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Gutenberg > Klabund >

Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XXXVIII

Pesaro, Rimini, Imola, Forli waren gefallen.

Die Gonzaga und Este, obwohl nicht Vasallen des Kirchenstaates, bemühten sich um die Gewogenheit Cesares und Alexanders. Jetzt stand Cesare vor Faenza. Faenza war der Schlüssel zu Ravenna und Venedig. Die Stadt wehrte sich heroisch.

Als der Widerstand der Männer nachzulassen begann, war es die siebzehnjährige Diamante Jovelli, die ihn wieder aufstachelte. Sie ging auf den Wällen umher, brachte dem einen Becher Wasser, jenem ein Wort der Stärkung, schleppte Munition und Faschinen. Ihr Beispiel ermunterte die übrigen Frauen und nach einer Woche war Diamante Jovelli Kapitän eines Weiberbataillons.

Sie ließ auf der Umwallung eine weiße Fahne aufpflanzen, die ein Mädchen im Kettenpanzer zeigte, welches auf einen Totenkopf tritt.

Was aber Diamante Jovelli, die schwarzlockige, von Gestalt zarte Gerberstochter tat, das tat sie aus Liebe zu dem achtzehnjährigen Astorre Manfredi, dem Fürsten von Faenza, dessen Mutter Francesca ihren Gatten Galeotto Manfredi wegen Untreue hatte erdolchen lassen.

Sieben Stunden den Tag feuerte Cesare Borgias Artillerie auf Faenza. Die sechzig Pfund schweren Steinkugeln prasselten auf Mauern und Wälle.

Die am Tag zerschossenen Wälle wurden nachts unter Führung Diamante Jovellis wieder aufgefüllt.

Die Belagerung leitete als Cesares Oberingenieur ein gewisser Lionardo da Vinci, ein trefflicher Erfinder mannigfaltiger Kanonen und Wurfgeschütze, der vor Faenza eifrig den Flug der Vögel studierte, weil er eine Maschine, die dem Menschen das Fliegen ermöglichen sollte, zu erfinden gedachte. In seinen Mußestunden pflegte er Bilder zu malen, die von Kennern der hohen Malkunst wohlwollend beurteilt wurden. –

Cesare Borgia kam nicht vorwärts. Er bot der Stadt Faenza einen für sie und den Fürsten sehr günstigen Vertrag an.

Astorre Manfredi ging nachts waffenlos in Cesares Hauptquartier.

Vergeblich hatte Diamante Jovelli unter Tränen ihn zurückzuhalten versucht:

Du gehst in dein Verderben, Astorre! Traust du dem Schwur eines Borgia?

Astorre lächelte sein schönes Knabenlächeln:

Er ist ein Herr wie ich. Er wird seinesgleichen das Wort nicht brechen.

Cesare erstaunte, als er Astorre im Schein der Fackeln erblickte.

Es flog ihn ein Gefühl der Rührung an, wie wenn ein Nachtfalter gegen seine Stirn schlug.

Er ist der schönste Jüngling, den ich je sah. Welche Festigkeit im Gang und welche Anmut der Bewegung. Welches Feuer in den schwarzblauen Saphiraugen! Wie herrisch und kindisch zugleich er das blonde Haar in den Nacken wirft. Und diese hohe kluge Stirn!

Cesare bewilligte Astorre alles, was dieser forderte: jedem Faentiner wurde Leben und Besitz verbürgt, die Stadt würde durch Cesares Truppen nicht besetzt werden. Der Familie Astorres wurde freies Geleit, wohin immer sie wolle, zugesagt.

Beglückt kehrte Astorre heim.

In dieser Nacht gab sich Diamante Jovelli ihm hin, denn ihr Herz zersprang fast vor Freuden, als sie ihn wiederkommen sah und endlich in den Armen hielt.

Astorre Manfredi küßte sie zart.

Siehst du, man muß Vertrauen haben! Der wahrhaft Edle zahlt mit gleicher Münze zurück.

Wer ist »ein wahrhaft Edler«?

Cesare. –

Der Borgia?

Ja. –

Ihr Gesicht verfinsterte sich. Sie wollte etwas sagen, aber sie schwieg, als sie in seine aufleuchtenden Augen blickte.

 

Cesare Borgia hatte den jungen Astorre Manfredi eingeladen, ihn in Rom zu besuchen. Astorre folgte einige Wochen später der Einladung.

Er wohnte in Cesares Palast, und es ging das Gerücht, daß eine widernatürliche Liebe die zwei verbände. Man sah sie oft umschlungen auf dem Monte Pincio wandeln. Zu Ehren Astorres fand unter anderen Lustbarkeiten ein Armbrustschießen statt, bei dem es einen bedauerlichen Unfall gab.

Ein unachtsamer Schütze schoß daneben, und der Bolzen fuhr dem Fürsten von Faenza so unglücklich in den Hals, daß er, versehen mit den heiligen Sterbesakramenten, wenige Stunden später seinen Geist aufgab.

Seine letzten Worte waren:

Borgia! Borgia!

welche so gedeutet wurden, daß er dem Papst, der sich selbst zur letzten Ölung herbeibemüht, mit ihnen für seine sorgende Güte habe Dank sagen wollen.

 

Karneval.

Auf dem Campo Fiore und bei den Banchi tollten und schwärmten wie Mückenschwärme Tausende von Masken.

Arlecchinos, Kolombinen, Türken, Neger, Soldaten, Stelzenläufer, Bauernmädchen. Viele aber hatten scheußliche, abschreckende Masken über den Kopf gestülpt, als wären für einen Tag die bösen Dämonen ihrer Seele ans Licht gelangt und hätten Gesicht und Gestalt gewonnen. Manche trugen riesige Phallen als Nasen. Pfeifer und Trompeter zogen tirilierend umher. Kunstvoll schlugen die Trommler das Kalbfell, bald zart, bald kräftig.

Bei einem einsamen Spaziergang geriet Alexander Borgia, der Papst, mitten unter sie. Sie erkannten ihn nicht und hielten ihn für einen, der sich als Papst verkleidet hatte.

Du, Dicker, schrien sie, komm, tanz mit uns! Und sie zogen ihren Kreis, tanzten und sangen rhythmisch: vinum bonum, vinum bonum, und der Papst tanzte lachend mit ihnen, bis der Reigen abbrach, die Kette sich löste und Alexander Borgia allein auf dem Platze zurückblieb.

Ihm war heiß.

Die Frühlingssonne stach.

Er trocknete mit einem kleinen Tuch sich den Schweiß von der Stirn.

Und fast hätte er sich die Perücke herunterreißen wollen, als ihm einfiel, daß es ja echte Haare waren.

Ja, schnaufte er, alles echt an den Borgia, alles echt.

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