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Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XXVI

Fra Girolamo predigte: Es kommt, ihr Brüder, nur auf den Glauben an, den Glauben, der Berge versetzt – und Gold und Edelsteine, um dafür des himmlischen Goldes teilhaftig zu werden. Wissen ist ein Ding des Tages und der Stunde. Was ich heute weiß, weiß ich morgen schon nicht mehr, die Wissenschaft findet heute Gesetze, die ewig gültig zu sein scheinen – und morgen findet sie andere Gesetze, die den ersten diametral entgegengesetzt sind. Welches Gesetz gilt nun? Das von gestern oder das von heute? Es gilt das von vorgestern und das von übermorgen, ihr meine Brüder! Das Gesetz Gottes: der christliche Glaube. Ein altes Weib, das im christlichen Glauben verharrt, weiß mehr von der Welt als Plato und Aristoteles zusammengenommen. Ein unwissendes kleines Kind weiß mehr als alle Weisheit der Philosophen. Warum das? Weil es rein ist. Denn die Reinheit ist der Erde Richtmaß. Wenn die Kinder das Regiment der Welt ergriffen haben werden, wird Christus zurückkehren. Er wird im Triumph zu euch zurückkehren, gewiesen von den Kindern: geführt von den drei christlichen und den vier Kardinaltugenden.

In einem Schiff wagen wird er dahergefahren kommen, gezogen von den vier mystischen Tieren. Patriarchen, Propheten und Apostel gehen zu beiden Seiten. Dem Wagen folgen die Märtyrer und Heiligen, dann die Priester und dann das unabsehbare Volk der Christen.

Aber als letztes wird im Zug schreiten ein schwarzes Pferd, schwarz schabrackiert. Das wird den entseelten, seelenlosen Leichnam des Antichrists schleifen: den Leichnam Alexander Borgias, dessen Seele der Teufel geholt.

Wir müssen einen Scheiterhaufen auf dem Signorenplatz aufrichten und alle Symbole einer verrotteten und verlorenen Zeit verbrennen.

Aber nur reine, unbefleckte Hände dürfen die unsittlichen und unzüchtigen Gebilde in Empfang nehmen und dem reinigenden Feuer überantworten:

Es sind die Hände der Kinder!

 

Auf die Predigt Fra Girolamos gingen Hunderte von Kindern von Haus zu Haus und forderten »allen Tand der irdischen Welt« für den Scheiterhaufen.

Sie fuhren in kleinen Handkarren zum Signorenplatz: Karnevalsmasken und Karnevalskleider, Spiegel, Harfen, Schachbretter, Spielkarten, Gemälde nackter und halbnackter Frauen, darunter auch eines von Lucrezia Borgia. Dann Bücher der zu verdammenden Dichter: Boccaccios Dekameron, Petrarcas Sonette, Ovids Ars amandi, Tibulls Elegien, Catulls Liebeslieder –.

Unter Gesang warfen die Kinder alles in den flammenden Scheiterhaufen und tanzten einen Ringelreihen darum.

Fra Girolamo selbst warf, als der Scheiterhaufen schon halb niedergebrannt war, noch ein Porträt des Papstes Alexander in die glühende Asche.

Fahre zur Hölle, Satanas!

Das Bild loderte hell auf.

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