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Gutenberg > Klabund >

Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XLVIII

Lucrezia empfing die Nachricht vom Tode ihres Bruders, die man versucht hatte, ihr zu verheimlichen, als sie in den Wehen lag.

Sie schrie einmal zum Himmel auf,

um dann nie mehr eine Klage von sich zu geben.

Sie genas eines toten Sohnes.

Das Leben der Borgia ist zu Ende, sann sie. Der Faden ist ihnen für immer abgeschnitten. Auch ich bin dieses Lebens müde und satt.

Im Kindbettfieber verflackernd, schrieb sie noch einen letzten Brief

an den Papst in Rom:

Heiligster Vater und innigst zu verehrender Herr,

die Seele einer Sterbenden neigt sich vor Euch und küßt Euch in aller schuldigen Ehrfurcht die heiligen Füße. Diese Sterbende ist eine Sünderin und eine Borgia – und also eine Sünderin doppelt und vielfach. Alle Sünden und Laster dieser Welt sind in meinen armseligen, bejammernswerten Leib eingegangen – jetzt, da ich schier verblutet bin an meiner Entbindung, sind sie mit meinem Blut wohl alle wieder hinausgeflossen. O habt Erbarmen und bittet Gott um Gnade für mich und alle Borgia. Sie waren ausgestattet mit den höchsten Gaben des Geistes und Körpers. Sie waren bestimmt, die Welt zu leiten. Aber sie selbst haben sich von Teufeln und Dämonen leiten lassen. Ihre Seelen waren nicht klein auf das Kleinliche gerichtet. Die Geschichte wird ihrer gedenken, in Verwunderung und Abscheu, aber nicht ohne Erkenntnis ihres Schicksals und ihrer Talente. O erteilt mir die heilige Benediktion, heiligster Vater – ich bin Euer getreues und demütiges Kind, vom Baume Borgias der letzte und unscheinbarste Sproß, zum Welken und Verdorren bestimmt.

Geschrieben in Ferrara, in der vorletzten Stunde meines Menschenlebens.

Euer Heiligkeit

niedrigste Magd

Lucrezia Borgia.

 

Dämmerung im Zimmer.

Lucrezia träumt das Märchen vom verdorrten Mandelbaum, der unter dem Blick eines reinen Menschen wieder zu blühen beginnt.

Sie blüht auf.

Sie gewinnt eine neue Jungfräulichkeit und Keuschheit des Wesens.

Wer sie sieht, ist betroffen von so viel lieblicher Anmut und seelischer Demut.

Sie entzündet die Dichter, die ihr Verse voll Leidenschaft und Verehrung widmen. Ariost, Giraldi, Antonio Tebaldeo, Marcello Filosseno vergleichen sie mit Minerva, Helena und Venus.

Sie wird zum Vorbild einer treuen, tugendsamen Gattin.

Michel Angelo erhebt sie auf einen Sockel und meißelt sie als Pietà.

Alle Lüste und Laster sind längst von ihr abgeglitten. Wie Anadyomene steigt sie neugeboren aus dem Meer des Lebens.

Sie hat alle Briefe des Vaters und des Bruders verbrannt – sogar ihre früheren kostbaren Kleider.

Sie trägt eine einfache graue Kutte.

Sie lebt nach rückwärts.

Sie erinnert sich plötzlich:

Damals, als Alexander –

Damals, als Cesare –

Damals, als Alfonso –

Aus den Gräbern steigen die Borgia.

Viele tragen einen Dolch in der Brust,

manche haben den Kopf unterm Arm.

Sie tanzt ihnen zu Ehren einen spanischen Tanz.

Ein Mönch schlägt dazu das Tamburin des Mondes.

Die toten Borgia sehen ihr zu.

Sie tanzt, bis sie ohnmächtig hinfällt.

Als sie aufwachte, war es im Zimmer dunkel geworden.

Das Dunkel spie Gespenster aus.

Gespenster in ihr –

Gespenster außer ihr –

Eine schwefelgelbe Flamme schlug vom Himmel in ihr Herz.

Ein kleiner buckliger Mann tänzelte plötzlich vor ihr, und es war ihr widerlich, ihn nicht gehen, sondern affektiert und aufdringlich mit einem übertriebenen Steiß wackeln und tänzeln zu sehen.

Plötzlich verschwand er in der Mauer, als ob dort eine Tür wäre.

Aber es war keine Tür da.

Nur ein kleines Loch, in dem eine Kröte saß und Lucrezia mit goldbraunen Augen anglotzte.

Die Sonne war längst untergegangen, behangen mit einem violetten Wolkenmantel.

Nun stiegen die Sterne an.

Es wurde licht,

immer lichter.

Ein Brausen ist um sie und Sausen von Licht. Ein Strom von Glanz.

Sie lächelt.

Da erfriert ihr Lächeln,

es wird zu Entsetzen.

Der Glanz beginnt zu brennen. Jede Pore ihres Leibes brennt.

Es wird heiß, immer heißer,

sie ist im Fegefeuer.

 

 

Auf ihrem Grabstein fand man diese Inschrift, die drei Tage zu lesen war, bis sie der Regen verwusch:

Hier ruht Lucrezia – dem Namen nach.
Sie häufte Greuel auf Greuel, und Schmach auf Schmach.
Sie war des eigenen Vaters Frau und Schnur,
Des Gatten Mörderin, des Bruders Hur.
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