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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 11
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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Die verhüllte Fee.

Es war einmal ein König, und dieser König hatte eine Tochter, und diese Tochter wollte heiraten. Sie sagte: »Ich will einen recht vollkommenen Mann. Was nützt es, wenn ich einen Herzog oder Prinzen oder Grafen heirate, und er ist kein vollkommener Mann. Ich will aber einen vollkommenen Mann, es ist gleichviel, ob er ein Bauer oder ein König ist.«

Diese Rede hörten zwei Witwen, die in der Nähe des Königpalastes wohnten, und von denen jede einen Sohn hatte. Leider waren diese Söhne nicht schön, sondern eher mißgestaltet zu nennen; es war darum keine Hoffnung vorhanden, daß die Prinzessin ihre Wahl gerade auf einen von diesen armen Knaben lenken würde. Allein die Mütter hatten eine gute Bekanntschaft unter den Feen, und mit Hilfe dieser wollten sie nun zum Ziele gelangen. Sie fingen es auf folgende Weise an. Sie luden die Feen zu sich ein, beschenkten sie und versicherten sie ihrer unwandelbaren Freundschaft. Die Feen, die, wie bekanntlich, sehr eitle Geschöpfe sind, gingen ihrerseits wieder so weit, die beiden Witwen ihrer Freundschaft zu versichern. Die beiden schlauen Frauen nahmen die Geschmeichelten beim Wort und baten sich schnell ein Gegengeschenk aus. Die Feen fragten, worin denn dieses bestehen solle. Nun baten die beiden Mütter die Feen, sie möchten ihre Söhne zu vollkommenen Männern machen, so daß sie der Prinzessin gefielen, und sie einen von ihnen zu ihrem Gemahl nähme. Der, der nicht gewählt würde, wollte darum doch den andern nicht beneiden, und sie wollten, nach wie vor, in guter Freundschaft leben. Die Feen sagten zu; und der nächste Freitag, wo die Mondscheibe gerade in ihr volles Licht trat, wurde zu dem Tage bestimmt, wo die Verwandlung mit den beiden Jünglingen vor sich gehn sollte. Allein die eine Witwe bedachte sich und sagte zu ihrer Nachbarin: »Mach' mit deinem den Anfang; ich will dann vierzehn Tage später mit meinem folgen.« Sie war schlau und dachte: geht's übel ab, so hab' ich meinen Sohn bewahrt, geht's gut, nun so ist die Verwandlung ja nicht nötig, und ich behalte das Kind, so wie es da ist, und so, wie ich mich einmal an ihn gewöhnt habe.

Als der Freitag kam, bereitete die Mutter ein Bad, legte allerlei wohlriechende Kräuter hinein und hieß den Sohn einsteigen. Kaum war er darin, als es im Mondschein an der Hüttentüre klopfte. Die Mutter öffnete, und draußen stand eine Fee.

»Wer ist da?« fragte die Witwe.

»Ich bin die Fee Schönhaar.«

»Willkommen, mein schönes Kind; treten Sie ein.« Und die Fee ging an die Badewanne, berührte das Haar des Jünglings, das struppig und von roter Farbe war, und sang dabei:

»Ein schönes, weiches Seidenhaar
Legt sich um Wang' und Schläfe wunderbar;
Der Finger der Liebe, geschickt und gewandt,
Schlingt dahinein manch farbig' Band.«

Und der Jüngling hatte die schönsten dunkelbraunen Locken. Es klopfte wieder, und die Mutter fragte:

»Wer ist da?«

»Ich bin die Fee Stirnzauber«, war die Antwort.

»Sehr erfreut, mein schönes Kind,« sagte die Witwe mit einer Verbeugung, »belieben Sie einzutreten.«

Und die Fee ging an die Wanne, berührte die enge, mißgestaltete Stirn des Jünglings und sang dabei:

»Die Stirne ist der schönste Schrein,
Wohinein die Seele. die eifrig liebt,
Ihre goldnen Gedanken schließet ein;
Den Schlüssel dazu das Herze gibt.«

»Gar nicht übel!« rief die Witwe, die sich etwas auf die Verskunst verstand. »Das beste aber ist, daß mein Sohn in der Tat jetzt die Stirn eines Dichters bekommen hat. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, mein Fräulein.«

»Keine Ursach'«, entgegnete die junge Fee bescheiden und entfernte sich. Da klopfte es abermals, und als die Tür sich öffnete, erschien auf der Schwelle die Fee Augentrost.

