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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Bozena - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleBozena
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1996
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23910-2
titleBozena
pages3-273
created19990102
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1875
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8.

Der Groll Heißensteins gegen seine Tochter wurde durch die Zeit nicht vermindert, eher sogar erhöht. Er hatte Rosa nicht aufgegeben und aus seinem Herzen gestrichen, nein, sie beschäftigte ihn immer, er führte in Gedanken fortwährend Krieg mit ihr. Mit der vom Verstande nicht mehr streng gezügelten Phantasie des Greises malte er sich ihr Vergehen in den dunkelsten Farben aus und verwünschte sie, der Schmerzen wegen, die sie nicht aufhörte ihm zu bereiten. An der Ansicht, die er sich einmal von der Sache gebildet hatte, hielt er hartnäckig fest. – Rosa trug Schuld am Untergange des Hauses, sie hatte Schande auf seinen Namen und auf sein graues Haupt gehäuft, er durfte ihr niemals vergeben – auch wenn er so schwach wäre, es tun zu wollen.

«Ihre Schuld kann niemals gut gemacht, und demnach auch nie vergeben werden», war der Sinn der Antwort, die er Mansuet zurief, sooft dieser ein gutes Wort für seinen Liebling einlegte. Damit war in den Augen des alten Herrn jede weitere Verhandlung abgeschnitten. Gegen dieses Argument, dessen schlagende Wirkung ihn, sooft er es aussprach, mit der Gewalt einer eben erst entdeckten Wahrheit ergriff, gab es keine Einwendung.

Mansuet beobachtete mit tiefem Bedauern die sichtliche Veränderung, die mit seinem Herrn vorging, und sagte zu Schimmelreiter, dem zweiten Kommis: «Der Prinzipal ist wie ein Herbsttag, nimmt ab an beiden Enden.»

Schimmelreiter besaß ein schwaches Begriffsvermögen, aber ein starkes Streben, die hohen und witzigen Gedanken des gescheiten Weberleins nachzudenken.

«An beiden Enden?» wiederholte er; «das heißt, von unten und von oben?»

Mansuet sprach etwas wegwerfend: «Das heißt: physisch und moralisch.»

«Sehen Sie, sehen Sie», rief Schimmelreiter, «so hab ich's aufgefaßt!»

Fast noch weher, als Heißensteins ohnmächtiger Trübsinn, tat Mansuet Frau Nannettens kaum noch verhüllter Triumph. Sie sah jetzt mit Ruhe der Zukunft entgegen; die Gefahr, daß ihre Stieftochter jemals wieder in ihre Kindsrechte eingesetzt werden könnte, schien so gut wie überwunden. Rosas Flucht wurde für Nannette ein Abschnitt in der Zeitrechnung, nicht mehr noch weniger. Sie sagte: «Das war vor oder nach unserm Familienunglück», wie die Mohammedaner sagen: «vor oder nach der Hedschra» .

Etwa anderthalb Jahre, nachdem Rosa und Bozena das alte Haus verlassen hatten, in der Lichtmeßwoche, erhielt Mansuet einen Brief von seiner Freundin, aus einem Dorfe in der Nähe von Arad. Sie schrieb, daß Rosa ein zartes Mädchen zur Welt gebracht, das in der Taufe die Namen Leopoldine Rosa erhalten, das sein Vater jedoch nie anders als Röschen nenne. Der Herr Oberleutnant sei herzensgut, die junge Frau liebe ihn auch, wie sich's gehört und wie er's verdient. «Aber», hieß es in Bozenas Schreiben, «sie hat sich gar verändert, und wenn der Herr Heißenstein nicht doch zuletzt ein Einsehen hat und ihr verzeiht, so drückt es ihr das Herz ab und es nimmt wahrhaftig und Gott kein gutes End' mit ihr.»

Dieser Brief enthielt einen Einschluß von Rosas Hand, und in dem lag ein Zettelchen. Die junge Frau bat den lieben, getreuen Herrn Weberlein – den auch ihr Mann unbekannterweise herzlich grüßen ließ – auf das innigste, dasselbe in einer guten Stunde ihrem Vater zu übergeben.

