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Bonifaz Schleichers Jugendgeschichte

Christoph Martin Wieland: Bonifaz Schleichers Jugendgeschichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Siebenundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1776
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleBonifaz Schleichers Jugendgeschichte
pages34
created20131004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Bonifaz Schleichers
Jugendgeschichte
oder
kann man ein Heuchler seyn, ohne es selbst zu wissen.

Eine gesellschaftliche Unterhaltung. 1776.

Die im October 1775 im Deutschen Merkur aufgeworfene Frage: ob man ein Heuchler seyn könne ohne es selbst zu wissen? wurde einige Zeit darauf, bei einem Besuche, den ich von meinem Freund und Landsmann S. erhielt, der Gegenstand unsrer Unterredung.

Die Frage hatte, wie er mir sagte, einiges Aufsehen gemacht, und es war hier und da viel dagegen und dafür gesprochen worden.

Ich selbst (sagte Herr S.) befand mich neulich in einer hübschen Gesellschaft, wo diese Materie, mit aller Seichtigkeit, womit dergleichen speculative Dinge in allen gesellschaftlichen Gesprächen behandelt zu werden pflegen, durchgebeutelt wurde. Einer der ausgemachtesten Tartuffen, die jemals von Sonne und Mond beschienen wurden (wiewohl nicht eigentlich von der andächtelnden Classe), führte das große Wort. Er fand die Frage überflüssig und ärgerlich. Es wäre (behauptete er) gerade als wenn man fragte, ob jemand ein Falschmünzer seyn könnte ohne es zu wissen? Da hätten die Schelme gut Schelme seyn, meinte er, wenn es noch zweifelhaft wäre, ob man wohl gar mit gutem Gewissen ein Schelm seyn könne?

Der Mann war desto unparteiischer, da er wider sich selbst zeugte; wiewohl dieß freilich eben nicht seine Absicht seyn mochte.

146 Man sieht doch – sagte eine gewisse Frau von A. (die vor fünfundzwanzig Jahren für das schönste Mädchen unsres Ortes gehalten wurde, und seitdem in einer Art von Besitz vel quasi geblieben war, sich für die Venus der Stadt und Landschaft ** zu halten) – man sieht doch, sagte sie, indem sie ihre Augen mit einer anmuthsvollen Verdrehung über den gegenüber hängenden Spiegel wegstreifen ließ, und sich ein wenig in die Oberlippe biß – wunderbare Beispiele, wie die Menschen sich selbst betrügen können! Hält sich nicht die kleine Z. trotz ihrer Stumpfnase und ihrer großen Unterlippe für die reizendste kleine Person unter der Sonne? Kennen wir nicht alle die dicke Frau von B., die zu Kaiser Karls des Siebenten Zeiten sich so gern sagen ließ, sie sehe der berühmten Montespan wie zwei Tropfen Wasser gleich? Thut sie nicht noch immer als ob jeder, der sie ansieht, zum Sterben in sie verliebt werden müßte? – Warum sollt' es einem Heuchler nicht eben so gehen können?

Sich für schön oder wenigstens für liebenswürdig zu halten (sagte Herr D.), ist ein sehr natürlicher und, wie ich vermuthe, allgemeiner Glaube junger Frauenzimmer. Diejenigen, die es nur in einigem Grade sind, hören es überdieß so viel und oft, daß ihre Bescheidenheit endlich gezwungen ist, sich auf die Seite der Eigenliebe zu schlagen. Indessen überschleicht ein Tag den andern. Unvermerkt werden Jahre daraus. Man wird dreißig, man wird vierzig, ohne es gewahr zu werden. Der Uebergang von einem Augenblick zum andern ist so unmerklich, daß man sich natürlicherweise in jedem noch immer für das hält, was man im vorgehenden war; und so geht es ganz begreiflich zu, daß eine Venus von zwanzig, die so nach und nach von Augenblick zu Augenblick vierzig geworden ist, noch immer die nämliche Venus zu seyn glaubt.

147 Was ihre Runzeln auch dagegen einwenden mögen – schnarrte die junge Frau C., indem sie einen anspielenden Seitenblick auf die Frau von A. warf.

Die Einwendungen junger Runzeln kommen gegen das beglaubigte Zeugniß von mehr als zwanzig Jahren in keine Betrachtung, erwiederte Herr D. mit dem Tone, womit gewisse Personen oft den plattesten Einfall so geschickt hinzuwerfen wissen, daß er wie Witz klingt, und ohne weitere Prüfung dafür genommen wird.

Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, sagte der Tartuffe. Aber das von Frau v. A. angezogne Beispiel, wovon Sie uns einen so guten Grund angegeben haben, beweiset, anstatt wider, vollkommen für meine Meinung. Der Heuchler muß nothwendig vom ersten Augenblick an, da er seine Kunst zu treiben anfängt, durch alle folgenden sich eben so gut bewußt seyn daß er ein Heuchler ist, als die Frau von B. sich von Kindheit an ihrer Schönheit bewußt war. Die Folge ist bei beiden die nämliche. Je älter sie wird, desto tiefere Wurzeln schlägt bei ihr das Bewußtseyn ihrer Reizungen; je länger er heuchelt, desto mehr Stärke gewinnt das innerliche Bewußtseyn, daß er ein ganz andrer Mann ist als er scheinen will.

Sollten wir nicht lieber sagen, versetzte Herr D., es ginge dem Heuchler wie einem in seiner Profession grau gewordenen Lügner, der seine Lügen so oft für wahr erzählt, bis er sie endlich selbst glaubt?

Richtig, he, he, he, getroffen, Herr D., getroffen! rief ein ältlicher Herr, der vor kurzem zu Rathe erwählt worden war, weil ihn die gute Mutter Natur mit einem herrlichen Vollmondsgesicht und einem stattlichen Bauche begünstiget hatte, und weil er auf alles was man sagte ein Kopfnicken, ein he, he, he, und ein Exempelchen bereit hatte. Erinnern 148 Sie sich noch, fuhr er fort, indem er sich unhöflicher Weise an die Frau von A. wandte, des hagern lungensüchtigen Schlossers Jakob, den man gemeiniglich nur den Gadriga hieß? Sein Sohn, bei dessen ältestem Jungen ich Gevatter war, erbte die Werkstatt und den Namen Gadriga; aber eigentlich schrieb sich dieser vom Großvater her, den sich mein seliger Vater oft erinnerte in seinem schmutzigen Lederwamms und mit seiner hohen schwarzsammtnen Pelzmütze, die er mitten in den Hundstagen nicht ablegte, als ein Knabe gesehen zu haben. Dieser alte Gadriga hatte in seinen jungen Jahren lange gewandert, war in Frankreich, und in Holland, und sogar in England gewesen; wie er denn wirklich ein so guter Schlosser war, als wir keinen wieder gehabt haben, seitdem wir alle unsre Bürgersöhne, sobald sie sich die Nase am Aermel schneuzen können, dispensando ins Heirathen pfuschen lassen. Aber wieder auf den alten Gadriga zu kommen, so pflegte der, wenn er an Sonn- und Feiertagen Abends mit andern Bürgern bei einem Kruge Bier im Wirthshause saß, gemeiniglich von seiner Wanderschaft zu erzählen; und wie er in Colmar, und zu Köln, und in Middelburg, und in Delft und Rotterdam gearbeitet, und sich da in frischem Häring und Lachs und Austern dick gefressen, und Englisch Bier dazu getrunken habe, und wie er in einem großen Boote nach Harwich in England überfahren wollen, und wie das Boot mit allen darauf befindlichen Personen in einem schrecklichen Sturm jämmerlich zu Grunde gegangen sey. »Zu gutem Glücke, fuhr dann Gadriga fort, wurd' ich, just da ich vor Mattigkeit nicht einen Augenblick länger hätte schwimmen können, von einem ungeheuern Wallfisch verschluckt. Soll mich dieser und jener, wenn nicht unsre große Pfarrkirche mit sammt dem Thurm und den Seitencapellen in seinem Bauche 149 Platz gehabt hätte! Ich wollte ihn Schritt für Schritt ausgemessen haben, wenn ich vor den vielen Mastbäumen und Kabeltauen, die er im Leibe hatte, hätte fortkommen können. Nun stellt euch einmal vor, Brüder, rief er, wie einem ehrlichen Christenmenschen so mutterseel allein in so einem Saracenischen Wallfischbauch zu Muthe seyn muß! Wasser fand ich da genug für mein Leben lang; aber der Henker hätte trinken mögen! es war lauter Salz, Pech, Schwefel und Kolophonium. – Ich hatte zwar noch ein Endchen Tabak und einen Fingerhut voll Branntwein in der Ficke; aber das reichte nicht weit, und mich hungerte wie sechshundert Wölfe. Da war guter Rath theuer, nicht wahr? Möchte wohl sehen, was solche Bursche, wie ihr da, hätten anfangen wollen, wenn ihr in einem solchen Gewölbe von Wallfischrippen, jede dicker als ein Zimmerbalken, gesteckt hättet! Aber, potz Wetter! wozu hälf' einem ehrlichen Kerl auch der Verstand, wenn einem in solchen Umständen nichts einfiele? Der Wallfisch hatte eine Leber, wohl so groß wie fünf oder sechs von den größten Elsasser Mastschweinen, die ihr in euerm Leben gesehen habt. Es war eine schöne frische Leber, meiner Seel! Das Wasser lief mir ins Maul, wenn ich sie ansah. Ha, denk' ich, wer da eine gute Schüssel Leberklöße von dieser Wallfischleber hätte! – Ihr hättet ihm Stücke centnerweise wegschneiden können, ohne daß er's gewahr worden wäre. Zu gutem Glücke find' ich eine Bauerngans in meinem Hosensacke! Ein Maltersack voll Ducaten und Dublonen hätte mich nicht so gefreut.« – In diesem Ton erzählte nun Gadriga fort, wie er Feuer in des Wallfisches Bauch angemacht, und sich Leberklöße dabei gekocht hätte, besser als er sie je in seinem Leben gegessen; und auf jede Frage, die seine Zuhörer an ihn thaten, wo er dieß und das dazu 150 hergenommen, und wie es ihm weiter im Wallfischbauch ergangen, und wie er den Weg wieder heraus gefunden, hatte er eine Antwort in Bereitschaft; und wenn ihm dann die ältern Bürger ins Gesicht lachten, schwor er Himmel und Hölle zusammen, daß alles Zug für Zug so wahr wäre wie Amen. – Nun, hören Sie nur weiter! denn jetzt kommt erst der rechte Spaß von der Sache, he, he, he, weßwegen ich Ihnen nämlich die ganze Historie erzählt habe. Denn da der ehrliche Gadriga über achtzig Jahre alt wurde, und alle Sonn- und Feiertage Jahr aus Jahr ein ins Wirthshaus ging, wo es sehr oft Gelegenheit gab von seiner Wanderschaft zu reden: so erzählte Gadriga seine Lüge von des Wallfisches Bauch, und von den Leberklößen die er sich darin gekocht, so viel und oft, daß er sie zuletzt im Schlaf hätte erzählen können. Und weil die Leute, die indessen nachwuchsen, immer ungläubiger wurden: so log er binnen funfzig Jahren nach und nach so viel Umstände hinzu, und bekräftigte die Wahrheit davon bei jedem Worte mit so vielen Straf mich Gott, Sappermenten und Legionen Teufeln, daß er sie endlich selbst zu glauben anfing, und in den letzten Jahren seines Lebens sich darauf hätte sengen und brennen lassen, daß ihm alles von Wort zu Wort wirklich so begegnet sey. He, he, he! – Woraus denn zu ersehen ist –

