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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 5
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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firstpub1850
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Abenteuer des Pagen Bip.

An eines Königs Hofe lebte ein sehr lustiger Page, der, so jung er noch war, doch schon sehr weit in der Welt sich herumbewegt hatte. Der König und die Königin, wenn sie Langeweile hatten, ließen ihn kommen, und er erzählte ihnen seine Abenteuer.

»Bist du nicht auch bereits einmal im Lande der Riesen gewesen?« fragte der König eines Abends, als sich der Hof in einem vertraulichen Kreise versammelt hatte, und der Page, wie gewöhnlich, in der. Mitte des Gemachs stand und. seine Geschichten vortrug.

»Eurer Majestät zu Befehl«, erwiderte der junge Mann mit einer respektvollen Verbeugung. »Ich war im Lande der unermeßlich Großen und der unbeschreiblich Kleinen.«

»So erzähle uns denn zuerst von den Riesen, und auf welche Weise du in ihr Land gelangtest«, befahl der König.

»Es war grade am Geburtstage Eurer Majestät,« hub der Page an, »als wir Pagen eine Bowle Punsch uns gebraut hatten, und eine große Anzahl von uns sich in später Nachtstunde außerstande befand, ihre Betten aufzusuchen.«

»Oh« – rief die Königin – »trinken also meine Pagen auch! das hab' ich mir nicht denken können.«

»Madame,« sagte der König »man muß bei der Jugend einige kleine Fehler und Gebrechen entschuldigen. Wir waren alle, als wir jung waren, nicht so weise, wie wir jetzt sind. Nun fahre fort, mein Lieber. Also du hattest auf meine Gesundheit getrunken?«

»Zu Befehl, Eure Majestät! und das reichlich«, erwiderte der Page. »Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich die Nacht auf den Marmorstufen des Palastes zubrachte, wohin mich meine Kameraden gebracht und dort liegen gelassen hatten. Ich erwachte von einem seltsamen Glanze, der mir in die Augen fiel und gleichsam wider meinen Willen die schweren Decken derselben in die Höhe schob. Mein Schrecken war groß, denn ich dachte, es sei die Morgensonne, und ich hatte grade den Dienst für Ihro Majestät, die Königin, die Schokolade zu servieren. Als ich in die Höh' taumelte und mein seltsames Lager betrachtete und das noch viel seltsamere Wesen, das ich für die Morgensonne gehalten hatte, wußte ich in der Tat nicht, was ich aus all den Dingen um mich her machen sollte. In dem Augenblick tat das Ding, das ich für die Sonne gehalten hatte, einen Sprung und setzte plötzlich von Osten nach dem äußersten Westen über. Aha! dachte ich, hab' ich zuviel getrunken, so hat diese Sonne offenbar noch tiefer ins Glas geguckt. Es ist wahrlich gar nicht übel, das ganze Tagewerk in einer Sekunde abzumachen. Jedenfalls ist diese Sonne ein sehr eilfertiges, raschblütiges Geschöpf. Es war aber keine Sonne, sondern – Eure Majestät werden erstaunen – eine Schuhschnalle. Eure Majestät werden sich nun vorstellen, wie groß das Bein war, an dessen Fuß diese Schnalle befestigt war. In Wahrheit, dieses Bein reichte, wie eine große Nebelsäule, in den Himmel hinein. ›Ihr Götter!‹ rief ich, ›wenn dieses Bein nicht allein für sich herumspaziert, sondern einen Körper trägt, wie groß muß dieser sein.‹ Ich faßte den Entschluß, mich aus dem Bereiche der Tätigkeit dieses Beines zu entfernen; allein das war nicht so leicht getan. Ehe ich's mir versah, wischte der ungeheure Fuß über mich hin, und ich blieb an der Sohle haften. Ich wurde in die Luft gezogen, machte eine unbeschreiblich schnelle Reise, und befand mich – im Lande der Riesen.«

»Auf welchem Planeten warst du denn da angelangt?« fragte der König.

»Ich will hoffen, nicht auf der Venus!« setzte die Königin hinzu.

»Vergeblich strengte ich meinen Scharfsinn an,« erwiderte der Page, »den Namen meines neuen Wohnortes zu erforschen. Die Bewohner, wenn sie unter sich sprachen, nannten nie den Planeten, auf dem sie sich befanden, mit Namen: sie sagten immer nur ›hier‹ oder ›bei uns‹ oder›in dieser Welt‹, alles sehr unbestimmte Äußerungen für einen Fremden, der seine Kenntnisse bereichern will. Mein Riese, der mich hinaufgebracht, war, wie ich bald erfuhr, ein Tafeldecker oder eigentlich ein Pastetenbäckerjunge, den man über die Straße geschickt hatte, um aus der Hofküche, die sich nebenbei auf dem Ringe des Planeten befand, frische Pasteten für die Tafel zu bringen. Der ungeschickte Bursche, indem er über die Wolkenbrücke lief, hatte einen Schritt in einen Spalt getan und war so mit einem Bein auf unsere Welt hinabgeraten. Ehe er in den Saal des Königs trat, säuberte er an dem kostbaren Teppich seine Schuhe, und so geschah es, daß ich in einem Wald von haushohen grünen, roten und gelben Wollenfäden hängenblieb, in welchem Versteck ich nur von ferne die Riesen an der Tafel sitzen sah und das ohrbetäubende Geräusch der zusammengestoßenen Gläser und der Trinksprüche vernahm, die man daselbst ausbrachte. Denn es wurde die Vermählung der jüngsten Prinzessin des Hauses mit einem bereits alternden Könige aus der Nachbarschaft der königlichen Staaten gefeiert.«

»Ach!« – rief die Königin, »wie sah diese junge Prinzessin aus? Gewiß ein Wunder von Schönheit.«

»Ihre Majestät«, sagte der Page in einem ganz besonders unterwürfigen und bescheidenen Tone, »wollen mir gestatten, zu bemerken, daß unsere Begriffe von Schönheit nach den Umständen eine große Umgestaltung zu erleiden haben. Kann man eine Nase noch schön nennen, wenn sie zweimal so groß als unsre Turmspitze? Und ein Mund, darf man ihn noch lieblich nennen, wenn auf seiner Unterlippe Ihre Majestät und der sämtliche Hofstaat sich lagern können. Ich wage in der Tat, diese Fragen nicht geradezu zu bejahen. Dennoch war die Prinzessin schön, wenigstens für ein Riesenauge, denn sie hatte einen blendend frischen Teint, und ihre großen blauen Augen, von unermeßlich langen, blonden Wimpern beschattet, waren in ihrem Ausdrucke zugleich sanft und verschmitzt; zwei Charaktereigenschaften, die, wie die Folge meiner Geschichte lehren wird, sich sehr eng verbunden in diesem liebenswürdigen Riesenkinde fanden. Man blieb ziemlich lange an der Tafel, denn der alte König speiste gerne gut und anhaltend, er stand nie auf, ohne eine Indigestion sich auf den Hals geladen zu haben. Endlich erhob man sich aber doch, und die Prinzessin und ihr Verlobter nahmen von dem Könige Abschied, um in die Brautkammer zu gehen. Auf der Schwelle derselben machte jedoch der alte Bräutigam rechtsum kehrt und trollte sich von dannen, indem er wohl sehr richtig urteilen mochte, daß es ein gefährliches Ding sei, die Schwelle dieses Gemaches zu überschreiten. Die Prinzessin ging allein hinein. Ich hatte Mittel gefunden, mich an die Schleppe ihres Kleides zu hängen, und so gelangte ich in das jungfräuliche Heiligtum, das zierlich aufgeputzt war und von einer großen an der Decke herabhängenden Mondlampe matt erleuchtet wurde. Die junge Riesin setzte sich an ihre Toilette und fing an, ein Stück nach dem andern von ihrem kostbaren Putze abzulegen. Ich stieß einen Schrei der Bewunderung aus, als ich diese Reize, die so ungeheuer an Umfang waren, einen nach dem andern hervorkommen sah. Allein dieser Schrei war sehr unvorsichtig. Die Prinzessin sah sich erschreckt um, und indem sie ihrer Kammerfrau klingelte, befahl sie dieser, das Zimmer zu durchspähen, weil sie fürchte, daß sich Mäuse hier eingefunden hätten.

›O Mäuse! Mäuse!‹ rief ich zornig. ›Ist denn in deinem Ohr, du Ungeheuer! ein Ausruf männlichen Enthusiasmus und ein Mausepfiff ein und dasselbe?‹

Man suchte nach, fand mich aber nicht, da ich schnell in den abgelegten Seidenschuh meiner Dame geschlüpft war. Als alles wieder ruhig war, kam ich hervor, und sah nun, daß meine Schöne schon im Bette lag. Himmel, welch ein Gebirge streckte sich dort aus! Eine Hügelkette von Reizen! Ein unermeßliches Durcheinander von wogenden und pulsierenden Vorgebirgen, Gebirgen, Buchten, Schluchten, Engen, Vorsprüngen, Felsenplatten, Erker, Belvederes, Panorama-Turmplatten – und alles das nur mit einer dünnen Decke umhüllt, wegen der Wärme der Julinacht. Und ich – beim Gefühl meiner Kleinheit – ein Bewußtsein zum Rasendwerden! – ich erkletterte die Bettpfosten, und sah von der äußersten Spitze des Kopfpfühles hin auf das gesegnete Land zu meinen Füßen, und meine Knie schwankten, meine Sinne taumelten. ›Das alles mein!‹ rief ich, und streckte meine Arme weit über diese hunderttausend Morgen Landes Mädchenreize aus –›und doch wieder nicht mein, denn es fehlt mir die Kraft, auch nur ein Tausendteilchen im Genuß zu umklammern! Teufel, welch eine Marter ist das!‹

Indem ich dies sagte, stützte ich mich melancholisch auf meinen Degen und sah den Brandungen dieses Riesenbusens zu, der unter mir seine Wellen schlug.

