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Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XLII
Thais

Marktplatz von Alexandrien

Der fromme Vater Paphnutius (tritt auf): Ich habe von dem und jenem Wanderer vernommen, daß in Alexandria ein Mädchen weile, die sei über alle Beschreibung hold und liebreizend, derart, daß alle Jünglinge Alexandrias sie umschwärmten wie die Bienen die Bienenkönigin und keiner sich ihrer verführerischen Anmut zu entziehen vermöge.

(Die anwesenden Jünglinge schweigen zuerst betreten. Danach spricht einer.)

Jüngling: Du hast recht, tugendhafter Greis, uns Jünglingen von Alexandria Leichtsinn und Buhlerei vorzuwerfen. Und wir wissen, wen du meinst: es ist Thais, die Hetäre, die uns verzaubert hat, daß wir unsrer Sinne nicht mehr mächtig sind. Ganz Alexandria hat sie in Brand gesteckt. Männer verlassen ihre Ehefrauen ihretwillen und bartlose Knaben stehlen die Kleinodien aus ihrer Väter Schrein, um Thais zu gefallen und ihre Stirn mit dem goldenen Reif zu schmücken.

Paphnutius: Wo wohnt sie? Ich habe eine Botschaft an sie.

Jüngling: Ihr Haus ist nahebei. In jener Gasse dort. Wenn du es wünschest, so wollen wir dich geleiten, denn wir kennen den Weg nur allzu gut.

Paphnutius: Ich ziehe vor, allein zu gehen. Gott mit euch, ihr Jünglinge.

Jünglinge: Gott mit dir, ehrwürdigster Vater.

* * *

Haus der Thais

Der Teufel in Gestalt eines Jünglings.

Teufel: Schenk ein, Thais. Mich dürstet. Wenn das rote Rebenblut mir die Kehle herunterrieselt, stell ich mir vor, es sei Menschenblut.

Thais: Mich schaudert es, wenn du so lästerlich sprichst.

Teufel: Ich scherzte, meine Süße.

Thais: Dies sind arge Scherze, wie du sie treibst.

Teufel: Umarme mich, so wollen wir bessere treiben.

Thais: Ich bin zu Scherzen, welcher Art auch immer, heute nicht aufgelegt.

Teufel: Warum so spröde, mein Täubchen?

Thais: Ich hatte die Nacht einen Traum, und dieser Traum macht mich nachdenken.

Teufel: Du machst mich lächeln, Thais. Du glaubst an Träume? Läßt dir die Laune von Imaginationen verderben, die du dir selber schufst, weil du am Abend vorher vielleicht zu viel und zu fett gegessen oder zu schnell getrunken. Ich hätte dich für klüger gehalten.

Thais: Mir träumte von einem Wald, in dem ich einst gehaust, als ich noch gut und glücklich war.

Teufel: Gut – gut – was besagt das? Es kommt nicht darauf an, gut zu sein, sondern das Leben zu genießen, es zu schlürfen, wie ich diesen Trunk jetzt schlürfe.

Thais: Allzu oft und allzu leicht hab ich mich durch dich stets verleiten und verlocken lassen. Mir brennt die Scham in den Wangen, denk ich daran, daß ich das Kind, die Frucht unserer unzüchtigen Beziehungen, einem schmutzigen alten Weibe in der Vorstadt zur Aufzucht und in Pflege gab, um hier im Haus in meinem buhlerischen Treiben und wildem Wandel nicht behindert zu sein. Wie mag es dem Kinde gehen? Ich träumte von ihm.

Teufel: Dich sollte das Kind nicht bekümmern. Sei froh, daß es dir hier nicht zwischen den Beinen herumläuft und dir durch sein Geschrei die Besucher verjagt. Vestigia terrent. Es würde manchem zarten Jüngling die Lust verschlagen, sähe er die Folgen liebenswürdigen Leichtsinns so leibhaftig vor sich.

Thais: Mir träumte, der Wald entreiße sich seiner Wurzeln und käme gewandert wie ein Mensch: zu mir.

(Es klopft an der Tür)

Thais (schrickt zusammen): Wer ist's?

Teufel: Die Störung kommt mir nicht gelegen.

Eine Stimme: Gut Freund, schöne Thais, öffnet getrost.

(Thais öffnet: herein tritt Paphnutius, die Kapuze seines Pilgermantels über den Kopf geschlagen, so daß er unkenntlich ist.)

Thais: Wer seid Ihr? Ich atme eine reine, klare Luft, seit Ihr im Zimmer weilt. Duft von Tannen ist um Euch. Wie wird mir?

Teufel: Ich kann den Gestank nicht ertragen. Der Kerl deucht mich bekannt. (Tritt herzu, fährt zurück.) Es ist der verfluchte Christ . . .

Paphnutius (macht das Zeichen des Kreuzes).

