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Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XXXIII

Die Mandatare des Papstes waren der Venezianer Giocchino Turriano, General des Dominikanerordens, und der Spanier Francesco Remolino.

Höre, mein Sohn, so nahm der Papst den kleinen, bösartig liebenswürdigen Francesco Remolino, den ehemaligen Erzieher Cesares, beim Abschied zur Seite –, ich rede als Spanier zu dir. Von Spanier zu Spanier. Du bist wie ich ein Liebhaber der Corrida, des Stierkampfes. Es gibt kleine, widerhakige Speere, die man den Stieren in den Leib stößt, um sie bis aufs Blut zu reizen. Stoß dem Frater Girolamo solche Spieße in den Bauch. Spiel den Picador. Foltere ihn, bis er bekennt, was du willst. Er muß sterben, und wäre er Johannes der Täufer redivivus.

Geht es nicht anders, so mußt du ihn zum Geständnis verlocken und verführen. Versprich ihm, wenn er gesteht, so solle er nur eine Woche im Gefängnis bleiben. Du hältst strikt dein Wort – läßt ihn nach einer Woche aus dem Gefängnis – aber nur, um ihn aufzuhängen. Versprich ihm auch ruhig das Leben – ein anderer wird das Todesurteil sprechen. Man muß sich immer an die Wahrheit halten. Ein naiver Mensch wird solche Methoden als ränkevoll und hinterhältig bezeichnen. Aber was meint der Apostel Paulus anderes, wenn er sagt: »Da ich schlau war, habe ich sie mit List gefangen.« – Wir müssen schlau sein, Francesco Remolino.

Der Spanier verbeugte sich ölig lächelnd: Eure Heiligkeit werden mit mir zufrieden sein.

 

Der Spanier ließ sofort nach seiner Ankunft in Florenz in der Küraßmacherzunft ein dickes Seil mit einem Flaschenzug aufstellen. Er ordnete die Folterinstrumente und folterte ihn in der rechten Reihenfolge. Er setzte ihm zuerst die Daumenschrauben an, danach die Handschrauben, danach die spanischen Stiefel, danach den spanischen Bock. Es folgten die Knöchelfolter, die Rutenfolter, die Fußzehenfolter, das Schnüren, die Strickfolter.

Der Spanier selbst band Fra Girolamo an den Folterstrick und zog ihn an den Armen vierzehnmal auf und nieder. Die Füße waren mit Steinen beschwert.

Bekenne, lächelte der Spanier, bekenne!

Muskeln und Sehnen zogen sich knarrend und rissen. Beim dreizehntenmal, das Blut schoß ihm aus Mund, Nase und Ohren, bekannte er alles, was die Folterknechte von ihm bekannt haben wollten. Der gespickte Hase und die Stachelwiege traten nicht mehr in Funktion. Es war auch nicht nötig, zur Eruierung der Wahrheit jene gerichtlich angestellten Ziegen herbeizuziehen, die die künstlich wundgemachten Fußsohlen des Delinquenten, in die man Salz streute, zu belecken hatten.

Turriano selbst protokollierte des Fraters Aussagen, der sich jeglicher Ketzerei und Teufelei »aus freien Stücken« beschuldigte:

So wahr mir Gott helfe!

Er habe nur dem Teufel gedient und alle seine Prophezeiungen seien ihm vom Teufel eingeblasen worden, der ihn auch zum Aufstand wider den heiligen Stuhl aufgepeitscht mit einer Geißel aus Feuerstrahlen.

 

Als das Volk von Florenz vernahm, daß Fra Girolamo unter der Folter seine sieben Todsünden gestanden habe, da wandte es sich verächtlich ganz von ihm. –

Wenn er ein wahrer Prophet wäre, hätte er nicht widerrufen. Auch unter der Folter nicht!

Und einer nach dem andern seiner Freunde fiel von ihm ab.

Und die ihm am nächsten gestanden, hielten sich am fernsten.

Und wenn man sie fragte:

Ihr waret doch mit diesem Fra Girolamo auf du und du? –

da öffneten sie groß ihre Augen und sagten:

Wie? Dieser Ketzer Girolamo? Das muß ein Irrtum sein. Ich kenne ihn nur ganz flüchtig und von weitem – von seinen verfluchten, ketzerischen Predigten her.

