Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/ungern/braumaer/braumaer.xml
typefairy
authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
publisher
firstpub1850
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden(at)yahoo.de
created20120207
Schließen

Navigation:

Die Fee Langeweile.

Ein König und eine Königin hatten eine wunderschöne Tochter, an deren Wiege traten böse Feen und wünschten dem Kinde allerlei Übles. Als sie fort waren, kam eine Fee, die sah lieblich aus, trug auch ein weißes Gewand, war also keine böse Fee, die sagte den trostlosen Eltern: »Ich kann die Machtsprüche jener nicht völlig wirkungslos machen, allein ich will die bösen Folgen möglichst dämpfen. Eure Tochter soll bei allem dem doch ganz ungefährdet durchs Leben kommen.« Mit diesen Worten berührte sie das Kind mit ihrem Stabe und verschwand.

Der König begleitete sie die Treppe hinab, und als er wieder heraufkam, sagte ihm die Königin: »Lieber, wir haben sie nicht gefragt, wer sie war und wie sie hieß.«

»Ich hatte die Frage auf der Zunge,« entgegnete der König, »allein, sowie ich den Mund aufmachte, mußte ich gähnen und konnte nicht sprechen.«

»Seltsam!« rief die Königin, »ebenso ging es mir.«

Und dem ganzen Hofgesinde war es so gegangen, in der kurzen Viertelstunde, während die Fee in dem Palaste geweilt. Der Koch hatte eine Brühe verschüttet, weil er nicht die Anziemlichkeit begehen wollte, dem Oberküchenmeister, der gerade zuschaute, ins Gesicht zu gähnen, und während er sich abwendete und die Hand vorhielt, verschüttete er die Brühe. Dem Musiklehrer, der gerade den Hofdamen Stunde gab, blieb das hohe G in der Kehle stecken, und statt seiner wand sich ein widriger gähnender Ton langsam heraus. Der Kaplan, der die Frühmesse lesen sollte und eingeschlafen war, gähnte im Schlafe, die Hunde gähnten im Hofe, und selbst die Katze auf dem Boden unterm Dache ließ die eben gefangene Maus wieder frei, um zu gähnen. Es war seltsam, niemand konnte sich's erklären.

Als die Prinzessin herangewachsen war, kamen Feinde ins Land, eroberten es, und der König verlor sein Königreich. Überall wurde geplündert und gemordet. Auch in den Palast drang eine Schar, und die rohen Krieger fanden die zarte Jungfrau, wie sie eben willens war, mit ihren Hofdamen zu fliehen. Die Unholde stürzten über die Jungfrauen her und überwältigten sie schmählich; auch an die Prinzessin machten sich zwei Kannibalen, und schon war es ihnen gelungen, ihr die sammetnen Gewänder vom Leibe zu reißen und sie auf den Boden zu werfen, als sie plötzlich innehielten, und in so anhaltendes Gähnen ausbrachen, daß sie die Kinnbacken gar nicht mehr zusammenbekamen.

»Teufel! was gibt's hier zu gähnen?« riefen die Kameraden dieser Wütriche. »Ist euch denn die Sache so langweilig; alle Wetter! uns kommt sie sehr belustigend vor.«

»Uns auch« – riefen jene – »aber – –« und nun fingen sie wieder an zu gähnen.

»Schlafmützen!« riefen die Wütenden; »selbst hierbei können sie die Augen nicht offen halten. So laßt uns heran.«

Und wie sie kamen, und kaum mit ihren vorher blutgetränkten Händen den Leib der schönen Prinzessin berührt hatten, gähnten sie ebenfalls wie toll. Da brach der ganze Trupp in Lachen aus und rannte von dannen. Die Prinzessin war aus einer großen Gefahr gerettet. Die Hofdamen, die nicht gerettet waren, suchten sich damit zu trösten, daß es im Kriege nun einmal nicht anders herzugehen pflegt.

Die Prinzessin flüchtete in ein benachbartes Königreich, wo ein sehr schöner Prinz eben den Thron bestieg. Der nahm die schöne Unglückliche bei sich auf und heiratete sie.

