recht stolz und vornehm tut.« Und wie sie das gesagt und dazu das Wort »Kirmistan« ausgesprochen, stand ein junger Mann vor ihr in einem violett-atlas Frack mit Goldstickerei auf allen Nähten, mit einem prächtigen Ordensstern an der Brust, mit einem funkelnden Kragen, und mit einem Federhut unterm Arm, verbeugte sich tief und sagte: »Mein teures Fräulein, wie sehr freue ich mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen. In meinen Träumen lebten Sie schon lange.« Die älteste war entzückt und erwiderte hocherrötend: »Sehr obligiert, mein Herr.« Die zweite sagte: »Ich wünsche mir einen Jägersmann mit einem Hut, keck auf dem Ohr, einer Reiherfeder daran und dem Hirschfänger an der Hüfte. Das ist so mein Geschmack.« Und alsbald stand ein wunderhübscher blonder Jägerbursche vor ihr, der neigte die roten Lippen auf ihre Hand, blinzelte schalkhaft mit den Augen und rief: »Schön Mädchen, hier bin ich!« »Seien Sie mir willkommen, lieber Jäger«, antwortete sie, und wußte sich vor Freude nicht zu lassen über den hübschen Jungen, den sie sich herbeigewünscht. Die dritte rief: »Was mich betrifft, so wünsche ich mir einen rechten Springinsfeld, der tagaus, tagein singt und jodelt und stets auf einem Beine hüpft. Mit einem solchen muß sich's gut leben lassen. All das ernsthafte Wesen kann ich nicht leiden; mein Schätz muß ein Tausendsasa sein, ein Obenaus und nirgend zu Haus! Ein rechter Teufelsbraten.« Und vor ihr stand ein kleiner Junge, dem blitzte es aus dem Augen; er wirbelte sich ein paarmal auf dem Absatz herum, ehe er zum Sprechen kam, und dann selbst machte er einen hohen Satz und sprudelte unter lautem Lachen hervor: »Guten Tag, guten Tag, mein Herzensschätzchen! komm, laß uns in den Wald laufen, wir wollen sehn, wer schneller ist.« »Gut, gut!« rief die dritte, »mir ganz recht!« Und so liefen sie sogleich in den Wald hinein, und man hörte weithin ihr lustiges Lachen. Die vierte sprach: »Nein, so will ich's nicht. Mein Liebster muß ein großer, schlanker Jüngling sein, mit träumerischen dunklen Augen, immer schwarz gekleidet, am liebsten ein junger Professor, oder sonst etwas Gelehrtes und Studiertes.« Und wie sie's gesagt, stand der junge Studiosus vor ihr, ganz so, wie sie ihn beschrieben, und sagte mit einer langsamen und melancholischen Stimme: »Wie freue ich mich, Schönste der Schönen, endlich einmal Ihnen Auge in Auge sagen zu können, daß Sie die Dame meines Herzens sind. Ich will nur gleich hingehen und ein Gedicht auf Ihre Reize machen.« – »Gar zu gütig,« entgegnete das geschmeichelte Mädchen, »aber wenn ich bitten darf, wenn Sie das Gedicht fertig haben, st lesen Sie es meinen Schwestern vor, damit alle hören, welch einen gescheiten Liebhaber ich habe.« Die fünfte endlich rief: »Ei, das sollte mir fehlen, solch einen Versemacher mir zuzulegen, der, wenn er mich zum erstenmal sieht, gleich fortläuft, um sich an den Schreibtisch zu setzen und Verse zu schmieden. Nein, ich will einen jungen Soldaten, das ist die rechte Sorte. Immer gleich bei der Hand, wenn es Küssen und Umarmen gilt, dabei mutig, und der geringste von ihnen hat den Teufel im Leib.« Sie nahm ihre Kirsche, berührte sie mit dem Stabe, und vor ihr stand in militärischer Haltung, die Hand an der Mütze, ein junger kecker Bursche, eingeschnürt in eine enge Uniform, und sagte: »Hier bin ich, mein Schatz. Hast du nicht ein Gläschen Likör bei der Hand und einen guten Tabak?« »Beides sollst du haben«, rief das Mädchen. Und der Soldat umfaßte sie und raubte ihr einen Kuß. Die Schwestern riefen: »Aber das ist dreist!« – »Seid nur ruhig,« antwortete die fünfte, »so lieb ich's.«

»Nun und du?« fragten alle die jüngste.