So verging die Nacht.

Gegen Morgen schlief ich etwas in dem Pantoffel meiner Angebeteten, allein es war kein erquickender Schlaf, er ermüdete mich mehr, als daß ich mich stärkte. In den ersten Morgenstunden ließ sich die Oberhofmeisterin melden und fragte, wie die Prinzessin sich befinde. Diese antwortete der ehrwürdigen Dame, daß sie nie besser geschlafen. Die Duenna hörte dies mit einem kleinen boshaften Lächeln, das sie hinter ihrem Fächer zu verbergen wußte. Man ging jetzt zum Könige. Seine Majestät saßen da und hatten sich erbärmlich den Magen verdorben. Der Leibarzt befand sich bereits im Vorgemach und wartete ab, bis das angewendete Medikament seine Schuldigkeit werde getan haben. Seine Majestät nahmen ihr Töchterchen auf den Schoß, schaukelten es auf den etwas gebrechlichen Knien und erlaubten sich einige Zärtlichkeiten, die nicht ganz nach dem Maßstabe väterlicher Liebe zugemessen schienen. Diese Tändelei dauerte ziemlich lange, ich hatte unterdessen Zeit gehabt, von dem rosenroten Musselin des Kleides der Tochter auf die alte schwarze Sammet-Morgenhose des gestrengen Papas niederzurutschen. Ich gedachte auf diesem Wege nach und nach wieder zu ebner Erde zu gelangen; allein meine Reise fand Schwierigkeiten. Als ich im Schoß des alten Herrn angelangt war, wurde ich von einem braunen Regen überschüttet, dessen feinster Staub mir in die Nase drang und mich zu einem anhaltenden konvulsivischen Niesen nötigte. Es war der Tabak, den der alte Herr in seiner Westentasche aufbewahrte, und von dem er eben eine reichliche Provision in die königliche Nase geschoben hatte. Um nicht Lärm und Aufsehen zu erregen, hielt ich mich soviel wie möglich ruhig und nieste unaufhaltsam in die Hosenfalten hinein. Zuletzt lag ich, fast ohnmächtig, in einer dieser Falten, als ich den Patienten aufstehen und mit mir wegwandern fühlte. Wer beschreibt meinen Schreck! Ich war zu schwach, um irgend etwas zu meiner Rettung zu unternehmen; geduldig mußte ich das Schicksal über mich verfügen lassen, was es zu verfügen Lust hatte. Es war grade in seiner grausamsten Laune.«

»Hm!« bemerkte hier die Königin, »ich will nicht hoffen, mein Lieber, daß du etwas erlebst, was in der Erzählung zu unserm Ohr gebracht, nicht ganz schicklich zu hören wäre.«

»Alsdann«, sagte der Page, »muß ich hier meinen Bericht abbrechen und schweigen.«

»Nicht doch!« rief der König unwillig. »Was wird es denn sein? Ich liebe die bunten Abenteuer und will, daß er fortfahre.«

»Eurer Majestät zu Befehl!« entgegnete der gehorsame Erzähler. »Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, befand ich mich in einem runden Pavillon, dessen Wände von Porzellan waren, mit einem goldnen Rande oben geziert. Ich saß auf diesem Rande. Ein unerträglicher Duft stieg aus der Tiefe des Pavillons auf. Dieser Duft belehrte mich, daß mein Gefängnis ein sehr unsaubres Gefäß war. Bald nachdem ich diese Entdeckung gemacht, kam der Leibmedikus und brachte den Pavillon samt seinem Inhalt in sein Laboratorium, wo er eine chemische Analyse der gesetzten Stoffe anstellte. Ich übergehe, was sich auf dem Laboratoriumtisch ereignete, nur will ich den erschreckten Ausruf des gelehrten Mannes beifügen, der, als er durch die Lupe meine Wenigkeit ansichtig geworden, seinen Diszipeln zurief: ›Teufel! Die Majestät geruhen kleine bewaffnete Husaren im Leibe zu haben. Ist es da möglich, gesund zu bleiben? Und welche Tücke, Ihrem pflichtgetreuesten Arzte und Diener nichts davon zu sagen, daß er eine solche Patrouille in seinen Eingeweiden angestellt hat! Der Kuckuck kuriere die Vornehmen! Sie haben immer etwas Besonderes an ihrem Leibe!‹

Die Schüler kamen nun herbei, um mich in Augenschein zu nehmen. Ich wanderte von dem Finger des einen zum Finger des andern, und alle riefen laut bei meinem Anblick: ›Das ist die niedlichste Krankheit, die es je gegeben!‹ Der gelehrte Meister schlug in seinen Büchern nach, um einen Namen für dieses neue interessante Übel zu finden, allein er entdeckte keinen der beschriebenen Krankheitsfälle, die ein solches Kennzeichen an sich getragen. Ich wurde in eine Glaskapsel getan, über die eine große helle Kristallglocke gestülpt wurde. Das war nun ein Palast gar prachtvoller Art, und ich befand mich in demselben ganz wohl; leider sollte ich nicht lange darin bleiben.

Kaum hatten der Meister und die Schüler das Laboratorium verlassen, als die alte Haushälterin des Doktors sich hereinschlich, um sich unter den vielen kosmetischen Salben und Tinkturen ein Mittelchen zu holen, um damit ihre runzliche Haut zu salben, die einzutrocknen begann. Da sie Tritte auf der Treppe vernahm, warf sie in Eile ein paar Büchsen durcheinander, lüftete unnützerweise die Glasglocke, und entfloh endlich mit einem unrechten Büchschen, in welchem eine äußerst starke und wirksame Stimulans enthalten war, geschaffen, um die erschöpften Kräfte künstlich zu neuem Feuer zu erregen. Ich hatte mich, als sie mein Gefängnis öffnete, an die Manschette der guten Alten gehängt, oder vielmehr mein Degen hatte sich hierein verwickelt; kurz, ich gelangte aus dem Laboratorium in die Kammer der Haushälterin. Auf dem Busentuch der Alten saß ich und sah zu, wie sie törichterweiser ein Mittel in Anwendung brachte, dessen gefährliche Eigenschaft sie sich auch nicht entfernt träumen ließ. Während die Stimulanz wirkte, hatte ich in den Florfalten des Busentuchs einen Kampf mit einem eigentümlichen Feinde zu bestehen. Es war ein scheußlich gestaltetes, mit einem glänzenden braunen Panzer bedecktes Ungeheuer, das, als ich eben um die Ecke biegen wollte, plötzlich aus einer dunkeln Falte mir entgegenstarrte. Ich zog meinen Degen und der Feind rückte an. Wie schmachvoll für mich war es, als ich erkannte, daß es ein ungeheurer Floh war. Ich hätte vor Entrüstung und Verdruß in die Erde sinken mögen. Sollte ich mein jungfräuliches ritterliches Schwert gegen einen solchen Feind, in einem Kampfe, wo so wenig Ruhm einzuernten war, einweihen? O, nimmermehr. Ich bog also schnell um die Ecke und wollte verschwinden; der Floh setzte mir aber nach, und grade im Mittelpunkt des welken Busens meiner Dame kam es zu einem mörderlichen Gefecht, in welchem ich Sieger blieb, und meinen frechen Angreifer in die Flucht trieb.

Mittlerweile hatte das Mittel bei der alten Närrin gewirkt. Sie bekam Wallungen, und das schläfrige Blut betrat wieder Wege, die es bereits seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gegangen. Meine Alte stürzte in das Kabinett ihres Herrn und diesem an den Hals. Welch ein Entsetzen für diesen, der eben mit der großen, grünen Brille auf der Nase, sich einer gelehrten Forschung hingab. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, grade so, wie ich ihn eben mit dem Floh gekämpft. Der alte Herr verteidigte seine Unschuld mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, und zuletzt sah ich ihn in Verzweiflung sogar nach der Klistierspritze greifen. Diesen Hohn und diesen Trotz schien die Dame nicht erwartet zu haben, sie blieb einen Moment stehen und sah das Opfer ihrer Lüste mit einem drohenden und durchbohrenden Blick an. Diesen Augenblick des Waffenstillstandes benutze der Doktor, um durch eine Tapetentüre zu entfliehen, die er fluchend hinter sich zuschloß. Der Lärm hatte die Schüler herbeigelockt, und die rasende Medea sah kaum so viele junge Männer eintreten, als sie sich auch sogleich auf diese stürzte. Hier aber wurde sie bald überwältigt, gefesselt und in einen stark vergitterten Käfig gesetzt, der in der Mitte des kleinen Hofraumes stand, der zur Wohnung des Leibmedikus gehörte.

Diese grausenvolle Begebenheit, von der ich vom Anfang bis zu Ende Zeuge gewesen war, hatte mich lebhaft erschüttert. Ich kann wohl sagen, daß ich von Herzen das arme Geschöpf bemitleidete, das gänzlich ohne Schuld in diese unselige Lage geraten war. Unmöglich war es gewesen, auf dem Körper dieser Rasenden auszuharren, ich hatte daher klug und rasch entschlossen eine Gelegenheit benutzt, wo sie eben am Halse des gequälten Doktors lag, und war vom Busentuche der Dienerin auf die große, knöcherne Nase des Herrn herübervoltigiert. Das Manöver war nicht ganz leicht auszuführen, doch gelang es vollkommen. Ich saß auf der Nase, wie auf der Spitze eines erhabenen Vorgebirges ziemlich sicher, und als der Kampf mit den jungen Schülern begann, steckte der Meister die Nase durch die vorsichtig und wenig geöffnete Tapetentüre, und lachte herzlich über die Szenen, die sich seinem Auge hier boten. Er konnte gut lachen, da er in Sicherheit war. Es war kein ganz hübscher Zug in seinem Charakter. Er hätte seinen Schülern zu Hilfe eilen sollen.