Mansuet wartete einen Tag, zwei Tage. Das dünne Blättchen brannte wie Feuer auf seiner Brust. Er verbiß den Schmerz und benahm sich gegen seinen Prinzipal wie ein Liebhaber, der eine zürnende Schöne um jeden Preis in eine bessere Laune zu versetzen wünscht. Er hätte sich auf seine Knie vor ihm niederwerfen mögen – seine Stimme bebte, wenn er das Wort an seinen mürrischen Chef richtete, ein Wink von diesem verlieh dem kleinen Kommis Flügel. Von seinen Gefühlen überwältigt, erfaßte er plötzlich Heißensteins Hand, küßte sie und preßte sie dann mit einer Gebärde voll unwillkürlicher Komik an seine Brust.

Heißenstein konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und fragte: «Was haben Sie denn?»

«Einen Brief!» platzte Mansuet heraus, «einen Brief von unserer Rosa!» wiederholte er, fast weinend – und hielt seinem Herrn das Zettelchen hin.

Heißenstein war bleich geworden bis an die Lippen, vergeblich rang er nach Worten; röchelnd, als läge eine Faust an seiner Gurgel und würge ihn, trat er auf Mansuet zu, riß das Papier aus seinen zitternden Fingern und warf es vor seinen Augen in das Feuer.

Minuten vergingen, bis der völlig außer Fassung geratene Mann zu sprechen vermochte, und dann brachte er mit wuterstickter Stimme die Drohung hervor: «Wagen Sie's noch einmal, sich zum Boten jener – Frau zu machen, und mit Schimpf und Schande jag ich Sie aus dem Hause!»

Mansuet sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an, und nach einer Pause, in welcher er ruhig zu überlegen schien, sagte er: «Gut.»

Ein Jahr danach um dieselbe Zeit erschien wieder ein Brief Bozenas und enthielt abermals einen Einschluß Rosas. Bozena hatte sich dieses Mal sehr kurz gefaßt; ihre Zeilen enthielten nur einen Gruß an Herrn Weberlein und die dringende Bitte, ihr mit umgehender Post einen Teil ihrer Ersparnisse zuzusenden. Mansuet besorgte diesen Auftrag sofort, obwohl die Ausführung desselben mehrere Morgenstunden in Anspruch nahm. Herr Heißenstein hatte voll Ungeduld soeben zum zehnten Mal nach ihm gefragt, als er endlich eintrat, ganz erhitzt, den Hut und den Oberrock mit Schnee bedeckt.

«Wo waren Sie?» herrschte sein Chef ihn an, «was fällt Ihnen ein, davonzulaufen um die Mittagszeit, vor Expedition der Post?»

Mansuet begab sich schweigend in seinen Glasverschlag, warf dort einige Zeilen auf einen Stempelbogen, den er mitgebracht hatte, trat dann zu Herrn Heißenstein, breitete das Blatt vor ihm auf dem Tische aus und sprach: «Hier meine schriftliche Kündigung. Will Sie nicht in die Notwendigkeit versetzen, mich mit Schimpf und Schande aus dem Hause zu jagen. Und hier» – er legte einen Brief auf den Stempelbogen – «ein heut morgens eingelangtes, an meinen Herrn Prinzipal durch mich zu übermittelndes Schreiben.»

Heißenstein sah abwechselnd den Kommis und das zusammengefaltete Blatt an, auf dem er die Schrift seiner Tochter erkannt hatte. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es ihn, doch behielt er Ruhe genug, um erwidern zu können. «Ich verweigere die von Ihnen erbetene Entlassung. Sie befinden sich in meinem Dienste und haben zu gehorchen.»

Er stand auf und wies dem Kommis seinen Platz an: «Setzen Sie sich! ... Setzen Sie sich! ...» wiederholte er, und Mansuet folgte seinem Befehle. «Schreiben Sie!» Mansuet nahm eine Feder zur Hand – «Schreiben Sie: Der Unterzeichnete verbittet sich in Zukunft jede weitere Belästigung ...»

Mansuet bebte am ganzen Körper, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, aber er schrieb, und Heißenstein fuhr fort zu diktieren: «Belästigung – durch Übersendung von Zuschriften, die an ihren Adressaten zu befördern ihm die Pflicht verbietet. Mansuet Weberlein, Kommis.»