Die jüngste hatte lange Zeit vor sich hingesonnen, dann sagte sie: »Ich hab's mir überlegt, ich schaffe mir keinen Mann. Der Mann soll dem Weibe kein Spielzeug sein. Gesetzt den Fall, ich verliebte mich wirklich in den, den ich mir hergezaubert, so könnte ich's wahrlich nicht überleben, ihn wieder zu verlieren. Ich stürbe mit ihm. Also für mich keinen Mann. Ich werde die Güte unsrer edlen Pate benutzen, und mir eine hübsche Hirschkuh wünschen. Eine solche hab' ich mir schon längst erbitten wollen.«

Die Schwestern lachten und riefen: »Eine Hirschkuh! Wie einfältig!« Aber die jüngste tat, wie sie gesagt.

Nun hatten alle, was sie begehrten.

Die Schwestern waren so verliebt in ihre Männer, wie es nur Frauen immer sein können, und die jungen Männer taten ihrerseits alles mögliche, um ihren Liedchen zu gefallen. Der junge Minister stolzierte in der Sonne umher, so daß sein Stern weithin blitzte und funkelte. Der Jäger blies ins Horn und sang die hübschesten Jägerlieder, der Tausendsasa tanzte, der melancholische Studiosus machte Verse, und der junge Soldat küßte und trank.

Alle riefen eines Tages: »Wann wird die Hochzeit sein?«

Die Mädchen bestimmten einen Tag; es war gerade der zwölfte. Aber das hatten sie rein vergessen. Als nun der Rabe kam mit dem Zauberstab und den frischen sechs Kirschen, schickten sie ihn fort. Nur die jüngste zauberte sich eine neue Hirschkuh.

Die fünf Mädchen machten nun mit ihren Liebsten Hochzeit. Um zwölf Uhr nachts führte jede ihren Schatz in ihr Kämmerlein. Am Morgen ertönte ein Schreckensruf in der Kammer der ältesten: »Wo ist mein lieber Mann geblieben! Pfui! was für ein welkes, altes Männchen liegt in meinem Bette! Hinaus mit ihm!« – Und aus der zweiten und dritten Brautkammer erscholl der nämliche Ruf: »Hinaus! mit dem kleinen Huzelmännchen, das neben mir im Bette liegt! Wo ist mein hübscher, junger Mann geblieben!« – Und so klang es überall! Und nun kamen die armen Mädchen heraus, und jede führte an der Hand einen kleinen, krummen und schiefen alten Knirps; es war zum Erbarmen. Und eine, als sie die andre sah in demselben Unglück, jammerte immer stärker und wilder als ihre Schwester, und endlich verwünschten alle die grausame Fee.

Die fünf alten Männchen sahen sich einander an, und machten ihrerseits klägliche Mienen.

»Wo ist der Rabe?« riefen nun die Mädchen. »Geschwind fort mit diesem Plunder. Keinen Augenblick länger wollen wir diese Spitalgesellschaft um uns dulden.«

»Ihr vergeßt,« sagte die jüngste, »daß ihr den Raben, als er sich hier einfand, fortgeschickt habt. Ihr müßt nun warten, bis wieder zwölf Tage vorüber sind.«

Die Schwestern singen erst recht zu jammern an, als sie hörten, daß sie sich mit diesen häßlichen Schätzchen, die in jeder Stunde mehr zusammenschrumpften, noch ganze zwölf Tage plagen sollten. Indessen fanden sie sich ins Unvermeidliche, und jede nahm ihr Alräunchen auf den Schoß und schob in den zahnlosen Mund ein bißchen Zwieback, und gaben jedem ein Schlückchen Wein, damit die alten Magen sich stärken sollten.

