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Gutenberg > Klabund >

Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XXI

Lucrezia und ihr präsumptiver Bräutigam begegnen sich zum ersten Male. Er ergreift ihre kleine, schmale Hand.

Darf ich diese schöne Hand für ewig halten?

Ewig ist ein großes Wort –

Lebenslang –

Welches Leben lang? Es gibt Leben, die sehr kurz währen. Wollen Sie nicht Platz nehmen, Fürst?

Ich danke, Prinzessin. Wollen Sie mir gestatten, stehen zu bleiben?

Sie werden ermüden.

Nicht so leicht. Principessa, ich hörte vor einer halben Stunde von Ihrem Wunsche, mich zu heiraten.

Wird Ihnen die Erfüllung dieses Wunsches schwer?

Es wird mir schwer, die Wahrheit zu sagen.

Warum?

Man hat sich heutzutage leicht an die Lüge gewöhnt.

Wer?

Wir alle –

Sie meinen, niemand sagt mehr die Wahrheit?

Nein, niemand –

Auch ich nicht?

Ich maße mir nicht an, der Schönheit den Spiegel der Wahrheit entgegenzuhalten.

Ich heiße nicht Bella und nicht Vera, sondern Lucrezia.

Und sagen Sie die Wahrheit?

Leider nein.

Weshalb nicht?

Weil man die Wahrheit nicht sagen darf –

Und wer verbietet Ihnen, die Wahrheit zu sagen?

Die Vernunft.

Beten Sie zur Göttin der Vernunft?

Ich treibe keinen Götzendienst. Aber angenommen, ich ginge Ihnen mit gutem Beispiele voran?

Voran – wohin?

Den Weg der Wahrheit – würden Sie folgen?

Wenn er keine Fallen – keine Wolfsgruben enthält – vielleicht –

Vielleicht?

Lucrezia sieht ihn lange an.

Er lenkt ein:

Nein: sicher. Ich würde Ihnen sicher folgen, wenn ich Ihnen – vertrauen dürfte –

Nun, Sie dürfen –

Sie wollten vorangehen –

Gut. Also hören Sie.

Lucrezias Augen begannen aufzuleuchten. Ich habe Sie zu meinem Gatten erwählt, nicht, weil ich Sie liebe. Ich kenne Sie gar nicht. Und liebe Sie so wenig wie einen andern Menschen. Ich liebe nicht einmal mich. Aber ich wollte ein Ende machen mit diesem Leben hier im Vatikan. Ich wollte hinaus aus dieser Atmosphäre der Borgia. Das ist nichts für schwache Naturen. Und ich bin schwach. Es ergab sich eine Gelegenheit. Ich griff zu – und halte Sie – Sie hält seine Hände, die er ihr entzieht.

Sie drängt:

Jetzt sind Sie an der Reihe.

Er beginnt stockend:

Nun denn – so werde ich Ihnen die Wahrheit sagen – als die Botschaft Ihres Vaters kam – da erschrak ich – mein Name und mein Vermögen stehen längst auf der Proskriptionsliste – mein Tod würde ihm nur gelegen kommen – ihm und seinem Sohn. Ich dachte, es ginge zu Ende. Ich nahm zuhause Abschied von den Meinen, als ginge es zum Tod. Ich komme hierher und erfahre zu meiner Verwunderung, daß die Einladung keine Falle ist, daß keine Dolche und Cantarellas auf mich lauern – daß ich Sie wirklich heiraten soll. Welche Ehre! Aber ich weiß den Grund nicht, weshalb ich ihrer gewürdigt werde, denn ich glaube Ihnen nicht. Sie sind eine Borgia. Das Volk fürchtet die Borgia. Das Volk haßt die Borgia –

Gehören Sie zum Volk?

Und ich, ich verachte die Borgia. Ja, ich verachte sie –

Er atmete tief auf und sah ihr klar in die Augen, die sich mit Tränen füllten.

Sie haben recht, uns zu verachten. Wir werden ja wie – wie Geißeln über der Menschheit geschwungen. Aber man schwingt uns. Sie haben recht – ich bin es nicht wert, Ihren Namen zu tragen –

Sie demütigen sich vor mir – aber ich kann Ihrer Demut nicht trauen. Wenn die Borgia demütig tun, steckt eine Perfidie dahinter. Besitzen Sie gar die Perfidie – die Wahrheit zu sagen?

Lucrezia:

Nein – ich habe vorhin gelogen – jetzt will ich die Wahrheit sagen: Ich liebe Sie. Ich liebe Sie! Weil ich Sie liebte – längst liebte – habe ich Sie zum Gatten gewählt – habe ich diese unwürdige Komödie gespielt –

Der Prinz war verblüfft:

Aber Sie kannten mich doch gar nicht?

Lucrezia stammelte:

Doch – doch – von meinem Fenster habe ich Sie beobachtet, wenn Sie jeden Morgen vorüberritten.

Aber ich bin nie an Ihrem Fenster vorübergeritten –

So nehmen Sie mich doch in Ihren Arm! Warum küssen Sie mich nicht?

Sie lügen jetzt – wie Sie vorher gelogen haben. Man befiehlt mir, Sie zu heiraten. Gut. Sie zu lieben, kann keine Gewalt der Erde mich zwingen.

So hassen Sie mich?

Ich bedaure Sie. Ich habe Mitleid mit Ihnen. –

Mitleid? So schwach bin ich nicht. Aber es ist wahr. Ich habe gelogen. Ich habe den ganzen Tag gelogen. Und jetzt will ich Farbe bekennen. Ich habe mir einen Scherz erlaubt. Einen Spaß, wie wir Borgia ihn uns erlauben. Ich wollte Sie auf die Probe stellen. Sie konspirieren gegen uns. Sie stecken mit den Orsini und den Colonna unter einer Decke. Sie sind ein Rebell.

Ich fürchte den Tod nicht.

Keine Angst. So einfach rächen wir Borgia uns nicht. Sie sollen am Leben bleiben.

Lucrezia klatschte in die Hände. Die alte dicke Amme Julia erschien. Julia – darf ich dir deinen Verlobten, den Herrn Gasparro Proscida vorstellen? Er hat bei mir um deine Hand angehalten. Er ist versessen nach dir. Er kann den Hochzeitsabend nicht erwarten. Ich selbst werde euch das Brautbett bereiten, und Seine Heiligkeit, der Papst in eigener allerhöchster Person, wird euch mit dem apostolischen Segen segnen.

Julia war tief errötet und sah verlegen zu Boden.

Der Fürst war erbleicht:

Wenn der Teufel sich bemühen wollte, Donna Lucrezia, in Euch zu fahren – er würde keinen Unterschlupf finden. So seid Ihr voller Teufeleien. –

Der schon aufgesetzte Ehevertrag zwischen Lucrezia und Don Gaspar wurde am 10. Juni für null und nichtig erklärt.

Am 20. Juni wurde der Ehevertrag zwischen Lucrezia und dem Prinzen Alfonso von Aragon geschlossen.

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