Wie alles getan war, kam er wieder hervor, noch immer lachend, schnaubend und keuchend, und setzte sich zu seinem Buche nieder. Ein Blick auf den Tisch und auf die in Unordnung gebrachten Büchsen überzeugte ihn, welches der Grund dieser sonst unerklärlichen Erscheinung war, und hatte er schon früher gelacht, so lachte er jetzt so unbändig und ohne aufzuhören, daß ich mich mit Länden und Füßen an der harten Knorpelbeugung der Nase anhalten mußte, um bei dem donnerähnlichen Getöse und den heftigen Eruptionen des unter mir befindlichen Kraters nicht herabzufallen. Endlich ging die Krisis vorüber, und der gelehrte Herr zog seine Uhr hervor, um zu sehen, ob ein gewisser Krankenbesuch, den er durchaus nicht versäumen wollte, nicht schon durch die Zeit geboten werde. Es fehlten nur wenige Minuten, und diese verwendete der Doktor, um seine gelehrte Toilette ein wenig neumodischer und gefälliger umzugestalten. Er nahm die grüne Brille ab und setzte eine weiße mit Silbereinfassung auf, und dann nahm er aus einem Schränkchen ein rotes zierliches Lederkästchen, in welchem, der Himmel weiß, welch ein ärztliches Instrument eingeschlossen lag. Dieses unter den Arm nehmend, ging er ab.

Eure Majestät kann sich denken, mit welcher Neugier ich ihn begleitete. Offenbar galt der Besuch einer Dame, und daß diese Dame jung und hübsch sei, ließ sich ebenfalls aus den Anstalten schließen, die dieser Gang nötig gemacht hatte. Ich irrte mich nicht. Nachdem mein erhabener Träger, wahrscheinlich der Vorsicht halber, um von seinen Schülern oder sonstigen Bekannten nicht auf diesem Gange getroffen zu werden, die einsamsten und verstecktesten Gäßchen eingeschlagen hatte, trat er in ein Haus, dessen Hintertreppe er hinaufschlüpfte, und in welchem eine hübsche Operntänzerin wohnte, die von der ganzen männlichen Jugend des unbekannten Planeten vergöttert wurde. Eine Zofe brachte uns in ein halberleuchtetes kleines Kabinett, mit rosenroter Seide tapeziert, wo auf einem Diwan von derselben Farbe die hübsche Ballkönigin in einem leichten verführerischen Hauskleide ruhte und den alten Diener des Äskulap mit einem Lächeln bewillkommnete. Er ließ sich zu ihr nieder auf das Ruhebett und flüsterte ihr, von einem kleinen trocknen Husten unterbrochen, einige Artigkeiten zu. Noch immer mußte ich nicht, um was es sich hier handelte, als der Leibarzt endlich das rotlederne Etui öffnete und eine von Silber zierlich gearbeitete Spritze hervorbrachte. Sogleich fiel die Schöne um, aber nicht aus Schrecken, und nicht in Ohnmacht, sondern sie nahm eine graziöse Positur an, welche dienlich war, die Operation, die jetzt vor sich gehen sollte, ins Werk zu richten. Zu gleicher Zeit ließ sich mein gelehrter Oberpriester auf ein Kissen auf dem Teppich in kniender Stellung nieder, und tauchte die Spitze seines mystischen Instrumentes in ein Dekokt, das in einem silbernen Schälchen neben ihm auf dem Tische stand. Eine feierliche Stille herrschte im Gemach, während der seidene Flor aufrauschte und zwei wundervoll gebildete Hüften sehen ließ. In der Tat, diese kolossalen Alabasterhügel auf dem rosenroten Atlasgrunde übten einen magischen Eindruck auf meine armen Sinne, die bereits im Laufe dieses ereignisvollen Tages übermäßig abwechselnd von entzückenden und peinvollen Eindrücken heimgesucht worden. Der glückliche Äskulapjünger schien das Entzücken mit mir zu teilen, wenigstens dauerte es einige Zeit, bis er zu seinem ärztlichen Bewußtsein zurückkehrte, bis jetzt hatte er seinen Augen und selbst seiner Hand eine Ergötzlichkeit und Freiheit gestattet, die nichts mit seinem Behuf als Heilkünstler gemein hatten. Ihr Götter, das war wohl verzeihlich; was hatte ich getan, wenn ich an dem Platze des alten Gecken gewesen wäre! Wahrlich ich beneidete ihn.«

»Das ist ein sehr unmoralischer Wunsch, mein Lieber«, bemerkte der König. »Man muß nie seinen Nebenmenschen um das Glück, das er genießt, beneiden, denn wir können nicht wissen, ob er nicht durch tugendhafte Handlungen dieses Glück vollkommen verdient hat.«

Der Page machte auf diese Rede des Königs eine tiefe Verbeugung und fuhr dann in seiner Erzählung fort. »Ich hatte die Unvorsichtigkeit begangen, um besser sehen zu können, eine Warze auf der Nase zu erklimmen, um von diesem Rubinhügel hinabzuschauen. Ich hatte dadurch ein kleines unbehagliches Kitzeln veranlaßt, und der Alte fuhr mit der Hand an die Nase, um sich zu reiben. Im Nu haftete ich am Finger und wurde von diesem an das Instrument gebracht und nun saß ich an der verhängnisvollen Elfenbeinspitze, die eben bereit war, den ihr vorgeschriebenen Weg zu machen. Ha, Euer Majestät können sich meine Lage denken! sie war zugleich mit Entsetzen und mit Wonneschauern verbunden. Wohin sollte ich mich retten? Auf dem glatten Elfenbein hielt ich mich nur mit Mühe, noch weniger wäre es mir geglückt, auf dem Silberboden fortzukommen, und hatte das Schicksal mir einmal die wundersamste aller Todesarten bestimmt, wie wollte ich die kühne Hoffnung fassen, ihr zu entgehen? Ich ergab mich daher meinem Geschick, und auf der Elfenbeinspitze niederkniend gelobte ich, wie es einem untadelhaften Ritter ziemlich ist, mein Andenken der Fürsorge meiner Dame und machte mich auf mein letztes Stündlein bereit, indem ich in Gedanken alle diejenigen um Verzeihung bat, die ich vielleicht im Laufe meines kurzen Lebens könnte wider Verschulden beleidigt haben.«

»Das ist rührend«, rief die Königin. »Ich hoffe, daß du auch dabei unser gedacht hast und der vielen Güte, die wir dir zu beweisen geruht haben.«

»Mit dem innigsten Dankgefühle tat ich dies, Ihro Majestät können es Ihrem unwürdigen Diener glauben«, entgegnete der Page in tiefster Ehrfurcht.

»Man unterbreche ihn nicht weiter!« rief der König ungeduldig. »Ich will wissen, welch einen Ausgang dieses Abenteuer nahm, das sich so drohend gestaltet.«

»Eurer Majestät zu Befehl!« entgegnete der Page. »Ich wurde gerettet. Grade als sich die Spitze dem Zielpunkte ihrer Wanderschaft näherte, wurde sehr vernehmlich an die Tür geklopft, und die schöne Tänzerin fuhr in die Höh'. ›Fort! fort!‹ rief sie dem Äskulap zu, ›da ist jemand, den ich nicht abweisen kann. Schlüpfen Sie in jenes Kabinett; er wird nicht lange bleiben.‹

Der Doktor gehorchte der Weisung. Der Dekokt und die Spritze wurden beiseite gebracht, und ein junger Herr trat ein, gefolgt von einem Pagen, der respektvoll an der Türe stehenblieb. Ich sah aus allem, daß es ein sehr vornehmer Besuch war. Die Tänzerin verschwand mit ihm in ein Nebenzimmer und diesen Moment, wo das Gemach leer blieb, benutzte der Page, der seine Blicke in stürmischer Eile über alle Gegenstände in diesen geheiligten Räumen hingleiten ließ, um die Spritze aus ihrem Versteck hervorzuholen. Anfangs hielt ich entrüstet meinen Kameraden einer so unedlen Handlung, wie die des Diebstahls, fähig, bald aber bemerkte ich, daß ich ihm unrecht getan, daß er allerdings etwas stahl, allein etwas ziemlich Wertloses, nämlich die Elfenbeinspitze, die er mit großer Geschicklichkeit abschraubte, und in seine Tasche gleiten ließ. Die Spritze selbst stellte er wieder an die Türe mit einer so unschuldigen Miene, als hätte er kein Wasser getrübt. Überhaupt war unter den Pagen, die den unbekannten Planeten bewohnten, dieser gewiß der allerverschmitzteste und keckste Bursche, das sah ich seinen feurigen Augen an und seinem schelmischen Munde, der, wenn er lächelte, ein paar Reihen der schönsten Zähne zeigte. So befand ich mich nun in der Tasche dieses jungen Vagabunden, der ein schwärmerischer, aber wenig beachteter Verehrer der Tänzerin war. Ich fand in der Tasche einen Spiegel, einen Kamm und ein Stückchen Wachspomade, um den Bart zu schwärzen und zu steifen. Alle diese Dinge war ich schon hier unten gewohnt in der Tasche eines Pagen zu finden, und es befremdete mich daher nicht im mindesten, sie, freilich in einem ungeheuer vergrößerten Maßstabe, auch hier oben zu entdecken.

