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Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen - Kapitel 10
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authorAlexander von Ungern-Sternberg
titleBraune Märchen
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firstpub1850
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Blaubart.

Ein armer Landedelmann hatte acht Töchter, die er gerne an den Mann bringen wollte. Es waren alle acht hübsche Mädchen. Der Vater, wenn er sie einem Fremden vorführte, pflegte zu sagen: »Hier ist meine älteste Tochter:

Suse,
Etwas konfuse.«

Dann:

»Jette,
Liegt zu lang im Bette;

Anne Sophie,
Hat ein Fleckchen am Knie;

Lottchen,
Ist ein kleines Teufelsbottchen;

Katerlieschen,
Hat ein kleines Füßchen;

Armengart,
Die die Leute narrt;

Adelgunde,
Mit der Brust so runde;«

und endlich:

»Anett',
Mit dem Hintern fett.«

Nun wohnte ein ganz vollkommener Kavalier in der Gegend, der liebte schöne Frauen über die Maßen, der hörte von den acht hübschen Mädchen und erschien deshalb bei dem Edelmann. Er kam mit einer Kutsche und vier Pferden angefahren. Zwei Lakaien öffneten den Schlag des Wagens, und ein Strom von Rosen und Veilchenduft verbreitete sich, als der vollkommene Kavalier ausstieg und dem Edelmanne seine Verbeugung machte, indem er sagte:

»Ich bin der vollkommenste Kavalier
Und erscheine hier an deiner Tür;
Du hast der Töchter zweimal vier,
Von denen schenke eine mir.«

Der alte Baron erwiderte:

»Ihr seid der vollkommenste Kavalier,
Der ganzen Nachbarschaft Lob und Zier;
Die Ehre ist über die Gebühr,
Nehmt Ihr eine von meinen zweimal vier.«

»Aber welche nehme ich?« sagte der Freiersmann zu sich selbst, als er die acht Mädchen betrachtete: »Nehme ich:

Suse,
Etwas konfuse?

Nehme ich:

Jette,
Die zu lang liegt im Bette?

Oder:

Anne Sophie,
Mit dem Fleckchen am Knie? –

Soll ich nicht lieber nehmen:

Lottchen,
Das kleine Teufelsbottchen?

Oder:

Katerlieschen,
Mit dem kleinen Füßchen? –

Gar so hübsch ist:

Armengart,
Die die Leute narrt;

nicht minder hübsch:

Adelgunde,
Mit der Brust so runde.

Doch will ich mit der jüngsten anfangen und nehme mir:

Annett',
Mit dem Hintern fett.

Die soll meine Gemahlin werden; wir wollen ja sehen, vielleicht bekomme ich die andern auch noch. Es pflegt oft kurios zu gehen, mit den jungen Weibern, sie leben nicht allzulange, und man ist sie bald wieder los. Besonders diese, die ist schon jetzt so fett, daß sie gar nicht mehr gut Atem holen kann.«

So dachte der Freiersmann und nahm Annett', die mit ihm nun von dannen fuhr in das Schloß ihres Gemahls. Der alte Edelmann weinte einige Tränen beim Abschied. Es dauerte nicht lange, so kam eine Kutsche mit vier Pferden und den zwei Lakaien wieder vorgefahren, und der vollkommenste Kavalier stieg aus, machte eine tiefe Verbeugung, zeigte auf den Trauerflor an seinem Arme und sagte:

»Ich bin der vollkommenste Kavalier
Und erscheine hier vor deiner Tür,
Der Tod hat geraubt deine Tochter mir,
Gib eine andere mir dafür.«

Der alte Baron erschrak zwar über die Nachricht; er faßte sich aber bald wieder und erwiderte ebenfalls mit einem tiefen Bückling:

»Ihr seid der vollkommenste Kavalier,
Der ganzen Gegend Lob und Zier;
Und starb die eine von den zweimal vier,
So gebe ich eine andre dafür!«

Diesmal nahm der Freiersmann Adelgunde, mit der Brust so runde, und führte sie als seine Gemahlin auf sein Schloß. Der Edelmann weinte wiederum einige Tränen.

Bald kam jedoch der Freiersmann nochmals und dann nochmals, und endlich war er siebenmal dagewesen und kam zum achten Male, und da es nach der Reihe ging, von unten aufwärts, so freite er noch zu guter Letzt um Suse.