Aber das Mißgeschick, das die bösen Feen heraufbeschworen hatten, setzte seine Verfolgungen fort. Der junge König, der sehr mißtrauisch und eifersüchtig war, faßte einen Verdacht gegen seine Gemahlin, als sei sie ihm untreu, und ließ sie zum Tode verurteilen. Die Knechte, die sie morden sollten, hatten nicht den Mut dazu, und setzten die schöne Frau im Walde aus. Hier lebte sie in größtem Elend, von Wurzeln sich nährend, in einer Höhle.

Da kam eines Abends ein Mann in einem schwarzen Mantel, mit einem roten Unterfutter zu ihr und setzte sich auf die Bank vor der Höhle.

»Wer sind Sie?« fragte die Prinzessin.

»Ich bin der Teufel und komme, Sie zu verführen.«

»Mich verführt man nicht so leicht«, entgegnete die Prinzessin lächelnd.

»Ei, mein Schatz, lehren sie mich nicht die Weiber kennen!« sagte der Teufel mit einer groben Miene. »Ein junges Mädchen, das so allein im Walde wohnt und noch dazu so leicht bekleidet geht –«

»Ich bin von meinem Manne unschuldig verfolgt und verjagt«, sagte die Prinzessin.

»Unschuldig,« rief der Teufel und lachte höhnisch. »Man kennt das. Bei mir, mein Engel, kommen Sie mit dergleichen nicht durch. Wie gesagt, ich will Sie in die Hölle bringen.«

»Aber ich will nicht hinein!« schrie die Prinzessin wütend.

»Man fragt die Leute nicht,« sagte der Arge. »Ich führe Sie ab. Vorher aber möchte ich eine Tasse Tee trinken. Hier unterm großen Eichbaum vor der Höhle muß sich's ganz hübsch sitzen lassen. Haben sie Teegeschirr bei sich?«

»In einer Höhle hat man kein Teegeschirr,« entgegnete die Prinzessin, die da hoffte, der böse Gast würde sich jetzt davon machen; allein er blieb, ließ durch seine Geister einen Teetisch unter der Eiche hinzaubern, setzte sich hin, braute sich Tee, goß der Prinzessin auch eine Tasse ein und fragte: »Befehlen Sie mit Arak oder mit Sahne?«

»Ich werde mir etwas Sahne ausbitten«, entgegnete die Prinzessin.

»Gut, hier ist welche. Ha, sie tanzen gewiß und singen auch sehr schön? Nicht wahr? Meine Geister haben da eine Laute mitgebracht. Wohlan, meine Schöne, singen Sie mir etwas vor, und tanzen Sie zugleich. Ich bin ein Freund der schönen Künste.«

Die Prinzessin ergriff die Laute und sang eine Romanze, die hundertundsiebzig Verse hatte. Der Teufel goß ungeheuer viel Arak in den Tee, demnach konnte er bei dem Gesange nicht munter bleiben. Er gähnte fürchterlich und entschlief, ehe die Prinzessin noch den Tanz begonnen hatte.

Die Prinzessin steckte alles Silberzeug vom Teetisch ein, und entlief so rasch als sie konnte. »Gott sei Dank!« rief sie, »ich bin der Hölle und dem Teufel entgangen. Wieder eine große Gefahr überstanden.«

In der nächsten Stadt verkaufte sie das Silberzeug – den Teufel zu bestehlen kann unmöglich eine Sünde sein –, kaufte dafür neue Kleider und setzte ihre Reise fort. Sie wollte eigentlich in das ehemalige Königreich ihrer Eltern zurück, allein sie wußte den Weg nicht.

Als sie eines Abends ratlos vor einem Wegweiser stand, dessen beide Arme abgebrochen waren und der deshalb nur seinen guten Willen kundgab den Weg zu zeigen, aber ihn in Wahrheit nicht zeigte, sah sie eine alte Frau, die über und über in Tücher und lange schleppende Gewänder gehüllt war, auf sich zu humpeln.

»Gute Alte, gehen wir vielleicht einerlei Weg?« fragte sie.