Ihre Erzählung hätte nicht passender kommen können, Herr E. (unterbrach zu unserm Glücke Herr D. den dicken Rathsherrn, der sich in die Laune zu schwatzen hinein erzählt hatte), Friede sey mit dem alten Gadriga, wo sich seine Seele auch befinden mag! Nichts könnte geschickter seyn als sein Beispiel, um uns begreiflich zu machen, wie ein Mann dazu kommen kann, nicht nur wider seinen eigentlichen Vorsatz ein bloß zur Lust ersonnenes Mährchen für Wahrheit zu geben, 151 sondern es zuletzt selbst dafür zu halten. Ich bin gewiß, daß er anfänglich weiter nichts als Spaß machen wollte. Da er aber unter den Zuhörern immer einige mehr oder weniger geneigt fand seine Lüge zu glauben, oder wenigstens sich daran zu belustigen: so war nichts natürlicher, als daß ihn die Begierde zu interessiren und zu überreden unvermerkt weiter führte, als er anfangs zu gehen im Sinne hatte. Diese allen Erzählern so natürliche Begierde erwärmt seine Einbildungskraft; der Widerspruch erhitzt sie immer mehr; die Begierde Recht zu behalten schürt nach; man überzeugt andre nur nach dem Maße wie man selbst überzeugt scheint; er spricht also immer aus einem stärkern Tone; erdichtet immer neue Umstände, um seine Erzählung wahrscheinlicher zu machen; sie wird es endlich für ihn selbst, wird's mit jeder Wiederholung mehr; und zuletzt kommt heraus, daß er der Narr von sich selbst geworden, und der einzige ist, den er mit seiner Lüge betrogen hat. Nun dünkt mich (um wieder auf unsern vorigen Discurs zu kommen) gerade so wie es dem ehrlichen Gadriga mit seinem Mährchen erging, könnt' es einem Menschen ergehen, der sich einige Jahre lang viel Mühe gegeben hätte, weiser und tugendhafter zu scheinen als er wirklich wäre. Je größern Vortheil er davon hätte, die Welt durch diesen angenommenen Schein zu hintergehen, und je mehr es ihm Mühe und Aufmerksamkeit kostete den Tugendhaften zu spielen: um so natürlicher wär' es, wenn sich seine Einbildungskraft endlich mit einmischte, und ihn, wenigstens in gewissen Augenblicken, beredete, daß er es wirklich sey.