Sie ging auf den Jüngling zu, der sie aus kleinen, trüben Augen ansah, legte den Finger auf diese Augen und rief:

»Pfui, pfui! ich lieb' nicht solche Augen,
Die weder geschickt sind,
Liebe zu geben noch einzusaugen,
Geschwind ein paar andre, mein Kind!«

Und dann sang sie:

»Wie himmlisch ist ein Aug' zu schauen,
Gehör's zu braunen oder blauen,
Was da voll süßer Seele blickt
Und goldne Liebespfeile schickt.«

Nun kamen nacheinander:

Die Fee Naslieb. Sie sang:

»Die Nase, die in Flortüchern wühlt,
Die sich am marmornen Busen kühlt,
Ist auch ein Geschöpf, das fühlt.« –

Dann die Fee Kußlippe. Sie sang:

»Wollt ihr wissen, wann süß ein Kuß?
Wenn man die Lippen suchen muß
Ihr roter Schein, hinter der Nacht,
Des krausen Bartes lieblich lacht.«

Dann hintereinander die Feen: Wangenfreude, Schimmerzahn, Grübchenkinn.

Die erste sang:

»Anfeuchten Wangen, die rot erglühn,
Tut die Lieb' ihr Immergrün ziehn,
Wie am Spalier an heißer Wand
Der Gärtner seinen Fruchtbaum band.«

Die zweite:

»Die Keuschheit, hinschiffend im Liebesmeer,
Hat zu bestehen gar böse Klippen.
Die schlimmsten sind hinter roten Lippen
Das weiße Zähneheer.«

Und die kleine Fee Grübchenkinn sang:

»Wenn alles glatt und eben ist,
Die Lippe gar zu schläfrig küßt,
Kommt sie aber auf ihrem Weg in Gefahr,
Zu fallen in ein Löchlein gar,
So klammert sie sich an und küßt recht fest,
Das ist dann beim Küssen das allerbest'.«

Wie sie das gesagt hatte, grub sie in das Kinn des Jünglings mit ihrem kleinen Finger ein allerliebstes Grübchen.

Nun kamen die Feen, die sich mit dem übrigen Körper beschäftigten. Da war die Fee Schönhals, die Fee Wölbebrust, die Fee Rundhüfte, die Fee Schönschenkel, die Fee Knienglatt, die Fee Prallwade, die Fee Kleinfuß. Sie alle rieben, bügelten und schniegelten, drückten und zwickten, streichelten und hauchten, bliesen und stießen an dem Jüngling herum, bis er endlich schön wie Adonis aus den dunklen Wellen des Bades stieg.

Ganz zuletzt, als die andern schon alle wieder fort waren, kam noch eine Fee, die blieb auf der Schwelle der Hütte stehn und wollte ihren Namen nicht sagen, auch nicht, welche Gabe sie bringe. Dabei war sie verschleiert, und man wußte nicht, was man mit ihr anfangen sollte. Zuletzt wurde sie weggewiesen.

»Wer mag denn wissen,« sagte die Witwe, »ob es auch eine wirkliche Fee ist. Es gibt soviel herumstreichendes Gesindel, das sich allerlei Namen gibt. Warum hat sie denn nicht den Zweck ihres Kommens genannt? Übrigens du bist jetzt vollkommen schön, und wir haben auch weiter keine Fee nötig. Jetzt kleide dich in die neuen Kleider, die ich schon besorgt habe, und melde dich bei der Oberhofmeisterin der Prinzessin. Es ist gerade heute Annahmetag.«

Als die Prinzessin ihn sah, rief sie: »Ach, was für ein schöner Mann! Was für ein schöner Mann!« Die Oberhofmeisterin winkte ihr aber, still zu sein, setzte ihre große Brille auf und betrachtete ihrerseits den Ankömmling. »Es ist wahr,« sagte sie, »es ist ein hübscher Junge; allein Ihro Hoheit werden sich besinnen, daß Sie mir versprochen haben, keinen Mann für vollkommen schön zu erklären, den ich nicht auch dafür erkläre.«

Und dies hatte die Prinzessin allerdings so ausgesprochen. Da, seitdem im Lande das Aufgebot bekanntgeworden, eine so große Anzahl schöner Männer eintraf, die alle von der Prinzessin gewählt sein wollten, so hatte sie kaum Zeit, sich ihre Namen nennen zu lassen, viel weniger zu untersuchen, ob sie auch wirklich vollkommen schön waren. Die Oberhofmeisterin besaß den Ruf einer großen Kennerin in diesem Fache, und ihr hatte deshalb die Prinzessin das Amt aufgetragen, mit dem sie nicht wenig groß tat. Die schöben Männer fürchteten die große Brille der Oberhofmeisterin ärger, wie sie den Tod und den Teufel gefürchtet hätten, denn vor dieser unerbittlichen Brille bestand keiner.

