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Gutenberg > Klabund >

Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XXXVI

Der Kardinal La Grolaye hatte Lucrezia von dem jungen, dreiundzwanzigjährigen Florentiner Bildhauer Michel Angelo erzählt.

Sie bat ihn eines Tages zu sich ins Kloster.

Sie betrachtete ihn neugierig, wie ein Kind Türken und Inder betrachtet.

Ihr seid Bildhauer?

Jawohl, Madonna.

Adliger?

Aus edelstem Geschlecht –

Versteht Ihr euer Handwerk?

Ich hoffe, Madonna.

Macht Ihr ein Gewerbe aus Eurer Kunst?

Ich mache eine Kunst aus meinem Gewerbe.

Könnt Ihr Pferde machen – oder noch besser: Pferdemenschen, Kentauren?

Den Kampf der Kentauren und Lapithen? Ich will es versuchen, Madonna.

Einen sterbenden Adonis –

Ich werde darüber nachsinnen –

Interessiert Ihr euch für die Ausgrabungen aus der Antike? Alle Augenblicke findet man eine schöne Statue, eine Göttin oder einen Silen. Da könnt Ihr viel lernen – wenn Ihr wollt.

Es ist der Inhalt meines Lebens, Madonna.

Was habt Ihr denn schon Vortreffliches geleistet?

Eine Gruppe, Madonna.

Was stellt sie dar?

Die Pietà –

Ihr müßt sie mir zeigen!

Ich bitte, über mich zu verfügen!

 

Lucrezia kam in sein Atelier, von der Äbtissin von San Sisto begleitet. Sie war sehr guter Laune und knabberte unaufhörlich Datteln.

Sie sah einen Kentauren in Lehm angefangen.

Er trug die Züge Alexander Borgias.

Sie sah einen sterbenden Adonis.

Er trug die Züge Alfonsos von Aragon.

Sie wandte sich melancholisch lächelnd zu Michel Angelo:

Und was wollt Ihr aus mir machen?

Sie stand plötzlich vor der Pietà. Und all ihre Heiterkeit zerbrach in einem Augenblick, dem Augenblick, den sie mit der Pietà tauschte. Diese Pietà, das ist keine qualvoll gealterte Mater dolorosa – es ist ja eine ganz junge, leidende Frau, die mir ähnlich sieht – und Christus – trägt er nicht die Züge jenes in Florenz verbrannten Fra Girolamo – jenes unseligen Ketzers –

Laut sagte sie:

Ihr habt Savonarola gekannt?

Der Bildhauer nickte wortlos.

Er ist gar nicht tot, so scheint es. Er schläft ja nur –

Ja, sagte Michel Angelo, er schläft nur.

Mein Gott, dachte sie, ich muß weinen. Ich spüre, wie mir schon die Tränen aufsteigen. Ich muß schleunigst gehen.

Aber es war schon zu spät.

Die Tränen stürzten ihr aus den Augen.

 

Michel Angelo geriet, als sie von ihm gegangen war, in einen ekstatischen Rausch. Er warf den Meißel beiseite und begann eine Reihe leidenschaftlich sinnlicher Gemälde zu malen:

Leda vom Schwan geliebkost.

Venus von Amor geliebkost.

Leda und Venus trugen die Züge der Lucrezia Borgia. Er begann Verse zu schreiben an die Donna aspera e bella.

Und nannte sie:

La donna mia nemica –

Meine schöne Feindin. –

Er träumte von ihrer Nacktheit.

Und begann ein christliches Gemälde zu skizzieren, in dem die Mutter Gottes, der Heiland, St. Peter und St. Johann, alle in heidnischer Nacktheit, durch eine florentinische Landschaft wallten.

 

Lucrezia kehrte in den Vatikan zurück, vom Papst zärtlich herbeigerufen.

Sie erzählte ihm von dem Bildhauer Michel Angelo.

Der Papst dachte nach.

Er soll mir einen Entwurf machen für mein Grabmal. Für ein Grabmal, das berufen sein wird, alle Borgia dermaleinst zu vereinen.

Er sandte Michel Angelo in die Steinbrüche von Carrara, den geeigneten Marmor brechen zu lassen.

Michel Angelo stieß an der Küste auf einen Berg, der von Meer und Land weithin sichtbar war.

Ich werde aus dem Berg eine Kolossalstatue meißeln – wozu Carrara nach Rom tragen? Die Leichen der Borgia müssen von Rom nach Carrara geschafft werden und unter diesem kolossalen Steinblock ruhen, dem ich die Gestalt eines gigantischen Kentauren geben werde.

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