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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 15
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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firstpub1850
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Kinkerlinchen und Kackerlitzchen.

Ein König und eine Königin hatten eine Tochter, die war wunderschön, nur eins war, was sie arg verunzierte, nämlich eine Warze, die sie gerade auf der Oberlippe hatte; und zwar war dies keine gewöhnliche Warze, sondern vielmehr ein kleines Horn, das in alle Farben spielte und ein höchst widriges Ansehen hatte. Ein berühmter Magier, der den Hof des Königs besuchte, gab ein Mittel an, das häßliche Gewächs zu beseitigen, und das Mittel war der Kuß eines jungen Mannes, der noch nie geküßt. Es war aber in der Gegend des Hofes sehr schwer, einen solchen jungen Mann zu finden, und auf dem Lande entdeckte man ihn auch nicht. Die arme Prinzessin stieg alle Tage auf den Balkon ihres väterlichen Schlosses und rief:

»Welcher Mann kommt, und küßt mir meine – und weil sie sich schämte, so laut von ihrem Übel zu sprechen, setzte sie ganz leise hinzu – Warze«.

Es kam lange Zeit niemand, weil man nicht wußte, was die Prinzessin eigentlich geküßt haben wollte.

Nun traf es sich, daß in der Nähe des Königreiches ein fremder Prinz lebte, der herangereift gekommen war, weil man ihm gesagt, er würde hierselbst von einem häßlichen Übel, das ihm anhaftete, geheilt werden. Dies Übel war ein Höcker von ganz besonders häßlicher Form und starker Ausdehnung. Derselbe Magier, der der Prinzessin seinen Rat erteilt, hatte auch dem Prinzen ein Heilmittel vorgeschlagen, er solle sich nämlich den Höcker von einem Mädchen küssen lassen, das noch nie von einem Manne geküßt worden. Der Prinz erschien deshalb alle Morgen bei Sonnenaufgang auf der Warte des Turmes, den er bewohnte, und rief mit lauter Stimme ins Land hinein:

»Welches Mädchen kommt und küßt mir meinen –« und weil er sich ebenfalls schämte seine Mißgestalt so laut zu bekennen, setzte er ganz leise hinzu: »Höcker«.

Die Frauen und Mädchen hörten wohl diese Aufforderung, da sie aber den Prinzen für einen argen Schalk hielten und nicht wußten, was er geküßt haben wollte, etwa die Nasenspitze oder das linke Ohrläppchen, so wandten sie sich unwillig weg, und gingen von dannen.

Der Prinz und die Prinzessin behielten, jener seinen Höcker, diese ihre Warze.

Endlich fand sich ein Mädchen, das hatte noch keinen Mann geküßt, obgleich es schon siebzehn Jahre zählte, das Mädchen war eine Bäuerin und hieß Kinkerlinchen. Und endlich fand sich auch ein junger Schneidergeselle, ein blasses, feines Männchen, von noch nicht achtzehn Jahren, das hatte bis jetzt immer emsig in seinem Dachkämmerlein geschneidert und war keinem Manne, noch weniger einem Weibe jemals nahe gekommen. Dieser junge Mann hieß Kackerlitzchen, und befand sich gerade auf der Wanderschaft, als in dem genannten Königreich die Bekanntmachung wegen der Prinzessin verlesen wurde. »Ei,« sagte der Schneider, »wenn es weiter nichts ist; ein Weib hab' ich noch nicht geküßt, und des Königs Eidam zu werden, das gelüstet mich allerdings.« Der König hatte nämlich in der Bekanntmachung dem, der seine Tochter heilen würde, die Hand derselben und die Thronfolge im Reiche versprochen. Er fragte den Wirt des Gasthofes, in welchem er abgestiegen war: »Sagt mir, lieber Mann, was will denn die Prinzessin geküßt haben?«

»Ja, daß weiß niemand«, war die Antwort.

