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Botanisches Bilderbuch für Jung und Alt. Zweiter Teil

Franz Bley: Botanisches Bilderbuch für Jung und Alt. Zweiter Teil - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorFranz Bley
titleBotanisches Bilderbuch für Jung und Alt. Zweiter Teil
publisherVerlag von Gustav Schmidt
year1897
correctorreuters@abc.de
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siehe Bildunterschrift

Gewöhnlicher Flachs, Lein, Linum usitatíssimum L.

Man braucht nicht zum Geschlecht der sieben Schwaben zu gehören, um beim Anblick eines blühenden, sanft wogenden Flachsfeldes an den blauen See erinnert zu werden, in dem der Wind sein Spiel treibt und der Himmel sich spiegelt. Leider wird uns das liebliche Bild immer seltener geboten, da der Leinbau von Jahr zu Jahr zurückgeht, teils weil die Baumwolle die Leinwand verdrängt, teils weil der früher dem Flachse gewidmet Boden beim Anbau anderer Gewächse, besonders der Zuckerrübe, reichlicheren Gewinn bringt. Der stärkste Flachsbau im Deutschen Reiche herrscht noch in Ostpreußen, Hinterpommern, den östlichen und nördlichen Gegenden Schlesiens, in der ganzen Lausitz, dem Norden der Provinz Sachsen, Hannover, Westfalen und Hessen-Nassau, dem sächsischen Erzgebirge und in Bayern, namentlich im Gebiete des Böhmer und bayrischen Waldes. Aber – mag das Areal des Flachsanbaues bei uns auch nicht so ganz unbeträchtlich sein – vorüber ist doch »die Zeit, da Berchta spann«, Berchta oder Frigg, die Gemahlin des Göttervaters, die den Flachs und seine ganze Bearbeitung unter ihren besonderen Schutz genommen hatte und ihr Katzengespann mit Strängen blühenden Flachses an den Wagen schirrte. Wie freute sie sich des Fleißes der spinnenden Mägde, wenn sie in den Zwölften, zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstage, ihren geheimnisvollen feierlichen Umzug durch die Lande hielt; wie wußte sie zu zürnen und zu strafen, wenn der Flachs nicht völlig vom Rocken abgesponnen war! Heute ist uns die schnurrende Spindel eine Fabel aus der Großmutter Jugendzeit oder aus dem deutschen Märchenwalde geworden. Der Handwebestuhl saust nur noch in den entlegenen Dörfern, und die ihm mit Seufzen und in der Gefahr ständiger Hungersnot heute noch dienen, vor allem die schlesischen Weber, werden ihn bald verlassen. Eine Fülle von Menschenleid, aber auch ein Reichtum uralter, durch Flachsbau, Spinnen und Weben lebendig erhaltener Volkspoesie wird damit zu Grabe getragen. Uralte Bräuche, deren Bedeutung längst verloren ging, regeln noch jetzt in manchen Gegenden die Saatzeit, den Saatwurf, die Ernte und die rechte Verarbeitung des Leins.

Durch welche Gabe der Flachs sich die Anerkennung des Menschen zuerst erworben, ob durch das als Heilmittel geschätzte und noch jetzt als Speisefett vielfach benutzte Öl der flachen braunen Samenkörner oder durch die wunderbaren Fasern des Stengels, wird wohl ebenso wenig entschieden werden wie die Frage nach der Heimat der Leinpflanze. Schon die ältesten Kulturvölker, die Ägypter, Babylonier, Phönizier, verarbeiteten die Fasern zu kunstreichen Geweben, und besonders als Priesterkleid zog man das zarte, schmiegsame Linnengewand stets dem weicheren baumwollenen und wollenen vor. Als Volkstracht gewann es seit der Völkerwanderung unter den germanischen Stämmen weiteste Verbreitung, nachdem schon Jahrtausende vorher die Bewohner der ostschweizerischen Pfahlbauten zu einer Zeit, da sie nur Werkzeuge aus Stein besaßen, den Flachs kultiviert hatten.

Unter den vielen Linum-Arten haben besonders zwei für den Menschen hohe Bedeutung gewonnen: der ausdauernde schmalblättrige und der einjährige gemeine Lein, ersterer die Kulturpflanze des Altertums und des Südens, die zur Reifezeit mit der Sichel geschnitten wurde, letzterer ein Pflegling des Nordens und jüngerer Civilisationen. Um zu begreifen, wie ein so zartes, hinfälliges Gewächs eine so hohe Wichtigkeit erlangen konnte, ist es nötig, einen Blick auf den Stengel des Flachses zu werfen. Unter der grünen Rinde liegt ein kräftig entwickelter, fast zusammenhängender Ring senkrecht verlaufender Bastfasern. Er umschließt den Holzcylinder des Stengels und verleiht ihm Festigkeit und Elasticität. Diese Fasern werden, nachdem die vergilbenden Stengel ausgerauft sind, durch wiederholtes Einweichen, Trocknen und Klopfen gelockert und vom Holze getrennt: der Flachs wird gedörrt und gebrochen. Dann scheidet die Hechel lange und kurze Fasern, Spinnflachs und Werg oder Hede, von einander. Die reifen Kapseln enthalten 35 % Öl, welches für die Pflanze selbst die Bedeutung eines Reservestoffes hat und bei der Keimung der Samen zur Bildung neuer Pflanzenteile verbraucht wird. Manche Pflanzensamen haben einen noch größeren Ölgehalt, der Mohn z. B. 45, der Raps 50, die Walnuß 55 % ihres Gewichts; die ölreichsten Samen besitzen bei uns wohl Linde und Hasel (58 und 62 %).

An sonnigen Hochsommertagen öffnen sich die herrlichen Blüten vom frühen Morgen bis zum Mittag und schauen unverwandt zu des Himmels ähnlichem Blau empor. Dann aber, wenn der große Pan schlummert und sein Atem versengend über die Felder streicht, gehen auch sie mit gedrehten Kronenblättern in Schlafstellung über. Obwohl in Kelch-, Kronen- und Fruchtblattkreisen fünfzählig, scheint der gemeine Flachs doch einstmals zehn Staubblätter besessen haben; darauf deuten die pfriemenförmigen Überreste zwischen je zweien der fünf Staubfäden und die bei manchen verwandten Arten herrschende Zehnzahl der Staubblätter hin. Die kugelige, etwas gedrückte Kapsel ist durch unvollkommene Scheidewände scheinbar in zehn Fächer geteilt, von denen jedes ein Samenknöspchen enthält. Mehrere Gattungsverwandte, der ausdauernde, der gelbblühende und der rote großblütige Lein, letztere prächtige Zierpflanzen, sind durch ungleiche Länge der Griffel in verschiedenen Blüten als gut ausgebildete Insektenpflanzen gekennzeichnet; bei Linum usitatissimum dagegen gelangt infolge der Stellung der Blütenteile der Pollen auf die Narbe derselben Blüte und wirkt hier befruchtend. Die schmallanzettlichen Blätter der Pflanze gehen zur Nachtzeit in Schlafstellung über und schützen dadurch bei wolkenlosem Nachthimmel ihre Oberflächen gegen übermäßige Abkühlung.

Der Flachs gehört in die Familie der Leingewächse oder Linaceen und in die V. Klasse des künstlichen Systems der Pflanzengattungen von Linné. einjährig, d. h. einjährige Pflanze. Blütezeit Juni und Juli. Höhe 0,30 – 0,60 m. L. (d. h. Linné) oder eine andere hinter der wissenschaftlichen Benennung stehende Abkürzung bezeichnet den Botaniker, der die Pflanze mit diesem Namen taufte.

 

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