Mir däucht, sagte Frau F. (die nicht gern eine Gelegenheit vorbei gehen läßt, wo sie ihre Belesenheit in Englischen Dichtern, Wochenschriften und Schauspielen anbringen kann), man könnte auf Ihren Heuchler sehr schicklich eine feine Stelle 152 anwenden, die ich heute in Congreve's Lauf der Welt gelesen habe. Die Rede ist von einer gewissen Lady Wishfort, die in einem Alter, wo Ansprüche doppelt lächerlich sind, und mit einer Figur, die niemals welche zu machen gehabt hatte, sich noch einfallen ließ auf Eroberungen auszugehen. Sie erwartet einen Liebhaber, oder, eigentlicher zu reden, einen Heirather, den die Reizungen ihres Vermögens herbei gelockt haben, und der sie noch nicht anders als aus ihrem Bildniß kennt. Aber unglücklicher Weise hat ein heftiger Unwillen, in den sie eben über einen ehmaligen Ungetreuen ausgebrochen, ihre Morgenarbeit am Putztische so übel zugerichtet, daß ihr vor sich selbst graut, wie sie die schreckliche Verwüstung im Spiegel gewahr wird. »Du mußt mich wieder zu rechte machen ehe Sir Roland kommt, sagt sie zu ihrer Kammerjungfer, oder ich werde meinem Bildnisse schlecht Wort halten.« – Sorgen Sie nicht, gnädige Frau (spricht die Jungfer), ein bißchen Kunst machte daß Ihr Bild Ihnen ähnlich sah; nun muß ein bißchen von der nämlichen Kunst machen, daß Sie Ihrem Bilde ähnlich sehen.

Wir waren so gerecht oder so höflich die Anwendung sinnreich und passend zu finden; und ungefähr in diesem Tone wurde das Gespräch noch eine Weile fortgesetzt, bis jemand bemerkte, daß ich der einzige in der Gesellschaft wäre, der seine Meinung noch nicht gesagt hätte. Man wollte sich nicht damit abspeisen lassen, daß ich versicherte, ich fände, es wäre bereits viel Gutes über die Frage gesagt worden. Ich sollte mich schlechterdings erklären, ob ich sie mit Ja oder Nein beantwortete.

Ich gestand: daß ich kein Bedenken trüge, mich auf die Seite der Mehrheit zu stellen, die in dieser Gesellschaft sich für Bejahung der Frage zu erklären scheine.

153 Der Tartuffe sagte, er hoffe, daß ich schärfere Beweise zu geben haben würde als bisher auf die Bahn gekommen wären.

Ich halte es für etwas ganz Ausgemachtes, erwiederte ich, daß – (nur sehr wenige schneeweiße Seelen, die ich für große Seltenheiten in der menschlichen Natur ansehe, allenfalls ausgenommen) die allermeisten von einem geheimen Bestreben, weniger unvollkommen scheinen zu wollen als sie sind, nicht frei gesprochen werden können. Ich sehe dieses geheime Bestreben als eine Art von Instinct an, wodurch die Natur in einem jeden unter uns arbeitet, uns mit den übrigen, von welchen wir entweder wirklich übertroffen oder unbilliger Weise übervortheilt werden, so viel möglich in wagerechten Stand zu setzen. Doch, was auch die Ursache seyn mag, das Factum hat unstreitig seinen Grund; und insofern möchte sich das bekannte omnis homo mendax ganz richtig übersetzen lassen: »alle Menschen sind Heuchler.« – Mehr oder weniger macht wohl auch hierin, wie in allem andern, den Unterschied. Da man aber in diesem Sinne von jedem Menschen alles, was sich von irgend einem Menschen sagen läßt, sagen könnte (denn aus dem nämlichen Grunde, warum alle Menschen Heuchler sind, sind auch alle Menschen Narren, Wollüstige, Geizhälse, Diebe, Mörder u. s. w.), so enthält man sich solcher Sätze, die nach dem gemeinen Sprachgebrauche zu viel sagen, lieber gänzlich, und läßt es dabei bewenden, daß – wiewohl alle Menschen mehr oder weniger zum Heucheln geneigt sind – doch nur derjenige ein Heuchler heißt, der es in einem so hohen Grade ist, daß wir andern, mit ihm verglichen, für aufrichtige Leute gelten können; oder, der aus dem, was bei uns andern ein bloßer (ziemlich unschuldiger) Naturtrieb unsre Blöße zu verbergen, oder zu scheinen was wir zu seyn wünschen, ist, eine Kunst gemacht hat, die er in der unedeln 154 Absicht treibt, andre zu seinem Vortheil, und fast immer zu ihrem oder eines dritten Schaden zu hintergehen.

