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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 17
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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Die drei Soldaten.

Ein großer Krieg war beendet worden, und eine Menge Soldaten wurden verabschiedet, weil man sie nicht mehr nötig hatte. Unter diesen waren einige, die daheim nichts zu beißen und zu brechen hatten, und darum nicht wußten was sie jetzt in aller Welt beginnen sollten. Drei gute Kameraden, alle drei lustige Vögel und blutjunge Burschen, hielten zusammen und begaben sich auf die Wanderschaft, indem sie sich einander gelobten, wenn ihnen irgendwo Glück und Freude erblühte, daß sie redlich miteinander teilen wollten. Allein auch die Prügel und Püffe, die das Schicksal ihnen etwa aufzutischen für gut finden würde, wollten sie redlich teilen; es sollte auch da niemand mehr und öfter bekommen als der andere.

Sie waren bereits mehrere Tage und Nächte gewandert, als sie in einen großen, unermeßlichen Wald kamen, der von keinem menschlichen Fuße noch betreten zu sein schien. Wege gab es nicht, und die drei Gesellen mußten sich über Baumwurzeln und durch Gebüsch Bahn brechen. Als die dritte Nacht herankam, und sie noch immer nicht wußten wo sie waren, kletterte einer der Genossen auf einen Baum, arbeitete sich bis zu dessen Gipfel empor und richtete seine Blicke spähend in die Ferne. Da entdeckte er denn, ganz weit, einen Lichtschein, der hinter den schwarzen Baumstämmen hervorschimmerte. Dorthin richteten sie jetzt ihren Weg. Sie fanden einen freien Platz und eine Hütte. Vor der Tür der Hütte saß eine alte Frau an einem Tischchen, auf dem zwei Lichter brannten. Da es eine stille Nacht war und selbst die Baumgipfel nicht rauschten, brannten auch die Lichter, ohne nur zu flackern. Die Alte saß gebückt da und arbeitete an Kinderspielzeug, dazu sang sie ein Liedlein, das für die Kinderstube paßte.

Die drei Soldaten kamen nun an den Tisch heran, grüßten und fragten höflich, ob sie wohl hier eine Nachtherberge bekommen könnten. Sie seien schon drei Tage und zwei Nächte gewandert und hätten noch keinen warmen Bissen über die Lippen gebracht und wären noch in kein Bette gekommen.

Die Alte blickte auf, schob ihre Brille auf die Stirne und die drei jungen Wichte erschraken nun über die Häßlichkeit ihrer Wirtin.

»I, weshalb nicht,« meckerte sie mit einer zitternden Stimme, »ihr könnt ja hierbleiben, Kätzchen. Mein Küchentopf wird auch noch für euch einen Bissen übrig haben, und was das Bette betrifft, so will ich euch auf eine Nacht das meine einräumen.«

Die Soldaten bedankten sich höflich, und der älteste der drei Kameraden, der zugleich der keckste war, fragte: »Mutter, wohnt Ihr ganz allein?«

»Ganz allein, mein Schatz, ganz allein. Eine tugendgelobte Jungfrau.«

»Eine Jungfrau! he!« riefen alle drei. »Und für wen arbeitet Ihr hier an dem Spielzeug?«

»Für die Kinder, die ich noch zu bekommen hoffe.

Die drei jungen Wichte brachen hier in ein helles Gelächter aus, so daß es weit in den finstern, einsamen Wald hineinschallte. Kaum hatten sie zu lachen aufgehört, als einer den andern wieder anstieß und nun ging das Gelächter von neuem los. »Hahaha!« lachte der eine, »hehehe!« der andre, »huhuhu!« der dritte, und sie zeigten mit Fingern auf die Alte und tanzten dabei und hüpften auf einem Bein und riefen: »Die will noch Kinder bekommen! Ei, du niedliches Mädchen, du hundertjähriges Bräutchen! Du Tausendsasachen von einem spitzbübischen kleinen Dinge! Du Allerweltstollkopf! Du Blitzmädel!« –

Die Alte arbeitete an ihrem kleinen Krame fort, ohne auf diese Reden zu achten.