Es mochte ungefähr eine Stunde vergangen sein, als ich mit meinem neuen Träger den Weg zu dem königlichen Palaste antrat. Das Haus der Tänzerin habe ich nie wiedergesehen, auch weiß ich nicht, wie der Leibarzt den Verlust seiner Elfenbeinspitze verschmerzte, noch weniger ist mir bekannt geworden, ob die arme Haushälterin aus ihrem Käfig befreit wurde, oder ob sie schmählich darin ihren Untergang fand. Es war mittlerweile Abend geworden, und ich sehnte mich nach Ruhe. Aber wo diese finden? Die Verfolgungen, mit denen das Schicksal mich beehrte, hatten noch lange nicht aufgehört, im Gegenteil, sie nahmen jetzt erst eine recht grausame und tückische Natur an. Die Gefahren, die ich bestanden, sollten ein Kinderspiel gegen die sein, die ich noch zu bestehen hatte: so war es im Rate der mir mißgünstigen Götter beschlossen.

Die Pagen auf dem unbekannten Planeten schienen in eben dem Grade Liebhaber von Punschbowlen und von nächtlichen Gelagen zu sein, als sie es leider hier hienieden sind. Davon sollte ich Zeuge sein. Kaum hatte im königlichen Schlosse sich alles dem Schlummer in die Arme geworfen, als ein Dutzend von diesen jungen Nichtsnutzen und Schlemmern sich in einer der untern Hallen zusammenfand und ihre Orgie feierte. Mein zeitweiliger Herr und Gebieter war natürlich auch dabei. Ich wartete noch immer, um zu erforschen, zu welchem Zwecke er die Elfenbeinspitze und mit dieser mich geraubt haben könne. Bald sollte ich hierüber Licht erhalten. O wie verderbt war diese nichtswürdige Rasse! Welche Sitten! Wo blieb da die gerade unserem Stande so nötige Moralität und Sittlichkeit? – Welch ein Ungeheuer von verdorbener Phantasie war dieser Knabe! Ach, Eure Majestät gestatten, daß ich erröte, indem ich mich anschicke zu berichten, zu welchem Gebrauch der Unverschämte die gestohlene Spitze bestimmte.«

»Gut, erröte, mein Sohn, wenn du es durchaus nicht lassen kannst, allein dann wünsche ich, daß du auch schleunigst in deiner Erzählung fortfährst«, sagte der König.

»Als die ersten Gläser Punsch geleert waren, wurde eine Schachte mit Zigarren herumgereicht, denn diese kolossalen jungen Spitzbuben rauchten wie die Teufel« – setzte der junge Page seinen Bericht fort. »Um die Zigarren zu halten, brachten einige dieser Schlemmer elegante Pfeifchen hervor, mein Gebieter zog – die Elfenbeinspitze aus der Tasche. An diese befestigte er seine Zigarre, nachdem er sämtlichen Kameraden erzählt hatte, welchen Ursprungs sein Zigarrenhalter war, und wie und wo er ihn erbeutet. Dieser Bericht brachte ein schallendes Gelächter hervor und ein endloses Bravorufen. Der glückliche Besitzer dieser mysteriösen Spitze wurde von den Rittern, die an dieser Artustafel saßen, beneidet, er wurde ersucht, sie hier und da auszuleihen, allein mit einem grenzenlosen Stolze schob er das Elfenbeinknöpfchen zwischen seine blühenden Lippen und sog mit einem nichts weniger als platonischen Behagen den Rauch seines guten Blattes hierdurch ein. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als in den kleinen, krausen, schwarzen Bart, der Erstling eines Bartes, hineinzuschlüpfen, grade als die Spitze diesen Bart berührte. Hier in diesem Buschwerk war ich fürs erste sicher, aber Vorsicht war noch immer vonnöten; denn der ungeheure, dampfende Krater der Punschbowle dampfte mir beständig vor der Nase und hüllte mich oft vom Haupte bis zum Scheiten in nasse, heiße, betäubende Wolken ein.

War jedoch irgend etwas imstande, mich aus dem Unbehagen, in dem ich mich befand, herauszureißen, die Gefahr, der ich ausgesetzt war, vergessen zu machen, so war es der Name meiner angebeteten Prinzessin, der jetzt von einem dieser leichtfertigen Vögel genannt wurde. Sogleich war ich ganz Ohr. Man sprach von der Tugend der Prinzessin, und einige behaupteten ziemlich frech, daß es mit dieser nicht weit her sei. Ich war im höchsten Grade entrüstet. Schon wollte ich zugunsten der Angegriffenen ebenfalls meine Stimme erheben, als ich die kleinmütige Betrachtung anstellte, daß ich schwerlich würde gehört werden, und wenn ich gehört würde, ich nicht der Prinzessin nützen, mir aber dafür wesentlich schaden könnte, indem ich die Aufmerksamkeit auf mich zöge. Ich schwieg und ließ die Verleumdungen meinem Ohre vorübergehen. Neben mir saß ein junger Bursche, der dasselbe tat. Er sah so unschuldig aus, daß ich überzeugt war, er schwiege still, weil er nicht nur nicht über die Prinzessin, sondern überhaupt über keine Frau der Welt etwas hierher Bezügliches zu sagen hatte. Wie sehr täuschte ich mich. Die Folgezeit belehrte mich, daß grade dieses keusche Josephgesicht den ärgsten Schalk barg, der je sich in einem Pagenherzen eingenistet. Das Gelage erreichte sein Ende. Man erhob sich taumelnd, und mein Herr Kamerad, der das seinige tüchtig geleistet hatte, raubte beim Heraustreten auf den Korridor der Kammerfrau der Prinzessin, die zufällig oder mit Absicht hier vorbeischlüpfte, einen Kuß. Dieser Kuß wurde so derb gegeben, daß ich dabei von dem Bart des jungen Mannes auf das Busentuch der Zofe niederfiel. Ich konnte mir zu dieser neuen Wendung meines Schicksals nur Glück wünschen, denn dadurch gelangte ich von neuem zu dem Ort, wohin mich meine stete Sehnsucht trieb, und von wo ich meine abenteuerliche Wanderung angetreten, nämlich in das Schlafkabinett meiner angebeteten Prinzessin.«

»Ah,« rief der König, »du machtest also einen Kreislauf, oder vielmehr das Schicksal ließ dich einen machen, denn deinem eignen Willen war wohl hierin sehr wenig überlassen. Es soll mich nur verlangen zu erfahren, wie sich dieser merkwürdige Tag, den du auf dem unbekannten Planeten, in der Welt der Riesen, zubrachtest, endete.«

»Eure Majestät werden erfahren«, hub der Page an, »daß meine Abenteuer sich hier mit dem wunderbarsten und gefährlichsten schlossen, und noch, wenn ich daran denke, welchen bösen Zufälligkeiten ich unterlag, muß ich staunen, wie es mir möglich war, mit gesunden Gliedern zu entrinnen. So viel ist gewiß, daß ich kein Verlangen trage, meine schöne Prinzessin, die für mich eine Art Walfisch wurde, wiederzusehen oder überhaupt die Welt der Riesen wieder zu betreten. Ich habe an dem, was ich dort erlebt hatte, völlig genug.

Meine kolossale Schöne lag, als ich in ihr Zimmer gelangte, bereits schon im Bette; allein sie schlummerte nicht. Ich bemerkte dies deutlich, denn ihre Augenwimper zuckten, und von Zeit zu Zeit warf sie einen blinzelnden, forschenden Blick auf die Türe. Es war Mitternacht, als diese sich leise öffnete und – o Eure Majestät geruhen zu erraten, wer sich hereinschlich.« –

»Wer?« rief der König. »Ich will hoffen, daß es niemand anders als der Bräutigam der Prinzessin war.«

»Leider nicht,« entgegnete der Erzähler, »es war jener sanfte, stille und schweigsame Page, den ich eine Stunde vorher bei dem Gelage zu beobachten Gelegenheit hatte. Wie erstaunte ich beim Anblick dieses Heuchlers! Ich wähnte anfangs, er sei irregegangen und werde sich erschreckt zurückziehen, wenn er bemerke, wo er sei, allein ich mußte gewahren, daß er tat, als sei er hier zu Hause. Meine Entrüstung überstieg vollends alles Maß, als ich die Prinzessin sich halb von ihrem Lager erheben und dem Eintretenden die Arme entgegenbreiten sah. ›O du Schändliche!‹ rief ich. ›Macht man hier solche Streiche? Hast du dazu einen solchen Riesenkörper erhalten, damit du auch nicht ein Plätzchen frei behältst, wo du ein bißchen Tugend und Ehrbarkeit aufbewahrst? Abscheulich! Was soll aus uns Kleinen werden, wenn nicht einmal so kolossale Kräfte dem Laster widerstehen? Aber warte! ich eile zu dem König, zu deinem Verlobten hin und teile ihm mit, was hier geschieht! Ich fordere ihn auf, unverzüglich herzukommen und seine Ehre zu retten.‹