Indessen scheint mir die vorerwähnte Erfahrungswahrheit hier doch zu etwas gut zu seyn; nämlich uns einigermaßen begreiflich zu machen, wie man ein Heuchler werden könne ohne es zu wissen. Wir brauchen darüber niemand zu fragen als – uns selbst. Nichts ist heimlicher und leiser als die in unserm Innersten nie ruhenden Wirkungen der Eigenliebe. Es ist als ob sie sich immer fürchte über der That ertappt zu werden, und sich deßwegen in die dunkelsten Winkel des Herzens verberge, um da ihr Wesen ungestört treiben zu können. Da nun wenige Menschen Zeit und Gelegenheit haben, sie bis dahin zu verfolgen, und noch wenigere mit ihren Geistesaugen im Dunkeln sehen können: was Wunder, daß die meisten unzähligemale von ihr hintergangen werden, und sich ganz treuherzig bereden lassen, »daß es bald diese, bald jene Tugend oder edle und schöne Gesinnung sey, die dieß oder jenes in ihnen thue oder nicht thue;« – da es doch, beim Lichte besehen, immer nur die ewige Eigenliebe ist, die bald unter dieser bald unter jener Maske alles thut, und eben darum desto besser Spiel dabei hat, weil wir sie immer maskirt, nie in ihrer eigenen Gestalt sehen.

Es sollte mir vielleicht nicht unmöglich seyn (setzte ich hinzu), aus diesen und einigen andern sehr bekannten Bemerkungen durch gehörige Entwicklung deutlich zu machen, wie sogar ein Mensch, dessen ganzes Leben eine immerwährende Lüge wäre, es endlich dahin bringen könnte, sich selbst für einen ehrlichen Mann zu halten. Aber werden Sie nicht unruhig; ich weiß zu wohl, was ich einer so guten Gesellschaft schuldig bin, um Sie mit metaphysisch-moralischen 155 Deductionen, dem langweiligsten unter allen Schlaf machenden Mitteln, einzuschläfern.

Die Damen, welche glaubten, daß ich ihrem Verstande ein schlechtes Compliment gemacht hätte, waren die ersten, die darauf drangen, daß ich meine sogenannte Deduction, auf Gefahr was daraus entstehen könnte, führen sollte. Die Herren, besonders der Tartuffe (der sich einbilden mochte, ich suche nur eine Ausflucht, um nicht beim Worte genommen zu werden), machten Chorus mit ihnen; den dicken Rathsherrn ausgenommen, der in Friede seine Pfeife rauchte und die Sache Gott befahl.

Lassen Sie sich einen Vorschlag zur Güte thun, sagte ich endlich. Ich hasse die Deductionen in solchen Materien wie die Hölle. Aber ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die sich ganz vortrefflich zu unserm Gespräche schickt, und worüber Sie wenigstens viel sanfter sollen einschlummern können, als über einer akademischen Abhandlung.

Eine Geschichte? rief der Rathsherr aus seinem Lehnstuhl, indem er mit der einen Hand die Pfeife aus dem Munde nahm, und mit der andern auf seinen Bauch klopfte: – gut! die sollen Sie uns erzählen! – Ich liebe die Historie. Ein schönes Studium! Und, man sage mir was man will, es lassen sich wahrlich recht gute Moralen daraus ziehen, wenn man sie mit Bedacht lies't! Erzählen Sie immer, junger Herr, erzählen Sie! Und wenn auch hier und da ein Schwänkchen mit unterliefe – Sie verstehen mich? he, he, he! Es hat nichts zu sagen! es bleibt unter uns! Und die Damen – die können ja die Augen zumachen, he, he, he!

Wir ergeben uns dem Herrn S. auf Gnade und Ungnade, sagte die Frau von A.

Alle übrigen stimmten ein. Nur vergessen Sie nicht 156 (raunte mir der Tartuffe mit einem zweideutigen Lächeln zu, wobei er gewöhnlich seine spitzige Nase ein wenig zu rümpfen pflegte), daß es schwer seyn wird, uns auf den Gadriga etwas zu geben, das sich noch hören lasse.