»Ist sie schön?«

»Ja, das weiß auch niemand. Man sieht sie nur ganz in der Entfernung auf dem Balkon erscheinen, ihren Spruch hersagen und wieder verschwinden.«

»Gleichwohl,« rief Kackerlitzchen, »und wenn sie ein Rhinozeros wäre und ich das Horn des Untiers küssen sollte, ich tue es doch, denn was tut man nicht um ein Königreich zu erwerben.«

Um dieselbe Zeit, als der junge Mann dieses Selbstgespräch führte, kam des Tores hineingewandert Kinkerlinchen, die von dem Prinzen gehört hatte, der ebenfalls geküßt sein wollte; und der dafür eben falls seine Hand und sein Königreich zugesagt hatte. Dieses beides wollte die junge Bäuerin erwerben. Kackerlitzchen und Kinkerlinchen machten miteinander Bekanntschaft, und teilten sich gegenseitig ihre Pläne mit. Aus Freude hierüber rief Kackerlitzchen: »Gib mir geschwind einen Kuß, hübsches Mädchen.«

»Ei, wo werde ich,« entgegnete sie. »Bedenke doch, daß ich noch nie geküßt habe, und daß ich, wenn ich nun küsse, die Gabe verliere, den Prinzen zu heilen.«

»Es ist wahr,« sagte Kackerlitzchen; »daran dachte ich in diesem Augenblicke nicht.«

»Siehst du wohl,« rief Kinkerlinchen; »wir Weiber sind immer gescheiter wie ihr. Aber ich will dir einen Vorschlag machen, wenn ich den Prinzen geheilt und das Königreich in Empfang genommen haben werde, so sage ich: ›Ew. Durchlaucht, ich mag Sie nicht,‹ und nehme mein Königreich und heirate dich.«

»Vortrefflich! und ich werde es ebenso mit der Prinzessin machen«, rief der verliebte Schneidergeselle.

»So haben wir beide zusammen ein ganz großes Königreich, und dazu hast du mich und ich dich!«

»Ganz gut! ganz gut!« rief er, »so soll es sein.«

Aber es wurde nicht so. Die Treulosigkeit der Männer schafft so manches Herzeleid. Als Kackerlitzchen die Prinzessin geküßt hatte, fand er sie so wunder schön, daß er mit Freuden ihre Hand annahm und das Königreich und dabei das arme Kinkerlinchen ganz vergaß. Als diese den Prinzen glücklich von seinem Höcker befreit hatte, sagte sie: »Herr Prinz, ich hab' schon einen Schatz; es tut mir leid, ich kann die Ihrige nicht werden.« Und somit ließ sie den Prinzen und das Königreich im Stich und zog Kackerlitzchen nach, und war bis in den Tod betrübt, als sie vernahm, daß dieser sein Wort gebrochen und treulos an ihr gehandelt. Eines Tages stand sie mitten im Regen im Schloßhof, gerade als die junge Königin und ihr Gemahl ans Fenster herantraten. »Wer ist die Bauerndirne dort unten?« fragte die Königin. »Wie kann ich das wissen,« entgegnete Kackerlitzchen, »soll ich etwa jede gemeine hergelaufene Dirne kennen?«

Da erhob Kinkerlinchen ihre Stimme und rief unter Tränen: »O du Erzböser, bin ich eine hergelaufene Dirne? Ich hätte eine Königin sein können, so gut wie du ein König, allein ich habe nicht gewollt, sondern aus Liebe zu dir und um mein Versprechen nicht zu brechen, bin ich ledig geblieben. Dies ist mein Dank!«

Nach drei Tagen ließ Kackerlitzchen das arme Mädchen zu sich kommen, und sprach zu ihr im geheim: »Wisse, Kinkerlinchen, daß ich mit meiner Gemahlin, der Königin, sehr unglücklich bin, und daß ich gar gern wünsche, sie wieder los zu sein. Hilf mir, daß ich von ihr befreit werde und ich will dich heiraten.«

»Wie soll ich das machen?« sagte Kinkerlinchen.

