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Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XLIII

Noch in der gleichen Nacht, das Brautpaar hatte längst das Lager aufgesucht und ein Notar hatte die Vereinigung festgestellt – schrieb der Herzog Ercole von Ferrara einen Brief an den Papst in Rom:

Heiligster Vater und ehrwürdigster Herr, Eurer Heiligkeit erlauchteste Tochter ist glücklich in Ferrara angekommen. Sie hat die Ehe mit meinem Sohn vollzogen und sich im Sturm die Herzen der schwer zu erobernden Ferrarer und Ferrarerinnen gewonnen: durch ihren Liebreiz, ihre Anmut, ihre Tugend und ihre Klugheit. Seien Eure Heiligkeit versichert, daß mein Sohn und ich sie als das Teuerste bewahren werden, was wir auf Erden besitzen.

Als der Papst diesen Brief in Händen hielt, da leuchteten seine Augen auf, um sich alsbald mit einem feuchten Schimmer zu überziehen.

Träne auf Träne tropfte plötzlich auf das Schreiben nieder.

Zum zweitenmal in seinem Leben weinte Rodrigo Borgia.

Mein Kind, schluchzte er, mein geliebtestes Kind! Du bist glücklich! Ich bin glücklich, wenn du es bist! Mein Borgiaherz! Werde selig schon auf Erden! Ich habe alles getan, dir diese Seligkeit vorzubereiten. Teppiche habe ich vor deine Füße gelegt, damit du nicht auf Steinen zu wandeln brauchtest. Ich habe dich vor Kälte und Hitze geschützt, du kühler, edler Stein. O bionda, mia bionda, biondinella d'amor! – Der Papst befreite Ferrara von der Kirchensteuer, was einem Erlaß von zweihunderttausend Golddukaten entsprach, und versicherte den Herzog von Ferrara seiner besonderen Gewogenheit.

 

Cesare empfing diesen Brief Alexanders:

Mein teurer Sohn, mit steter Aufmerksamkeit verfolge ich deine Unternehmungen. Mögen sie dir in letzter Zeit nicht immer zum Guten ausgegangen sein, so darfst du deswegen nicht den Kopf hängen lassen. Versuche es einmal mit dem Kopf hängen lassen anderer. Es ist kein Zweifel, wir müssen mit dieser verfluchten Familie der Orsini, die auch die Hauptschuld an deinen neuerlichen Mißerfolgen trägt, Schluß machen. Sie sind unsere Feinde seit Beginn der Welt und waren es schon zuvor und werden es danach wieder sein. Wir werden ihnen noch im Himmel oder in der Hölle wieder begegnen. Der Condottiere Paolo Orsini hat dich samt seinem Neffen Fabio Orsini und Vitelozzo und Oliverotto auf das schmählichste verraten. Du mußt versuchen, ihrer durch List habhaft zu werden. Ich werde zu gleicher Zeit Carlo Orsini und den Kardinal Giovanni Battisti Orsini, die aus Furcht vor mir Rom verlassen haben, in einem zärtlichen Brief bewegen, zurückzukehren. Haben wir sie alle in der Hand, so schließen wir die Hand, und sie mögen insgesamt ersticken und verrecken.

Bilsenkraut, Belladonna, Wasserschierling, Fingerhut und Hexenwurz sind brauchbare Pflanzen und Arsenik, Bleisäure und Quecksilber erforschenswerte Mineralien. Von einem Venenum atterminatum halte ich nichts.

Gottes Segen über dich!

Dein dich liebender alter Vater.

P. S. Lucrezia befindet sich wohl. Der Kardinal Giovanni Borgia kann seinen Amtspflichten nicht mehr nachkommen, malum gallicum habens. Ich habe ihn immer vor dieser neapolitanischen Sciantosa gewarnt.

 

Der Kardinal Giovanni Battisti Orsini folgte der liebenswürdigen Einladung des Papstes. Er hatte um so bestimmtere Hoffnung, in völliger Gnade empfangen und wieder aufgenommen zu werden, als Paolo Orsini sich Cesare Borgia wieder zur Verfügung gestellt und für ihn Sinegaglia mit stürmender Hand genommen hatte.

Er glaubte, Träger einer dem Papst höchst erwünschten Botschaft zu sein, als er im Vatikan auf einem weißen Maultier einritt. Er wurde, ohne vor den Papst gekommen zu sein, vom Maultier gerissen und von Bewaffneten in die Engelsburg geschleppt. Es war an dem gleichen Tag, an dem Cesare Borgia die Condottiere Paolo und Fabio Orsini, Vitellozzo und Oliveretto in die Falle lockte und auf der Stelle erwürgen ließ.

Kaum vernahm die Mutter des Kardinals Orsini von seiner Verhaftung, als sie vom Papst eine Audienz erbat.

Die Audienz wurde ihr verweigert. Aber aus purer Menschlichkeit gestattete ihr der Heilige Vater, ihren ungeratenen Sohn einmal täglich zu besuchen.

Er ließ hinzufügen: wenn sie wolle, könne sie ihm ja persönlich das Mittagessen bringen. Der Kardinal habe ein (unbegründetes) Mißtrauen gegen die vatikanische Küche geäußert. Sie sei für seinen verwöhnten Geschmack – den Geschmack der Orsini – wohl zu einfach und ungewürzt. Übrigens begreife er das: selbst sein Sohn Cesare und die jungen Kardinäle äßen ungern an der frugalen päpstlichen Tafel.

Jeden Mittag trug mit eigenen Händen Madonna Orsini, die vornehmste Dame der römischen Aristokratie, ihrem Sohn Giovanni das Essen ins Gefängnis. Sie reichte es ihm durch die Gitterstäbe, wo er auf einer Pritsche saß, in einem Breve las oder mit sich selber Schach spielte.

Giovanni, flehte sie, was ist deine Schuld?

Der Kardinal sah ihr in die Augen:

Daß ich ein Orsini bin, Mutter.

Eines Tages nahm der Gefängniswächter Madonna Orsini die Schüssel schon am Tor ab und schüttete die Minestra in den Rinnstein:

Dein Sohn, Mütterchen, braucht nichts mehr zu fressen. Ist heute nacht an einer Verdauungsstörung sanft entschlafen. Der Papst selbst hat ihm gestern abend die heilige Hostie gereicht – aber sie ist ihm nicht gut bekommen.

Er wollte ihr die Schüssel zurückgeben. Sie fiel ihr aus den Händen auf die Fliesen und zerschellte klirrend.

Schreiend lief sie durch die mittäglich leeren Straßen.

Überall waren an den Fenstern Decken und Rolläden heruntergelassen.

Die Sonne brannte kaum erträglich.

Niemand sah, niemand hörte die alte, schwarzgekleidete Frau.

In der grellen Sonne taumelte sie im Zickzack wie ein Schmetterling, ein Trauermantel.

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