In meinem tugendhaften Eifer hatte ich nicht bemerkt, daß einer der seidnen Strümpfe meiner Schönen gerade mir im Wege lag, und kam so tief in die Irrgänge des Labyrinths, daß ich mehrere Minuten brauchte, ehe ich wieder zum Vorschein kam. Indessen hatte mein Herr Kamerad seinen Platz im Bette eingenommen. Es war zu spät, dem Könige jetzt eine so gehässige Meldung zu tun, und ich beschränkte meinen Eifer auf bloße Beobachtung der Dinge, die geschehen sollten, um nötigenfalls als Zeuge vor Gericht aufzutreten, wenn gewisse Dinge zur Sprache kämen. Mit unglaublicher Geschwindigkeit erkletterte ich den Bettpfosten und nahm meine alte Stelle auf dem Kopfpfühle ein. Diese war aber unter den jetzt obwaltenden Umständen gar nicht so sicher wie damals. Mir wurde sogleich die Notwendigkeit klar, mir einen festen Standpunkt zum Beobachten auszusuchen, und ich kam auf den Einfall, auf das Tischchen mich zu stellen, das dicht neben dem Bette stand und dazu diente, eine kleine Kristallvase zu tragen, in welcher die Nachtlampe hinter einem Schirm von rosenroter Seide brannte. Beim Schimmer dieses köstlichen Lichtes konnte ich alles sehen, was zwanzig Schritt im Umkreise geschah; zugleich hatte ich den Vorteil, mich hinter die Kristallvase retten zu können, im Falle mir Gefahr drohte. Auch lag eine abgestreifte Papierpapillote auf dem Tischchen; diese stellte ich wie ein Zelt zurecht und machte auch hieraus eine Zufluchtstätte. Ich Kurzsichtiger, ich ahnte nicht, daß das böse Ungefähr mit einem Striche alle meine Vorsichtsmaßregeln zunichte machen könne. Ein unvorsichtiger Stoß vom Arm des Pagen warf die Lampe um, und nun war tiefe Finsternis im Zimmer, und was für mich das peinvollste war, ich schwamm in einem Meere von Öl. Die Prinzessin verhielt sich ganz ruhig; sie hatte eine guten Grund, die Kammerfrau nicht herbeizuzitieren. Aber, o Himmel! was sollte aus mir werden! Der Ölsee verlief sich zwar mit großer Schnelligkeit, allein immer noch war er so tief, daß ich bis zum halben Schenkel darin stand, und pestilenzialischer Duft von dem ausgehenden Dochte brachte mir unleidliches Kopfweh. Dabei die Finsternis, dabei drohende Gefahren aller Art, deren Natur ich nicht kannte, und denen ich daher nicht vorbeugen konnte! Es war eine Situation, die den Mutvollsten erschüttern konnte! Aber es sollte noch viel ärger kommen. Ich fühlte zwei Finger auf dem Tische herumtappen, die Kristallschale wurde aufgerichtet, und an den Fingern, die sich jetzt wieder zurück, und zwar unter die Decke zogen, blieb ich – triefend von Öl, wie ich war, haften. O ihr Götter, wo gelangte ich jetzt hin! Vergebens trachte ich, auch nur eine ungefähre Beschreibung des Orts, an dem ich mich jetzt befand, zu geben. Ich sah nichts, ich fühlte nichts, als rund um mich weiche, elastische, heiße Wände. Diese Wände erweiterten sich und rückten aneinander in steter Bewegung, nirgends ein Punkt, wo ich mich festsetzen und mich auf ungefähre Beobachtungen einlassen konnte. Alles in diesem gefährlichen Verbleib schien ungewiß und trügerisch zu sein, jede neue Sekunde konnte unbekannte Gefahren heraufbeschwören, und sie tat es auch. Ich hätte die größten Schätze hergeben mögen für einen einzigen Strahl Lichts. Aber es blieb finster, es blieb heiß und beengend, mir fehlte die Luft, ich fiel zu Boden und meine Sinne verließen mich. Nur ganz dunkel wie der Begebenheiten in einem Fiebertraume weiß ich mich dessen zu besinnen, was weiter mit mir geschah. Es war mir, als wenn ich bei einem Schiffbruch auf die Spitze eines ungeheuren Balkens mich gerettet hätte, und als wenn dieser Balken mit mir in eine unermeßne grausenvolle Tiefe gefahren wäre. Finsternis, Heulen, Gedränge – alle Schrecken zugleich wüteten und tobten um mich her; eine Glut wie in einem Höllenrachen umfing mich. In den kurzen Momenten, wo mein Bewußtsein zurückkehrte, fühlte ich mich zusammengedrängt, erdrückt, zerquetscht, an allen Gliedern geklemmt, zugleich durchnäßt und halb versenkt, und umgewendet, hin und her geschleudert, in hunderttausend Atome aufgelöst. Das war eine Nacht! ich werde ewig an sie denken! wie ich gerettet wurde, ich weiß es nicht; als ich erwachte, war es heller, lichter Tag und ich lag in der Kaminecke neben dem Bette, mit zerquetschten Gliedern, keiner Empfindung fähig, mehr tot als lebendig.

Meine Prinzessin saß an ihrem Putztische.

Von dem Pagen war keine Spur zu sehen.

Ich kroch an einen Tropfen Wasser hervor, der für mich schon ein ganz geräumiges Waschbecken bildete, hier säuberte ich mich, so gut ich konnte und setzte meine Kleidung, die gewaltig gelitten hatte, instand. Nach und nach kamen auch meine Kräfte wieder; das frische Wasser hatte sie belebt. Meine Jugend und meine gute Natur taten das übrige.«

»Hm« – bemerkte der König; »bei alledem weiß ich doch eigentlich nicht recht, was geschehen war.«

»Euer Majestät setzen mich in die unbeschreiblichste Verlegenheit,« stotterte der Page, »denn ich weiß es auch nicht. Jedenfalls war es ein entsetzliches Abenteuer.«

»Ja, das war es«, setzte die Königin hinzu.

»Als ich diese Gefahr bestanden hatte,« fuhr der Erzähler fort, »schien das Schicksal mit seinen Angriffen auf mich sich erschöpft zu haben. Ich gelangte wieder auf die Erde zurück und zwar, indem ich mich an einen Spielball anklammerte, den ein Knabe im Hofe warf. Dieser Ball geriet in eine Lücke des Wolkenpflasters, und stürzte mit mir zur Erde hinab. Ich fiel gerade drei Monate, drei Tage, drei Stunden. Als ich hier anlangte bemerkte ich mit Freuden, das ich nur eine kurze Wegstrecke von Euer Majestät Palaste entfernt zur Erde gekommen war.«

Der König, die Königin und die Damen und Herren des Hofes bezeigten sich sehr zufrieden mit dieser Erzählung, und der König ließ sogleich einige Leckerbissen und Wein bringen, damit der Page sich erfrische und neue Kraft sammle, um nun auch den zweiten Teil seiner Reiseabenteuer vorzutragen. Dies war die Reise zu den unbeschreiblich Kleinen.

Der Page dankte für die Güte der beiden Majestäten auf die graziöseste Weise und schickte sich dann an, weiterzuerzählen. Der König gab das Zeichen, daß man aufmerksam sein solle. Alle waren still, und der Erzähler nahm wieder seinen Platz in der Mitte der Stube ein.

»Die unbeschreiblich Kleinen« – hub der Page an.

»Ach« – unterbrach ihn der König, »ich will hoffen, daß du sie doch wirst beschreiben können.«

»Euer Majestät zu Befehl!« entgegnete der junge Mann ehrerbietig. »Ich werde versuchen, eine Anschauung von diesen wundersamen Geschöpfen zu geben. Euer Majestät wird ein Insekt bekannt sein, das man eine Mücke nennt?«

»Ein solches Insekt ist mir bekannt«, antwortete der König lächelnd.

»Nun«, sagte der Page, »so werden Euer Majestät sich vorzustellen geruhen, von welchen Dimensionen ein Geschöpf sein muß, von denen fünfzig an der Zahl unter dem Flügel einer Mücke Platz haben.«

Der König und die Königin sahen sich lächelnd an. »Wunderbar!« riefen beide. »Von solcher Kleinheit ist uns noch kein Wesen in der Schöpfung vorgekommen.«

»Und doch«, setzte der Page hinzu, »waren es die niedlichsten kleinen Männer und Frauen, die man sehen konnte, vollkommen ebenmäßig gewachsen, und mit allem ausgestattet, was uns ziert. Selbst die Kleidung war völlig wie die unsrige, von den Schuhschnallen der Herren an bis zum Ohrschmuck der Damen. Das kleine Krönchen, das die Prinzessin trug, von der ich eben zu sprechen die Ehre haben werde, war von einer solchen Kleinheit und doch dabei von einer solchen Zierlichkeit, daß die Phantasie, die sich mit derlei Gegenständen beschäftigt, sich nichts Köstlicheres ausdenken kann. Das allerfeinste Frauenhaar war viel zu dick, um durch dies Krönchen gezogen zu werden, und doch umspannte es das Haupt der kleinen Prinzessin, vollkommen angepaßt. Von den Pantöffelchen der Prinzessin konnte man zwei durch ein Nadelöhr schieben, und ihre Ringe, die waren in der Tat von einer Kleinheit, die sich nicht beschreiben läßt.«

»Das ist alles recht schön,« sagte der König etwas ungeduldig, »allein du hast uns noch nicht erzählt, auf welche Weise du mit der Welt dieser unbeschreiblich Kleinen in Berührung kamst.«

»Euer Majestät«, hub der Page in einem flüchtigen Erröten an, »werden mir erlauben, daß ich hier, um zu dem vorgeschriebenen Zweck zu gelangen, etwas von meinen persönlichen Angelegenheiten einflechte.«

»Wie!« rief der König, »du hättest doch nicht wieder im Weine des Guten zuviel getan?«

»Allerdings nicht im Weine,« entgegnete der Page – »allein ich hatte mich in einem andern feurigen Elemente berauscht, und dies war – die Liebe.«

»Ach« – sagten der König und die Königin zusammen – »du warst verliebt.«

»Eure Majestäten zu Befehl!« erwiderte der Page mit einer sehr tiefen und sehr ehrfurchtsvollen Verbeugung.

