Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Klabund >

Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

XXXV

Um die Vanozza bekümmerte sich der Papst in Zukunft nicht mehr.

Sie hatte ihm, wie es ihre Pflicht war, Borgias geschenkt und damit ihre Mission erfüllt.

Als er eines Tages erfuhr, sie sei schwer an Malaria erkrankt, schickte er ihr seinen Leibarzt Torella.

Der gab ihr eine Spritze, die zur Folge hatte, daß sie in einen tiefen Dauerschlaf versank. Sie schlief dreizehn Jahre bis zu ihrem Tode. Und erwachte nur jeden Tag und jede Nacht für ein paar Minuten, in denen sie nur halb bei Besinnung war.

Sie verlernte ganz die Sprache und konnte sich schließlich nur noch auf ein Wort besinnen:

Borgia.

Der Papst schwenkte ein Pergament in der Hand.

Trionfo, Borgia! Der neue König von Frankreich bittet mich, seine erste Ehe zu scheiden und ihm die Eingehung einer zweiten zu gestatten! Ich habe zugesagt – unter einer Bedingung –

Cesare:

Spanne mich nicht auf die Folter.

Alexander:

Das haben wir bereits mit diesem Savonarola getan. Scherz beiseite, Cesare: unter der Bedingung, daß du eine französische Prinzessin zur Gattin erhältst.

Cesare knirschte vor Freude mit den Zähnen:

Und er hat zugesagt?

Der Papst jubelte:

Ja! Er schlägt Charlotte d'Albret, die Schwester des Königs von Navarra, vor. – Kindchen, Söhnchen, fuhr Alexander Borgia fort, du mußt in Frankreich nobel auftreten. Wir brauchen für dich Gespanne, Reisewagen, Pagen, Läufer, Reiter, Samt, Seide, Gold, Brokat, Perlen in Hülle und Fülle! –

Und woher nehmen wir das, was in Summa zwei- bis dreihunderttausend Golddukaten betragen dürfte? lächelte bescheiden Cesare.

Söhnchen, Kindchen, der Papst tätschelte zärtlich seine Wange, du mußt etwas gegen deine Sommersprossen tun, sie entstellen nur dein hübsches Gesicht, ja – was ich sagen wollte – es sind einige reiche, der Ketzerei verdächtige Personen, wie beispielsweise Pedro de Aranda, Bischof von Calahorro – wenn wir ihnen keinen Prozeß machen, werden sie gern und willig ein Sümmchen zahlen. Und wozu sind die Juden da? Wir verurteilen sie wegen gottlosen Wuchers zu schweren Gefängnisstrafen, die sie dann mit Geld ablösen können. Beruhige dich, Söhnchen, die zweihunderttausend Taler haben wir in einer Woche zusammen. Ich werde übrigens auch eine Borgiabank errichten. Eine Bank, wo man gegen feste Taxen Ablaß erhält. Mord kostet, sagen wir, fünfhundert Dukaten, Diebstahl, Unterschlagung und bis zu Kindsabtreibungen und Verleumdungen entsprechend weniger.

Cesare witzelte:

Du selbst hast ja genug Betriebskapital einzuzahlen.

Alexander Borgia überhörte die Bemerkung: Von jeder Einzahlung gehen 20 Prozent direkt an die päpstliche Kammer, das heißt an uns. Wir können damit unsere Kasse beträchtlich auffüllen, denn die Sünder sterben, Gott sei's gelobt, nicht aus.

Cesare lächelte:

Und nicht die Dummen.

Alexander prustete:

Amen. – Übrigens, was ich bei der Gelegenheit sagen wollte:

Ein Prinz von Aragon, von Neapel, kann uns nach unsern letzten Erfolgen nicht mehr viel nützen. Die Ehe Lucrezias mit ihm war eine Torheit. Wir müssen sie wieder gutmachen.

 

Alfonso wurde eines Abends, als er im Vatikan seine Gattin besuchen wollte, von Vermummten überfallen und mit Dolchstichen traktiert.

An Kopf, Armen und Schenkeln blutend, floh er in die Kammer Lucrezias, die ohnmächtig an ihm dahinsank.

Der Papst erteilte ihm die Absolution. Aber wider Vermuten erholte sich Alfonso.

Er wurde von Lucrezia sorgfältig und zärtlich gepflegt, die ihm alle Getränke selbst zubereitete und von allen Speisen zuerst kostete, ehe sie sie ihm reichte.

Eines Nachmittags, in der milden Abendsonne, er war schon Rekonvaleszent, stand Alfonso am offenen Fenster und sah Cesare Borgia durch den Garten gehen.

Es wurde ihm rot vor den Augen. Er riß den Dolch aus dem Wehrgehenk und warf nach ihm.

Der Dolch fiel vor Cesare zu Boden.

Cesare hob ihn auf, ohne nach dem Fenster zu blicken. Er betrachtete einen Augenblick das Wappen der Aragon am Knauf.

Dann warf er ihn nach einem Olivenbaum, wo er im Stamme stecken blieb.

Am selben Abend machte Cesare einen Besuch bei Alfonso und erkundigte sich freundlich nach seinem Befinden.

In der Nacht stieg Michelotto, eine Kreatur Cesares, heimlich im Zimmer Alfonsos ein und erwürgte ihn im Schlaf.

Cesare spielte diese Nacht eine Partie Schach mit dem Papst.

Während er ihm mit der Dame Schach bot, sagte er so nebenbei:

Der Weg für eine Heirat Lucrezias mit dem Prinzen Este von Ferrara ist frei.

Der Papst ließ den König fallen, den er gezogen hatte.

Ich bin müde, sagte er, wir wollen schlafen gehen.

 

Lucrezia war außer sich, als sie von der Ermordung Alfonsos hörte. Zum ersten Male wurde sie an ihrer eigenen Sippschaft irre. Ihre Lippen weigerten sich, den Namen Borgia auszusprechen und sie erbrach ihn vor Ekel mit grüner Galle.

Sie weigerte sich, Cesare zu empfangen und ließ auch Alexander nicht vor ihr Angesicht. Sie wollte allein sein und nie mehr einen Borgia sehen.

Sie verhängte in ihrem Zimmer alle Spiegel, um sich nicht selbst sehen zu müssen. Nachts lief sie, tief verschleiert, in das Nonnenkloster von San Sisto und flehte um Aufnahme.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.