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Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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VIII

Von oben bis unten ist der Kardinal mit Blut befleckt. Er sieht wie ein Metzger aus, der einen Ochsen schlecht geschlachtet hat. Sein feistes, öliges, aber schönes Gesicht verzieht sich zwischen Grinsen und Greinen.

Die Soutane ist hin, denkt er, der Stoff – von Bontempoli in Mailand – war gut. Aber zu teuer, zu teuer. Ich werde es einmal mit einem kleinen jüdischen Restehändler in der Via Veneto versuchen. Der Mann soll äußerst preiswert liefern. Spare ich am Meter drei Groschen, so –

Er verlor sich in komplizierte Berechnungen. Plötzlich fiel sein Blick auf die Vanozza, der er Geburtshelferdienste geleistet hatte. Auf der Piazza Prizzi di Merlo hatte er ihr, in der Nähe seines Palastes, ein Haus eingerichtet. Es fehlte nichts an der Einrichtung. Nicht einmal ein Mann. Er verheiratete sie mit Giorgio de Croce, einem nachgiebigen, käuflichen Herrn, den er zum Vater seiner Kinder bestimmte. – Die Vanozza lag, nach der Qual der Wehen in tiefen Schlaf versunken, auf dem Lager. Arzt und Hebamme liefen lautlos wie zwei Eichhörnchen auf dem Teppich hin und her. Im Hintergrund am Fenster saß ein spanischer Astrologe mit seinen Instrumenten und Karten, sah nach dem Himmel, und stellte dem Kind das Horoskop.

Die Hebamme hatte das Kind gebadet. Sie brachte es in einem reinlichen Steckkissen, das sie dem Vater vor die dicke, mit Sommersprossen bedeckte Nase hielt.

– Es ist ein Mädchen, sagte sie.

Rodrigo Borgia fuhr mit dem rechten Zeigefinger über die Stirn des winzigen Wesens und schlug mechanisch das Kreuz. Ein Mädchen! dachte er. Ich hatte einen Knaben erwartet. Davon kann man nie genug haben. Stammhalter. Borgia. Aber es sei. Juan und Cesare sind ja schon eingetroffen. Man sagt, daß es einen Knaben gibt, wenn der Mann mehr liebt, und ein Mädchen, wenn die Frau mehr liebt –

Er sah von dem Kind zur Mutter hinüber. Was müßte es da eigentlich geben, wenn weder Vater noch Mutter liebten?

Er grübelte.

Das Kind verzog jetzt sein verwittertes, greisenhaftes Gesicht noch mehr, so daß es aussah, als ob eine unsichtbare Hand ein Paket Pergamentpapier zerknittere. Dann öffnete es plötzlich die verklebten Augen einen kleinen Spalt. Es schien zwischen den Lidern hindurch den fetten, großen Mann, der vor ihm stand, prüfen und ergründen zu wollen.

Du bist mein Vater, fragte es erstaunt. Hast du irgendwelche Vorstellungen von mir gehabt, als du mich schufst? Wolltest du einen Menschen deines unreinen Blutes – oder wolltest du vielleicht etwas Liebliches, Schönes, Sanftes, Zartes, Edles – – – alles Eigenheiten, die dir und deiner Familie fremd sind? Wolltest du dich selber überdauern – einen Hauch Ewigkeit in den Sturm der Zeit blasen – oder bin ich dir nur zufällig so entwischt – wie du nach dem Essen, dich zu erleichtern, einen Dampf aus dem Darm fahren läßt? –

Die Augen des Kindes hinter den Lidern fragten, ohne eine Antwort zu bekommen. Sie glitzerten in einem unbestimmten, silbrigen Glanz und es war noch nicht zu erkennen, ob es blaue, braune oder schwarze Augen geben würde.

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