»Ich will es dir sagen. Drüben im Gebirge wohnt ein Riese, der nährt sich von nichts wie von Menschenfleisch, und besonders verspeist er gern junge Frauen, auch Mädchen, wenn er sie haben kann. Meine Gemahlin, die Königin, wäre so ein Bissen nach seinem Geschmack. Aber sie wird sich wohl hüten, mir ins Gebirge zu folgen. Du mußt nun zum Riesen hingehen und ihn schönstens bitten, mir einen Besuch inkognito abzustatten. Das heißt, es muß niemand, wie ich, wissen, daß er kommt, auch muß er eine recht dunkle Nacht zu seinem Besuche wählen; ich werde dann die Königin auf den Balkon führen und von da kann er sie sich herablangen. Ich spreche dann zum Volke, Räuber hätten sie entführt.«

Diesen Rat gab der böse Kackerlitzchen nur, um daß er Kinkerlinchen los werde; denn, dachte er, wenn der Riese die sieht, so fragt er nach keiner andern Speise und nimmt zuerst sie. Das gute Kind hatte aber kein Arg und ging gleich am nächsten Tage ins Gebirge hinaus. Sie ging und ging, bald in diesen Hohlweg, bald in jene Kluft, bald in diese Höhle, bald in jene Vertiefung, und immer fand sie den nicht, den sie suchte. Endlich an einem Abende, als sie schon wieder heimkehren wollte, hörte sie etwas rascheln und sah aus einem Felsenspalt einen greulichen Kopf hervorgucken. Das Ungetüm bemerkte sie nicht und sang vor sich hin:

»O wie nett,
Mein Prinzeßchen wird recht rund und fett!
Wo will es sich schicken,
Daß ich zuerst anbeiß,
An dem Busen oder am Steiß?
Beides zeigt sich meinen Blicken
Gleich appetitlich,
Gleich niedlich. –
Und welche Sauce wähl' ich
Die nicht zu scharf ist, und nicht zu ölig.«

»Ha!« rief Kinkerlinchen, »das ist der Oger, den ich suche, und wie ich merke, hat der Nichtswürdige gerade ein Opfer bereit, daß er verschlingen will. Ich muß dies arme Geschöpf, das noch obenein eine Prinzessin und von wunderbarer Schönheit ist, befreien.« Hier gilt es, Mut haben. Sie trat also in die Höhle und sagte: »Herr Oger, ich würde Ihnen vorschlagen, eine Lattichsauce zu nehmen, mit zerriebenen Eiern und etwa ein Quart Provenceröl; das wird nicht zu scharf sein, und nicht ölig, sondern grade recht.«

Der Oger sagte: »Kannst du's machen?«

Sie erwiderte: »Weshalb nicht? Ich bin eine gelernte Köchin.«

»Gut,« rief der Oger. »So bereite mir die Sauce; ich will unterdessen etwas schlummern. Aber wenn du mir davonläufst und vielleicht gar den Küchenschrankschlüssel mitnimmst, so gib acht, welch ein Unglück dir geschieht. Ich habe lange Beine und hole dich rasch wieder ein.«

»Ei, es fällt mir nicht ein, wegzulaufen; Ihr seid ein hübscher Mann, ich bleibe gerne bei Euch«, entgegnete Kinkerlinchen ganz dreist. Dies gefiel dem Oger, und er legte sich schlafen. Kinkerlinchen bereitete die Sauce, und als sie fertig war, goß sie dieselbe dem schlafenden Riesen ins Ohr, in die Augen und in die Nasenlöcher, so daß die scharfe Lauge ihn blind und taub machte, und er wie unsinnig in der Höhle herumfuhr, ohne zu sehen und zu hören, was um ihn vorging. »Wo ist die Köchin?« rief er, »wo ist die vermaledeite kleine Köchin, die mir diesen Streich gespielt hat, ich will sie –«.

