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Gutenberg > Klabund >

Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XX

Um diese Zeit sollte Lucrezia mit dem erlauchten Herrn Gasparro aus dem Hause Proscida vermählt werden.

Es gingen allerlei Gerüchte über die Art, wie der Plan dieser Eheschließung zustande gekommen sei und daß Lucrezia nach ihrem Vater mit dem Dolch geworfen habe.

Sie bildeten auch die stoffliche Veranlassung zu dem ersten großen, gegen die Borgia gerichteten Pamphlet, das in Flugblättern in Rom, Neapel, Florenz und bis nach Deutschland und Frankreich Verbreitung fand.

Der Titel lautete:

Idyll im Vatikan

Ein lustiges Trauerspiel
von
einem, der nicht den
Ehrgeiz hat,
genannt und – gehängt
zu werden

Garten des Vatikan

Lucrezia auf einer Schaukel. Ihre Gouvernante Julia. Alexander Borgia sitzt an einem Steintisch, mit allerlei Dokumenten vor sich, Gänsefeder, schreibt, rechnet, ißt währenddessen aus einem Korb Kirschen.

Alexander (aufblickend): Du solltest nicht so unzart schaukeln, Lucrezia – du hast ja fast nichts an – du bist ja halbnackt –

Lucrezia: Die Nymphen – waren noch nackter –

Alexander: Da hast du recht – aber damals war die Nacktheit etwas Natürliches, und damals gingen die jungen Mädchen auch noch nicht darauf aus, ihre Brüder und sogar Väter zu verführen.

Lucrezia: Was soll das heißen?

Alexander: Das heißt, was es heißt –

Lucrezia (schaukelt): Ich fliege – fliege –

Julia: Bis in den Himmel –

Lucrezia: Bis in die Hölle –

Alexander (aufblickend): Was soll das heißen?

Lucrezia: Das heißt, was es heißt –

Alexander: Willst du es mir nicht erklären?

Lucrezia: Wozu?

Alexander: Man beantwortet nicht eine Frage mit einer zweiten Frage –

Julia (zu Lucrezia): Durchlaucht benehmen sich gegen Seine Heiligkeit unqualifizierbar – un–qua–li–fi–zier–bar –

Lucrezia: Beiß dir nicht die Zunge ab, Julia –

Alexander: Wenn du dich schon gegen mich schlecht benimmst, so gewöhne dir gegen deine Erzieherin gefälligst ein anderes Betragen an.

Lucrezia (schaukelt).

Alexander: Was hast du da vorhin gemeint, mit der Hölle?

Lucrezia: Daß wir alle einmal hineinkommen –

Alexander: Wer – wir alle?

Lucrezia: Wir Borgia – an der Spitze Seine Heiligkeit Papst Alexander der Sechste – (schaukelt).

Julia: Das – ist – ja – unerhört –. Tragen Seine Heiligkeit einer armen Piemonteserin nicht die grenzenlose Unerzogenheit Ihrer Durchlaucht nach. Ich bin zuweilen machtlos.

Alexander: Das sind wir alle gegen dieses . . . Geschöpf –

Lucrezia: Seine Heiligkeit haben mich ja – geschaffen, hätten mich eben anders machen sollen –

Julia: Lucrezia – Sie sind ein Teufel –

Lucrezia: Um so besser, dann brauche ich nicht erst einer zu werden – wie –

Alexander: Wie?

Julia: Nun –?

Lucrezia (springt von der Schaukel): Wie Cesare. (Zu Alexander): Geben mir Eure Heiligkeit ein paar Kirschen ab – ich esse sie am liebsten leicht angefault – sind sie vergiftet? Ich hoffe nicht (spuckt Julia einen Kern ins Gesicht).

