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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 18
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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firstpub1850
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Der Husar aus Seife.

Ein junges Mädchen erhielt von ihrer Mutter eine schöne rot und weiß marmorierte Seifenkugel geschenkt, die wunderlieblich duftete. Aus Gefallen an der Seifenkugel drückte das Mädchen einen herzhaften Kuß auf dieselbe und alsobald stand ein allerliebster kleiner Husar vor ihr in einer roten Jacke und in prall anliegenden weißen Hosen, legte zwei Finger an seinen Tschako und sagte: »Was steht zu Diensten, Mademoiselle?«

»Ei, mein Lieber!« rief das Kind, »wo kommen Sie her?«
»Aus dem Seifenlande, Mademoiselle.
Aus dem schönen Seifenlande,
Wo Seen und Flüsse sind voll Öl,
Wo die Felsen sind am Strande
Grüne Seife ohne Fehl.
Wo meine Tante, die Olive,
Herrscht mit König Haselnuß;
Daß vom Glanz sie ewig triefe,
Gibt er ihr manch fetten Kuß.
Die schöne Welt mir anzusehen,
War ich in kecker Lust entbrannt,
Da hat die Böseste der Feen,
Mich schnöd' in diese Form gebannt.
Und bleiben sollt' ich, bis ich fände
Ein Mädchen, frei noch vom Genuß,
Das von dem Zauber mich entbände
Durch einen herz'gen Liebeskuß.«

Das kleine Mädchen freute sich und nahm ihren lieben Husaren überall mit, auf den Spaziergang, zu Tische, auf die Wiese und Nachts sogar ins Bett. Der Husar blieb rund und fett, und seine frischen roten Lippen und seine weißen Zähne, die Grübchen in seiner Wange und die prallen weißen Schenkel verloren nichts an ihrer Fülle und Glätte.

Einst sagte der Husar: »Das Leben im Frieden taugt auf die Länge nicht. Ich muß nun ausgehen, mir ein Königreich zu erobern, damit meine Kusine, die Olive, und mein Oheim, Haselnuß, doch sehen, daß ich ein ganzer Kerl bin.« Seine kleine Braut weinte sehr als er fortging, doch wollte sie ihn nicht halten.

Der Husar kam in ein Königreich, daselbst herrschte ein König, der drei Töchter hatte, die sämtlich von einer großen Untugend behaftet waren, nämlich sie wuschen sich niemals. Der König hatte erklären lassen, wer ihm eine seiner Töchter rein und sauber herschaffte, der sollte die Hälfte des Königreiches haben. Der Husar sah sich die Prinzessin an und bemerkte, daß sie kaum aus den Augen blicken konnte, so dick lag der Staub auf ihr; denn da sie es liebte, sich immer auf der Landstraße herumzutreiben und womöglich alle Orte aufsuchte, wo es Rauch und Staub gab, so kann man sich denken, wie sie zugerichtet war, obendrein hatte sie sich in drei Jahren nicht gewaschen. Als sie den hübschen Husaren aus dem Seifenlande sah, verliebte sie sich sogleich in ihn und sagte: »Der soll mein Mann sein.« Der Husar hatte nun gewaltig viel zu tun, ehe er die Prinzessin rein hergestellt hatte, und als es endlich geschehen war, und sie so hübsch und glänzend aussah, wie man sich's nur wünschen konnte, kam er zum König und sagte: »Nun Herr König, Euer halbes Königreich!«

»Noch nicht, mein Lieber,« entgegnete dieser, »nimm nun auch meine zweite Tochter und reinige die auch. Die ist noch viel schlimmer, sie hat sich zwölf Jahre nicht gewaschen, und ich und meine Frau wissen uns gar nicht mehr zu besinnen, wie sie eigentlich aussieht.«

Der Husar fand dies nicht recht gehandelt, allein was sollte er tun, er entschloß sich, auch mit der zweiten Prinzessin ein Liebesverhältnis anzuknüpfen. Aber ehe er es zustande brachte, dieses Aschenbrödel sauber zu bekommen, hatte er sich so abgearbeitet, daß seine roten Wangen ganz blaß geworden waren und seine schönen weißen Schenkel ganz dünne. »Teufel!« sagte er, »ich habe nie gedacht, daß es so schwer sei, sich ein Königreich zu erobern. Aber an diese zwei Prinzessinnen werde ich denken.« Er ging nun zum König und verlangte seinen Lohn. Der König entgegnete recht spitzbübisch: »Noch nicht, mein Lieber. Da ist mein Herzblatt, mein Liebling, meine älteste Tochter, die mußt du mir sauber herstellen. Du verstehst es perfekt. Ich bin sonst gegen alle Liebesverhältnisse, weil ich sie für unmoralisch halte, allein gegen eine solche Liebe, die so läutert und reinigt, kann auch der tugendhafteste Vater nichts haben. Also Mut, mein Lieber! Du mußt hier etwas energischer zu Werke gehn, denn mein teures Kind hat sich seit fünfundzwanzig Jahren nicht gewaschen, das heißt seit ihrer Geburt nicht, und ich und meine Gemahlin sind sehr neugierig, ob sie etwa einen Höcker hat oder schlank ist, ob sie eine gerade oder gebogene Nase hat, und von welcher Farbe ihr Haar sein mag. Das alles kann man nicht sehen, weil sie, gleichsam wie eine Nuß in der Schale, in ihrer Kruste steckt.«