Auf der Piazza della Signoria war der Scheiterhaufen errichtet und eine Zuschauertribüne mit komfortablen Sitzplätzen. Es kostete der erste Platz eine Lira, der zweite Platz zwei Quattrinos, der dritte Platz fünf Denare. Auf den Stehplätzen gingen die Henkersknechte mit Tellern sammeln.

Viel Volk aus Florenz und Umgebung hatte sich versammelt, darunter viele Männer, Frauen, Kinder, die ihn geliebt hatten und ihrer Liebe untreu geworden waren in der Zeit der Prüfung.

Aber niemand hob die Hand für ihn. Nur einige Frauen schluchzten, und ein kleiner, elfjähriger Junge warf mit Steinen nach dem Henker.

Fra Girolamo wurde mit allen Insignien seines Ordens bekleidet auf den Richtplatz geführt.

Domherren, Priester, Ratsherren, Beamte, Hauptleute erwarteten ihn.

Der General der Dominikaner trat auf ihn zu und riß ihm ein Insignium nach dem andern herunter mit den Worten:

Separo te ab ecclesia militante, non triumphante!

Fra Girolamo erwiderte ihm ruhig:

Militante, non triumphante: hoc enim tuum non est!

Die Henker fesselten ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und führten ihn zum Scheiterhaufen, wo er in der Mitte an einen dicken Baum gebunden wurde.

Auf dem letzten Wege drängte sich ein Buckliger, ein zudringliches Mitglied der Compagnia di Santa Maria del Tempio an ihn heran, deren Amt es sonst war, die zum Tod Verurteilten zu trösten und zu begraben:

Willst du Trost, Frater? Kostet eine Lira – Einen kleinen Trost? Kostet nur ein paar Soldi. –

Sie entzündeten den Reisighaufen. Am Himmel hatte sich ein Gewitter gesammelt. Es begann zu tröpfeln, zu donnern und zu blitzen.

Fra Girolamo brannte, und wurde in der Flamme verzückt:

Ich sehe einen Engel vom Himmel herabschreiten, der ist mit einer Wolke bekleidet, ein Regenbogen ist um seine Stirn gebunden. Er trägt Gottes feuriges Schwert in der Rechten und wird es fürchterlich über den Menschen schwingen,

und seine Stimme ist der Donner, und sie tönt gewaltig über die Erde,

und seine Linke trägt die Schale des Zorns, ihn auszugießen über die Erde.

Wehe, wehe der großen Stadt Babylon! Das Gericht ist bald gekommen!

Gold, Edelsteine, Seide, Purpur, Elfenbein, Marmor, Ebenholz,

Wein, Weizen, Vieh, Mensch, alles wird vergehen in einer Stunde.

O Engel des Herrn, entführe mich dem Untergang!

Stoß dein brennendes Schwert in mein dir entgegenbebendes Herz!

Ich flamme! Ich brenne! Ich leuchte in der Liebe Gottes!

O ich Fackel Gottes! Ich leuchte über alle Meere und Länder in die Dunkelheit der Erde!

Und er begann zu singen:

Lasciatemi morire!

e che volete

ehe mi conforte

in cosi dura sorte

in cosi gran martire?

Lasciatemi morire!

Zwei Stunden brannte der Frater.

Zuerst fiel ihm der linke, dann der rechte Arm ab.

Als er verbrannt war, nahmen die Henker die Asche, sammelten sie und schütteten sie in den Arno, damit nicht ein Stäubchen von ihm bliebe, das der Nachwelt als Reliquie dienen könne.

Jener Knabe aber, der mit Steinen nach den Henkern geworfen hatte, sprang in den Fluß und erreichte schwimmend ein Stück Kohle, nahm es, wie ein Hund einen Stock apportiert, in den Mund und schwamm zurück ans Ufer, wo er alsbald im Gewirr der Gassen verschwand.

 

Im Juni danach machte eine merkwürdige Art von schwarzen Raupen, die man bisher noch nie dort gesehen, die Wiesen von Florenz unsicher.

Sie hatten menschenähnliche Köpfe, deren Gesichtsform die Züge des Paters Savonarola zu zeigen schien.

Sie fraßen nur das niederste und unnützeste Unkraut: den Dornstrauch.

Es gab eine vortreffliche Getreideernte und der Stajo fiel auf dreißig Soldi.

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