»Es ist unmöglich,« war die Antwort, die dumpf unter den Tüchern hervorscholl, »jeder Weg, den ich einschlage, ist für mich der rechte.«

»Ei, habt Ihr so viel Gänge zu tun?«

»Entsetzlich viele.«

»Man erwartet Euch wohl überall?«

»Man erwartet mich nirgends.«

»So überrascht Ihr neue Freunde?«

»Ich habe keine Freunde. Wer mich kommen sieht, wünscht sich zehntausend Meilen weit von mir.«

»Wer seid Ihr denn?«

»Ja, ratet mal.«

»Wie soll ich's raten?« sagte die Prinzessin unwillig. »Ich kann ja nicht einmal Eure Nasenspitze sehen.«

»Nasenspitze?« wiederholte die Alte; »die hab' ich nie gehabt. Das ist das Charakteristische in meinem Gesichte.«

»So laßt mich in Eure Augen blicken.«

»Zufällig hab ich keine.«

»So laßt mich Euren Mund sehn.«

»Er ist etwas groß, ich schäme mich seiner.«

»Ei, seid Ihr so eitel, gute Alte?«

»Nennt mich nicht ›Alte‹. Wißt Ihr denn, ob ich ein Weib bin?«

»So seid Ihr ein Mann.«

»Ja, und noch dazu der Eurige!« rief der Tod, und warf alle Hüllen weg und stand als Knochengerippe vor der erschreckten Wanderin. »Kommt, kommt! Ihr habt mich nicht umsonst nach dem Weg gefragt, ich will Euch nach Hause leiten.«

»Ich danke,« rief die Prinzessin. »Ich besinne mich eben, daß die Gegend mir doch nicht so ganz unbekannt ist; ich werde mich allein nach Hause finden.«

»Nichts da, Ihr kommt mit mir, mein Schatz. Dem Tode entrinnt man nicht. Nur bis zum nächsten Meilenzeiger will ich Euch leben lassen. Erzählt mir unterdessen etwas – wir plaudern zusammen, während wir weitergehn.«

Die Prinzessin hub an zu erzählen. Der Tod setzte sich auf eine Bank am Wege und gähnte. »Etwas rascher,« rief er, »ich liebe nicht die langen Erzählungen. Wollen wir gleich zur Entwicklung kommen?«

»Wir sind schon ganz nahe dabei«, entgegnete die Prinzessin, die sich neben den Tod auf die Bank gesetzt hatte.

Der Tod zog seine Uhr hervor und rief erschreckt: »Paff! schon ein viertel auf zwölf. Um zwölf Uhr muß ich in der Stadt sein. Bis dahin hält der Hokuspokus des Arztes noch das Leben des Königs auf.«

»Welches Königs?« fragte die Prinzessin. Aus der Antwort des Todes erfuhr sie, daß es ihr grausamer Gemahl sei, der auf dem Sterbebette lag. »Ach!« rief sie, »wenn er tot sein wird, ziehe ich in die Stadt ein und bin Königin. Vorher muß ich mich aber von dem Tod freimachen.« Und sie erzählte weiter.

Der Tod gähnte, als wollte er eine ganze Welt verschlingen. Die Prinzessin erzählte immer weiter; endlich fiel der Tod von der Bank und lag im Grase und schlief wie ein Murmeltier. Diesen Zeitpunkt benutzte die Prinzessin, um zu entschlüpfen. So war sie auch aus der dritten, ihr prophezeiten großen Gefahr befreit.