Endlich wurden die drei des Spottes satt und fragten nun, ob ihre Wirtin nicht bald auftischen werde.

»Gleich, gleich!« erwiderte sie. Sie ging, holte ein Tischtuch, deckte auf, und darauf brachte sie eine gar schmackhafte Schüssel Gesottenes und dann eine Schüssel Gebratenes und dann eine Schüssel Backwerk, und zu jeder Schüssel immer drei Flaschen Wein. Die drei Soldaten schmausten wie die Götter. Einer nach dem andern mußte seinen Gürtel lösen und den Rock weiter knöpfen, sie schmunzelten einander an, erhoben ihre Gläser und ließen ihre Jungfer Wirtin leben. Dann erhoben sie nochmals ihre Gläser und ließen den Krieg leben, und zuletzt, wie sie gar nicht mehr wußten, wen sie sollten leben lassen, tranken sie die Gesundheit eines jeden Baumes im Walde.

Als die Lustigkeit noch höher stieg, faßten sie sich alle einander an und tanzten im Kreise, und juchheten und lachten und jubelten, ganz wie wilde, ausgelassene Burschen zu tun pflegen, denen einmal ein recht vergnügter Abend geboten wird.

Die Alte sagte endlich: »Na, nun wird's Zeit sein zu Bette zu gehn.«

»Wahr gesprochen, Jungfrau Honesta!« rief Martin, der älteste.

»Und wo steht das Lager?« fragte Franzel, der zweite.

»Wir brauchen kein Licht,« sagte Christoffel, der dritte, »wir wollen uns schon alle drei im Dunkeln in dem Bette zurechtfinden.«

Die Alte aber sagte: »Fein sittsam! Nicht unnütz gepoltert und gelärmt! Ich liebe das nicht. In meiner Wirtschaft geht alles am Schnürchen. Auch hat mein Bette zur Zeit nur Platz für noch einen. Es gibt der Nächte viele. Morgen und übermorgen sollen die beiden andern mein Bette haben.«

Christoffel sagte: »Alte, dein Bette hat nur Raum für noch einen? Willst du denn mit drin liegen?«

»Ei freilich.«

Die drei Kameraden sahen wieder einander an, aber diesmal verging ihnen die Luft zum Lachen. Ihre Gesichter wurden eines immer länger als das andere. Es kam ihnen die Alte und der Wald und die Hütte plötzlich ganz unheimlich vor und sie wünschten sich tausend Meilen von diesem Orte fern.

Indessen stand die Alte da, mit dem Licht in der Hand und wartete, daß einer der Gesellen ihr in die Kammer folgen werde. Allein alle griffen zu ihren Mützen und machten Miene sich sehr rasch empfehlen zu wollen.

»So ist's nicht gemeint!« rief die Hexe. »Einer nach dem andern soll mein Schlafgenosse sein, zum Dank für die freigebige Bewirtung, die ich euch gegeben. Nehmt euch in acht mich zu erzürnen, denn dann könnte es euch schlimm gehen, ihr Wichte.«

Die Mienen der Alten zeigten zur Genüge an, daß sie keinen Spaß verstand. Die drei traten zusammen und beratschlagten miteinander. Martin rief: »Meinethalben! den Hals wird's nicht kosten. Was ist denn weiter? Haben wir nicht manches Mal auf dem Schlachtfelde noch viel übler uns gebettet? Ein Soldat muß alles ertragen können. Wollt ihr nicht, so will ich. Ich will der erste sein. Ich will wie ein Sack schlafen und der Alten was vorschnarchen, daß sie glauben soll, die Trompete des jüngsten Tages blase.«

»Gut,« riefen die andern; »sieh, wie du durchkommst. Wir wollen abwarten was geschieht. Und sie blieben draußen vor der Hütte, während Martin mit der Alten hineinging. Sie schloß ihm ihre Kammer auf, in der ein großes Bette stand und an der Wand, zur Seite des Bettes, eine Tafel mit einem daranhängenden Schieferstift.«

»So, nun kleide dich aus, Bursche!« sagte die Alte.