Da ich meinen Freund S. dazu vermocht hatte mir die vorstehende Unterredung mitzutheilen: so kann man leicht denken, daß ich ihm die Geschichte, womit er seine Gesellschaft zu unterhalten versprochen hatte, nicht geschenkt haben werde. Wie viel auch beides, indem ich es ihm hier, so viel möglich in seiner Manier, nacherzähle, von der Anmuth des mündlichen Vortrags verloren hat, so ist mir doch mein Gedächtniß in allem, was die Thatsachen und Umstände betrifft, getreu geblieben; und ich bereue die Zeit, die ich aufgewandt habe sie zu Papier zu bringen, um so weniger, da ich in Bonifaz Schleichers Jugendgeschichte – außer dem, daß sie ein nicht verächtliches Sittengemälde aus der Mitte unsers Jahrhunderts (wozu die Urbilder in gewissen deutschen Provinzen überall zu finden waren) aufstellt – eine hinlängliche und befriedigende Auflösung der Eingangs erwähnten moralischen Aufgabe zu finden glaube. Hier ist also die Erzählung meines Freundes.


Bonifaz Schleicher ist der jüngste von eilf Söhnen eines ritterschaftlichen Beamten zu T. im Kanton **. Von seinen Eltern ist, außer ihrem Verhältniß gegen ihn, eben nicht viel Merkwürdiges zu sagen. Es waren ganz alltägliche Leute, deren Begriffe sich niemals über den engen Kreis ihrer eignen 157 Existenz ausgedehnt hatten, und denen in ihrem ganzen Leben nicht das Geringste davon ahnete, daß, außer dem was sie selbst unmittelbar betraf, noch etwas ihrer Theilnehmung Würdiges seyn oder vorgehen könnte. Der sittliche Zustand unsers lieben deutschen Vaterlandes und des ganzen Europa ging während dieser Zeit durch viele merkliche Verbesserungen und Verschlimmerungen; große Entdeckungen in Wissenschaften und Künsten wurden gemacht; neue Systeme und Hypothesen in der Philosophie auf- und abgebracht; große Geister in allen Arten thaten sich zugleich und nach einander hervor, rangen mit einander, verdrängten einander, wirkten mancherlei gute und schlimme Veränderungen in der Denkart und dem Geschmack ihrer Zeitgenossen; alte Vorurtheile und Thorheiten wurden abgeschafft, und neue kamen an deren Stelle: kurz der Schauplatz der Welt veränderte sich alle Augenblicke, ohne daß der Herr Oberamtmann Schleicher zu T. im Kanton ** das Mindeste von allem diesem gewahr wurde. Er wartete mit großer Regelmäßigkeit seine Gerichtstage ab; stellte seine Rechnungen; bezog mit der äußersten Genauigkeit seine Gefälle und Accidenzien; hielt streng über Observanz und altem Herkommen; schor mit aller gebührenden Legalität seine Bauern; plagte seinen Pfarrer, und sah seinen gnädigen Junker für einen von den Großen dieser Welt an, an dessen Daseyn, hohem Wohlbefinden und hochfreiherrlichen Rechten und Gerechtsamen dem ganzen Erdkreise mächtig viel gelegen sey; wohnte übrigens seiner Frau als ein guter Christ ordentlich und regelmäßig bei; that alle Sonn- und Feiertage seinen guten Schlaf in der Predigt; ließ zwanzig Jahre hinter einander jährlich ein bis zwei Kinder taufen; begrub die meisten davon wieder; schmauchte den ganzen Tag seine Pfeife, und brachte alle Wochen zwei Abende in Gesellschaft einiger Nachbarn 158 damit zu, über den Korn- und Viehpreis, die Balance von Europa, die Gränzstreitigkeiten von Polen, und die Mark- und Jurisdictionsstreitigkeiten des Herrn von Z. mit der Stadt Y. oder andere solche Welthändel zu sprechen – hernach den Pagad zu jagen – und endlich, bei Wildbraten und Salat, in gutem altem Landwein alle in seiner Gegend seit undenklichen Zeiten hergebrachte und observanzmäßige politische, patriotische, ökonomische, gesellschaftliche, freundschaftliche, ernsthafte, lustige und zweideutige Gesundheiten aufzubringen und mitzutrinken; bis gegen Mitternacht seine Gäste, sämmtlich wohl bezecht, ihren Abschied nahmen, und er selbst von seiner getreuen Penelope, mit Hülfe der Stubenmagd und des Hausknechtes, zu seiner Ruhestätte gebracht wurde.

Was die Frau Oberamtmännin betrifft, so war sie eine große, dicke, kupfernasige Frau, die immer in Bewegung war, den ganzen Tag mit ihrem Gesinde und den Kindern keifte, sehr scharf über ihrem Rang hielt, sich mit einer höchst lächerlichen Mischung von Eitelkeit und Sparsamkeit, aber immer (wie sie glaubte) nach der neuesten Mode kleidete, und darüber mit zwei oder drei Kammerjungfern benachbarter Damen in Briefwechsel stand; sich gern von jungen Officieren schön thun ließ; gar züchtiglich schmunzelte wenn sie ihr galante Zweideutigkeiten sagten; sich pikirte eine Frau von Lebensart und Verstand zu seyn; alle Hausanekdoten und ärgerliche Histörchen von mehr als hundert Familien in der Runde sammelte und im Kreislauf erhielt; und übrigens gar keinen Begriff davon hatte, daß außer der Bibel, ihrem Gesang- und Communionbuche, dem Kalender, dem klugen Beamten, der Insel Felsenburg und den Gesprächen im Reich der Todten (welche die Bibliothek ihres Mannes ausmachten) noch irgend ein andres gedrucktes Buch in der Welt seyn könnte.