Jetzt ging sie in ihr Königreich und regierte dort viele, viele Jahre. Es war ununterbrochener Friede unter ihrem Zepter. Kein Krieg, kein Aufstand, nicht einmal ein Auflauf auf den Straßen kam zustande. Wozu das? fragten sich die Untertanen, es macht uns doch nur Langeweile. Sehr viele starben aus Langeweile, aber es war ein seliger Tod, und man beneidete sie. Endlich starb die Königin auch. Da der Teufel sie nicht in der Hölle aufnehmen wollte, denn er wußte es aus Erfahrung, wie böse mit ihr zu verkehren war, brachte man sie auf den Mond. Von dem Augenblick an kam der Mond nie aus dem ersten Viertel heraus. Die Astronomen, die am Himmel herumstöbern und jede Heimlichkeit daselbst herausbringen, bemerkten, daß der Mond sich eine Schlafmütze über die Ohren gezogen hatte und daß er fest schlief. Man mußte die Königin wieder fortnehmen und brachte sie auf die Sonne. Alsbald merkten wieder die Astronomen, daß an der Sonnenscheibe ein ungeheurer schwarzer Fleck sich kundgab. Als sie näher hinschauten, war es ein fürchterliches Maul, das die Sonne gähnend aufsperrte, und das sie gar nicht wieder schloß, so daß es bereits begann auf der Erde so dunkel zu werden, daß die Schneider in der Mittagsstunde nicht mehr das Öhr ihrer Nadeln finden konnten, um den Faden einzufädeln. Es war demnach hohe Zeit, daß man die unglückliche Königin wieder schleunig von der Sonne wegnahm. Man brachte sie auf einen Stern, aber flugs wichen die andern Sterne, siebenzig Millionen Meilen in der Runde, aus ihren Bahnen, und wenn man nicht wollte, daß das ganze Weltsystem auseinander fiele, so mußte man auch hier die Königin schnell fortbringen. So brachte man sie denn in den Himmel, wo sie eigentlich nicht hinkommen sollte, weil sie dessen noch nicht würdig war. Die Heiligen, die alles über winden und ertragen, überwinden und ertragen auch die Langeweile.

»So ist's denn wahr geworden,« rief die Königin, »das Mißgeschick das mir zugedacht war, hat sich in Glück verwandelt. Dank sei der gütigen Fee, die an meiner Wiege erschien.«

Wer die Kunst zu ennuyieren
So recht aus dem Grund versteht,
Den kann kein Unglück mehr berühren,
Er herrscht in ew'ger Majestät. –
Er tötet seine Feinde
Mit unsichtbarem Pfeile.
Nicht Tod, nicht Sünde, nicht Teufel
Hält Stand der Langenweile.
Sie weichen alle.
Das Weltall selbst,
Die Sterne, die kreisenden Sonnen,
Die ewigen Bronnen,
Sie alle zerstieben,
Und sinken in Nichts,
Vor dem Strahl des Angesichts,
Vor dem unsichtbaren Pfeile,
Der mächtigen Fee,
Der Fee Langeweile.
Der schlaue Alte und die vier entlaufenen Mädchen.

Es geschah einmal, daß vier junge Mädchen ihren Eltern entliefen, und sich in der Irre im Lande herumtrieben, ohne daß man ihrer wieder habhaft werden konnte, denn sie hielten redlich zusammen und zufällig sahen sie sich auch untereinander sehr ähnlich. Unter diesen vieren war eine eine Bäuerin, die andere ein simples Fräulein, die dritte eine Gräfin und die vierte eine Prinzessin. Aber wie gesagt, sie hielten treu beisammen und hatten sich das Wort gegeben, keine wolle die andere verraten und jede sollte in Gefahr und Not der Gefährtin beistehn.

Da war nun guter Rat teuer.

Wie sollten nun die Angehörigen wieder in Besitz dieser Mädchen kommen?

Es wohnte ein alter weiser Mann in der Nähe, und an den wandten sich der König, der Graf, der Vater des Fräuleins und endlich auch der Bauer.

»Meine Herren,« entgegnete dieser weise Mann, »ich bin kein Zauberer, noch habe ich mit Hexen oder Feen irgendwie Gemeinschaft, allein was natürlicher Mutterwitz leisten kann, das hoffe ich auch zustande zu bringen. Wir wollen mal sehen.«

Damit entließ der weise Mann den Gesandten des Königs und des Grafen; der Vater des Fräuleins und der Bauer waren in Person erschienen.

Mittlerweile streiften nun die vier Mädchen im Lande herum, fest überzeugt, daß niemand sie erkennen werde, denn sie hatten die List gebraucht, alle vier sich ganz gleich zu kleiden, und ganz dieselbe Sprache und Manier anzunehmen, wenn sie irgendwo in menschliche Gesellschaft kamen.

So kamen sie denn auch zum weisen Manne und verdangen sich bei ihm als Mägde.

»Wie heißt ihr«, fragte der weise Mann, der schon merkte wen er vor sich hatte.

»Ich heiß Ursel«, sagte die Prinzessin.

»Und ich Grete«, rief die Gräfin.

