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Botanisches Bilderbuch für Jung und Alt. Zweiter Teil

Franz Bley: Botanisches Bilderbuch für Jung und Alt. Zweiter Teil - Kapitel 139
Quellenangabe
typereport
authorFranz Bley
titleBotanisches Bilderbuch für Jung und Alt. Zweiter Teil
publisherVerlag von Gustav Schmidt
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Flachsseide, Cuscúta europäea L.

Eine der weitverbreitetsten Schmarotzergattungen ist die Flachsseide, von der außer der abgebildeten europäischen bei uns noch mehrere andere, nach ihren Nährpflanzen benannte vorkommen, z. B. die Kleeseide, die Thymian-Flachsseide, die Leinseide, der Weidenwürger. Die europäische Flachsseide ist von Nordeuropa bis Algerien, von England bis Japan verbreitet. Ihre Wirtspflanzen sind vorwiegend Nesseln, Hopfen, Hanf und Weiden, daneben jedoch alle möglichen anderen Krautgewächse. Verfolgen wir einmal den Lebenslauf dieses merkwürdigen, wurzel- und blattlosen Wesens von Anfang an!

Der winzige Same des Filzkrauts ruht mit drei Geschwistern in einer kleinen kugeligen Kapsel. Mit Beginn des Frühlings keimt er auf dem feuchten Erdboden, im vermodernden Laube, oder wohin sonst ihn sein Geschick verschlagen hat. Der fadenförmige Keimling liegt spiralig eingerollt in der Samenschale und ist an einem Ende keulenförmig verdickt. Dieses Ende dringt zuerst aus der Hülle hervor und sucht den Boden, in dem es sich an Laub oder Erde festhält. Dann hebt sich das andere schmalere Ende, von der Samenhaut und der Reservenahrung umgeben, empor und beginnt aufwärts zu wachsen, und zwar nicht an der Spitze, sondern mit dem Mittelstück des Stengels, an dem keine Spur von Knospen oder Blattwerk zu sehen ist. Die Samenhaut wird, nachdem die geringe Reservenahrung von dem Pflänzchen aufgesogen ist, schon am dritten Tage abgeworfen, und der Keimling ist nun ganz und gar auf sich selbst angewiesen. Da es ihm völlig an Spaltöffnungen fehlt, so kann er die Kohlensäure der Luft zu seiner Ernährung nicht ausnutzen, und das Wurzelende kann ihn höchstens mit der nötigen Feuchtigkeit versorgen. Anfangs verbraucht er die in diesem kolbenförmigen Ende befindlichen Reservestoffe. Dann aber tritt böse Zeit ein, falls es dem Würmchen vorher nicht gelungen ist, irgend eine Stütze zu finden, sei es eine lebende Pflanze oder ein abgestorbenes Stengelstück. Geschieht dies, so legt es sich sofort mit 2 bis 3 Windungen um die Stütze, hebt aber sein oberes Ende gleich wieder von ihr ab und versucht, weiterwachsend mit ihm neue Eroberungen zu machen. Sowie der Stengelfaden mit einem Halm oder Zweige in Berührung kommt, schlingt er sich wieder einige Male um ihn herum und tastet dann weiter. Dabei vermeidet er sichtlich tote Stützen und bevorzugt in auffälliger Weise lebende Pflanzenteile.

Dort, wo die Flachsseide sich der Wirtspflanze – sie soll es erst werden – angeschmiegt hat, verdickt sich ihr Faden und laßt bald 3 bis 5 neben einander gereihte Warzen sehen. Diese scheiden einen Saft aus, mit dem sie sich an der Unterlage festheften. Ist die letztere lebendig, so wächst aus jeder Warze ein Zellenbündel hervor und dringt durch die Haut der befallenen Pflanze in das Innere, um aus ihm Nahrung zu schöpfen. Ist eine solche Verbindung mit der Wirtspflanze einmal hergestellt, so stirbt das unter den Saugwarzen befindliche Stengelstück des Schmarotzers allmählich ab, und er schwebt nun, die Nesseln oder Hopfenranken umklammernd, losgelöst vom Boden in freier Luft. Nun wuchert er sich verzweigend nach allen Seiten, immer neue Stengel ergreifend und umschlingend, immer frische Papillen bildend und Saugzellen entsendend, so daß man oft von ganzen Hecken nichts weiter mehr sieht als das Gewirr der mit Blütenknäueln dicht besetzten weißen Fäden der Flachsseide. Hier und da zeigen sich kleine, bleiche Schuppen, eine Andeutung des Laubwerks, und überall sprossen kleine, kugelige Büschel rosenroter Blüten hervor, die trotz ihrer Kleinheit vollständig ausgebildet sind. Sie erzeugen durch Selbstbestäubung winzige Kapselfrüchte, deren Deckel abspringen, worauf der Wind die Samen ausstreut. – Der Landmann, dem einige Arten unter dem Flachs und Klee große Verwüstungen anrichten, verwünscht sie als »Teufelszwirn«; es ist für ihn ein Glück, daß so mancher Keimling aus Mangel an einer Stütze auf der Erde liegen bleibt und zu Grunde geht, sonst wäre die Plage noch gefährlicher.

Windengewächse, Convolvulaceen. Kl. V. einjährig. Juli, August.

 

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