Der Husar war über die Wortbrüchigkeit des Königs so böse, wie nur ein Husar böse sein kann. Er klapperte stundenlang mit seinem Säbel und schob seinen Tschako ganz wild von einem Ohr auf das andere. Er mußte sich aber doch fügen und ging ans Werk, auch die dritte Prinzessin sauber herzustellen. Als aber der König auch jetzt nicht Wort hielt und sogar den armen Husaren, der so dünn wie eine Stricknadel geworden war, aus der Stadt bringen ließ, setzte sich dieser am Wege hin und weinte bitterlich, so schwach war er geworden, daß er nicht mehr fluchen konnte und mit dem Säbel klappern, sondern nur noch weinen. So fand ihn das kleine Mädchen, das unterdessen ein großes Mädchen geworden war, am Wege sitzend, ganz dünn – ganz dünn. Oh, zum Erbarmen.

»Himmel!« rief sie und schlug die Hände zusammen. »Ist das mein schöner Husar aus dem Seifenlande! Was ist dir denn geschehen?«

»Ich habe drei Prinzessinnen reinmachen müssen.«

»Aus was?«

»Aus Liebe«, schluchzte der Husar und weinte wieder bitterlich. »Von diesen drei Prinzessinnen hat sich die eine drei Jahre, die zweite zwölf und die dritte gar fünfundzwanzig Jahr nicht gewaschen.«

»Und wie hast du es denn gemacht, daß du sie rein bekamst!« fragte das Mädchen neugierig.

»Wie man so etwas macht,« erwiderte der Husar unwillig; »ich rieb mich tüchtig an ihnen. Da ich von Seife bin, mußten sie wohl rein werden, aber es hat mich diese Liebelei abgenutzt bis auf den letzten Faden. O weh, o weh! wenn ich in diesem Zustande vor meine Tante, die Olive und vor meinen Oheim Haselnuß soll treten, sie würden schön mich auslachen, und der Fee soll es schwer werden, aus mir wieder eine Kugel zu machen.«

»Ach, und du hattest so schöne, runde, weiße Beine!« sagte das unschuldige Mädchen mit trauriger Stimme.

»Du weißt dich also dessen noch zu besinnen?« fragte der arme Husar, der wieder auflebte, da er sah, daß man ihm Teilnahme zeigte. »Weißt du was, hilf mir mich zu rächen.«

»Gegen wen, mein lieber Husar?«

»Gegen diesen Schuft von König, der mich erst seine drei Aschenbrödel rein lieben läßt und mir dann doch das halbe Königreich nicht gibt, das er mir versprochen.«