»Und ich Annemarie«, sagte das Fräulein, und die Bäuerin setzte hinzu: »Und ich Superba.«

»Ach!« dachte der Bauer bei sich: »Superba ist kein Bauername; es ist möglich, daß diese die Prinzessin ist. Nun wir wollen mal sehen!«

»Liebe Kinder,« sagte er, »ich will euch fürs erste ein Abendessen vorsetzen, denn ihr werdet hungrig sein. Welche von euch ist gewohnt mit silbernen Löffeln zu essen? Sagt es frei heraus, denn ich besitze in meinem ganzen Vermögen nur zwei silberne Löffel, die andern sind von Zinn.«

Die Prinzessin und die Gräfin hätten für ihr Leben gern gesagt: wir wollen die silbernen Löffel, allein sie hielten an sich, sahen das Fräulein und die Bäuerin an, und da diese mit dem Kopfe nickten und ein Zeichen gaben, riefen sie: »Ei seht doch! wir sind alle vier Bäuerinnen, wie kommt Ihr nur auf diese Frage? Keine von uns ist an silberne Löffel gewöhnt, und wir bitten Euch, gebt uns zinnene, wie es Euren Mägden geziemt.«

»Wie ihr wollt,« sagte der weise Mann, der da merkte, daß auf diese Weise das Rätsel sich nicht wolle lösen lassen. »Nun, wir wollen mal sehen,« sagte er, und legte den Finger an die Nasenspitze, indem er die vier Damen sich genau betrachtete. Allein es half ihm nichts, denn sie sahen alle vier ganz gleich aus. Dieselben roten Mieder, dieselben blauen Röcke, dieselben grauen Strümpfe, dieselben Haarzöpfe!

Der weise Mann fühlte sich nicht um ein Haarbreit weiser wie jeder Dummkopf, und er legte nochmals den Finger an die Nasenspitze. Da fiel ihm nochmals etwas ein. Er setzte vor jedes der Mädchen ein Glas Warmbier und dachte dabei: die Prinzessin wird nur nippen, denn ohne Zweifel ist Warmbier nicht das Getränk, an das sie gewöhnt ist, die Gräfin gleichfalls, auch das Fräulein, die Bäuerin wird in vollen Zügen trinken.

Allein er irrte sich auch hier. Wie vorhin das Fräulein und die Bäuerin der Prinzessin und der Gräfin Zeichen gegeben hatten, so jetzt umgekehrt gaben diese jenen ein geheimes Merkmal, und die Prinzessin und die Gräfin tranken ihr Warmbier in ebenso vollen Zügen, wie es die Bäuerin und das Fräulein taten.

Abermals wußte der weise Mann nicht, was er hatte wissen wollen. »Wir wollen mal sehen!« sagte er nochmals, »es ist nicht aller Tage Abend. Wer sich am Tage verstellt, nachts verstellt er sich nicht, und wenn man verhindert wird, sich Zeichen zu geben, so handelt man ohne Zeichen unverstellt. Wir wollen die Nacht abwarten.«

Die Nacht kam und jedes der Mädchen erhielt seine eigene Schlafkammer.

Vorher hatte der schlaue Alte heimlich unter dem Pfühle einer jeden einen kleinen Kieselstein verborgen, ungefähr in der Größe eines Kibitzeies. Nun wartete er ab, und wie sie am Morgen wieder zum Vorschein kamen, fragte er, wie sie geschlafen hätten. »Gut,« entgegneten alle viere. Aber der Alte merkte alsbald, daß drei der Mädchen trübe Augen hatten, wie jemand, der die ganze Nacht hindurch gewacht, und nur die vierte hatte klare Augen. Als daher die Nacht wiederum kam, stellte er sich lauschend bald hinter diese, bald hinter jene Tür, guckte durch ein Astloch und gewahrte nun, wie drei der Mädchen auf ihren Betten aufrecht wie ein Licht saßen und kein Auge zutaten, die vierte aber schlummerte auf ihrem Lager ganz vortrefflich. Nun hörte er auch, wie die eine der wachenden zu der andern sagte: »Ich weiß nicht, ich kann auf meinem Bette nicht schlafen, es liegt irgendwo ein Stück Felsen, das reibt und stößt mir die Hüfte durch, wenn ich darauf liege.« »Geradeso geht es mir,« rief die andere. »Und mir nicht um ein Haar besser,« bemerkte die dritte. »Der Alte hat ganz erbärmliche Betten.«