Als dies geschehen war, rief sie: »Nun hilf auch mir mein Leibchen aufschnüren.« Sie gab ihm dabei einen Schlag auf die Finger und schalt: »Ei, wie du träge bist! Geht's nicht rascher?«

Als sie ins Bette stiegen, sang die Alte:

»Jetzt wollen wir Braut und Bräutigam spielen.
Doch sprich, was soll dein böses Schielen?
Ist dir das Kopfkissenchen zu hart?«
»Das Kopfkissenchen ist mir nicht zu hart,
Allein meine Braut ist mir zu apart.«
»Ist dir das Deckchen nicht lang genug?«
»Das Deckchen ist mir schon lang genug,
Ich wollt', es läge über das Ganze ein Tuch.«
»Sticht dich ein Federlein, oder ein paar?«
»Es sticht mich kein Federlein und kein paar,
Ich find' nur an der ganzen Sach' ein Haar.«
»Hat dir das Nachtlicht zu hellen Schein?«
»Das Nachtlicht hat einen guten Schein,
Nur zeigt es mir gar soviel dürr' Gebein.«
»Stört dich die summende Flieg' an der Wand?«
»Mich stört nicht die summende Flieg' an der Wand,
Wohl aber stört mich eine Knochenhand.«
»So widert das Mäuschen dich an, das da knirpt.«
»Das Mäuschen nicht widert mich an, das da knirpt.
Wohl aber die Alte, die um Lieb' noch wirbt.«
»Geräumig und hübsch ist das Kämmerlein.«
»Geräumig und hübsch ist das Kämmerlein,
Doch möcht' ich hundert Meilen weit von hier sein.«
»Nun denn! Beginn deine Schelmerei,
Ich wünsche nicht mehr, als drei mal drei.«
»Ei, geht zum Kuckuck! das ist zu viel!
Das ist mir doch außer allem Spiel.«
»Nichts da, du Spitzbub, es bleibt dabei,
Mach dich gefaßt auf drei mal drei!
Mit diesem Griffel in meiner Hand,
Schreib' ich deine Taten an die Wand,
Sind es neun Strichlein, zierlich fein,
Sollst du mit Dank entlassen sein.«

Was sollte der arme Wicht machen? Mit der Hexe war nicht zu spaßen; allein so sehr er sich auch Mühe gab, er brachte die richtige Zahl nicht heraus. Es fehlten immer noch ein paar Strichlein. »Alte!« rief er endlich, »ich will nicht meines Vaters Sohn heißen, wenn deine Rechnung richtig ist. Es geht nicht mit rechten Dingen zu, ich habe wenigstens schon fünfzehn gezählt.«

»Ei, Söhnchen, sieh auf die Tafel! Mein Stift irrt sich nie.«

»Aber der meinige auch nicht. Und kurz, der Teufel mag dich bedienen, alte Hexe! ich nicht.« – Und damit sprang er aus dem Bette. Die Alte fuhr mit einem brennenden Span, den sie geschwind aus dem Ofen riß, ihm nach und, indem sie rief: »Warte, warte nur, Söhnchen; ich will dir den Dank zahlen für dein sauberes Betragen.« Berührte sie ihn mit dem Span, und sogleich war der arme Bursche in einen zottigen schwarzen Kater verwandelt.

Mit dem zweiten Kameraden ging es nicht besser, und er wurde in einen Waldigel verwandelt.

Nun kam der dritte an die Reihe. Der hatte an der Türe gelauscht und hatte sich genau gemerkt, sowohl was die beiden Gefährten als auch was die Alte getan. Kaum war er mit ihr im Bette, so hub sie ihren Spruch an:

»Ist dir das Kopfkissenchen zu hart?«
Da antwortete er geschwind und mit lächelnder, freundlicher Miene:
»Das Kopfkissenchen ist mir nicht zu hart,
Und alles ist in der rechten Art.
Die Decke ist lang, es sticht kein Federlein,
Untadelhaft ist der Lampe Schein,
Es stören nicht Mäuschen, nicht Flieg' den Mann,
Der sich so hohen Glücks freuen kann.«

»Nun, das ist mal ein artiger Freier«, rief die Alte. »Jetzt keine Zeit verloren! –

Mit diesem Griffel in meiner Hand,
Schreib' ich deine Taten an die Wand,
Sind es neun Strichlein, zierlich fein,
Sollst du mit Dank entlassen sein.«

»Gut«, rief der junge Mann, »ich bin dabei; ihr dürft aber nicht heimlich, wie ihr's bei meinen Kameraden getan, die Striche wieder auslöschen, die schon auf der Tafel standen.«

Die Alte ward ganz siedendheiß vor Scham, als sie sich so ertappt sah.