Julia: Eure Heiligkeit – ich bitte devotest um Entlassung aus dem päpstlichen Dienst – meine Menschenwürde wird hier in unqualifizierbarer Weise mit Füßen getreten –

Alexander (blickt auf Lucrezia): Mit sehr hübschen Füßen –

Lucrezia: Schau, Julia, sei gescheit und bleib hier. Was soll das heißen: du willst aus unsern Diensten treten? Glaubst du, daß du lebend nach Piemont zurückkehrst? Dann kennst du uns schlecht. Du weißt zuviel von uns, Julia, um uns nicht bei unsern Feinden gefährlich werden zu können. Seine Exzellenz Cesare Borgia und Seine Heiligkeit dort am Tisch würden dich nicht weit kommen lassen. An der ersten Tiberbrücke schon würde dir ein bedauernswerter Unfall zustoßen – kannst du schwimmen? Sicher nicht. Bleib bei mir, Julia. Ich rate dir gut. Ich behandle dich schlecht, aber ich laß dich wenigstens leben. Ja, ich hab dich sogar gern. Weil ich dich gern hab, muß ich dich quälen. Aber um dich quälen zu können, muß ich dich am Leben haben (streichelt sie). Weine nicht, Julia (greift wieder in den Kirschenkorb). Mit uns Borgia ist nicht gut Kirschen essen.

Alexander: Für deine Jugend sprichst du wirklich anmaßend –

Lucrezia: Soll ich damit warten, bis ich so alt bin wie Seine Heiligkeit? Ich hoffe bis dahin weniger anmaßend zu sein.

Alexander: Wem soll ich dich eigentlich zwecks Bändigung überantworten? Einem Mann?

Lucrezia: Eure Heiligkeit waren Manns genug, mich zu machen. Eure Heiligkeit sollten auch Manns genug sein, mich – zu bändigen.

Alexander (nimmt sein Käppi ab und wischt sich die Glatze): Nein – nein – Lucrezia – damals, als ich dich machte, bin ich mit dir fertig geworden – seitdem, straf mich Gott, nicht mehr.

Lucrezia: Ja, Gott hat dich gestraft. Mit Cesare und mit mir.

Alexander: Hast du einmal daran gedacht, dich zu verheiraten?

Lucrezia: Oft.

Alexander: Mit wem, wenn man fragen darf?

Lucrezia: Mit Cesare –

Alexander: Mit Cesare? Bist du ganz von Sinnen? Cesare ist dein Bruder –

Lucrezia: Nun – und warum nicht? Er gefällt mir von allen Männern am besten.

Alexander: Kein Kompliment für mich. Hüte dich, ihm das auch nur zu sagen. Er ist sowieso schon größenwahnsinnig und eingebildet genug –

Lucrezia: Eure Heiligkeit sind auch nicht uneitel. Ich meine, wir Borgia sollten ganz unter uns bleiben – wir sollten auch nur von uns selbst Kinder bekommen – Borgia – immer nur Borgia – kein Tropfen fremdes Blut sollte in das unsere dringen – ich liebe auch Cesare nicht – auch Seine Heiligkeit nicht – aber die andern Menschen – die – die hasse ich – ja ich hasse sie – und je mehr ihrer vernichtet werden, um so besser. Möchten Eure Heiligkeit nicht mir zuliebe einen kleinen Krieg anfangen? Geld ist doch in der Kasse, und wenn Geld da ist – finden sich auch Menschen, die sich dafür totschlagen lassen – geben mir Eure Heiligkeit ein paar tausend Dukaten und ich führe selbst Krieg – ich weiß, Eure Heiligkeit sind geizig – leihen mir Eure Heiligkeit das Geld – ich zahle es von den Plünderungen zurück –

Alexander: Du bist entsetzlich, Lucrezia – und du weißt es nicht –

Lucrezia: Eure Heiligkeit bekommen moralische Anwandlungen? O! O! Eure Heiligkeit sind vergeßlich.

Darf ich Sie erinnern?

Alexander (hält sich die Ohren zu): Sei still –

(Cesare kommt.)

Cesare: Gut geschlafen, Alterchen? Morgen, Lucrezia –

Alexander: Schlecht geschlafen – dieses . . . Kind da macht mir so viel Sorgen, daß ich nachts stundenlang wach liege.

