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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Bozena - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleBozena
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1996
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23910-2
titleBozena
pages3-273
created19990102
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1875
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19.

Am nächsten Tage, um zehn Uhr morgens, stand der alte Graf vor dem Spiegel und warf einen letzten Blick auf sein Ebenbild, das ihm daraus wohlgefällig entgegenlächelte. Die Gräfin hielt sich auf einige Schritte Entfernung und betrachtete ihn mit wehmütiger Freude.

Der Frack mit dem hohen Kragen und den Schwalbenschwänzen, den er trug, stammte aus den dreißiger Jahren und hätte besser in ein Museum als in eine Garderobe gepaßt. Nicht viel größerer Jugend durften sich das schwarze Beinkleid, die weiße Weste und Krawatte rühmen, die der Greis angetan hatte.

«Etwas gelblich meine Atours!» sagte er, indem er die Falten seiner Krawatte zurechtstrich, «aber es schadet nicht. Fräulein Heißenstein wird das als eine zarte Rücksicht ansehen – auf ihren Teint, den ich nicht in Schatten stellen will. Nun mein Amtszeichen!» rief er und trat vor seine Gemahlin hin. Die Gräfin steckte ihm ein Sträußchen mit winziger Masche in das Knopfloch des alten Fracks, aus dem ein farblos gewordenes Band des Leopoldordens hervorragte. Ihre Finger zitterten dabei, und fast wäre er ärgerlich geworden über ihre Ungeschicklichkeit. Doch er nahm sich zusammen, zog die Luft durch seine geschlossenen Zähne und sagte nur: «Kommt der Peter noch nicht?»

Er ging wieder an den Spiegel und glättete sein dichtes, wie Silber schimmerndes Haar.

Trotz der abgetragenen, ja ärmlichen Kleider, die seine abgemagerte Gestalt in scharfen Falten umschlotterten, hatte er ein gar adeliges Aussehen.

Seine alte Frau folgte ihm mit ihren Blicken, wie er so rasch und aufrecht, Ungeduld in jeder Miene, im Zimmer hin und her schritt. Sie dachte an die Zeiten zurück, da ihr dieser Mann als der höchste aller Menschen erschienen war, an das lange Leben, das sie an der Seite des einzig und ewig Geliebten – vertrauert. Sie dachte, wie sich am Ende doch alles habe ertragen lassen, weil er, wenn auch selbst oft lieblos, doch auf ihre Liebe immer vertraut hatte. In dieser Stunde aber flammte ihre ganze Seele in einer Empfindung des Dankes gegen ihn auf; ging er doch hin um die lieblichste Braut für seinen Sohn zu werben! Konnte, wenn er es tat, der Erfolg zweifelhaft sein? Das Glück, nach dem der bescheidene Ronald die Hand nicht auszustrecken wagt, sein Vater wird es ihm erringen. Und dann – dann hilft Gott weiter! denkt die fromme alte Frau.

Peter erschien und meldete: «Die Freile» ließe bitten.

Die Gräfin sagte: «Ich warte hier auf dich» – ihr Gemahl nickte beistimmend, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und trat mit wichtiger Miene seinen Weg an.

Regula war, als der Besuch des Grafen ihr angekündigt worden, mit einem Briefe an Bauer beschäftigt gewesen. Derselbe begann also:

«Sie wissen, lieber Freund, wie tief ich Houwald immer bewundert habe:

«Und Segen floß auf ihre Tritte,
Wie Himmelstau auf Blumen drauf.»

dasso – sollte mein Leben sein ... Aber –

«Begrüßt der Mensch nicht weinend seine Welt?»  –

Gibt es etwas, das uns bestimmt, Bester – wenn nicht – die Verhältnisse? ... Die lieben mich gewiß, die mich verstehen!! Verstehen Sie die Opfer, die man seinem besseren Selbst bringt? ... Achten Sie mich!! ... O Freund! – Bleiben Sie es! ...»

Da meldete Peter seinen Herrn, und im Taumel ihres Triumphes wollte Regula mit den Worten schließen: Ich bin die Braut des Grafen Ronald von Rondsperg. Als sie aber: «Ich bin» niedergeschrieben hatte, legte sie die Feder hin. Abergläubische Besorgnisse hielten sie zurück von der Verkündigung einer noch nicht vollzogenen Tatsache.

Sie erhob sich von dem Sessel in der Fensternische, nahm Platz auf dem Kanapee, und gab sich der angenehmsten Erwartung hin. Ihr Herz hüpfte wie ein junges Lämmlein.

Als angehende Gräfin von Rondsperg wird sie also nach Weinberg, der getreuen Stadt, zurückkehren. Sie wird mit namenlosem Jubel empfangen werden, sie wird keine Neider haben; vielmehr wird sich in ihr jeder geehrt fühlen, und ein Fest wird es geben, als ob die gesamte Bevölkerung in den Grafenstand erhoben worden wäre. Sie nimmt sich vor, huldvoll und herablassend zu sein, und so leutselig, als ob sich nichts verändert hätte in ihrem Verhältnisse zu ihren Bekannten. Diese werden entzückt, und ihre Anbeter verliebter sein als je. Wenn sie in die Stadt gefahren kommt mit vier Pferden, feurig und schnaubend wie Drachen, werden die Hüte der Männer fliegen, und die Frauen werden knixen, und jeder wird fragen: «Haben Sie unsere Gräfin gesehen?» Einmal kommt es noch zu einer öffentlichen Ovation ...