Der junge Bursche sah es und rief lachend: »Nun wollen wir anfangen?«

»Nein«, entgegnete sie, »mir ist alle Luft vergangen. Wer hat dir mein Kunststückchen verraten?«

»Ich hab's hinter der Tür erlauscht.«

»Nun denn, so geh' deiner Wege, und sag' es niemand wieder.«

Damit wollte sie aufstehen, allein der Soldat, der sie so zitternd und bange sah, packte sie an der Gurgel, schüttelte sie herzhaft und rief: »So ist's nicht gemeint! Nicht vom Platze! Jetzt bin ich dein Herr. Schaff mir meine Kameraden wieder gesund zur Stelle und gib uns ein gutes Zaubergeschenk auf den Weg, dann soll dir deine Bosheit verziehen sein. Willst du das nicht, so machen meine fünf Finger mit deiner Kehle kurzen Prozeß.«

Die Hexe, die sich in seiner Gewalt sah, versprach alles was er von ihr forderte.

So kamen die beiden Verzauberten wieder zu ihrer menschlichen Gestalt.

Beim Abschied gab die Hexe dem ältesten einen Säckel, in welchem sich ein Hecktaler befand, dem zweiten gab sie ein »Tischchen deck dich«, und dem dritten verlieh sie einen Zauberhut, der ihn unsichtbar machte. »Jetzt brauchst du nicht an den Türen zu lauschen,« sagte sie, »wenn du den Leuten einen Streich spielen willst, sondern kannst mitten unter ihnen sein.«

Die drei Gesellen bedankten sich schönstens und gingen dann ihre Wege.

Nach einigen Irrfahrten kamen sie in ein großes, schönes Königreich, dessen Herrscher hatte eine wunderschöne Tochter, um deren Besitz sich sehr viele Freier bewarben, sie aber wählte keinen, sondern wartete immer noch auf einen bessern.

Die drei Soldaten machten sogleich einen Plan, an dem Hofe dieses Königs ihr Glück zu machen, und zwar sollte einer von ihnen der Mann der Prinzessin und König, und die zwei andern seine vornehmsten Räte werden.

»Nun ist die Frage,« hub Martin an, »wer von uns soll nun die Prinzessin haben und König sein? Eigentlich kann hier nur von mir und Franzel die Rede sein, denn du wirst selbst bekennen, Christoffel, daß du von uns dreien der häßlichste und unansehnlichste bist und am wenigsten geeignet, König und der Gemahl einer so schönen Dame zu sein.«

»So ist's auch«, sagte Franzel.

»Ihr seid sehr undankbar,« entgegnete Christoffel, »wenn ich nicht gewesen, so wärest du, Martin, ein Kater dein lebelang geblieben und du, Franzel, ein häßlicher Igel. Das solltet ihr bedenken. Übrigens ist das ein unnützer Streit, in dem wir uns befinden. Glaubt ihr, daß die Prinzessin sich wird vorschreiben lassen, wen sie wählen soll? Sie wird, glaubt mir, ganz nach ihrem eignen Kopfe handeln und auf wen ihre Wahl fällt, das kann keiner von uns wissen.«