Der Edelmann rief: »Aber, wie ist mir, mein Lieber, Sie scheinen Talent für das Witwerfach zu haben. Siebest Frauen tot, und nun geht's gar an die achte. Nehmen Sie's mir nicht übel, aber die Sache kommt mir etwas sonderbar vor.«

»Die zarte Natur, mein teurer Schwiegervater, die zarte Natur der lieben Kinder«, entgegnete der schöne Kavalier.

»Nun denn!« entgegnete der Baron, »ich geb' Ihnen meine achte, doch mit dieser gehen Sie hübsch säuberlich um, hören Sie! – Ich bin schon etwas bei Jahren und kann, wenn ich mir auch noch so sehr Mühe gebe, keine neue Tochter in die Welt setzen.«

Suse stand hinter ihrem Vater, als er so sprach, und sagte bei sich selbst: »Nun, verlaß dich nur auf mich, Vater, ich bin nicht auf den Kopf gefallen, obgleich ihr mich immer nur die Suse – etwas konfuse – nennt. Ich will der Sache mit der ewigen Witwerschaft schon auf die Spur kommen.«

Und als sie in die Kutsche steigen wollte, um mit ihrem Gemahl auf dessen Schloß zu reisen, zog sie ihren Vater beiseite und sagte zu ihm: »Hier ist ein Glöckchen von Silber, liebster Vater; das hat mir meine Pate, die eine mächtige Fee ist, geschenkt. Stelle das Glöckchen auf deinen Schreibtisch. Sobald du es von selbst klingeln hörst, so mach' dich geschwind auf und eile mir zu Hilfe, denn ich werde mich dann in gar böser Gefahr befinden.«

Der alte Baron versprach dies und nahm das Glöckchen. Dann umarmte er seine einzige Tochter zärtlichst und vergoß dabei so viel Tränen, wie bei allen andern sieben zusammengenommen.

Die junge Frau, als sie auf dem Wege nach dem Schloß ihres Eheherrn befand, sang still vor sich hin:

»Liebste Suse,
Nur diesmal nicht konfuse –
Blick' scharf um dich, sieh alles an,
Vor allen deinen eignen Mann!« –

Und nun nahm sie den vollkommenen Kavalier recht genau in Augenschein; allein, so sehr sie sich Mühe gab, sie konnte nichts an ihm entdecken, was nicht vollkommen gewesen wäre. Die Augen, die Zähne, die Haare, der Wuchs, die wunderschöne Farbe, nur der Bart war etwas zu blauschwarz; allein auch das konnte für eine vollkommene Schönheit gelten. Wenigstens halten es viele Frauen dafür. Auch war er in Sitten und Manieren der besterzogenste junge Mann, den man finden konnte, so daß die arme Suse, mit aller Müh' und aller List, nichts Tadelnswertes an ihre Gemahl entdecken konnte.

Nun fuhren sie ins Schloß. Dies war ein herrliches Gebäude und überall auf alle Wände stand mit großen goldenen Lettern geschrieben: Hier wohnt der vollkommenste Kavalier.

In den Gemächern stand über jeder Tür:
Hier wohnt der vollkommenste Kavalier.

Auf Sofas und Stühlen gewirkt stand: Hier
Wohnt der vollkommenste Kavalier.

Im Garten war zu lesen in Blumenzier:
Hier wohnt der vollkommenste Kavalier.

Am Stall selbst stand geschrieben, mit Wagenschmier':
Hier wohnt der vollkommenste Kavalier.

»Nun!« rief Suse, »wenn die Leute es jetzt nicht wissen, laß ich so glücklich bin, den vollkommensten Mann zu haben, so weiß ich nicht, wie man es ihnen sonst beidringen soll.«

Sie schickte sich nun an, mit ihrem Manne ein sehr vergnügtes Leben zu führen. Einige Wochen hintereinander brachte sie auch in lauter Lustbarkeiten zu; es wurden herrliche Feste gegeben und die Nachbarschaft eingeladen. Dann kam eines Morgens der Blaubart zu ihr und sagte: »Mein Kind, ich muß auf einige Tage verreisen, hier nimm die Schlüssel zu dem ganzen Hause. Überallhin kannst du gehn, nur in ein Kabinett, muß ich dich bitten, nicht einzutreten, ich hab' darin meine Bücher und Papiere, zu denen ich nicht gern Weiberhände zulasse.«

»Wohlan denn, mein Lieber,« antwortete Suse, »ich werde nicht hineingehn.«

Und nun nahm er Abschied und entfernte sich.