»Aha!« rief der schlaue Alte, »nun hab' ich's. Die vierte, die da ruhig schläft und nichts merkt, ist die Bäuerin; die ist an ein hartes Lager gewöhnt; die merkt nichts von dem Felsenstück.«

Am Morgen fragte er wieder die vier Mädchen, wie sie geschlafen, und sie antworteten wieder »gut«. Aber die drei, die kein Auge zugetan, hatten diesmal noch trübere Blicke, die vierte sah aber lustig aus, wie gewöhnlich.

Der schlaue Alte ließ sich nichts von seiner Entdeckung merken. In der nächsten Nacht legte er in die Betten der drei ersten einen Pflaumenkern. Denn, sagte er bei sich, nun muß ich herausbringen, wer das Fräulein ist.

Nun saßen nur zwei wie ein Licht aufrecht im Bette, die dritte schlief ganz gut.

Am Morgen sagten wieder alle vier, sie hätten gut geschlafen, aber von den drei Paar trüben Augen waren nur ein Paar helle geworden.

»Ich weiß, was ich weiß!« sagte der schlaue Alte und legte den Finger an die Nasenspitze. »Jetzt wird es schwer sein ans Ziel zu kommen, denn die Gräfin und die Prinzessin haben so ziemlich einerlei Art. Allein wir wollen sehen.«

Jetzt legte er eine Erbse in beide Betten; allein weder die eine noch die andere konnte schlafen. »Was ist dir?« fragte die eine die andere. »Ich weiß nicht,« entgegnete diese, »es liegt in meinem Bette ein Stein wie ein Kinderkopf groß, ich kann nicht schlafen.«

»Geradeso geht's auch mir,« entgegnete die andere. »Wenn der Alte nicht bessere Betten anschafft, so geb' ich den Dienst bei ihm auf.«

»Ei, ei, ihr Vögel!« lachte der Alte, »ist euch eine Erbse und ein Kinderkopf von derselben Größe? Das ist spaßhaft. Allein wir wollen sehen.«

Und er legte eine Linse zwischen das Bettuch und den Pfühl.

Da hörte er die Klage: »Wieder nichts mit dem Schlaf! Es liegt etwas wie ein Hühnerei groß in meinem Bette.«

»Geradeso etwas liegt auch in meinem Bette!« rief's an der andern Tür.

»Hol' euch beide der Kuckuck!« murrte der Alte. »Ihr verwünschten, verzogenen Katzen! Wie soll ich mit euch fertig werden? Da reicht ja die Schlauheit des Schlauesten nicht mehr hin. Aber ich muß die Prinzessin herausfinden. Wollen wir einmal sehen!«

Und er legte ein zusammengerolltes Rosenblatt in jedes Bette.

Jetzt hatte er's getroffen.

Die eine schlief vortrefflich, die andere konnte auch diesmal kein Auge zutun, und diese andere war die Prinzessin, die so zart gewöhnt war, daß selbst ein zusammengerolltes Rosenblatt auf ihrem Lager sie belästigte. Der Alte ließ jetzt verkünden, er hätte die vier entlaufenen Mädchen richtig gefunden, und man sollte kommen sie abzuholen. Da kamen die Gesandten des Königs und des Grafen, und mit ihnen stellte sich der Vater des Fräuleins und der Bauer ein.

»Aber hast du auch wirklich die Rechten?« fragten alle vier. »Es sind uns so viel Unrechte zugeführt worden.«

»Es sind die Rechten,« entgegnete der schlaue Alte, »wenn sie's nicht sind, so schlagt mir den Kopf ab.«

»So sei es!« sagte der Gesandte des Königs. »Wir lassen uns nicht weiter betrügen. Die Mädchen sind gar zu schlau.«