Kinkerlinchen hörte nicht, was er sprach, sie war in die Kammer nebenbei geschlüpft und befreite hier die Prinzessin aus einem Käfig, in welchem diese arme Unglückliche, die stündlich ihren Tod erwartete, steckte. Beide liefen nun in den Wald hinein.

»Ich weiß eine vortreffliche Partie für Euch, gnädigste Prinzeß,« hub Kinkerlinchen an, als sie die junge Dame so niedergeschlagen sah, »hier in der Nähe wohnt ein Königssohn, der ausnehmend schön und tugendhaft ist. Ich sollte ihn heiraten, allein es wurde nichts daraus, vielleicht nehmt Ihr ihn, wenn Ihr ihn gesehen haben werdet, und ich ihm Euer trauriges Schicksal erzählt habe.«

»Aber wird er mich auch wollen?« fragte die Prinzeß.

»Ich zweifle durchaus nicht daran, daß er Euch will,« entgegnete das Bauermädchen. »Man muß nur in der Welt nicht den Mut verlieren.«

Und sie gingen an den Königshof, und der Prinz, als er die schöne Prinzessin kommen sah, wurde so vergnügt als er noch nie gewesen und rief: »Wenn es eine gibt, die mich über den Verlust meines teuren Kinkerlinchens trösten kann, so ist's diese.« Die Prinzessin weinte, als sie diese Worte hörte und sagte: »So soll ich denn doch noch glücklich werden! Wie werden sich meine Eltern freuen, die weit über Meer und Land hinaus wohnen, und mich schon längst als tot beweinten.«

Kinkerlinchen war bei der Hochzeit zugegen und blieb noch, auf inständige Bitten des jungen Paars, drei Wochen am Hofe. Dann sagte sie: »Ich muß fort, denn mich treibt die Liebe. Ich muß mein Kackerlitzchen wiedersehn. Obgleich es so schändlich an mir gehandelt, ich lieb' es dennoch.«

Kackerlitzchen war höchlich erstaunt, als er Kinkerlinchen gesund und frisch herankommen sah; er dachte geschwind eine neue Bosheit aus. Als er ihren Bericht angehört hatte, sprach er anscheinend sehr zufrieden: »Es ist gut, daß es so gekommen ist. Der Riese ist nun tot und die Gegend von ihm befreit. Ich will sehen, wie ich auf eine andere Weise meine Frau, die von Tage zu Tage mir mehr zuwider wird, los werde. Du mußt mir aber dabei helfen.«

»Gerne, was soll ich tun?«

»Siehst du jenen blauen Wald, ganz in der Ferne? Dort wohnt die Nichte des Ogers, eine höchst boshafte Fee, die Frau Kiribi heißt, und die Gewohnheit hat, ihre Kammermädchen am Spieße und bei langsamem Feuer zu braten. Sie hat schon auf diese Weise siebentausendundsechzig Kammermädchen umgebracht. Es will niemand mehr zu ihr in den Dienst. Sag' ihr, ich wüßte ein allerliebstes und sehr geschicktes Kammermädchen für sie, sie sollte nur kommen und es sich holen. Wenn sie dann kommt, liefere ich ihr meine Frau aus, und dann, wenn meine Frau am Spieße steckt, mach' ich Hochzeit mit dir. Bist du das zufrieden?«

»Ich bin's,« erwiderte Kinkerlinchen ganz erfreut, ihren trauten Schatz so sprechen zu hören. Sie suchte nun sogleich den fernen Wald auf und langte darin an, als eben die Abendröte hübsch golden und rot die Baumstämme bemalte. Eine schöne Dame, in einem Kleid von Purpurtaffent mit goldnen Schnüren und Troddeln besetzt, saß auf einer Rasenbank und hielt eine Laute von Elfenbein und Gold im Arme, auf der sie holdselige Melodien spielte, so entzückend schön, daß alle Vögel im Wald herbeigeflattert kamen und zuhorchten. Die Dame spielte und sang immerfort und kümmerte sich um nichts. Sie sang:

»Ich bin Frau Kiribi,
Ich hab' ein schön Gefieder,
Sind's gleich gestohlne Glieder,
Verraten werd' ich nie.
Denn eh mein Kammermädchen
Ausplaudert meine Kunst,
Hab ich sie schon am Fädchen,
Sie büßt in Feuers Brunst.«

Kinkerlinchen trat hervor und sagte: »Ach, gnädige Frau, ich wüßte Euch ein sehr vortreffliches Kammermädchen zu empfehlen, die Eure Gnaden gewiß gut bedienen würde; wollt Ihr mir folgen, dort in der Stadt wohnt sie.«

»Wozu brauche ich in die Stadt zu gehen, ich nehme dich! Du bist mir ganz recht,« rief Frau Kiribi. »Übrigens hast du mich singen gehört, und wer mich einmal singen gehört hat, der muß bei mir bleiben.«

»O gnädige Frau, ich habe wahrlich nicht verstanden was Sie sangen.«

»Gleichviel; du bleibst.« Dies sagte Frau Kiribi mit einem solchen Tone und mit einem so scharfen, befehlenden Blicke, daß das arme Kinkerlinchen nicht zu widersprechen wagte. Sie blieb also bei der Nichte des Ogers. Frau Kiribi bewohnte einen herrlichen Palast, wo die schönen Herrn und Ritter aus der Umgegend zusammenkamen, um sich einen guten Tag zu machen und bei der schönen Frau der Liebe zu pflegen. Gleich den ersten Abend mußte Kinkerlinchen ihrer neuen Gebieterin in die Schlafkammer folgen, um sie zu entkleiden. An dieser Schlafkammer war ein verborgenes Kabinett angebaut, dazu hatte nur Frau Kiribi den Schlüssel. Als das Kammermädchen die Dame entkleidet hatte, und diese nun splitterfaselnackt vor ihr stand, rief sie immer noch zornig: »Nun wird's bald! Kleide mich vollends aus!« Und als das ängstliche Kinkerlinchen nicht wußte, was sie noch ferner ausziehen sollte, rief Frau Kiribi: »Dumme Kröte, man sieht, daß sie ein Landmensch ist – hier die Nadeln! zieh sie heraus! nun – rasch! Wird's bald?« – Und Frau Kiribi zeigte auf kleine rote Nadelköpfe die hier und da, an der Schulter, an den Hüften, am Halse und an den Beinen hervorragten. Kinkerlinchen zog herzhaft an diesen Nadelköpfen und zog lange blutrote Nadeln hervor. So wie diese ausgezogen waren, fielen der Busen, die Hüften, die Wangen, die Schenkel, die Waden, der Bauch, die Schultern herab und lagen auf dem Boden, und Frau Kiribi stand als ein scheußliches Knochengerippe vor dem erschreckten Mädchen. Sie wendete sich zu ihr um und rief: »Nun, faule Dirne, was zögerst du? Pack die Putzstücke hübsch zusammen und trage sie dort in mein Toilettenzimmer. Morgen lege ich sie wieder an.« Kinkerlinchen nahm vom Boden die zerstreuten Glieder schaudernd zusammen und trug sie ins Kabinett und legte sie dort an das offene Fenster an die frische Nachtkühle. Übrigens herrschte ein sehr übler Duft nach Blut und Moder in dem Toilettenzimmer, und Kinkerlinchen, die sich im Dunkeln nicht umzusehen wagte, machte, daß sie baldigst wieder hinauskam. Sie schloß zu und gab den Schlüssel ihrer Gebieterin. Diese sagte: »Nun mußt du dich zu mir ins Bette legen; ich schlafe nicht gerne allein, weil mich immer friert.« Und das arme Kinkerlinchen lag neben dem scheußlichen Skelett, das seine dürren Knochen, an denen keine Faser Fleisch mehr war, eng um den frischen warmen Leib schmiegte. Es war gerade keine angenehme Nacht. Am Morgen sagte Frau Kiribi: »Mein Busen taugt nicht mehr, du mußt zu meiner Hofputzmacherin und Kleiderverfertigerin gehen, und mir geschwind einen neuen Busen bestellen. Mit den Hüften und den Schenkeln glaub' ich noch auszulangen, sie sind nicht so sichtbar, allein der Busen muß frisch und hübsch sein, denn der junge Graf reitet heute vorbei, und ich will am Fenster liegen, und ihn heranwinken.«

