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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 4
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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Königin Ratte.

Eine Königin hatte zur Freundin eine Ratte, mit der sie in vertraulichem Umgang lebte. Gewiß war auch diese Ratte die edelste ihres Geschlechts. Sie war zierlich gebaut, ihr Fell war glatt, und da sie sprechen und denken konnte, so dachte sie immer edel und sprach immer gut. Fünf Jahre hatte diese Freundschaftsverbindung zwischen der Königin und der Ratte gedauert, als plötzlich ein widriger Umstand die Einheit der Gemüter in einen heftigen und ärgerlichen Zwiespalt wandelte. Die Ratte kam eines Abends vor einem sehr langen, einsamen Spaziergang nach Hause, äußerst erhitzt, und mit Merkmalen überstandener großer Aufregung. Der Königin entging dieses nicht, und sie fragte ihre Freundin auf das zärtlichste über den Grund der Veränderung in ihrem Wesen. Die Ratte schwieg. Nach einiger Zeit offenbarten sich gewisse Anzeichen, die die Königin über den Zustand ihrer Freundin vollkommen ins klare setzten. Eines Morgens, als die Ratte wie gewöhnlich kam, der Königin die Hand zu küssen, sagte diese: »Ratte, auf ein Wort! Können Sie leugnen, daß Sie sich in anderen Umständen befinden?«

»Ich leugne es nicht, gnädige Frau«, antwortete die Ratte mit niedergeschlagenen Augen und mit einem höchst sittsamen Ausdrucke im Gesichte.

»Wie,« rief die Königin, »Ratte, hab' ich recht gehört? Ratte, Sie? Vergaßen Sie also unsere Gespräche, die wir oft über Tugend und eine ideale Lebensauffassung führten?«

»Ich habe sie nicht vergessen«, erwiderte die Ratte.

»Aus meinen Augen, Unverschämte!« rief die Königin zornig. »Ich kann mit einem Wesen, das sich tief erniedrigt hat, nicht länger unter einem Dache leben!«

Mit diesen Worten warf sie einen schweren silbernen Löffel nach ihrer ehemaligen Freundin und verwundete diese fast tödlich. Die Ratte nahm alle ihre Kräfte zusammen und sagte mit funkelnden Augen und einem edlen Stolze zur Königin: »Du selbst bist die Unverschämte, denn ohne Scham ergibst du dich einem niedern Zorn. Wer hat dich zu meiner Richterin bestellt? Wenn ich fehlte, so fehlte ich aus Liebe, und nur die Liebe darf mich richten!« – Diese letzten Worte sagte die Ratte mit einem so unnachahmlich schönen Ausdrucke von gekränkter Weiblichkeit, daß die Königin auf einen Augenblick an dem leichtfertigen Charakter ihrer ehemaligen Freundin irre wurde, allein ihr Abscheu kehrte sogleich wieder zurück, und sie hob einen zweiten silbernen Löffel auf.

»Halt ein!« schrie die Ratte; »unser Bund ist zerrissen. Ich verlasse dich auf immer, du Weib ohne Schonung, doch sollst du ohne Strafe nicht bleiben Werde von dieser Stunde an das, was ich bin und beharre auf dieser Gestalt, bis ein Mann sich findet, der deine Tochter in denselben Zustand versetzt, den du eben an mir so arg gelästert hast.«

Die Königin wurde jetzt zu ihrem großen Schrecken inne, daß die Ratte eine mächtige Fee war, und daß bei ihrem Zorn kein Entrinnen möglich. Sie fühlte, wie sie zusehends zusammenschrumpfte, und ehe die Schokolade in ihrer Morgentasse kalt geworden, hatte sie ihre schmachvolle Verwandlung beendet und sprang als langgeschwänzte Ratte vom Sofa.