»Das ist, im Grunde genommen, ziemlich verständig geantwortet«, bemerkte der älteste, und der zweite stimmte ihm bei, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte. Die Kameraden versöhnten sich wieder nach diesem kurzen Zwist und jetzt begab sich Martin ans Werk, eine ungeheure Menge Geld zu fabrizieren, denn die drei jungen Wichte wollten als wahre Krösusse auftreten und jeden andern Bewerber durch den Glanz, den sie um sich verbreiteten und den Aufwand, den sie machten, aus den Schranken treiben. Dies geschah auch. Jedermann wunderte sich über die reichen, jungen Ritter, die weit prächtiger wie Königssöhne auftraten. Alle Tage gaben sie Feste, oder waren bei Festen gegenwärtig, ausgenommen einen Tag im Monat, und zwar beim ersten Mondviertel; diesen Tag wandte Martin an, um unausgesetzt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, Geld zu prägen und da seine Hände bald müde wurden, so mußten die Kameraden ihm dabei helfen. Dagegen war zu einer gewissen Nachtstunde Franzel nie zu sprechen; er benutzte diese Zeit, um köstliche Speisen und Leckerbissen in großer Anzahl durch sein Zaubertischchen herbeizaubern zu lassen, mit denen er die Tafel des Königs und seine eigne versorgte. Kein Koch im Lande konnte diese Speisen nachmachen, so köstlich waren sie und von einem so feinen Geschmack. Diese Besonderheiten wurden von niemand näher untersucht, ausgenommen von der Prinzessin, die sehr schlau war und welche sogleich den Argwohn schöpfte, es könne hier nicht mit rechten Dingen zugehn. Allein wie sollte sie hinter das Geheimnis kommen? Das war allerdings nicht leicht; denn die drei Kameraden hatten sich das Wort gegeben, im äußersten Grade verschwiegen zu sein.

Die Prinzessin aber war, wie gesagt, schlau, und einem schlauen Weibe gelingt viel.

Fürs erste stellte sie sich in den ältesten verliebt, lockte ihm, mit dem Versprechen ihn zu ihrem Gemahl zu machen, sein Geheimnis ab, und als sie das Zaubersäckel hatte, ließ sie den armen Betrogenen in einen Turm werfen, wo ihn weder Sonne noch Mond beschien. Seinen Gefährten ließ sie sagen, er habe auf der Jagd sein Leben eingebüßt. Der ganze Hof glaubte es und betrauerte aufrichtig den schönen, freigebigen Ritter.

Mit dem zweiten machte sie es ebenso, nur mit dem Unterschied, daß sie ihn in einen tiefen Keller einmauern ließ, mit Nahrungsmitteln für einen Monat.

Was sie mit dem dritten beginnen sollte, wußte sie noch nicht recht, denn seine Zaubergabe war ihr nicht bekannt geworden, und da sie nicht wußte, was sie ihm rauben sollte, so ließ sie ihn fürs erste unberaubt. Sie ließ ihn jedoch nicht aus den Augen und machte ihm dieselben Hoffnungen wie den beiden andern. Aber da war die Schlaue an einen Schlauen gekommen und Christoffel, der sich von der alten häßlichen Hexe nicht hatte betrügen lassen wollen, war auch Willens, von einem hübschen Prinzeßchen dies nicht zu dulden. Er war fest überzeugt, daß seine Kameraden nicht tot wären, so wie erzählt wurde, und ferner war er überzeugt, daß die Prinzessin um ihr Schicksal wisse. Das erste was er tat, war, daß er der Prinzessin die Gaben wieder wegnahm, ohne daß sie ahnte, wer der Dieb war. Unsichtbar war er ihr in das Gemach gefolgt, wo sie ihre Schätze aufbewahrte, und mit unsichtbarer Hand hatte er in die Truhe gelangt, wo das kleine Tafelbrett und das Säckel lagen. Fort waren sie, und die Prinzessin hatte das Nachsehen, und das Übelste dabei war, daß sie nicht einmal sich zu beklagen wagte, weil sie sonst fürchten mußte, über die Eigenschaft der Zaubergaben befragt zu werden und die Mittel hätte verraten müssen, wie sie in deren Besitz gelangt. Aber ihr Argwohn auf den dritten war jetzt rege gemacht, und sie glaubte auf der rechten Spur zu sein. »Entweder«, sagte sie zu sich selbst, »hat er die Macht, durch verschlossene Türen zu gehn, oder er besitzt die Gabe, sich unsichtbar zu machen: eines von beiden. Was es ist, werde ich schon herauszubringen wissen.« Eines Abends, als sie allein mit ihrer Vertrauten im Gemache saß, das den Ausgang nach dem Garten hatte, seufzte sie und sagte: »Du beneidest mich, Fatime, um die vielen Liebhaber, die sich um mich drängen, allein wüßtest du, wie mir dieser Schwarm Langeweile macht, du würdest mich eher beklagen als beneiden. Erfahre, mein Kind, daß ich keinen irdischen Geliebten mag, seitdem ich das Glück habe, einen überirdischen gewonnen zu haben. Der Genius der drei silbernen Lilien ist mein Anbeter, und ich bin nicht wenig stolz, daß ich seine Blicke auf mich gezogen habe. Unsichtbar umschwärmt er mich und verläßt sein himmlisches Reich, um mir, einer Erdgeborenen, zu huldigen. Willst du die Wahrheit meiner Worte erproben, so geh und schau in den Kelch jener Lilie, die dort im Mondlichte sich stolz erhebt, dort wirst du ein Zeichen seiner Gegenwart, und daß er diese Worte vernommen, erblicken.«