Kinkerlinchen ging zur Hofputzmacherin, diese war aber nichts Geringeres als eine Hexe, wie ihre Gebieterin, und zwar gab sie sich nur damit ab, junge hübsche Mädchen in ihre Höhle zu locken, sie zu töten und ihnen vorsichtig die schönen Glieder abzulösen, die sie dann für schweres Geld der Frau Kiribi verkaufte. Kinkerlinchen brachte einen sehr schönen Busen mit und Frau Kiribi legte sich ihn kaltblütig an, ohne auch nur mit einem Worte zu fragen, was aus der ehemaligen Trägerin desselben geworden war. Als Frau Kiribi vollkommen geschmückt war, sah sie wieder wunderlieblich aus, so blühend und jugendfrisch. Die häßlichen blutroten Nadeln wurden durch eine große Anzahl Perlenschnüre verdeckt, die darüber hinfielen.

Sie setzte sich nun wieder vor ihre Wohnung, nahm ihre Laute und sang wie früher:

»Ich bin Frau Kiribi
Und hab' ein schön Gefieder,
Sind's gleich gestohlne Glieder
Verraten werd' ich nie.
Denn eh mein Kammermädchen
Ausplaudert meine Kunst,
Hab ich sie schon am Fädchen,
Sie büßt in Feuers Brunst.«

»Aber ich werde dich doch verraten, schändliche Hexe!« rief Kinkerlinchen in vollem Zorn. »Ist's wohl erlaubt, auf solche Weise das junge Volk, die hübschen jungen Herren zu Dutzenden zu betören? Sie denken, sie küssen ein Wunder von Schönheit und sie pressen einen alten Moderbeutel ans Herz. O pfui doch!«

Und sie sagte es dem Grafen und dieser sagte es seinen Genossen und sie kamen alle und nahmen Frau Kiribi und ihre Helfershelferin so schnell gefangen, daß diese den Verrat Kinkerlinchens nicht Zeit hatte zu strafen. Jedoch war der Holzstoß schon aufgerichtet, auf dem sie brennen sollte.

Als Kackerlitzchen Kinkerlinchen auch hier wieder frisch und gesund heimkommen sah, er hatte gewiß gehofft, sie käme nie wieder, kam ihm nochmals ein niederträchtiger Einfall und er sprach zu dem armen, gehorsamen und betrogenen Mädchen: »Wenn's mit dem Riesen und Frau Kiribi nichts ist, so gibt's doch noch ein drittes Mittel, wie ich von meiner Frau loskomme, um dann dich zu heiraten. Am Meeresstrande, in einer Höhle, wohnt ein Drache, der liebt nichts so sehr, als von Jungfrauen sich zu nähren. Meine Frau ist zwar keine, allein da der Drache schon alt ist, dazu nicht gut mehr sieht, wird es mir, hoffe ich, doch gelingen, ihn dahin zu bewegen, daß er mir meine Last abnimmt. Er muß nur hierherkommen, denn die Königin, meine Frau, geht nicht an den Meeresstrand, weil sie schon weiß, daß es dort nicht ganz geheuer ist. Willst du also zu ihm gehen, und ihn recht schön bitten, herzukommen?«

»Ich will's tun«, antwortete Kinkerlinchen, »aber höre – wenn du mich dann wieder nicht nimmst?«

