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Borgia

Klabund: Borgia - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleBorgia
authorKlabund
firstpub1928
year1928
publisherPhaidon Verlag
addressWien
titleBorgia
pages3-243
created20040921
sendergerd.bouillon
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XV

Alexander VI. ist außer sich vor Glück. Er hat das höchste Spiel mit dem höchsten Einsatz gewonnen.

Wir sind im Anmarsch, wir Borgia. Im Anmarsch, Gott, zu Deinem Thron. Wir haben die erste Sprosse der Jakobsleiter schon betreten.

Nun geht es aufwärts, unaufhaltsam aufwärts, durch Wolken und Winde, Gewitter und Hagel, Blitz und Sterne hindurch:

bis zu Dir, denn Du bist der Vater im Himmel,

und der Vater der Borgia.

Wenn wieder ein Gottessohn auf die Erde steigen wird, die Menschheit zu erlösen, so wird es ein Borgia sein.

Rom machte Cäsar groß, aber nun hebt Alexander kühn es zum Gipfel empor, Mensch jener – dieser ein Gott.

So jubelte und lästerte der Papst.

Ich werde Juan zum weltlichen Herrscher Italiens machen. Cesare soll bald den Kardinalshut bekommen und mir einmal als Papst nachfolgen. Ich will den päpstlichen Thron erblich machen. Er soll in alle Zukunft den Borgia gehören. Cesare muß der dritte Borgiapapst werden.

Füttere Tauben, Kindchen, sagte er zu Lucrezia, die neben ihm auf dem Balkon des Vatikans stand und hinunter auf den Petersplatz sah, wo ein Hund und eine Hündin, die sich eben geliebt hatten, nicht auseinander kamen und sich schon zu hassen begannen –, füttere Tauben! Die Taube ist der mystische Vogel der heiligen Dreifaltigkeit! Wir müssen ihm was zu picken geben.

 

Der Stier ist das heraldische Tier der Borgia. Pinturicchio muß in den Wohngemächern des Papstes Fresken malen, die die Prozessionen der Apisstiere darstellen. Rodrigo Borgia, nunmehr Papst Alexander VI., veranstaltet zu Ehren seiner Wahl und zur Freude des italienischen Volkes und Pöbels

eine Corrida,

einen Stierkampf,

in den Ruinen des Colosseums, das zur Plaza de Toros wird.

Ich bin ein Spanier, sagt der Papst. Ich will meine spanischen Vergnügungen nicht mehr missen. Lange genug habe ich sie entbehren müssen. Ich will den Römern eine festa di Borgia geben. Cesare Borgia, sein Sohn, schritt in spanischer Tracht als Toreador an den Tribünen vorbei, mit gesenktem Degen, und die Herzen der schönen Frauen schlugen stärker, wo er vorbei kam.

Che bellezza!

Lucrezia warf ihm gelbe Rosen zu.

Sie saß links neben dem Papst in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Prunkloge. Rechts neben ihm saß Julia Farnese, in ihrer neunzehnjährigen Schönheit, die ihn bis zur Raserei entzündete. Sie versagte sich ihm noch immer. Der Papst hatte schon seine Zuflucht zur Mandragora, zum Liebestrank genommen, den sein Leibarzt aus einer von einem schwarzen Hund bei Vollmondschein aus der Erde gezogenen Alraunwurzel gewonnen hatte. Aber der Trank hatte bisher nicht gewirkt.

Lucrezia wandte sich an den Papst:

Höre, papa di Roma e papa di Borgia, der Stier tut mir so leid. Gib ihm doch vor dem Tod noch eine Kuh. Es stirbt sich dann leichter.

Der Papst lachte.

Julia errötete.

Dein Wille geschehe – wie im Himmel, also auch auf Erden.

Er ließ drei Kühe in die Arena treiben, und alle drei besprang der rasende, tobende Stier.

Die Galerie brüllte.

Julia hielt die Augen geschlossen.

Dann wurden die Kühe hinausgetrieben und die Picadores ritten in die Arena. Sie reizten mit kurzen Lanzenstichen vom Pferd herab den Stier, der sie mit gesenkten Hörnern schnaubend anging.

Es kam der Schwarm der Banderilleros, zu Fuß; sie stießen dem Stier die mit Widerhaken versehenen Banderillas ins schon zuckende und blutende Fleisch. Mit dem Schwarm der Banderilleros kamen Schwärme von Fliegen, die sich in die Wunden des Stieres krallten oder ihn surrend umschwirrten.

Durch Schwingen roter Mäntel suchten Capeadores den Stier von einem gefährdeten Picador abzulenken.

Zu spät.

Der Stier hatte seinem Pferd schon die Hörner in den Bauch gebohrt und warf Pferd und Reiter wie Bälle in die Luft.

Mit seinen erhobenen Hörnern fing er den Picador auf, dem sie in den Rücken drangen. Dann schleuderte er ihn in den Sand, der sich rot zu färben begann.

Ein Entsetzensschrei brach aus dem Publikum, da kam Cesare Borgia gelaufen.

In der Linken trug er einen Stock, an dem ein Fetzen rotes Tuch flatterte, und mit dem er im Zickzack den Stier hier- und dorthin lenkte.

In der Rechten hielt er fest die Espada.

Als der rasende Stier gerade vor ihm stand und die Hörner senkte, stieß Cesare ihm plötzlich den Degen zwischen den Hörnern durch.

Der Stier schwankte und zitterte.

Er hob den Kopf und sah mit glasigen Augen in die grelle Sonne.

Er fühlte noch einmal die wohlige Wärme des göttlichen Gestirns, dann brach die ewige Dunkelheit in seine Augen.

Er stürzte, von der riesigen Faust des Todes niedergedrückt, platt zu Boden.

Cesare hob den Degen und grüßte zur Papstloge.

Lucrezia war blaß vor Angst.

Der Papst war in der Erregung des Kampfes aufgestanden.

Jetzt klatschte er besessen in die Hände und alles Volk fiel applaudierend ein.

 

Am nächsten Tag wurde Cesare, gegen den Willen des Kollegiums, mit dem Purpur des Kardinals geschmückt, obwohl er nie die Weihen empfangen hatte.

Cesare ging zum Barbier:

Scher mir eine Tonsur! Aber nicht zu groß! Damit ich sie bald wieder zuwachsen lassen kann!

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