Da pocht es an der Tür. Sie ruft: «Herein!» Der Graf steht auf der Schwelle.

«O – Herr Graf», stammelte Regula sich erhebend, «in pontificalibus? ... Was bedeutet ...?»

Der Greis verneigt sich und weist schmunzelnd auf das Sträußchen in seinem Knopfloch.

«Beinahe wie ein Freiwerber», spricht das Fräulein leise, erschrickt aber sofort über diese unpassende Äußerung. Wirklich, sie weiß nicht mehr, was sie sagt, sie muß sich zusammennehmen.

Der alte Herr stellte sich in Positur, drückte die Absätze aneinander, hielt mit beiden an die Brust gepreßten Händen seinen Hut vor sich, neigte das Haupt und sprach mit heiterer Feierlichkeit: «Ich komme, Fräulein Heißenstein, im Namen meines Sohnes, um bei Ihnen, in aller Form und schuldigen Ehrfurcht, anzuhalten um die Hand ihrer Nichte, des Fräuleins Rosa von Fehse.»

Hölle und Tod, was ist das?! – Regula hatte sich lächelnd vorgebeugt, um die lieblichste Botschaft zu vernehmen, und erhielt einen Schlag ins Gesicht. Sie fuhr zusammen und trat keines Wortes mächtig, einen Schritt zurück.

Der Graf war kein Menschenkenner; er hielt ihr stummes Entsetzen für sprachlose Überraschung, und dachte nur: «Diese alte Jungfer sieht sogar in der Freude widerwärtig aus.» Er gönnte ihr einige Augenblicke, um sich zu erholen von dem unerwarteten Glück, das er ihr verkündigt hatte, und hub dann mit herzlicher Selbstzufriedenheit wieder an: «Nun, mein Fräulein? Wird es mir gestattet sein, meinem Sohne eine gute Botschaft zu bringen?»

In einem Tone, der ihn durch seinen gereizten und feindlichen Klang befremdete, erwiderte Regula: «Darf ich fragen, ob Sie als Bevollmächtigter Ihres Sohnes, mit seinem Wissen und Willen kommen, Herr Graf?»

Ohne sich zu besinnen, mit der größten Unbefangenheit, rief der Greis: «Jawohl, mein Fräulein! Und ich kann nicht glauben, daß es Sie in Erstaunen setzt. Ihrem Scharfsinn ist nicht entgangen, was mein guter Ronald so wenig zu verbergen vermag. Seine Liebe zu Fräulein Rosa.»

Regula stieß ein: «Oh!» hervor, das dem Greis trotz all seiner Zuversicht bedenklich erschien. Sollte die «Weinhändlerin» Ronalds Bewerbung um ihre Nichte doch nicht mit unbedingtem Entzücken aufnehmen?

Augenblicklich, beim ersten Zweifel empörte sich sein Stolz.

«Ich hätte nicht gedacht, mein Fräulein, so lange als Bittsteller vor Ihnen stehen zu müssen», sprach er.

Das Fräulein wies ihm einen Stuhl an und nahm Platz auf dem Kanapee. Sie hatte allmählich die Herrschaft über sich wiedererlangt, und sagte so ruhig sie konnte: «Ich gestehe Ihnen, Herr Graf, daß mich diese Bewerbung um die Hand eines Kindes befremdet.» Er wollte Einsprache tun, sie ließ ihn nicht zu Worte kommen, «und daß ich bisher noch nicht daran gedacht habe, Rosa zu verheiraten.»

«Um so mehr Grund, jetzt daran zu denken!» rief der Graf. «Die Gelegenheit, die sich bietet, ist nicht zu verschmähen. Einen brillanteren Mann als meinen Ronald können Sie für Ihre Nichte finden, aber keinen braveren. – Übrigens kommt es mir nicht zu, meinen Sohn zu loben.»

«Mir gegenüber», sprach Regula scharf und spöttisch, «hieße das wohl Eulen nach Athen tragen. Ich kenne seinen Wert.»

«Nun, dann zögern Sie nicht länger», sagte der Greis munter. «Legen Sie die Hände der jungen Leute ineinander, die nur gar zu gern sich in die Arme fallen möchten.»

«So?» hauchte Regula.

Nein! – Daß eine solche Schmach ihr widerfahren könne, hätte sie niemals für möglich gehalten. Man hat sie unter falschen Vorspielungen hierher gelockt und überfällt sie nun mit der Zumutung, ihre Ansprüche aufzugeben, zurückzutreten vor einer andern – und vor wem? Vor einem Geschöpf, das von ihrer Gnade lebt, das betteln ginge ohne sie!