«Mansuet?» rief dieser und sprang auf – «Ich soll das unterschreiben? – Eine haarsträubende Lüge?!»

Er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf; sein Gesicht war kreideweiß.

«Mit Wonne und Entzücken», schrie er so laut, daß jedes seiner Worte deutlich vernommen werden konnte in der nebenanliegenden Stube, in welcher Herr Schimmelreiter arbeitete – «mit Wonne und Entzücken erfüllt mich jeder Beweis der Erinnerung und des Vertrauens, den ich von ihr erhalte, von der armen Rosa. Das ist die Wahrheit – die schreib ich – wenn Sie's erlauben», setzte er leiser hinzu, «sonst – auch das nicht; denn das zu verbieten haben Sie ein Recht. Nämlich heute noch. Da liegt meine Kündigung.» Er deutete auf die Schrift und stürzte wie ein Rasender hinaus und in sein Zimmer, wo er eifrig seinen Kleiderschrank auszuräumen begann.

Eine Stunde lang herrschte im Kontor so tiefe Stille, daß Schimmelreiter angst und bange wurde. «Was tut der alte Herr? – Ist er eingeschlafen? – Ist er ohnmächtig geworden?» Schimmelreiter hätte gern nachgesehen, doch fehlte ihm der Mut dazu. Endlich hörte er seinen Namen rufen und stand im nächsten Augenblicke vor seinem Chef.

Dieser hatte gerötete Augen und sah merkwürdig alt und kummervoll aus. Er reichte dem Kommis ein Bögelchen Papier und ersuchte ihn, darauf zu schreiben:

Wird retourniert

Im Auftrage meines Prinzipals.
Schimmelreiter.

Heißenstein faltete und kuvertierte das Blatt selbst über Rosas unerbrochenen Brief und sprach: «Die Adresse nun!»

Schimmelreiter setzte die Feder an und wartete. «Wird's?» rief jener, «worauf warten Sie?»

«Auf die Angabe der Adresse», erwiderte kleinlaut der Kommis.

«– Ja – so. Frau von Fehse – k. k. Oberleutnants-Gattin, zu Sega bei Arad in Ungarn, Haben Sie's?»

«Zu dienen.»

Heißenstein erhob sich: «Auf die Post damit und sogleich!»

Aber der Befehl reute ihn, sobald er gegeben war. Mit einem mißtrauischen Blick nahm er seinem Untergebenen den Brief aus der Hand und steckte ihn zu sich: «Lassen Sie's», sprach er, «ich gehe ohnehin aus – komme wohl an der Post vorbei ...»

Schimmelreiter brachte Hut und Oberrock und blickte seinem Herrn nach, der langsam und gebeugt im Schneegestöber über den Platz schritt.

«Dahin seine stolze Haltung ... Was ist aus dem Manne geworden?» dachte er.

*

Als sich Mansuet nachmittags nach dem Kontor begab, um seine Filzschuhe zu holen, die er dort stehengelassen hatte, und einige ihm gehörende Kostbarkeiten aus seiner Lade zu sich zu nehmen: ein Federmesser, das Bozena ihm einst verehrt – ein Beutelchen, das Rosa für ihn gestrickt – endlich auch den neuesten Militärschematismus – sah er seine Kündigung auf seinem Pulte liegen.

Auf dem unteren Rande des Schriftstücks standen, ganz klein und verschämt, von Heißensteins Hand geschrieben, die Worte: «Kann nicht angenommen werden. Bitte vielmehr den getreuesten Diener, geduldig in Gutem und Üblem bei mir auszuharren. H.»

Mansuet brach in ein krampfhaftes Weinen aus und schluchzte: «Mir verzeiht er, mir altem Esel! – Seinem armen Kinde nicht! ... O Menschenherz!»

Der nächste Brief, den Mansuet von Bozena erhielt, brachte keinen Einschluß mehr von Rosa. Die junge Frau war krank. Sie hatte vor der Zeit ein Knäblein geboren, das nur wenige Stunden lebte, und konnte sich seitdem nicht recht erholen. Bozena ließ sich zu keinem Worte der Klage herbei, sie zeigte dem alten Gönner das letzte Ereignis in der kleinen Familie an und bat ihn, ihr auch den Rest ihrer Ersparnisse zuzusenden.

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