Die Bedingung, die die Ratte gestellt hatte, war deshalb so schwer zu erfüllen, weil die Tochter der Königin eine Person von einer abschreckenden Häßlichkeit war. Man konnte nicht leicht ein widerwärtigeres Geschöpf finden, wenn man auch darnach in Hütten und Palästen gesucht. Sie hatte nur ein Auge, das andere war mit einem großen schwarzen Pflaster verklebt; dann hatte sie rotes, struppiges Haar, und von derselben Farbe auch einen kleinen Bart am Kinn und an der Oberlippe. Dazu war sie klein, schief und hatte ein lahmes Bein. Bei alledem hätte sie doch noch einen Freier gefunden, denn eine Prinzessin mit einer großen Mitgift würde schon einem armen Burschen, der nichts als seine gefunden Glieder hatte, als ein sehr annehmbarer Preis in die Augen geleuchtet haben, allein die Königin, die über alles Maß stolz war, wollte nur einen Prinzen zum Eidam, und selbst unter den Prinzen wollte sie noch wählen, da war es denn natürlich, daß sich keiner fand. Die Prinzessin hatte sich auch bereit erklärt, unvermählt zu bleiben. Die Umstände hatten sich jedoch jetzt geändert. Die Königin, wenn sie nicht als Ratte sterben wollte, mußte daran denken, um jeden Preis ihre häßliche Tochter an den Mann zu bringen. Sie ließ darum alle Prinzen der Nachbarschaft zu sich einladen, und gab große Feste, an denen die Oberhofmeisterin präsidierte, da sie selbst unmöglich als Ratte bei Tafel sitzen konnte. Es hieß, die Königin sei unwohl und liege in ihrer Kammer. Die Prinzessin trug einen Schleier, weil sie, wie behauptet wurde, das Licht nicht vertragen könne.

So ging alles ganz gut. Die jungen Prinzen aßen und zechten und ließen sich's im Schlosse wohl sein, allein – ans Heiraten dachte keiner. »Ei, wo werde ich ein solches Erbsenschneckchen in mein Haus führen!« sagte einer immer zum andern. »Ich bekäme Bauchgrimmen, wenn ich ihr einen Kuß anböte«, sagte der andere. »Es gibt der schönen Prinzessinnen noch genug«, bemerkte der dritte, und der vierte und fünfte sagte etwas Ähnliches. Die Königin, die unterm Tisch saß, hörte diese Äußerungen, und wollte vor Wut ersticken.

Endlich aber fand sich doch ein Prinz, der Lust hatte, die Prinzessin heimzuführen. Er war aus weiter Fremde und mußte von der schreckbaren Häßlichkeit der Dame nichts. Die Königin veranstaltete schnell ein Hochzeitsfest, und als dies beendet war, und der Prinz mit seiner jungen Gemahlin sich allein in der Brautkammer befand, war die Königin unter dem Bette gegenwärtig, um sogleich, wenn die Verwandlung vor sich gehen würde, in ihrer wahren Gestalt hervorzutreten.

Der Prinz, bevor er seine Braut in die Arme schloß, bat sie, den Schleier abzunehmen. Die Königin hörte diesen Wunsch und dachte sogleich bei sich: Wenn er sie in ihrer ganzen Häßlichkeit sieht, so wird am Ende aus der ganzen Sache nichts; ich will eilen, die Lampe auszulöschen. Im Dunkeln sind alle Katzen grau.

Sie lief damit auf die Lampe zu, die auf dem Tische vor dem Bette stand, da sie jedoch nicht vermochte, die Flamme selbst zu berühren, so begnügte sie sich damit, das Öl auszutrinken, wo die Lampe von selbst verlöschen mußte. Sie trank aus Leibeskräften. Es wurde immer dunkler im Zimmer, und der Prinz ging in seinem Angriff immer weiter. Da plötzlich wurde der armen Ratte von dem vielen Öl übel, und sie mußte sich auf das kläglichste erbrechen. Kaum sah der Prinz die Ratte, die gekrümmt auf dem Tische saß und sich erbrach, als er in ein so unauslöschliches Gelächter verfiel, daß er darüber die Prinzessin, und alle Dinge um sich her, vergaß. Die Prinzessin, die da glaubte, er lache darüber, daß es immer dunkler wurde, und daß man so schlechte Lampen in einer königlichen Haushaltung habe, stand geschwind auf, zündete mehr Lichter an, und sagte: »Nun, mein Prinz, jetzt ist es hell genug.« –

»Damit ich Ihre Häßlichkeit sehe, meine Teure!« rief der Prinz verwundert; »ja dazu ist's allerdings jetzt hell genug.« Und damit wandte er ihr den Rücken und ging fort.

Die Königin blieb aber Ratte, ihr lebelang.

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