»Nun, und in wen? das möchten wir doch wissen.«

Der Page schlug mit einem tiefen Seufzer die Augen gen Himmel und rief: »Ach, in ein Wesen, das viel zu vollkommen war, als daß es mir, oder irgendeinem andern niedern Sterblichen erlaubt hätte sein können, den Blick dorthin zu richten. Ich hätte das wissen sollen. Genug, Kummer und Leid waren die Früchte, die der bittre Zweig dieses Liebesbaumes mir bot. Eure Majestäten mögen die Gnade haben, nicht weiter mit Fragen in mich zu dringen.«

»Das ist sonderbar!« sagte der König zur Königin gewendet, »indes da man nicht wissen kann, welche von unsern bekannten Damen mit in dies Geheimnis verflochten ist, die uns der Härte und Grausamkeit zeihen könnte, wenn wir ihren Namen vor aller Welt aufdeckten, so wollen wir ihm schon seinen Willen tun.« Die Königin, die unterdessen ihre Hofdamen betrachtet und eine darunter entdeckt hatte, die lebhaft errötete, neigte sich zu ihrem Gemahl und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf beide taten, als hätten sie nichts bemerkt und dem Pagen befahlen, in seiner Erzählung weiter fortzufahren.

»Um mich von meinem Liebeskummer zu erholen« – setzte dieser seine Rede fort –, »entschloß ich mich, auf eine sehr ernsthafte Weise mit den Wissenschaften abzugeben. Zu diesem Zwecke schloß ich mich unserm alten Hofgelehrten an und machte mit ihm weitläufige Spaziergänge. Eines Tages gingen wir durch eine enge, kleine Gasse, und der Gelehrte, der seine Augen überall hatte, entdeckte in einer stinkenden Gosse neben uns ein Ding, das wie ein Garnknäuel aussah, aber in der Tat kein Garnknäuel war. Er hob es auf, säuberte es ein wenig von dem daran haftenden Unrat und steckte es in die Tasche, nachdem er es vorher mit einiger Vorsicht in ein Stück altes Zeitungspapier eingewickelt hatte. Ich lachte ihn darüber aus, daß er ein so wertloses Ding so sorgfältig aufhebe, er aber kümmerte sich über meinen Spott wenig, und wir gingen unsres Weges fürbaß.

Zu Hause angelangt, nahm er den Knäuel und setzte ihn unter ein Glas, das, ich weiß nicht wieviel tausendmal, vergrößerte. Er rief mich herbei und ließ mich durchschauen, indem er sich lächelnd zurückbog. Himmel, was entdeckte ich! – In eine volkreiche Stadt fiel mein Blick, in deren Straßen es von buntgekleideten Spaziergängern wimmelte, wo es Kirchen und Paläste und weitläufige Plätze, verziert mit Springbrunnen und Statuen, gab. Nichts konnte lustiger sein, als dieses Treiben anzusehen. Ich sah kleine Männer, die mit allem Anstand, den sie nur immer auftreiben konnten, ihre Frauen in die Kirche begleiteten, und anderswo sah ich wieder lustige Vögel, die haufenweise in ein winzig kleines Wirtshaus stürmten, aus dem – wie Mückengesumme so sein – Fidelklang und Trompetenschall hervortönte. In dem Schloßgarten sah ich aber ein allerliebstes kleines Mädchen sitzen, ganz in Goldbrokat gekleidet und mit Diamanten und Perlen überdeckt. Sie steckte wie ein kleines Leuchtkäferchen im grünen Laube. Es war eine so zarte, liebliche Schönheit, daß ich unwillkürlich meine Lände vor Erstaunen und Entzücken zusammenschlug, und dadurch machte, daß das Glas aus seiner Richtung kam und damit zugleich die ganze kleine Welt vor meinen Augen verschwand. Ich sah stumm und starr den grauen Garnknäuel an, dann wandte ich mich mit tausend Fragen an den Gelehrten, der mir erklären sollte, was ich gesehen.

›Das weiß ich selbst noch nicht,‹ entgegnete er etwas unwillig über meinen Ungestüm, ›in dieser Nacht werde ich mich mit den kleinen Geschöpfen in Korrespondenz setzen und dir dann morgen mitteilen, was ich erforscht habe.‹

Er hielt Wort. ›Ich habe den Hofgelehrten auf dieser kleinsten aller Welten gesprochen,‹ hub er an, ›und in ihm einen sehr humanen Mann gefunden, der nur leider ein gar zu eingefleischter Neptunist ist.‹

›Was ist das?‹ fragte ich.

›Ich will es dir sogleich erzählen‹, sagte der freundliche Alte. ›Es gibt unter uns Gelehrten, die sich mit dem Bau unsrer Erde beschäftigen und ihre Stoffe zu erklären suchen, eine Abteilung, die sich Vulkanisten, eine andre Abteilung, die sich Neptunisten nennen. Die erstern glauben, daß unsre Welt einst durch Feuer, die andern, daß sie durch Wasser untergehen werde.‹ Jener achtungswerte Gelehrte ist der Meinung, daß seine Welt durch Wasser untergehen werde, und er führt mir dafür an, daß bereits gestern die Hälfte seiner Erdkugel durch unermeßliche Fluten bereit gewesen sei, unterzugehen. Ich machte ihm begreiflich, daß diese Fluten nichts andres gewesen, als die unsaubern Feuchtigkeiten, die sich in der Gosse, wo ich den Knäuel gefunden, angesammelt. ›Wie?‹ rief er mit sehr erklärlichem Stolze – ›meine Welt sollte in einem kleinen schmutzigen Winkel der ihrigen gelegen und ich sollte diese Misere für ein Diluvium gehalten haben? Unmöglich.‹ Ich bewies ihm, daß dem gleichwohl so gewesen. Es dauerte einige Zeit, bis er mir glaubte. Nachher besah ich mit ihm zusammen die interessanten wissenschaftlichen Sammlungen, die auf diesem Miniatur-Planeten angehäuft waren, unter andern auch die Bibliothek, die manche sehr schätzbare und höchst seltne Werke enthielt. Eine kleine Sternwarte war leider durch das Fragment eines Apfelkerns, das daran hängengeblieben, so schadhaft geworden, daß die innere sowohl als äußere Konstruktion nicht mehr herauszuerkennen war.

›Ach!‹ rief ich – ›was geht mich der Gelehrte an; sagen Sie mir lieber, ob Sie die kleine wunderschöne Prinzessin gesprochen haben?‹

›Ich habe mich nicht bei Hofe einführen lassen‹, bemerkte mein ehrlicher Alter etwas verstimmt. ›Dazu wäre die Zeit unpassend gewählt gewesen. Aber wenn du willst, so kann ich dich mit der Prinzessin bekannt machen.‹

Was konnte mir willkommener geschehen, als dies?

Was ich wünschte, geschah.

Vermittelst der optischen und akustischen Instrumente meines väterlichen Freundes kam eine Annäherung zwischen der Prinzessin, ihrem Hofstaat und mir in der Art zustande, daß wir uns gegenseitig verstehen und mit Muße betrachten konnten. Die Prinzessin setzte, wenn sie mit mir in Verkehr trat, ein Verkleinerungsglas ans Auge, demzufolge meine Riesengröße in die ihr so ziemlich zusagenden Dimensionen zusammenschmolz, während ich mich eines Vergrößerungsglases bediente. Mit unsern Augengläsern bewaffnet, genossen wir das Vergnügen, uns öfters unter vier Augen zu sprechen. Die Prinzessin hatte mir das Versprechen abgenommen, daß ich sie nie in diskreter Weise auf ihren Spaziergängen im Garten oder auf dem Felde aufsuchen wolle. Da sie mir mit dem größten Vertrauen entgegenkam, so erfuhr ich sehr vieles, was den Hof meiner kleinen Schönen und ihre eignen Verhältnisse betraf. So mußte ich denn auch, daß sie einen jungen Ritter liebte, den ihr Vater vom Hofe verbannt hatte. Eines Tages gab sie mir mit einem Silberglöckchen das Zeichen, daß sie für mich zu sprechen sei. Ich richtete sogleich ein Glas auf die Umgegend des Palastes und entdeckte meine niedliche Gönnerin in dem entferntesten Winkel des Gartens, trauernd auf einer einsamen Bank sitzen. Ich wußte schon, was diese Stellung bedeutete, es war die Attitüde, die der Liebeskummer annimmt. ›Ach! mein Herr,‹ hub sie an, indem sie langsam ihr Glas ans Auge setzte, und einem teilnehmenden Blicke aus meinem Auge begegnete, ›ich setze meine ganze Hoffnung auf Sie. Wenn irgend jemand mich retten kann, so sind Sie es. Erfahren Sie, daß mein Vater, aufs äußerste erbittert über meinen Widerspruch bei der Wahl eines Prinzen, den er mir zum Gemahl bestimmt hat, entschlossen ist, mich in ein Gefängnis zu sperren, wo ich elend verschmachten soll. Was soll ich Unglückliche tun?‹

›Fliehen, mein Engel, fliehen!‹ rief ich ihr zu.

›Und wohin?‹ entgegnete sie schwermütig. ›Unser Planet ist nicht sehr groß, und mein Vater besitzt die Hälfte desselben als Eigentum, in die andere Hälfte teilen sich drei befreundete Könige, von denen einer sogar der Vater des mir aufgedrungenen Prinzen ist. Diese Tyrannen werden wahrhaftig nichts zu meiner Rettung tun, viel eher werden sie diese auf jede Weise vereiteln.‹

›Das ist möglich‹, sagte ich.