Als die Oberhofmeisterin den jungen Mann ihrer nähern Prüfung unterwarf, schrie sie wie besessen:

»Ei du infamer Bärenhäuter,
Troßbub, Prahlhans und so weiter!
Wie nur wagst du es, du Geck!
Zu treten in diesen Palast leck!

Meinst du, daß man hier kauft Schinken ohne Speck?

Daß man zufrieden mit einem leeren Besteck,
Wenn Messer und Gabel herausgerissen?
Sieh her, ich trete dich mit Füßen,
Und werfe dich hinaus auf den Sand,
Du aller Weiber Schreck und Schand'!«

Man sieht, die Oberhofmeisterin war noch von der alten Sorte, die sich drauf verstand, trotz einer Höckerin, ihre Zunge zu brauchen. Der arme Vertriebene machte, daß er wieder in sein Dorf heimkehrte, indem er alle Feen und seine Mutter zugleich verwünschte.

Die Nachbarin, die andre Witwe, hörte das und hatte sogleich ihre Gedanken drüber. Sie hatte sich umständlich den ganzen Hergang mit den Feen beschreiben lassen und auch nicht den kleinsten Umstand vergessen. Als daher ihr Sohn jetzt im Bade saß, wies sie alle Feen ab und nahm nur die eine, die verhüllte Fee auf. »Denn«, sagte sie bei sich selbst, »was nutzen mir die andern und ihre Gaben, wenn mir die Prinzessin doch dabei verlorengeht? Vielleicht bringt's die Verhüllte zuwege, daß mein Sohn angenommen wird.«

Als er an den Hof kam, rief die Prinzessin, die grade am Fenster stand: »Wo will der hin? Kommt der hierher? Das soll ein schöner Mann sein? Nimmermehr.«

Die Oberhofmeisterin hatte sogleich ihre Brille auf der Nase und sagte: »Allerdings, Hoheit, es ist ein garstiger Bub; allein seine Häßlichkeit hat etwas Pikantes.«

»Ja, sie hat etwas Pikantes!« riefen alle Hofdamen, die der Oberhofmeisterin zu Gefallen sein wollten.

»Aber sehen Sie denn nicht,« rief die Prinzessin ganz entrüstet, »daß er schielt, und ferner, daß er eine häßliche Stumpfnase und schwülstige Negerlippen hat? Niemals hab' ich gehört, daß das schön sein soll.«

»Ja, und welch ein dickes, plumpes Bein!« rief die Dame, die neben der Prinzessin stand, »und wie er einwärts geht! Ich glaub', er hat nie einen Tanzmeister gesehen!«

»Das ist möglich!« entgegnete die Oberhofmeisterin trocken. »Vielleicht aber versteht er, trotz dessen, doch zu tanzen.«

»Und wie groß und rot sind seine Hände!« rief die Prinzessin, »Soll das etwa auch schön sein!«

»Nein, nein, nein!« riefen alle Damen; »er ist häßlich, dabei bleibt's; aber er hat etwas Pikantes, das geben wir zu.«

Die Oberhofmeisterin ging jedoch beiseite, führte den jungen Mann mit sich und setzte nochmals ihre Brille auf. Sie schlug die Hände zusammen und rief im Entzücken:

»Allmächtige Götter!
Herr Satanas und sein Vetter!
Herr Beelzebub und seine Muhme!
Ich sterb'
Beim Anblick dieser Blume
Der Schönheit und der Vollkommenheit!
Ich grüß' Euch als Prinz, der Ihr jetzt seid!«

Und hiermit stand sie auf und machte dem jungen Burschen, der nicht mußte, wie ihm geschah, eine tiefe Verbeugung. Er hatte nichts anders erwartet, als noch weit schimpflicher wie sein Vorgänger aus dem Palaste geworfen zu werden, und statt dessen brachte ihn die Oberhofmeisterin im Triumph zur Prinzessin und sagte zu ihr: »Hoheit, dieser ist Ihr Gemahl und kein andrer. Hab' ich unrecht gesprochen, so soll mein Haupt vom Rumpfe getrennt werden.«

Und der junge Häßliche Bauer wurde der Gemahl der Prinzessin und später König. Die abgewiesenen Feen sangen aber im Chor:

»Welch schlechter Geschmack!

Wie wenig Poesie!
Mit dieser Prinzessin
Möchten wir nie
Zusammentreffen im Leben!« –
Vielleicht meint eben
Dasselbe der Leser.

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