Die Prinzessin, als sie das sagte, hatte schlau bedacht, daß, wenn ihr Verehrer die Gabe besäße, sich unsichtbar zu machen, er ohne Zweifel sie stets umgeben werde und somit auch höre, was sie eben gesprochen. So war es auch: Christoffel ging in die Falle. Er ließ einen Ring in den Kelch der Lilie fallen, und diesen goldenen Reif brachte die erstaunte Fatime ihrer Gebieterin.

Nun holte die Prinzessin die Zaubergabe heraus, aber sie wußte noch immer nicht, worin sie bestand.

Sie stellte sich nun verliebt in Christoffel, wie sie es mit seinen Kameraden auch gemacht, und nun versuchte sie ihm bald dieses, bald jenes Kleidungsstück zu nehmen, weil sie dachte, in diesem oder jenem läge die Kraft. Christoffel merkte, wo sie hinaus wollte, und gab ihr seinen Handschuh von der rechten Hand. Wie sie diesen angezogen, stellte er sich, als sei sie ihm plötzlich verschwunden.

»Aha!« rief die Prinzessin; »jetzt hab' ich's.«

Und als Christoffel einmal allein in seinem Zimmer war, sah er die Prinzessin eintreten, die völlig überzeugt war, daß sie von niemandem gesehen wurde. Sie trat an Kisten und Kasten und suchte nach den Gaben. Endlich fand sie sie; allein kaum hatte sie sie berührt, rief ihr Christoffel, der sich unterdes unsichtbar gemacht hatte, mit wütender Stimme zu: »Was willst du? Ich bin der Fürst des Himmels und der Erden und der, den du bestehlen willst, ist in meinem Schutze.«

Die vornehme Diebin erschrak heftig und fiel auf ihre Knie und gestand alle ihre Bosheit, indem sie nur bat, der Geisterbeherrscher möchte sie nur wieder frei lassen.

»Nicht eher,« sagte er, »als bis du gestehst, wo du die zwei Soldaten, meine Freunde, hinversteckt hast.«

Die Prinzessin zeigte den Ort an.

Christoffel ging und befreite seine Kameraden, die ihm herzlichst dankten. »Seht ihr wohl,« sagte er, »ich bin der häßlichste und unbedeutendste unter euch, aber gleichwohl hab' ich euch nun zweimal aus der Gefahr befreit.«

»Wir werden es dir ewig danken!« riefen die Beschämten. »Nimm du nun die Prinzessin und das Königreich. Wir wollen künftig niemand anders als dir gehorsam sein.«

Jetzt kehrte Christoffel zu der eingesperrten Prinzessin zurück und machte ihr – immer noch unsichtbar – den Vorschlag, ob sie zeitlebens wollte in jenem Turme eingeschlossen sein, wo sie den armen Martin hinverstoßen, oder ob sie den dritten Soldaten heiraten und ihn zum König machen wollte.

Natürlich entschied sich die Prinzessin für das letztere. Da nahm denn Christoffel seinen Hut ab und stand leibhaftig vor ihr. Die Prinzessin, da sie alle ihre Ränke gescheitert sah, und da ihr überdies der hübsche Soldat gefiel, sagte ja und bereute es nicht.

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