Cesare: Unsere kleine Lucrezia? Aber Lucrezia, du solltest Papa nicht solche Sorgen machen –

Lucrezia: Wenn ich Seiner Heiligkeit keine Sorgen mache, so macht sie ihm jemand anders. Das kommt auf eins heraus. Seine Heiligkeit sind Hypochonder.

Alexander: Sie nimmt mich nicht ernst, Cesare. Ein Kind, das seinen Vater nicht ernst nimmt. Furchtbar! Die Welt ist reif zum Untergang.

Lucrezia: Wir Borgia tun jedenfalls alles, um sie dafür reif zu machen.

Cesare: Wenn sie dich nicht ernst nimmt, darfst du ihr auch nicht die Ehre erweisen, sie ernst zu nehmen, Papa.

Alexander (jammernd): Sie nicht ernst nehmen – heißt, sie komisch nehmen – und damit tut man ihr nur wieder einen Gefallen – denn sie wird die tollsten Dinge anstellen, unter dem Vorwand, daß das alles komisch gemeint sei. Schließlich wird sie alle Kardinäle bezaubern oder bestechen – sie werden sie zum Papst wählen – zur Päpstin Lucrezia – meine Wahl wird für ungültig erklärt werden – sie wird uns noch alle unter die Erde bringen –

Cesare: Wenn wir es nicht vorziehen, sie vorher unter die Erde zu bringen –

Lucrezia (lacht).

Alexander: Lach nicht!

Lucrezia (lächelt).

Alexander: Lächle nicht! Dieses süffisante Lächeln macht mich ganz nervös.

Lucrezia: Eure Heiligkeit sollten wegen Ihrer Nervosität Ihren Leibarzt konsultieren.

Alexander: Cesare – hör dir dies an – so muß sich der oberste Hirt der christlichen Herde von seinem letzten Schaf behandeln lassen.

Cesare: Lucrezia – man müßte dich schlagen.

Lucrezia (blitzend, reißt ihm seinen Dolch aus dem Gehenk): Wag's! (Setzt ihm den Dolch an die Kehle, wirft den Dolch fort.)

Alexander: Sie muß heiraten. Sie hat zu hitziges Blut.

Cesare: Du hast recht. Es gibt nur zweierlei: sie vergiften – oder sie verheiraten.

Alexander: Hier – hier ist die Liste der römischen und außerrömischen Edelleute – ich ging sie gerade durch, um zu sehen, ob nicht der eine oder andere zu höherer Steuer an den päpstlichen Stuhl veranlagt werden könnte. – Wer kommt als Mann für Lucrezia in Betracht? Ein Barberini? Ein Malatesta? Ein Sforza – haben wir schon gehabt – ein Medici – sind heruntergekommen – ein Orsini – sind mit uns böse – ein Colonna – dito – ein Este – hätte was für sich – ein Aragon – wär nicht so übel, verwandt mit dem Königshaus von Neapel – ein Rovere – ein Proscida –

Lucrezia (hat den Dolch wieder aufgehoben): Ich mache Euch einen Vorschlag. Wir wollen das Gottesurteil sprechen lassen. Cesare, halte die Liste der Adeligen dort an den Baum –

Cesare: Weshalb?

Lucrezia: Du wirst sehen. Va bene. So, und jetzt werf ich mit dem Messer nach der Liste, und wen ich treffe – den heirate ich.

Cesare: Und wenn er schon verheiratet ist?

Lucrezia: Wird Seine Heiligkeit die erste Ehe kraft seiner apostolischen Machtvollkommenheit trennen und die zweite Ehe segnen –

Alexander: Sie verfügt über mich wie über ein Stück Vieh –

Lucrezia: Ein Stück Vieh – das du bist – (wirft das Messer und trifft Alexander, der neben dem Baum stand, in die Brust).

Alexander: Hilfe! Ich bin ermordet! (Sinkt ohnmächtig zu Boden.)

Cesare: Lucrezia!!