»Ja, das sind sie. Aber sagt mir, ihr Herren, was bekomme ich für meine Mühe?«

Nun dachten die Gesandten und die zwei Väter hin und her, was sie dem Manne geben sollten. Der Bauer kratzte sich hinterm Ohr und murmelte vor sich hin: »Ich armer Mann, was soll ich geben? ich hab' ja nichts. Ich hab' nur einen einzigen Dukaten, und der ist noch beschnitten.«

»Ich will euch einen Vorschlag machen,« hub der schlaue Mann an, »gebt mir in Gewicht so viel an Gold, als die vier Gegenstände betragen, die ich in den vier Betten der Mädchen gefunden.«

»Potztausend!« riefen die beiden Gesandten heimlich zueinander; »er hat am Ende einen Liebhaber in diesem wie in jenem Bette gefunden, und wir müssen in Gold bezahlen was so ein handfester Bauernbengel wiegt, denn hier auf dem Dorfe werden doch keine andern Liebschaften zu finden sein. Nein, das geht nicht! Das geht nicht! Wenn wir auch reich sind, so reich sind wir doch nicht.«

Der Vater des Fräuleins sagte: »Was kann er im Bette meiner Tochter gefunden haben? Vielleicht ihr Schoßhündchen? Das wäre eine saubere Geschichte, wenn ich in Gold zahlen sollte, was der Köter wiegt! Nein! nein! Ich liebe zwar meine Tochter sehr, allein so viel kann ich nicht geben, um sie wieder zu bekommen. Ich würde für meine ganze Lebenszeit ein bettelarmer Mann.«

Der Bauer dachte bei sich: »Was kann meine Strusel bei sich im Bette liegen gehabt haben? Sie ist ein ordentliches Mädchen, und dann hat sie auch nichts. Aber gleichviel, was es auch sei, ich geb's in Golde, und wenn ich auch meinen einzigen Dukaten und dazu mein Häuschen und Höfchen und mich selbst dazu hingeben sollte.«

»Nun, meine Herren?« fragte der schlaue Alte, wie lautet eure Antwort.

»Wir werden uns noch bedenken,« erwiderten die zwei Gesandten und der Vater des Fräuleins. Der Bauer aber rief: »Nur her damit! was es auch sei, ich zahle!«

Der schlaue Alte ärgerte sich über die drei ersten Antworten, und freute sich nicht wenig über die letztere. Er erwiderte demnach: »Nein, meine Herren, was ich in Vorschlag brachte, war nur zum Scherz gesagt und um zu prüfen, wieviel Wert ihr auf eure Angehörigen legtet. Was mich betrifft, so hab' ich grade soviel, als ich brauche, und kann eher etwas verschenken, als daß ich nötig hätte, Geschenke anzunehmen. So will ich denn aus meiner Kasse jedem von euch das in Gold geben, was der Gegenstand wiegt, den ich in den Betten der Mädchen gefunden.«

»Ach, das läßt sich hören,« sagte der Gesandte des Königs mit einem tiefen Bückling, und dachte nun nicht anders, als würde er samt der Prinzessin auch das Gewicht ihres vermeintlichen Liebhabers in Gold heimbringen, und dafür gut bezahlt werden. Ebenso dachten der Gesandte des Grafen und der Vater des Fräuleins, der schon berechnete, daß der Schoßhund lange nicht geschoren sei und daher viel Wolle angesetzt haben müsse. Der Bauer dachte: »Nun, es wird das kupferne Ringlein sein, das mein Kind noch von der Mutter geerbt. Ei, den Ring in Gold zu bekommen, ist auch nicht übel.«

Aber alle vier täuschten sich in ihren Erwartungen, als nun der schlaue Alte die Gegenstände hervorholte, und dem Gesandten des Königs ein dünnes Goldblättchen, gleich dem zusammengerollten Rosenblatte, dem Gesandten des Grafen ein Goldkörnchen, einer Linse groß, dem Vater des Fräuleins eine goldene Erbse, dem Bauer aber einen tüchtigen Goldklumpen, wie ein Kibitzei groß, übergab.

So hatte der schlaue Alte sein Wort gelöst, und gab dem ehrlichen Bauer nebst der Tochter auch Reichtum ins Haus, den er verdiente; die drei andern hatten zwar die entlaufenen Mädchen, aber dafür Neid, Bosheit und Verdruß in ihrem getäuschten Herzen.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.