»Wie kannst du nur an der Redlichkeit deines Kackerlitzchen zweifeln?« fragte der ehemalige Schneider empfindlich. »Du kannst dir selbst nicht treuer sein, als ich es dir bin.«

»Nun gut«, sagte sie, »ich glaube dir nochmals; aber wenn du mich zum drittenmal in die Gefahr schickst, ohne daß ich merke, daß ich zum Ziele gelange, dann nimm dich in acht, dann ist's zwischen uns aus. Kinkerlinchen, mußt du wissen, ist ein geduldiges Mädchen, aber gar zuviel verträgt sie auch nicht.«

Mit diesen Worten ging sie fort und wanderte mehrere Tage, bis sie an das Meer kam, und dann mußte sie noch viel fragen, ehe man ihr die Wohnung des Drachen angab. Der Drache lebte als alter Junggeselle ganz angenehm in seiner Höhle und hatte eben einen Besuch von einem andern Drachen, einem Jugendkameraden, und beide saßen vor der Höhle und spielten Tricktrack. Die alten Knaben amüsierten sich vortrefflich. Sie sangen:

»In dieser Zeit ein Drache sein,
Hat gar sein Angenehmes,
Man führt so in den Tag hinein
Ein Leben, ein bequemes.
Wie andre Austern und Kaviar
Verspeist ein braver Drache,
Sein Jungfräulein in jedem Jahr;
Das ist so unsre Sache.«

»Guten Abend, meine Herren«, sagte Kinkerlinchen mit einem Knix; »kann ich nicht die Ehre haben, den Drachen Burlebu zu sprechen. Er soll hier in dieser Gegend wohnen.«

»Ich bin es selbst, mein schönes Kind,« entgegnete der alte Drache, indem er schmunzelnd ein Maul machte, das von einem Ohr bis zum andern ging.

»Ich soll Euch eine Empfehlung machen –«

»Was Empfehlung«, schnaubte der Drache lüstern, – »du selbst bist deine beste Empfehlung – komm her.«

»Laßt mich doch nur erst ausreden, gnädigster Herr.«

»Hast du nicht gehört,« hub das Ungetüm an, »daß ich für mein Leben gern Jungfrauen verspeise; und ich habe in diesem Jahre meinen Tribut noch nicht empfangen. Ich weiß nicht, was die trägen Fischer hier in der Gegend denken, sie haben mir noch nichts gebracht.«

»Herr Kackerlitzchen schickt mich« – hub das arme Mädchen wieder an –

»Ach, Herr Kackerlitzchen!« schrie der Drache freudig. »So bist du es, deren Empfang er mir vor wenig Stunden durch einen reitenden Boten hat melden lassen.«

»Ha, der Schändliche!« rief Kinkerlinchen in eine Flut von Tränen ausbrechend. »So hat er mich also doch wieder verraten. O wie abscheulich! So will ich denn nicht länger leben.«

Und ohne sich zu besinnen, warf sie sich dem Drachen in die Arme; allein kaum hatte die häßliche Schnauze des Untiers ihre zarten Lippen berührt, so erblickte sie eine seltsame und unverhoffte Verwandlung. Der widrige Wurm in ihren Armen ward in einen wunderschönen jungen Mann verkehrt, der zu ihren Füßen sank und ausrief: »Also du bist endlich einmal eine veritable Jungfrau! Die, die ich bis jetzt berührte, waren eitle Betrügerinnen. Der Zauber, so lautet der Spruch meines Geschicks, sollte so lange auf mir lasten, bis ich eine veritable Jungfrau in meine Arme schlösse. Nun ist's geschehen.«

Zu gleicher Zeit war auch die Höhle verschwunden, und ein schöner Palast stand am Meeresstrande. Dahinein führte der Prinz seine Braut. Kinkerlinchens bloße Nähe wirkte so segenbringend, daß der andere Drache ebenfalls entzaubert wurde, und als ein vornehmer Herr, ein Freund des Prinzen, sich darstellte.

Die Hochzeit wurde gefeiert und Kinkerlinchen wurde nun Königin.