»Himmelsakrament!« rief der Soldat. »Wir hätten noch länger können frisch bleiben, wenn diese Satansnacht nicht gewesen wäre. Allein dergleichen Arbeit halt ein andrer aus, und behalte noch seine Lebensgeister beisammen!« Dasselbe versicherten auch die vier andern.

Der Springinsfeld bestand noch immer drauf, auf einem Bein zu hüpfen, allein es gelang miserabel, er fiel und verstauchte sich Arm und Beine, und zerschellte sich den Kopf.

Der Jäger hatte schon seit langem nicht mehr so viel Atem, um sein Horn zu blasen. Der einzige, der noch etwas leistete, war der Minister, der an einem Stabe gelehnt in der Sonne herumkroch und seinen Stern funkeln ließ.

Endlich kam der Rabe: aber ein neues Unglück, die Mädchen hatten das Wort vergessen, das die armseligen Figuren wieder zu Kirschen machte. Die jüngste war, auf ihrer Hirschkuh reitend, seit einigest Tagen in den Wald gezogen und war noch nicht wieder zurück. Also kein Rat und keine Hilfe! Sie baten den Raben, er möchte ihnen die sechs neuen Kirschen lassen, aber er krächzte verdrießlich: »Darf nicht – meine Order lautet, nur gegen die alten soll ich die neuen geben.« Und damit flog er fort, und nahm mit, was er überbracht hatte. Welch ein entsetzliches Mißgeschick: nun noch zwölf Tage mit diesen kleinen Ungetümen zu verleben! Ach, es war kaum möglich! Und es mußte doch möglich sein.

Wie oft riefen jetzt die fünf Unbedächtigen: »Ach, hätten wir doch auf den Rat unserer Schwester gehört und uns auf Dinge nicht eingelassen, von denen die Fee, unsere Pate, keine Kenntnis hat.«

»Was das schlimmste ist,« rief die zweite, »wenn unsre Schwester nicht heimkehrt, so können wir, bis die Fee wieder da ist, noch über zwei Monden uns mit den Kobolden herumschleppen.«

»Das halten wir nicht aus!« riefen die Mädchen alle zusammen.

»Ihr müßt es aushalten,« nahmen jetzt die fünf boshaften kleinen Greise das Wort. »Wehe euch, wenn ihr uns irgendwie in Pflege und Nahrung vernachlässigt, oder uns nicht mit der Achtung behandelt, die wir fordern dürfen. Eure Strafe wird schrecklich sein, denn wir sind sehr mächtig.«

Die Schwestern, die furchtsamer Natur waren, hörten diese Drohungen mit Händeringen und Tränen, und jede versprach, auf das gehorsamste den Befehlen nachzukommen.

»Nun, so nehmt uns jetzt auf euren Rücken,« riefen die kleinen Greise übermütig, »wir wollen euch wie unsre Rosse besteigen, und ihr sollt in den Wald hinaustraben, damit wir frische Luft schöpfen.«

Jede nahm nun Huckepack ihren Kobold, und es ging in den Wald. Die Kleinen hatten sich seidne Schnüre besorgt, die hatten sie den Mädchen durch den Mund gezogen und zerrten nun daran, als wären es Zügel und Gebiß. Dabei stießen sie mit kleinen spitzigen, silbernen Sporen die armen Mädchen in die Seiten.

»Ich habe eine verdammt widerspenstige Stute!« rief der eine, »sie will nie so, wie ich will.«

»Ei, so laß sie die Stachel deiner Sporen fühlen!« schrie der andre. »Die meine hab' ich schon so gut dressiert, daß sie auf den leisesten Wink pariert.«

So lachten und drohten die häßlichen Gnomen auf den Rücken der fünf Mädchen, die ihr Schicksal verwünschten; denn nach Ablauf von noch zwölf Tagen und abermals zwölf Tagen kam die jüngste noch immer nicht wieder heim. Endlich entschlossen sich die Schwestern, sie aufzusuchen. Sie zogen, mit ihren Männern auf dem Rücken, ins nahe Gebirge, wo sie hofften, daß die Vermißte sein werde.