›Es ist kein anderes Rettungsmittel denkbar,‹ fuhr sie fort, ›als daß Sie mich entführen, mein Herr.‹

›Ich Sie entführen? meine Angebetete?‹ rief ich erstaunt. ›Wie soll ich das anfangen? Wenn ich einen Fuß auf Ihren Planeten setzte, würde ich ihn mit allem, was darauf ist, zermalmen.‹

›Sie sollen auch nicht hierherkommen‹, antwortete meine Schöne mit einem sehr anmutigen Erröten. ›Ich werde zu Ihnen kommen, wenn Sie erlauben. Mit einem Worte, Sie nehmen mich von hier fort und bringen mich auf eine Zeitlang in Sicherheit.‹

›Wohin?‹ fragte ich.

›Wohin Sie wollen‹, entgegnete sie entschlossen. ›Wenn ich nur nicht meinem Vater in die Hände falle.‹

Wir verabredeten das übrige. In der Nacht, als alles auf dem kleinen Planeten schlief, setzte ich vorsichtig eine halbe Nußschale, die ich vorher sehr sauber gereinigt hatte, an den Eingang des Parks, und die Prinzessin und fünf von ihren Hofdamen stiegen vorsichtig ein. Auch das Lieblingshündchen, dem man die Schnauze mit einem seidnen Tüchelchen verbunden hatte, damit es nicht belle, kam mit. Als alle in der Schale waren, setzte ich die andre Hälfte darauf, und hatte so eine ganz niedliche kleine Sozietät beisammen. Ich umschloß die Nuß mit einem roten Seidenbändchen und hob sie sorgfältig auf in einem Schränkchen, dessen Schlüssel ich bei mir in der Tasche führte. Alle Morgen und Abende ließ ich die Damen heraus, die auf der grünen Tischdecke ein Stündchen spazieren gingen und frische Luft schöpften. Alle Sonnabende nahm die Prinzessin mit ihren Damen ein Bad, das ich ihr zubereitete, indem ich einige Tropfen gewärmten und wohlriechenden Wassers in einen Fingerhut goß, den ich mir geborgt hatte. Für die Tafel und sonstige Bedürfnisse sorgte ich ebenfalls, auch stattete ich ihr täglich Rapport ab von dem was ich auf ihrem heimatlichen Planeten entdeckte.

Allein ich mußte bald bemerken, daß meine Kameraden nicht ganz ohne Kenntnis von meinem Geheimnis geblieben waren, und daß sie anfingen, die gefangenen Damen durch ihre Besuche zu belästigen, nachdem sie sich einen Nachschlüssel verschafft, mit dem sie das Schränkchen in meiner Abwesenheit öffneten. Ich nahm daher die geheimnisvolle Nuß jedesmal zu mir, wenn ich ausging, und zwar wies ich ihr einen Ehrenplatz an, dicht an meinem Herzen, in meiner linken Westentasche. Eines Tages mußte ich jedoch lebhafte Vorwürfe von der Prinzessin hören. Sie und ihre Damen waren durch ein so furchtbares Pochen und Klopfen dicht an den Wänden der Nuß erschreckt worden, daß sie gefürchtet hatten, die Welt ginge unter. Ach, es war mein Herz gewesen, das durch sein unbescheidnes Pulsieren die Nähe meiner Damen verriet, an deren Fenstern ich eben vorbeiritt. Ich erklärte diesen Umstand der Prinzessin, und sie beruhigte sich, indem sie mit einem sanften Lächeln hinzufügte: daß sie selbst verliebt sei und daher nicht beklagen dürfe, wenn andre Wesen in ihrer Nähe unter dem tyrannischen Szepter der Liebe schmachteten. Doch – setzte sie hinzu – wünschte ich, daß Sie mich in eine andre Tasche übersiedelten. Ich schob die Nuß, da mir bei meiner Pagenjacke keine andere Tasche übrigblieb, in die Beinkleidertasche.

An einem schwülen Sommernachmittage badete ich mich gerade in einem kühlen, versteckten Waldsee, als ich plötzlich das kleine Silberglöckchen der Prinzessin vom Ufer aus vernahm. Ohne zu überlegen, in welchem Zustande ich mich befand, eilte ich hin, und bemerkte jetzt, daß die Nuß aus der Tasche herausgerollt war, sich geöffnet hatte, und daß eben ein großer Waldkäfer im Begriff stand, den Damen einen Besuch abzustatten. Ich überwältigte den Feind, trieb ihn in die Flucht und kehrte zu meiner geängstigten Schönen zurück. Aber wie erschrak ich, als sie bei meinem Anblick alle einen Schrei ausstießen und in Ohnmacht fielen. Die Oberhofmeisterin erwachte zuerst, und, den Fächer vorhaltend, rief sie mir zu: ›Ungeheuer! ist dies eine Manier, sich Damen vorzustellen? Fort, aus unsern Augen!‹ Erst jetzt bedachte ich, was ich längst hätte bedenken sollen, daß ich nämlich so, wie mich Gott geschaffen, vor ihnen stand. Stammelnd brachte ich eine Entschuldigung vor und entschlüpfte.

Um mein Versehen wieder gutzumachen, verdoppelte ich meine Aufmerksamkeit und meinen Diensteifer für die Prinzessin. Unermüdlich war ich, ihr immer neue Nachrichten von ihrer Geburtsstätte zu bringen, und es gelang mir sogar, den Zufluchtsort des edlen Ritters, ihres Geliebten, auszukundschaften. Ihr jungfräuliches Schamgefühl wollte es nicht eingestehn, allein ich merkte nur zu gut, wie sie nichts sehnlicher wünschte, als mit dem angebeteten Gegenstande ihrer Neigung vereint zu sein. Was sollte ich tun? mich gegen die zarten Wünsche unempfindlich zeigen? Diese schmachtenden Blicke und versteckten Seufzer übersehen und überhören? Dazu hätte eine unempfindlichere Natur gehört, als ich sie besaß. ›Schöne Prinzessin,‹ sagte ich eines Tages, ›ich besitze noch eine Nutz, die ich gerade so eingerichtet, gereinigt und tapeziert, auch mit den nötigsten Möbeln versehen habe, wie die Ihrige, soll ich dem Ritter den Vorschlag machen, sich hineinzubegeben, und so in meinem Schutz sich mit Ihnen, Holdseligste Ihres Geschlechts, zu vereinigen?‹ Die Prinzessin wollte weder ja noch nein sagen, allein aus ihrem Erröten konnte ich genügend erfahren, was sie wollte. Ich fing also den Ritter, der sich in der Irre herumtrieb, mit einigen seiner Gefährten in meine Nuß ein, und wies dieser den Platz in meiner zweiten Hosentasche an. So ging ich mit einem Roman in Miniatur in beiden Taschen herum. Kam ich nach Hause, so wurden beide Nüsse geöffnet, und die Herrschaften spazierten auf der Platte des Tisches herum, sich die artigsten Komplimente machend und sich die schönsten Dinge sagend.

Es blieb nicht lange so. Der Ritter hatte den sehr natürlichen Wunsch, mit seiner Dame vereinigt zu sein. Ich war ihm behilflich. And wahrlich, nie ward einem Gelegenheitsmacher die Arbeit so leicht gemacht; ich brauchte nur in die Tasche zu greifen und flugs war eine Partei zu der andern gebracht. Die Prinzessin, die darauf ausging, ihrem Ritter Vergnügungen zu bereiten, veranstaltete ein kleines Souper, wobei gesungen, deklamiert und kleine Spiele vorgebracht werden sollten. Alles dies in meiner linken Hosentasche. Ich wußte davon nichts, und als diese Festlichkeiten begannen, befand ich mich grade unter dem Fenster meiner Dame, wohin ich mich bei eintretender Dunkelheit geschlichen hatte, um einen Blick, vielleicht gar einen Gruß zu erhaschen. Die Vorhänge waren geschlossen, allein doch nicht so ganz fest, daß mein Auge nicht einen Teil des Gemachs hätte erschauen können. Was sah ich! Götter, ich konnte zu keiner gelegenern Zeit hier eintreffen! Meine Dame machte gerade ihre Abendtoilette. Sie stand vor ihrem Pfeilerspiegel und die Zofe legte ihr ein blauseidnes Gewand an, das mit Perlen gestickt war. Mein lauschendes Auge kam zur rechten Zeit, um noch einen Teil des schönsten Busens, den jemals der Strahl der Lichter im Königssaale beschienen, frei in seiner göttlichen Vollendung zu erspähen.«

Als der Page diese Worte sprach, unterließ die Königin nicht, nochmals ihren Blick auf die Hofdamen zu richten, und sie entdeckte dasselbe und ein noch viel heftigeres Erröten wie das erstemal. Sie machte den König darauf aufmerksam, der dem Pagen lächelnd drohte, welches gnädige Zeichen den jungen Mann so verwirrt machte, daß er kaum imstande war, seine Erzählung fortzusetzen.

»Ich stand«, setzte er zögernd hinzu, »wohl eine Stunde, ganz in dem Anschauen dieser himmlischen Reize vertieft, und konnte mich nicht satt an ihnen sehen. Ich befand mich in einem Zustand der Aufregung, der unbeschreiblich war. Das Bett der Geliebten stand dicht am Fenster, und ich bildete mir ein, es wäre geschaffen, um auch einst einen Platz für mich herzugeben, Schon wähnte ich mich dieses Platzes teilhaftig, und indem ich auf dem weichen Pfühl die Arme ausstreckte, fühlte ich den reizenden Körper an meinem Busen, und unsere Lippen vereinigten sich in einem langen, heißen Kusse. Taumelnd vor Begier hielt ich mich an den Mauerpfeiler und drückte meine fieberheiße Wange und Stirn an die äußere kalte Steinwand des Fensters.