Als Suse allein saß, in dem großen Schlosse, empfand sie alsbald Langeweile. Aus einem Löchlein hinter der Tapete kam eine Maus herausgeschlüpft, die stellte sich aufrecht auf die Hinterfüßchen und sprach:

»Suse, Suse,
Auf ein Wort!
Ich bin die Maus Mabuse
Und wohn' hier am Ort.
Was sollt' wohl sein im Kabinett?
Ich wett',
Etwas Besonderes. Willst du nicht hineingehn?«

»Nein,« sagte Suse, »ich hab' es meinem Manne versprochen, nicht hineinzugehn. Es liegen seine Papiere und Bücher drin.« Die Maus lachte und rief:

»Papiere und Bücher! Er liest ja nie,
Und schreiben kann er auch nicht,
Der armselige Wicht,
Hat ja nichts gelernt, ma chère amie.«

Damit ging Frau Mabuse höhnend fort. Nicht lange währte es, so ließ sich ein Vogel am offenen Fenster nieder und sang:

»Suse, Suse
Auf ein Wort!
Ich bin der Vogel Fladuse
Und wohn' hier am Ort.
Sag' geschwind,
Liebes Kind,
Was sollte wohl sein im Kabinett?«

»Ich weiß es nicht,« entgegnete Suse, schon etwas verdrießlich; »ich sollte meinen, es sind Bücher und Schriften, die meinem Manne zugehören.« Der Vogel stieß ein lautes Gelächter aus, und rief:

»Ei wie einfältig
Diese junge Frau ist!
Sie glaubt nicht an die List
Von uns jungen Herrn!
Und wir betrügen so gern.«

»Unverschämter Herr!« rief Suse, »gehen Sie ihrer Wege, und kümmern Sie sich nicht um Dinge, die Sie nichts angehen! Gelbschnabel Sie!« Damit schlug sie das Fenster zu, und der Vogel flog weg. Da ließ sich eine Spinne von der Decke herab:

»Suse, Suse,
Auf ein Wort!
Ich bin die Spinne Radeguse
Und wohn' hier am Ort.
Ich sag' Ihnen, mein Kind,
Ich bin eine alte Dame,
Ihr Mann ist infame,
Wie selten die Männer sind.
Er betrügt Sie recht malhonett,
Gehn Sie nur ins Kabinett.«

Die Spinne haspelte sich wieder hinauf, ohne eine Antwort zu erwarten. Suse jedoch rief ihr nach: »Madame, ich finde es sehr sonderbar, daß Sie sich unterfangen, hier Schlechtes von meinem Manne zu sprechen. Ich verbitte mir das fürs Künftige.«

Aber alle diese Reden hatten einen Stachel in dem Herzen Susens zurückgelassen. Es kam ihr dazu wieder in den Sinn, daß sie ihrem Vater versprochen hatte, über das Schicksal ihrer verschwundenen Schwestern Nachforschungen anzustellen. Plötzlich fiel es ihr nun ein: »Wie! wenn deine armen Schwestern nun in jenem Kabinett wären? Die Frau Mabuse hat ganz recht, mein Mann liest nie, und schreiben habe ich ihn auch nicht gesehn. Er verläßt sich ganz auf seine äußere Schönheit und hat zur Ausbildung seines Innern nichts getan. Er gehört zu der Sorte von Männern, denen man alles nimmt, wenn man ihnen ihre Schönheit nimmt, das ist wahr. Also Bücher und Papiere können schwerlich im Kabinett liegen. Dann sprach der alberne Herr Fladuse etwas von Männerlist, und die alte Dame Radeguse sagte ganz offen, daß mein Mann mich betröge. Das sind alles Dinge, die wunderbar zusammen stimmen. Ich muß demnach doch einen Blick in das Kabinett tun. Wir wollen doch sehen, was an der Sache ist. Den Hals wird es nicht gleich kosten.«

So sprach Suse, und vom Sprechen zum Handeln war nur ein Schritt. Sie nahm den verbotenen Schlüssel und öffnete damit das Kabinett. Was entdeckte sie hier? Lauter Gegenstände, die sie auf den ersten Blick nicht erkannte, und von deren eigentlicher Beschaffenheit sie sich keine Vorstellung machte. Aber sie wurde von den Dingen selbst belehrt. Als sie zu einem dieser Gegenstände herantrat, sprach eine Stimme:

»Ihro Gnaden,
Wir sind ein paar falsche Waden,
Ihnen zu dienen.
Wir passen ans Bein
Wie Eisenschienen,
Und passen ganz sein
Ihrem Herrn Gemahl,
Dessen Waden sind etwas schmal.«

»Was muß ich hören!« rief Suse. »Also seine schönen Waden sind nicht seine eignen.« Als sie sich einem andern Tische näherte, tönten Stimmen, die riefen:

»Wir sind Perücken,
Zum Entzücken,
Dem wirklichen Haar
Täuschend ähnlich. Wie wunderbar!
Ihr Herr Gemahl
Tut sich mit uns schmücken,
Denn in Wahrheit ist er rattenkahl.«

»So!« rief Suse; »die Botschaft ist nicht übel und paßt zu der ersten wie ein Ei zum andern. Allerliebste Geheimnisse, die ich da erfahre! Ja, nun begreife ich, daß er mich nicht hier hat wollen eintreten lassen. Der Gauner, der Schelm! Nun wollen wir hören, was wir noch erfahren werden.« Sie trat an ein Schächtelchen, daraus tönte hervor:

»Wir sind ein Gebiß
Schneeweißer Zähne,
Die schönsten gewiß,
Die eine verliebte Schöne
Bei ihrem Schatze gesehn.
Ihrem Gemahle stehn
Wir ganz gut im Maule;
Die eignen sind faule.«

»Miserabel!« seufzte die arme Frau; »also auch falsche Zähne, die ich nie habe leiden können! Der abscheuliche Mann!« Sie ging weiter und stand vor einem Porzellandöschen still, aus dem es hervorrief:

»Ich bin das schönste Wangenrot,
Das prächtigste Lippenkarmin.
Auf Wangen, die fahl wie der Tod,
Laß ich die schönsten Rosen blühn.
Dein Gemahl, liebes Herze,
Kann ohne mich nicht bestehn,
Auch mein Nachbar, die Elfenbeinschwärze,
Braucht er gar schön,
Damit er sich pechschwarzen Bart bereite.«

»Nun ja, das fehlt noch! Also nicht einmal sein Bart ist echt! Ich armes Weib, so grausam ist noch keine von ihrem Manne getäuscht worden. Ich wage gar nicht, noch weiterzugehen; wer weiß, auf was für falsche Dinge ich noch treffe. Doch will ich den Inhalt dieses Schächtelchens noch untersuchen.« Eine Stimme rief:

»Ich bin ein Auge,
Aus Glas gemacht.
Wenn ich gleich zum Sehen nicht tauge,
So blendet meine Pracht,
Und niemand schöpft Verdacht,
Daß ich nur ein Stück Glas.
Wie belustigt mich das!«

»Aber mich gar nicht!« rief Suse und stampfte weinend und ganz zornig den Boden. »Ist's erhört! also einäugig, rattenkahl, spindeldürr und Bart und Gesicht gefärbt – das ist der vollkommenste Kavalier! Nun warte! Die Welt und seine arme Frau so zu betrügen! Es ist zu toll! Was ist denn in dem Topfe da?« – Eine Stimme erwiderte:

»Ich bin eine Salbe,
Aus neunerlei Kräutern gebraut,
Ich schmeidige Haut,
Und mach' die vertrocknete, alte,
Dürre und kalte,
Von neuem jung und schön und glatt.
Dein Mann mich besonders nötig hat.«

»Nun halt' ich's nicht länger aus!« schrie Suse. »Ich muß meinem Herzen Luft schaffen. So will ich denn sogleich zeigen, was ich von ihm halte!« Und sie lief aus dem Kabinett, ergriff einen Topf mit schwarzer Farbe und einen Pinsel, und strich überall an allen Aufschriften und Überschriften die Worte, »der vollkommenste Kavalier« aus. Als dies geschehen war, rief sie zu sich selbst, in dem sie beschämt stille stand:

»Aber Suse –
Jetzt warst du konfuse!
Wenn er nun kommt, so wird er sehn,
Was geschehn! –«

»Gleichviel!« rief sie; »es ist nun einmal getan. Komme nun, was da wolle! Aber ich habe nun noch nicht einmal herausgebracht, wo meine armen Schwestern sind. Sicherlich haben sie ebenso wie ich gehandelt und sind nun von dem Wütrich irgendwo eingesperrt.« Sie ging nochmals ins Kabinett, und da hörte sie in der Gegend eines großen Wandschranks etwas quieken und zwitschern, als wenn Vögel und Mäuse zugleich daselbst rumorten. Sie öffnete den Schrank, und – o Grausen! – da hingen ihre sieben Schwestern, an den Beinen aufgehängt und stießen die erbärmlichsten Klagelaute aus. Suse rief, ganz außer sich vor Entzücken: »Ach, meine liebe Annett', bist du da! Und meine teure Adelgunde, meine gute Armengart, mein edles Katerlieschen, mein süßes Lottchen, und nun gar du, engelgleiche Anne Sophie, und Jette – lebt ihr wirklich noch! Und ich, eure Schwester Suse, komme euch zu retten!«

Und jetzt nahm sie eine nach der andern vorsichtig aus dem Schranke heraus, stellte sie wieder auf die Beine, und dann gab sie ihnen etwas zu essen und zu trinken.