Die jüngste hatte unterdessen im Gebirge die Bekanntschaft eines jungen Hirten gemacht, der sehr schön, sehr edel und sehr verliebter Natur war. Er war des hübschen Mädchens auf der milchweißen Hirschkuh kaum ansichtig geworden, als er ihr schon erklärte, daß er ohne sie nicht leben könne. Diese zärtlichen Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Die stolze Reiterin stieg herab, und es dauerte nicht lange, so erhörte sie die Wünsche ihres Anbeters. Beide lebten nun im Gebirge als ein sehr glückliches und zufriedenes Paar. Sie hatte ihre törichten Schwestern fast vergessen und dachte, nicht mehr heimzukehren. Da hörte sie eines Tages etwas den Weg hinaufkeuchen, der zu ihrer Hütte führte. Sie sagte zu ihrem Manne: »Kommen vielleicht Reiter zu uns zum Besuche, allein ich höre kein Pferdegetrappel.« Und sie schaute aus dem Fenster, da sah sie den Talpfad hinauf ihre unglücklichen fünf Schwestern, wie sie unter Hallo! und Hussa! ihrer Reiter hinaufkeuchten. »Gott im Himmel!« rief sie; »diese Pferde sollte ich kennen! Ach, die armen Kreaturen, in welche Knechtschaft sind sie geraten! Ich will nur gleich hinaus und sie zu mir ins Haus führen, das den Armen Schütz und Erholung werde.«

Die fünf Mädchen kamen todmüde in der Hütte ihrer wiedergefundenen Schwester an. Diese war mutvoll und ließ sich nicht durch Drohungen einschüchtern, sie nahm die fünf boshaften Zwerge und packte sie allesamt in einen großen Hühnerkorb, da ließ sie sie durcheinander kribbeln und krabbeln, und schreien und kneifen, und wartete geduldig, bis der nächste zwölfte Tag kam, wo der Rabe sie im Gebirge auszusuchen pflegte. Da sagte sie zu ihren Schwestern: »Aber wollt ihr nun auch klug und gehorsam sein und fürder nichts unternehmen hinter dem Rücken unserer Wohltäterin, der gütigen Fee? und wollt ihr künftig auf meinen Rat hören, denn ihr habt gesehen, daß ich's gut mit euch meine?«

»Ja, ja, wir wollen es!« riefen die Armen. »Befreie uns nur von dem Unglück.«

Da nahm die jüngste den Zauberstab, trat an den Hühnerkorb und sprach das Wort »Simurgos« und alsbald lagen auf dem Boden des Korbes fünf ganz vertrocknete, steinharte Kirschen. Diese nahm sie und gab sie dem Raben, der ihr dafür die fünf frischen überreichte.

»Und was damit?« sagte die jüngste.

Sie verlangten alle fünf weihe Hirschkühe, damit sie auf deren Rücken in ihre Heimat zurückkehren könnten, wo sie dann die Fee erwarten wollten.

Dies geschah. Die gütige Fee verzieh den Ungehorsam und nahm die Bereuenden wieder zu Gnaden auf. Allein sie gab ihnen keine Kirschen mehr. Der klugen und folgsamen sechsten Schwester verlieh sie Reichtum und langes Leben, so daß sie mit ihrem Hirten so glücklich lebte, wie sie es verdiente. Die fünf Schwestern starben unvermählt, denn sie hatten eine solche Furcht, daß, wenn sie einen jungen hübschen Mann heirateten, er plötzlich über Nacht sich in einen kleinen scheußlichen Kobold verwandeln möchte, daß sie lieber zeitlebens ledig blieben.

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