159 Es ist nicht sehr zu vermuthen, daß die Natur einen Menschen, mit dem sie etwas Großes vorhätte, gerade bei solchen Leutchen, wie der Herr Amtmann Schleicher und seine Gemahlin, bestellen sollte. Bei unserm Bonifaz kam noch der Umstand hinzu, daß er unter dreiundzwanzig Kindern, welche dieses würdige Paar in rechtmäßigem Ehebett erzeugt hatte, das letzte war. Ein Umstand, der zweier Ursachen wegen merkwürdig ist: erstlich, weil wahrscheinlicherweise bei solcher Bewandtniß der Sache weder Stoff, noch Form, noch Arbeit viel an ihm taugen könnte, und zweitens, weil er demungeachtet der Liebling seiner Eltern war, und daher von der Wiege an so vollständig verzärtelt wurde, als nur immer hätte geschehen können, wenn er zum Erben von Cilicia, Paphlagonia, Mysia, Phrygia und Pamphilia wäre geboren worden.

Der kleine Bonifaz war bei allem dem ein ganz hübsches blondes kraushaariges Bübchen; lernte bald gehen und reden, plapperte den ganzen Tag, hatte Einfälle, neckte gern seine Brüder und Schwestern; war aber dabei ein gräulicher Heuler, und schrie und winselte gleich erbärmlich, wenn ihm eines von seinen Geschwistern, die ihm an Alter die nächsten waren, etwa für die ewigen Plagen, die er ihnen anthat, einen kleinen Schlag gab, oder auch nur eine Faust gegen ihn machte.

Alle diese Eigenschaften rechtfertigten in den Augen der Frau Oberamtmännin ihre unmäßige Liebe zu dem holden Bonifazchen, welcher (wie sie alle Augenblicke bemerkte) der artigste, gescheidteste, drolligste und sinnreichste Junge wäre, der jemals Kindsbrei gegessen und an einem Schnuller gesuckelt hätte. Besonders rühmte man an ihm sein gutes Herz, weil er sich nie wehrte, wenn er Händel mit seinen Brüdern oder Schwestern bekam (wozu freilich er selbst fast immer die Ursache gab), sondern sich begnügte, ihnen entweder durch sein Geheul 160 und Wehklagen Schläge von der Mutter zuzuziehen, oder eine Gelegenheit abzulauern, wo er ihnen, ohne daß sie wußten woher es kam, einen Possen spielen konnte. Außerdem hatte seine zärtliche Mama den Trost zu sehen, daß sich ihr lieber kleiner Bonifaz nie in einige Gefahr begeben würde, die ihr mütterliches Herz durch Besorgniß für sein theures Leben ängstigen könnte. Denn der Bube war so hasenherzig, daß er sich noch im sechsten Jahre vor seinem eigenen Schatten fürchtete, und die Furcht zu fallen oder sich weh zu thun hielt ihn immer von allen seinem Geschlechte zuständigen Uebungen ab. Ueber einen Graben zu springen, auf einen Baum zu klettern, oder nur über einen Zaun zu steigen, waren Herculesarbeiten in seinen Augen, vor deren bloßem Anblick er an allen Gliedern zitterte.

Natürlicherweise flößte diese Feigheit seinen Brüdern und den übrigen Knaben im Dorfe herzliche Verachtung gegen Bonifazen ein, der sich immer von ihnen absonderte, und dafür mit den kleinen Mädchen Versteckens, Frau Sonn, Gerad oder Ungerad, und dergleichen Spielchen spielte; oder, wenn er auch mit den Jungen lief, zu nichts in der Welt gut war, als den Spion zu machen, und Vater und Mutter alles was man getrieben hatte, und oft mehr dazu, wieder zu sagen. Allein auch diese Eigenschaften wurden ihm von seiner weisen Frau Mama als eben so viele Verdienste angerechnet, anstatt daß eine kluge Mutter darin den Keim des künftigen Schurken entdeckt und an dessen möglichster Erstickung gearbeitet hätte. Seine Brüder verloren immer bei der Vergleichung mit ihm; immer wurde ihnen Bonifazchen als ein Muster vorgestellt, dessen Tugenden ihre Unarten und Laster beschämten. Sie waren so leichtfertig, so wild! liefen immer im Felde herum, stellten immer etwas an worüber Klage einlief, rauften und 161 balgten sich immer, bald aus Muthwillen, bald im Ernste, mit den andern Buben u. s. w. Er hingegen war so sittsam, so wacker, so unschuldig, so folgsam! ließ sich nie von ihnen verführen, an ihren Bosheiten (wie man's zu nennen beliebte) Antheil zu nehmen, und bewies sein gerechtes Mißfallen daran, indem er sie aus purer Liebe und Wohlmeinung den Eltern oder dem Hofmeister verrieth. Kurz, Bonifazchen hörte sich immer wegen solcher Handlungen loben, um derentwillen er hätte die Ruthe kriegen oder ans Katzentischchen gesetzt werden sollen.