»Oh, das ist schändlich. Ja, ich will dich rächen helfen.«

Sie machten nun einen Plan, und der Husar und seine gute Freundin kehrten in die Stadt zurück, wo sie in einer entlegenen Gasse eine versteckte Wohnung nahmen, so daß niemand von ihrer Anwesenheit Kenntnis hatte, am wenigsten der König und die Leute bei Hofe. Bald erfuhren sie nun auch, daß der König seine älteste Tochter an einen Königssohn, die zweite ebenfalls an einen Prinzen und die dritte an einen sehr reichen Edelmann verheiratete, und daß er den beiden ersten die dem Husaren versprochene Hälfte des Königreichs geben wolle. Die Hochzeit der drei Prinzessinnen, die jetzt alle drei wunderschön waren, sollte an einem Tage vor sich gehen, und gerade diesen Tag wählten der Husar und seine Freundin zu dem Zeitpunkt, wo ihre Rache sollte ins Leben treten. Das Mädchen verkleidete sich als eine Köchin und der Husar als ein Kammerdiener, und beide suchten am Hofe anzukommen. Als nun die kostbare Tafel bereitet stand, schlich sich die Köchin hinauf, nahm die herrlichen Äpfel und Orangen aus den silbernen Schalen hinweg und legte dafür eine große Anzahl Kugelseifen von den schönsten Farben hinein. In die Näpfe und Schüsseln mit Mandelcreme legte sie flüssiggemachte Seife. Der Husar bestrich einstweilen den Weg vom Schlosse bis zur Kirche mit Seife und machte ebenso die Pfosten und Treppenstufen an den Betten der Brautpaare durch Seife spiegelglatt und äußerst schlüpfrig; auch seifte er die Violinbögen der königlichen Kapelle ein und tunkte in Öl die Pfoten sämtlicher Schoßhündchen, von dem Schoßhündchen der Königin und der Prinzessinnen bis zu denen der Hoffräulein. Als nun der feierliche Zug in die Kirche wollte, fielen die Leute, der König an der Spitze, sämtlich wie die Fliegen um und konnten durchaus nicht in die Kirche gelangen, so daß man sich endlich entschließen mußte, die drei Trauungen im Schlosse zu verrichten. Der Kaplan bat sich ein Glas Wasser aus, weil er sehr erschöpft war durch die Anstrengungen, von der Kirche ins Schloß zu kommen. Die Kammerfrau lief schnell und brachte ihm ein Glas Öl. Als er das getrunken, wurde ihm so übel, daß er seine Rede unvollendet lassen mußte, und sich, seinen kostbaren Ornat und das Brautpaar vor sich, besudelte. Als es nun zur Tafel ging, bissen die Hofdamen tapfer ein in die Seifenkugeln, und die Oberhofmeisterin schmierte sich das ganze Maul voll grüner Seife, so daß sie erstickte und tot hinweggetragen wurde. Die Hofdamen bekamen Krämpfe, und die Königin und die Prinzessinnen, die ihre allerliebsten Hündchen während der Mahlzeit auf den Schoß genommen hatten, bemerkten zu ihrem Schrecken, daß die lila, amarantfarbenen und orangegelben Seidenkleider alle dicht besäet mit den häßlichsten Ölflecken waren. Sie waren darüber sämtlich außer sich und warfen die Hündchen aus den Fenstern hinaus, die auf dem Steinpflaster des Hofes ihr Leben elend endigten. Der König wollte nun die Gesellschaft erheitern durch das große, angesagte Konzert; als aber die Virtuosen zu ihren Geigen griffen und die zierlichsten Stellungen der Arme annahmen, sperrten sie die Mäuler und Augen auf, denn keiner von ihnen konnte auch nur einen Ton hervorbringen. Als der Tanz beginnen sollte, mußte man eine Trommel vom Hoftambour und eine Querpfeife kommen lassen, um danach tanzen zu lassen. Aber der Fußboden des Tanzsaals war ebenfalls von dem Husaren mit Seife bestrichen worden, so daß die jungen Damen und Kavaliere sich fürchterlich die Glieder verrenkten, indem sie niederstürzten und sich doch zugleich bemühten ihre Damen noch zu halten. Zuletzt war der ganze Tanzsaal nur ein Schlachtfeld; es war zum Erbarmen. Die drei Brautpaare entfernten sich und gingen zu Bette, aber hier ging das Unglück erst recht an. Sie hatten ihre Bräute entkleidet und ins Bette gelegt und wollten nun selbst nachsteigen, glitten aus und stürzten jämmerlich auf ihre Bräute nieder und erschlugen sie. Aus bitterm Kummer über dieses beispiellose Mißgeschick ergriffen sie sämtlich ihre Degen und stürzten sich in diese. In jeder Brautkammer gab's ein Blutbad. Der König, als er den Tod seiner Töchter erfuhr, wollte ebenfalls nicht eine Stunde länger leben; doch bevor er sich das Leben nahm, hörte er eine Stimme, die da sprach:

»Das ist der Husar vom Seifenlande,
Der all dies Unglück hat erdacht;
Der dein Haus in Schimpf und Schande,
Dich selbst zum Tode jetzt gebracht.
Erkenne nun des Treubruchs Segen,
Der statt Ros' und Veilchensaat,
Dem Bösewicht auf seinen Wegen
Grüne Seife bereitet hat.«

Als der König tot war und sein ganzer Stamm erloschen, wählten die Stände, die unterdessen den ganzen Hergang dieser wunderbaren Begebenheit erfahren hatten, den treuen Husaren zum König, und dieser heiratete nun seine Freundin und bestieg mit ihr den Thron. Seiner Tante, der Olive und seinem Oheim Haselnuß ließ er melden, daß er richtig ein Königreich erobert habe, so wie er sich's vorgenommen.

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