Teufel (schief und gebückt durch die Tür ab): Hüte dich, Thais: vor ihm – wenn du mir getreu bleibst . . . vor mir, wenn du ihm verfällst.

Paphnutius: Wer war der Mann, der dich soeben verließ, schöne Thais?

Thais: Ein Jüngling aus Alexandria und mein Freund. – Ihr seid hierzulande fremd, wie es scheint?

Paphnutius: Ich komme weit von hier, durch die Wüste, von den Wäldern Thebens.

Thais: Mein Traum!

Paphnutius: O Thais, o Thais, welch weiten Weges Mühsal hab ich durchwandert, um zu dir zu gelangen.

Thais: Ihr hattet Sehnsucht – und nach mir – und kanntet zuvor mich doch gar nicht.

Paphnutius: Alle Straßen der Welt sind voll vom Ruhm deiner Schönheit.

Thais: Da Ihr solches Verlangen nach mir bezeigt, so will ich mein Antlitz nicht länger vor euch verhüllen und mich entschleiern. (Tut es.)

Paphnutius: Thais, Thais –

Thais: So schlagt auch Ihr den Mantel vom Haupt, damit ich erkenne, mit wem ich spreche. Ob es ein Jüngling, oder ein Greis sei, der meine Liebe begehrt.

Paphnutius (faßt sich an sein Herz).

Thais: Was ist mit Euch? Ihr zittert?

Paphnutius: Ich schaudre, weil ich deines Schicksals denke, und ich beweine dein Verderben.

Thais: Welche Stimme . . . Die Tränen des Fremdlings rühren mein tiefstes Herz . . . Ihr kennt mein Schicksal nicht. Was weint Ihr, Fremdling, über eine Fremde? Ich bin Euch fremd. Ihr seid mir fremd. Vor einer Stunde kanntet Ihr mich noch nicht und wußt ich nichts von Euch.

Paphnutius: Immer bin ich bei dir gewesen, Thais, mit der Kraft meines Gebetes. Du hast mich – ich habe dich nie verlassen.

Thais: Ich habe seit Jahren nicht mehr gebetet. Fast habe ich den Namen Gottes vergessen.

Paphnutius: Du nanntest ihn. Doch sprich, von welchem Gott sprachst du?

Thais: Vom einzigen Gott.

Paphnutius: So glaubst du an ihn?

Thais (den Kopf senkend): Ich glaube an ihn.

Paphnutius: So glaubst du auch, er sei allwissend?

Thais: Ihm ist mein Wandel nicht verborgen.

Paphnutius: Und glaubst du, daß er nach Recht und Gerechtigkeit richte?

Thais: Ich glaube, daß er mit gerechter Wage unsre Taten wägt . . .

Paphnutius: O Jesus Christus, wie übst du unendliche Geduld in deiner unsäglichen Gnade und Langmut und weisest den Weg der Reue auch dem Verfehmtesten. (Für sich:) Herunter vom Haupt die Hülle.

Thais (im Aufschrei): Mein heiliger Vater . . .

Paphnutius: Du hast gelitten, Tochter?

Thais: Leid über Leid.

Paphnutius: Wer hat dich betört, verführt und hintergangen?

Thais: Der, welcher Adam und Eva betörte, daß sie des Paradieses verlustig gingen.

Paphnutius: Wo ist der engelreine Wandel, den du geführt?

Thais: Dahin, dahin.

Paphnutius: Wo ist deine Jungfräulichkeit? deine Zucht und Sitte? Wohin die goldene Enthaltsamkeit?

Thais: Entschwunden meinem Sinn.

Paphnutius: Hat je ein Mensch ohne Fehl gelebt außer der Jungfrau Sohn?

Thais: Nie.

Paphnutius: Menschlich ist es, Sünde zu begehen. Aber teuflisch, in der Sünde zu verharren. Bereust du?

Thais (kniend): Weh mir, ich Unselige. Ich bereue.

Paphnutius: Mit Worten? Mit den Lippen?

Thais: Mit der Tat. Mit der Seele. Mit meinem ganzen Sein. Ich büße. Ich büße. Ich bin nicht wert, den Staub von deinen Füßen zu küssen.

Paphnutius: Steh auf, meine Tochter. Zur Umkehr ist es nie zu spät.

Thais: Mich drückt ein Übermaß an Sündenschuld.

Paphnutius: Erhebe dich. Im Namen des dreieinigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, spreche ich dich aller deiner Sünden ledig. Steh auf, meine Tochter, und wandle im Herrn.

Thais: Möge es dem Herrn gefallen, mich wieder in ein ehrlich Menschen- und Gotteskind zu verwandeln.

Paphnutius: Unwandelbar ist die Substanz des Höchsten. Doch ist es ein geringes ihm, die unsre zu wandeln. Sei getrost und glaube!

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