Der Graf denkt: «Sie schweigt lange. Sie meint vermutlich, es sei anständig, nicht merken zu lassen, wie geehrt sie sich fühlt. Gönnen wir ihr dieses unschuldige Vergnügen!» Nach einer kleinen Weile hebt er wieder an: «Fassen Sie einen für uns günstigen Entschluß, verehrtes Fräulein! Tun Sie's in einer Weise, die Ihrer würdig ist, und würdig des Rufes Ihrer Großmut und Freigebigkeit.»

«Freilich – auf diese war es abgesehen!» sagte Regula zu sich selbst. «Mein Geld wollt ihr, nicht mich.»

Ihr unruhig umherschweifender Blick fällt auf den Brief, den sie eben geschrieben hat, und wie ein Blitz durchzuckt es sie ... Das ist's – da liegt die Lösung. Geschehe, was wolle, strafe sich's, wie's mag – was liegt an der Zukunft? Der große Augenblick fordert sein Recht!

«Verständigen wir uns, Herr Graf», spricht Regula; «handelt es sich nur um meine Einwilligung zu der Verbindung der jungen Rosa mit Ihrem Sohne, oder erwarten Sie, daß meine ‹Großmut und Freigebigkeit› dieselbe ermögliche?»

«Mein Fräulein!» rief der Greis auffahrend.

Regula setzte mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu: «Wenn das letztere der Fall wäre, müßte ich Ihnen zu meinem Bedauern erklären, daß ich nichts für meine Nichte tun kann. Ich habe nähere Verpflichtungen, ich bin – verlobt.»

Er war unfähig, die unangenehme Überraschung, in die diese Nachricht ihn versetzte, zu verbergen, und hätte jedes Wort, mit dem er an die Freigebigkeit des Fräuleins appelliert hatte, mit einem Tropfen seines Herzblutes zurückerkaufen mögen.

«Ich wünsche Ihnen und Ihrem Herrn Bräutigam Glück!» sagte er sarkastisch lächelnd, «wäre Ihnen aber dankbar, wenn Sie mir die Erlaubnis geben wollten, auch meinem Sohne Glück wünschen zu dürfen – zu Ihrer Einwilligung ...»

Regula unterbrach ihn: «Ich versage sie nicht, Herr Graf. Es kann mir nur lieb sein, meine Nichte in eine Familie treten zu sehen, in welcher auf irdische Güter ein so geringer Wert gelegt wird, denn diese – sind ihr nicht zuteil geworden.»

«Verlieren Sie darüber kein Wort, mein Fräulein!» rief der Graf. «Geldheiraten zu schließen war in unserm Hause niemals Brauch, und heute noch darf, trotz der Ungunst der Zeiten, der Eigentümer von Rondsperg eine Braut nach seinem Herzen wählen.»

Regula erbebte vom Wirbel bis zur Sohle. Der Gegner selbst hatte ihr den vergifteten Pfeil in die Hand gedrückt, den sie nur abzuschnellen brauchte, um tödlich zu treffen und sich zu befreien von dem lechzenden Durst nach Rache, der in ihrem Innern so qualvoll brannte und Befriedigung heischte. Eine Sekunde lang zögerte sie ... Ihr Wort war verpfändet, aber ein Narr, der Betrügern Wort hält, Regula ist nicht gewillt, das Unrecht zu beschützen, sondern – es zu entlarven!

«Ihr Sohn ist nicht mehr Eigentümer von Rondsperg», sagte sie gepreßt und stammelnd: «Er hat es mir verkauft.»

Der alte Mann sprang auf, starrte sie an – stumm, verständnislos.

Regula erhob sich gleichfalls und wiederholte jetzt bestimmter, mit fester Stimme: «Er hat es mir verkauft. Rondsperg ist mein – seit gestern.»

Er taumelte zurück unter diesem Schlage – er war totenbleich, der Atem stockte in seiner Brust.

Erschrocken, aber nicht gerührt, betrachtete ihn Regula. «Fassung, Herr Graf», sprach sie kalt.

«So bin ich Ihr Gast? ... In Rondsperg Ihr Gast?!» schrie der Greis, und schmerzlich verband sich die Heftigkeit des Zornes, der Entrüstung, der Beschämung, die in ihm rangen, mit dem Bewußtsein seiner Hilflosigkeit. Plötzlich raffte er alle Kraft zusammen, richtete sich auf und stürzte aus dem Zimmer.

Regula war von einem nervösen Zittern ergriffen worden, das ihre Glieder kläglich schüttelte. Es dauerte lange, bis sie vermochte, an den Tisch im Fenster zu treten und den begonnenen Satz: «Ich bin ...» zu Ende zu schreiben. Er schloß jetzt anders, als sie es vor einer Weile im Sinne gehabt, und zwar: «Ich bin die Ihre. Regula Heißenstein.»

Sie rief Bozena und trug ihr auf, den Brief sofort durch einen Boten nach der Bahnhofstation zu befördern. Er konnte um fünf Uhr nachmittags in Bauers Händen sein.

«Frau Professor also? ... Dies das Ende ... Frau Professor Bauer!» Regula brach in unaufhaltsames Weinen aus.

*

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