Lucrezia (läuft zu Alexander, kniet nieder): Ist er tot? Ist er tot? O, wie ich ihn hasse, der mich in dieses Leben hineingestoßen hat – ohne mich zu fragen, ob ich seine Tochter werden wollte – o Gott im Himmel – wenn du bist – und wenn du den Schrei einer Borgia hörst – und dir vor ihm nicht die Ohren verstopfst – o laß ihn tot sein – laß ihn nicht mehr aufwachen zu neuen Schandtaten und neuen Greueln – o ich bin schon ganz behangen mit Schmerzen wie mit Perlenschnüren – ich bin ja ganz elend, Gott, ganz schlecht, weil er so schlecht ist, der mich schlecht gemacht hat – gestern Nacht ist er zu mir gekommen – zu mir geschlichen auf seinen feisten Sohlen – mich – mich wollte er vergewaltigen – seine Tochter – o Cesare, Bruder, wie hab ich nach dir gerufen und gewünscht, daß du mein Mann wärst, ihm den Degen durch den fetten Bauch zu rennen – Cesare – hilf mir doch – er ist ja gar nicht schwach – er tut nur schwach – er heuchelt selbst seine Schwäche, um uns zu belügen – um mit uns zu spielen – wie er mit allen Menschen spielt –

Alexander (schwach): Cesare –

Lucrezia: Er lebt –

Cesare: Vater –?

Alexander: Was ist mit mir geschehen?

Cesare: Nichts – nichts Schlimmes – Lucrezia wird sofort den Leibarzt rufen – der Dolch ist nur in die obere Brust gefahren – über dem Herzen – ein paar Tage Ruhe – und alles ist wie zuvor –

Lucrezia: Und alles ist wie zuvor –

Alexander: Wie ist denn das Messer in meine Brust gekommen? Sind Meuchelmörder im Palast?

Cesare: Keine Meuchelmörder! Nur gute Freunde –

Alexander: Und wer hat das Messer geworfen?

Lucrezia: Ich –

Cesare: Ja – Lucrezia – Lucrezia hat das Messer geworfen –

Alexander: Lucrezia – –?

Cesare: Es war ein schreckliches Versehen, das, Gott im Himmel sei Dank, noch glimpflich abgegangen. Lucrezia hat mit dem Messer sich ihren Gatten stechen wollen – und hat dich getroffen –

Lucrezia: Verzeihen mir Eure Heiligkeit –?

Alexander: Ich segne dich, mein Kind, mit dem päpstlichen Segen.

Lucrezia (küßt die Hand, die segnete).

Alexander: Und wen geben wir dem Kind zum Mann? Denn es muß schleunigst einen Mann haben – nach dem es künftig das Messer werfen kann – wenn sie die Lust dazu anwandelt –

Cesare: Ja – müßte man nicht Lucrezia nach ihren etwaigen Wünschen befragen –?

Lucrezia: Hier ist ein Tropfen Blut auf die Liste gespritzt – auf den Namen des Gasparro Proscida. Ihn werde ich heiraten. Denn wir sind Blutsverwandte geworden –

Alexander: Ist er verheiratet –?

Cesare: Er ist Junggeselle, 25 Jahre – reich an Einfluß und Vermögen, schön an Gesicht, edel an Gestalt – Lucrezia, du konntest nicht besser wählen –

Alexander: Man soll einen Geheimkurier aus der vatikanischen Kanzlei mit unserm strengen Befehl sogleich an ihn senden, sich hier einzufinden und um die Hand unserer geliebten, einzigen Tochter Lucrezia anzuhalten. (Zu Lucrezia) Bist du's zufrieden, Kind?

Lucrezia: Ich bin's. (Zu dem auftretenden Kurier.) Seine Heiligkeit ist durch Gottes unerforschlichen Ratschluß soeben aus schwerer Lebensgefahr gerettet worden. Laßt alle Glocken der heiligen Stadt zum Dank ein Tedeum läuten!

Alexander: Amen!

(Glocken beginnen zu läuten.)

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