In diesem Augenblick fühlte ich einen stechenden Schmerz an einem Teile meines Körpers. Ich achtete nicht sehr darauf, allein dieser Schmerz wiederholte sich in kleinen Zwischenräumen. Endlich blieb er aus. Es wäre mir unmöglich gewesen, den Grund dieser Erscheinung zu erspähen, wenn ich ihn nicht noch denselben Abend als ich nach Hause kam, auf eine seltsame Weise erfahren hätte. Meine Prinzessin ließ mich kommen und machte mir die lebhaftesten Vorwürfe. ›Wie,‹ rief sie, ›heißt das das Amt eines Beschützers ausüben? Werden so arglose Gäste betrogen, die sich mit Vertrauen ergeben haben?‹

›Aber meine Gnädigste,‹ rief ich bestürzt; ›was ist denn geschehen?‹

›Was geschehen ist?‹ wiederholte sie mit Hohn und Zorn in der Stimme. ›And Sie wüßten es nicht, da es an Ihrem Leibe selbst vorging? das ist unmöglich.‹

›Was ist unmöglich?‹ rief ich immer noch ganz bestürzt. ›Ich weiß von nichts; dies schwör' ich bei meiner Ehre.‹

›Schweigen Sie‹, sagte die Prinzessin unwillig. ›Die Sache ist die: Kaum hatten wir unser Souper beendet und saßen noch am Tische, als dieser Tisch mit allem, was drauf stand, umgeworfen wurde. Eine furchtbare Erschütterung des Bodens fand statt; es bildete sich gleichsam unter unsern Füßen ein Berg, der immer höher anwuchs und die ganze Nußschale, in der wir uns befanden, zu zertrümmern drohte. Wir befanden uns in einer unbeschreiblichen Gefahr. Ein Teil meiner Hofdamen lag samt dem Gläser- und Tellerhaufen unterm Tisch, und die Ritter taumelten, als wenn sie bezecht wären. Mein Geliebter, tapfer und unerschrocken, wie er immer ist, ergriff seinen Degen und, indem er die Ursache der Erschütterung des Bodens zu ergründen strebte, stieß er mehrmals mit seinem tapfern Schwerte hinein. Nun frage ich, was war das? Sie müssen's wissen, denn man hat nicht Taschen, ohne daß man weiß, was sich in ihnen oder unter ihnen zuträgt. Wenn Ihre Tasche für irgendeinen fremden Gegenstand zugänglich ist, so hätten Sie sie uns gar nicht als sichern Wohnort zuweisen sollen; vor allen Dingen war es unpassend, mich zu veranlassen, mein Souper auf einem so trügerischem Boden zu veranstalten. Was soll der Ritter davon denken, daß ich ihn einlade, damit er in eine Lebensgefahr gerate? Tun Sie nun Ihr mögliches, die Sache wieder gutzumachen; in keinem Fall kehre ich in die Tasche zurück.‹

Ich war während dieser ganzen Rede der Prinzessin wie mit Blut übergossen. Es wäre eine Unwahrheit, wenn ich behaupten wollte, ich hätte nicht gewußt, welcher Grund der Beschwerde meiner erzürnten Schönen Veranlassung gab. Ich erriet, gleich beim Beginn ihrer Erzählung, diesen Grund gar zu wohl; allein durfte ich wohl ein Wort davon äußern? And welche andere glaubwürdige Erklärung konnte ich dem Ereignis unterschieben? Meine Phantasie zermarterte sich zwar, eine solche Erklärung zu finden, allein es gelang ihr nicht. Zum Glück für mich ließ sich die Prinzessin mit allgemein gehaltenen Tröstungen beruhigen. Ich traf Anstalten, sie anderswo unterzubringen, und erfand zu dem Ende ein eigenes Täschchen, das sich verschließen ließ, und das ich um den Hals hängen wollte, wenn ich ausging. Das Schicksal aber wollte, daß die Prinzessin meines weiteren Schutzes nicht mehr bedurfte. Ich brachte ihr eines Tages die Nachricht, daß ihr Vater, der König, gestorben sei, und so betrübt sie, als gute Tochter, über diesen Schmerzensfall war, so erfreute sie dabei doch die Hoffnung, nun in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen. Ich brachte sie selbst mit allen ihren Damen sicher in den Palast zurück. Sie dankte mir in den zierlichsten Worten, und alle böse Laune gegen mich war verschwunden.

Wie sie ihren Hofstaat überzählte, merkte sie, daß der Hofastronom fehlte. Da sie diesen berühmten Gelehrten schätzte, war sie über sein Verschwinden untröstlich. Niemand wußte, wo er hingekommen war, und ich durchspähte den ganzen Planeten auf das sorgsamste, jedoch vergeblich. Meinem väterlichen Freunde teilte ich dieses Ereignis mit, und er gestand mir, daß er ebenfalls nicht wisse, wo sein Kollege sich hinverloren; zuletzt habe er noch auf der äußersten Spitze des Turms der Sternwarte mit ihm gesprochen, und sehr interessante Belehrungen empfangen. Werden Euer Majestät raten können, wo dieser berühmte Gelehrte sich derzeit befand?«

»Wahrscheinlich in seiner Studierstube, oder im Monde, oder, der Himmel weiß, wo«, entgegnete der König.

»Er befand sich in dem hohlen Zahne unsres Hofgelehrten«, erwiderte der Page.

»Das ist belustigend,« rief der König, »ein Gelehrter in dem andern. And wie kam er in den hohlen Zahn meines Hofgelehrten?«

»Auf die natürlichste Weise«, nahm der Page das Wort. »Während des Gesprächs, das ziemlich eifrig geführt wurde, holte der Gelehrte etwas hastig Atem, und durch diesen Strom der Luft wurde jener von der Zinne des Turmes, auf der er sich befand, emporgerissen, und gelangte in den offnen Mund, und dort in einen der hohlen Backenzähne seines Kollegen. Er konnte von Glück sagen, daß er nicht in den Schlund hinabglitt, wo dann schwerlich für ihn Rettung gewesen wäre. Unser Gelehrte wußte aber nichts davon, daß er seinen Freund, der plötzlich vor seinen Augen verschwand, bei sich beherbergte. Erst den andern Morgen nach einer durch lebhafte Schmerzen im hohlen Zahn schlaflosen Nacht brachte er vermittelst eines goldenen Zahnstochers den Verschwundenen wieder ans Tageslicht. Der Gerettete war eben so erstaunt, wie der Retter. Der erstere hatte geglaubt, einer jener heftigen Äquinoktialstürme, mit deren Beobachtung er sich ebenfalls beschäftigte, habe ihn erfaßt und in irgendeine Untiefe geschleudert. Im Zahne angelangt, hielt er diesen Zahn für eine Felsengrotte und richtete sich darin so gut wie möglich ein. Als ein Philosoph und als ein Gelehrter von sehr frugaler Lebensart und einfachen Sitten bekümmerte ihn die Wildheit und Einsamkeit seines neuen Aufenthalts wenig. Da er nicht wußte, wie lange sein Schicksal ihn hier lassen würde, beschloß er, jedenfalls seine kostbare Zeit nicht zu verlieren. Er zündete eine kleine Wachskerze an, die er immer bei sich führte, setzte sich auf einen Felsenriff der Grotte und zog einen Folianten hervor, der über algebraische Berechnungen handelte und trigonometrische Tafeln enthielt. So saß er die ganze Nacht und studierte, während das heiße Wachs in die Höhlung des Zahns tröpfelte und sehr erklärlich jene Schmerzen verursachte, von denen unser Gelehrter gepeinigt wurde, und die ihn die Nacht nicht schlafen ließen.

Beide Freunde verständigten sich leicht über den Unglücksfall und schieden, indem sie sich einander die herzlichste Teilnahme versicherten.

Die Prinzessin, als sie ihren Hofgelehrten wiederbekam, war sehr erfreut. Bald darauf feierte sie auch ihre Vermählung mit dem schönen Ritter. Ich war froh, daß dieses Fest nicht in meiner Hosentasche gefeiert wurde, denn ich sah damals alle Abende meine Dame. Sie ließ für mich das Fenster offen und plauderte mit mir, indem sie sich hinauslehnte, und somit ihren schönen Busen meinen Augen und Lippen so nahe brachte, daß mehr wie ein Kuß in der verschwiegenen Stille der Nacht geraubt wurde.«

Hier schwieg der Page und machte eine tiefe Verbeugung.

»Ist deine Erzählung nun zu Ende?« fragte der König.

»Sie ist's – Euer Majestät zu Befehl!« entgegnete der Gefragte.

»Nun wohl«, sagte der König sehr gnädig. »Zur Belohnung für das Vergnügen, das du uns bereitet schenke ich dir die Hand deiner Dame und zugleich ein Haus, einen Garten und fünfzig Beutel Goldes. Ist dir das recht?«

»Euer Majestät«, antwortete der dankbare Page, »belieben Ihre Großmut für mich nach dem Maßstabe abzumessen, der im Lande der Riesen herrscht, während leider mein Verdienst kaum hinreicht, um es mit der Elle zu messen, die im Reiche der unbeschreiblich Kleinen im Gebrauch ist.«

»Ich werde Zeit meines Lebens«, sagte die Königin mit heiterer Miene, »an den kleinen Gelehrten denken, der beim Lichte der Wachskerze im hohlen Zahne sitzt und studiert.«

»Und ich,« rief eine der Hofdamen, »wenn Ihre Majestät erlauben, werde stets mit Vergnügen an die lustige Szene denken, wie das Erdbeben die Nußschale um und um schleudert und Tisch und Bänke übereinanderfallen.«

Und jeder und jede im Kreise hatte ein Abenteuer, das ihm besonders gefiel. Der Page hatte es allen zu Danke gemacht.

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