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Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XXXIV

Mein Söhnchen, sagte Alexander, der nach Rom zurückgekehrt war, zu Cesare, wir haben jetzt, nachdem wir diesen Karl VIII. und diesen närrischen Dominikaner Fra Girolamo los sind, Zeit, uns ein wenig mit unsern inneren Feinden, den Baronen der Romagna, den Orsini und Colonna, zu beschäftigen. Juan, der Herzog von Gandia, mein geliebter Sohn und Generalkapitän des Kirchenstaates, wird den Oberbefehl gegen die unbotmäßigen Ritter übernehmen. Erteile ihm deinen Segen als Bruder und Kardinal!

Cesare verließ wortlos das Zimmer.

Juan zog ins Feld und erlebte eine klägliche Niederlage gegen die Orsini, die alle ihre Burgen behaupteten.

Die Vanozza gab in ihrem Weinberg in Vincoli bei Sankt Peter ein kleines Fest zur Feier der Weinlese und der Belehnung des Herzogs von Gandia mit den Besitzungen Benevent und Terracina.

Der Papst war erschienen, es kamen Lucrezia, Juan, Gioffredos schöne Gattin Sancia, Cesare Borgia und einige römische Adlige aus dem Bekanntenkreis der Borgia.

Auch waren zur Erheiterung der Tafel einige Affen, Spaßmacher und Freßkünstler zugezogen. Einer von ihnen begann sein Mahl mit dreißig hartgekochten Eiern, um ihnen sofort eine ganze Salamiwurst folgen zu lassen, um die er sich mit einem Affen balgen mußte.

Der Mönch und Narr Arlotto erzählte unzüchtige Witze. Zum Beispiel behauptete er, dessen Geilheit bekannt war, daß der Papst und er mit dem gleichen Mittel zu siegen verstünden. Der Papst fragte belustigt, womit? Mit dem Bullensiegel! Aber er nehme es auch mit Demosthenes auf. Worin? – Mit der Zunge. Juan fiel vor Lachen hintenüber.

Lucrezia vergnügte sich damit, Trauben von den Stöcken zu reißen und die Beeren den Gästen einzeln in den Mund zu werfen.

Der Papst lachte und hustete, er hatte sich an einer Beere verschluckt.

Cesare biß die Lippen zusammen, die Beeren fielen zur Erde.

Sancia sah ihn von der Seite an.

Juan schnappte äußerst geschickt.

Er brachte es auf dreizehn Beeren und wurde von Lucrezia zum Sieger im »Beerenwurf« erklärt.

Später sang sie spanische Lieder und tanzte die Tarantella.

Zärtlich folgte der Papst jeder ihrer graziösen Bewegungen.

Um Mitternacht brach man auf.

Der Papst und Lucrezia ritten mit Fackelreitern und Bedienten in einer Kompagnie.

Cesare und Juan, der Herzog von Gandia, bildeten den zweiten Trupp.

Beim Palast des Ascanio Sforza trennte sich Juan mit einem fröhlichen Addio von seinen Kameraden, um einem kleinen Abenteuer nachzugehen.

Er wurde am nächsten Tage, dicht beim Ausfluß der Hauptkloake, aus dem Tiber gefischt.

Sein aufgeschwollener Leib zeigte einen Dolchstich mitten überm Herzen.

Der Papst schloß sich in sein Zimmer ein, und hier, wo ihn niemand sah, ließ er seinen Tränen freien Lauf.

Er weinte zum erstenmal in seinem Leben. Juan Borgia, der Generalkapitän der Kirche, der zukünftige König von Neapel, von ganz Italien –, ausgelöscht wie eine Fackel im Sande.

Ich will Buße tun, schrie er, Herr, ich bereue tief mein vermaledeites Leben. Geuß einmal noch deine Gnade über mich. Ich will deine geliebte Kirche reformieren, ich selbst. Ich will –

Er aß, trank und schlief drei Tage nicht, fieberte und meditierte.

Am vierten Tage besuchte ihn Cesare.

Der Papst fuhr ihn bissig an wie eine Dogge. Wer hat den Herzog von Gandia getötet?

Cesare antwortete nicht.

Wer hat Juan Borgia erdolcht und in den Tiber gestürzt?

Cesare antwortete mit einer Gegenfrage:

Wer hat mich zum geistlichen Beruf gezwungen, obwohl ich der ältere war und zu weltlicher Würde wohl berufener als er, der sich im Feldzug gegen die Orsini mit Schande und Lächerlichkeit bedeckt hat? Und wer hat mich zum Kardinal gemacht, obwohl mir der Kardinalshut nicht besser paßt als eine Nachtmütze? Wer will etwas aus mir machen, was ich nicht bin?

Alexander trat auf ihn zu und legte ihm beide Hände schwer auf die Schultern.

Er wollte sie niederdrücken, aber es gelang ihm nicht.

Der schmale, schlanke Mensch stand unverrückbar.

Der Papst seufzte:

Was soll ich nun mit dir machen, he?

Cesare zuckte die Achseln:

Willst du mir in die Suppe spucken? Der Speichel der Borgia ist schon Gift genug. Du brauchst die Cantarella nicht bemühen. –

Alexander ging schweigend hin und her. Nach zehn Minuten machte er wieder vor Cesare halt.

Man bereitet mir die größten Unannehmlichkeiten. Der Tod des poveretto Giovanni macht alle meine Pläne zuschanden.

Cesare sagte ruhig:

Mach neue Pläne.

Alexander schrie auf:

Ich habe ihn geliebt. Weißt du das?

Cesare:

Er ist tot. Gott hab ihn selig –.

Er schlug das Kreuz.

Der Papst schlug ihm die Hand herunter.

Cesare fuhr fort:

Er ist tot. Ich lebe. Wirf die Liebe, die du für ihn hattest, zu der Liebe, die du für mich hast. Dann bin ich beglückt. Liebe mich! Vater!

Alexanders Antlitz hellte sich auf:

Zum erstenmal sagst du Vater zu mir. Komm an meine Brust. Sohn! Sohn!

 

Der Papst gestattete dem Kardinal Cesare Borgia, der die ordentlichen Weihen der Priesterschaft ja nie empfangen, den Kardinalspurpur abzulegen.

Cesare warf den Kardinalsmantel aus dem Fenster auf die Straße, wo der Pöbel sich um ihn zu raufen begann.

Im Nu war der Mantel in tausend Stücke zerrissen.

Sie zerrissen den Mantel und meinten den, der ihn getragen.

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