Aber gleich darauf rief sie: »Aber ihr müßt alle wieder geschwind in den Schrank, denn ich höre den abscheulichen Mann heimkommen!« Die Schwestern krochen wieder in den Schrank hinein, und nur Lottchen, das Teufelsbottchen, öffnete nochmals die Tür ein wenig und rief: »Hast du mich nötig, so sag' es nur; ich habe Courage, es nochmals mit ihm aufzunehmen.«

»Liebes Lottchen,« erwiderte Suse, »es hilft alles nichts. Wenn ich's nicht zustande bringe, kannst du's auch nicht. Wir müssen nun entweder alle untergehn oder alle gerettet sein.«

Als der Blaubart sein Haus betrat, rief er sogleich: »Wer hat sich unterstanden, die Worte, der vollkommenste Kavalier' auszustreichen?«

»Ich!« entgegnete Suse, »weil es eine Lüge ist.«

»Oho!« rief der Mann, und sein eines Auge funkelte.

»Du bist nicht der vollkommenste Kavalier,« fuhr Suse fort, »sondern der allermiserabelste und unvollkommenste, den man finden mag.

Geh, Ungeheuer!
Falsch von der Zeh bis zum Scheitelhaar
Nur dem Herz ist dein eigen,
Das falscher freilich nicht zu finden war.«

»So, so!« rief der Blaubart; »stehn die Sachen dergestalt! Also auch du ungehorsam und neugierig. So wirst du es mir denn auch nicht verdenken, wenn ich an dir dieselbe Strafe vollziehe, die deine Schwestern, die sich desselben Vergehens schuldig gemacht, erlitten haben. Ich werde dich zeitlebens einsperren und jeden Tag eine Stunde an den Beinen aufhängen zur Erholung. In dieser Stellung finde ich hübsche Frauen am schönsten, und man kann sie mit gehöriger Muße betrachten. Deinem Vater soll jedoch dein Tod gemeldet werden. Auf diese Weise ist er alle seine acht leichtfertigen Mädchen los und hat das hübsche Geld, das ich ihm gezahlt habe. Was mich betrifft, so erfährt die Nachbarschaft nichts von meinen Geheimnissen, und ich bleibe nach wie vor der vollkommenste Kavalier, das ist die Hauptsache.«

Und als er diese Rede vollendet hatte, ergriff er die arme Suse bei den Haaren und wollte sie ins Kabinett schleppen, um sie an den letzten noch leeren achten Nagel im Schrank aufzuhängen; allein es kam anders. Der alte Baron hatte zur rechten Zeit die magische Glocke anschlagen gehört, und kam nun mit allen seinen Vettern und Verwandten, ein großes, zahlreiches Heer, überfiel das Schloß des Blaubarts, schlug den vollkommensten Kavalier tot und nahm seine ganze Habe in Besitz. Dann holte er aus dem Schranke seine sieben Töchter heraus. »Das ist eine schöne Geschichte!« rief er; »nun hab' ich acht Witwen im Hause! Lauter Madamen Blaubarts! Ich will euch etwas sagen, liebe Kinder, um Aufsehen zu vermeiden, will ich hier das Besitztum verkaufen und mit euch in die Fremde ziehen. Da können wir die ganze Historie verschweigen.«

»Verschweigen!« riefen alle acht mit einer Stimme; »unmöglich, Papa! Das ist eben unsre Genugtuung, das wir alles, was uns geschehen und was uns nicht geschehen, in der Nachbarschaft haarklein erzählen können.

O welch ein Vergnügen,
So recht ausbündig zu lügen!
Acht Zungen, die ohne Zaudern
Immerweg plaudern!
Welch ein Sausen!
Welch ein Klatschen!
Welch ein Brausen!
Welch ein Platschen!
Ist sichern
Gemächern welch ein Kichern!
Im Dunkeln
Ein ewiges Munkeln,
Im Hellen
Ein ewiges Gellen!
Vor dem Hause,
Hinter dem Hause
Ein ewiges Schimpfen
Ohne Pause. –
Bis endlich die ganze Nachbarschaft
Wie eine große Hundemeute
Zusammenklafft!
So bringt man's unter die Leute!«

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