Eines Tages kam ein Bettler vor ihre Tür und bat kläglich um ein Almosen. Als sie ihn näher betrachtete, erkannte sie Kackerlitzchen, der sein Königreich verloren hatte, der von seinem Volke und seiner Frau verjagt worden war, und der jetzt auf der Landstraße betteln ging.

»Kennst du mich wohl?« fragte Kinkerlinchen.

»Ach! Mein Gott!« schrie Kackerlitzchen – »du bist Kinkerlinchen, an der ich so großes Unrecht verübt.«

»Ja, zum Dank für meine Treue«, rief sie.

»Es soll nicht wieder geschehen.«

»Ich glaub' es wohl. Du sollst mich nämlich nicht wieder in die Falle bekommen.«

»Kinkerlinchen! Kinkerlinchen! Willst du mich umbringen lassen? Verdient hab' ich's.«

»Nein, ich will deinen Tod nicht,« antwortete sie. »Hier hast du ein Brot, einen Hering und eine kleine Korbflasche. Dieses Brot wird nie zu Ende gehen, solange du keine Lüge über deine Lippen bringst, der Hering wird so lange ausreichen, bis du einmal dem, der dir Gutes tat, Böses entgolten hast, der Wein wird nicht alle werden in dem Fläschchen, wenn du nicht vergißt alle Abende laut herzusagen: ›Dem Kinkerlinchen, das ich schändlich betrog und verriet, dank' ich dies alles. Es hat mich nicht getötet, obgleich es gar wohl es konnte. Ich werde ihm Zeit meines Lebens dankbar sein.‹«

Kackerlitzchen nahm die Gaben und ging. Nach dreien Tagen war er wieder da und bettelte von neuem. »Wo ist dein Brot?« fragte Kinkerlinchen.

»Ach,« entgegnete der Gefragte, »als ich aus deinem Palast herausging, fragte mich eine alte Frau, die an einer Krücke hinkte, ob hier nicht die schöne wohltätige Königin Kinkerlinchen wohne? Ich mißgönnte der Alten die Unterstützung und rief: ›Bewahre, die wohnt nicht hier. Da müßt Ihr noch zwölf Tage und zwölf Nächte gehen, weit ins Gebirge hinein, da findet Ihr sie.‹ ›So weit kann ich nicht mehr fort,‹ sagte die Alte und fiel zusammen am Wege und starb.«

»Und der Hering?« fragte Kinkerlinchen.

»Den verlor ich am zweiten Tage. Da begegnete mir ein armer Handwerksbursche, der gab mir, weil es gerade heftig regnete, seinen Mantel, und ging selbst unbekleidet, weil ich ihm glauben gemacht, daß ich krank sei. In der Nachtherberge, da er schlief, stahl ich ihm sein Kleidungsstück und lief damit davon.«

»Und der Wein?« fragte Kinkerlinchen, schon ganz erbittert und zornig.

»Der Wein,« entgegnete der unverbesserliche Wüstling, »der Wein ist heute alle geworden. Es ist wahrlich kein Tropfen mehr in der Flasche.«

»Und warum ist sie leer?« fragte sie.

»Weil ich deinen Spruch vergessen habe. Du meinst wohl, wenn man hungrig und verdrießlich zu Bette geht, daß man da noch Zeit haben soll alberne Danksagungen herzustammeln? Ich habe das Beten und Danken nie leiden können, selbst als ich noch Schneidergeselle war, und ich sollt' jetzt daran gehen, da ich geschmeckt habe, wie es ist ein König zu sein?«

Da antwortete Kinkerlinchen nicht weiter, sondern warf die Türe zu, und ihre Diener kamen und trieben den unverschämten Bettler aus dem Hofe heraus.

Am andern Morgen lag Kackerlitzchen verhungert im Schloßgraben. Kinkerlinchen jedoch war mit ihrem Mann glücklich bis an ihr Lebensende.

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