Bei einem Jungen, den die Natur selbst schon so angelegt hatte, daß, auch im glücklichsten Falle, höchstens ein leidlicher – Schneider aus ihm werden konnte, mußte eine so sinnlose Art von Erziehung nothwendig mancherlei schlimme Folgen haben. Bei seinen Brüdern, die um seinetwillen so oft leiden mußten, verwandelte sich die Verachtung gegen den, der nichts mitmachen konnte, endlich in Haß gegen den Verräther. Sie schlossen ihn von allen ihren Spielen, Anschlägen und Unternehmungen gänzlich aus, jagten ihn fort, wenn er sich etwan hinzuschleichen wollte, und brauchten immer alle mögliche Vorsicht, damit er nie erführe was sie vorhätten. Dieses Verfahren reizte den Buben auf Mittel zu denken, wie er demungeachtet hinter ihre kleinen Geheimnisse kommen könnte. Sein Instinkt ließ ihn nicht lange unberathen. Er hatte sich durch seine Furchtsamkeit einen schleichenden Gang angewöhnt, und war dabei von Natur mit sehr feinen Ohren begabt. Durch die Gelegenheiten, die ihm seine Brüder gaben diese Talente zu entwickeln, bracht' er es in kurzem in der Kunst auf den Zehen zu schleichen, durch Schlüssellöcher zu gucken, und vor den Thüren oder in einem Winkel, wo ihn niemand vermuthete, zu horchen, zu 162 einer bewundernswürdigen Fertigkeit; und weil Gewohnheit endlich zur andern Natur wird, so blieb ihm auch diese so lang' er lebte. Er behielt immer den schleichenden Gang, spitzte und reckte immer die Ohren auf alle Seiten, und konnte unmöglich ein paar Leute mit einander reden sehen, ohne daß er einen unüberwindlichen Trieb in sich fühlte, zu wissen was sie redeten. In solchen Fällen wußte er, nach der Lage des Orts und Beschaffenheit der Umstände, entweder in Spirallinien oder Asymptoten ihnen unvermerkt mit einem seiner lauschenden Ohren nahe genug zu kommen, um wenigstens so viel einzelne Worte zu erschnappen, daß er durch muthmaßliche Verknüpfungen (worin er ein großer Meister war) herausbringen konnte, wovon wohl die Rede seyn, oder was sie im Schilde führen möchten.

Die natürliche Schwäche des kleinen Bonifaz, die überschwängliche Sorgfalt womit er von der Wiege an verzärtelt worden war, und das unverständige Mitleiden, das er immer über dem geringsten Zufall oder Wehklagen bei seiner Mutter fand – alles dieß gab ihm eine unartige Reizbarkeit, die so weit ging, daß man ihn nicht schief ansehen noch mit dem Ellenbogen anrühren durfte, ohne daß er gleich ein Jammergesicht zu machen und zu heulen anfing. So wie er nun heranwuchs, und die Mißhelligkeiten zwischen ihm und seinen Brüdern zunahmen, häuften sich auch die vorgeblichen oder wirklichen Beleidigungen, die ihm die letztern zufügten: und wenn er dann zu Vater oder Mutter lief, und seinen Brüdern durch sein Klagen und Weinen Strafe zuzog, so war der ganze Vortheil, den er davon hatte, dieser, daß sie ihm alle Ohrfeigen, Schläge und Rippenstöße, die sie um seinetwillen empfingen, bei der ersten Gelegenheit doppelt wieder gaben. Wie er nun merkte, daß er auf diesem Wege 163 mehr verlor als gewann, so sann er auf Mittel, seine Rachbegierde durch Hinterlist, und so daß man ihm nicht zu Leibe gehen könnte, an ihnen auszulassen. Er lernte seinen Groll meisterlich verbergen: aber wenn sie glaubten, sie ständen am besten mit ihm, so spielte er ihnen irgend einen tückischen Streich, und wußte es dabei immer so fein anzugehen, daß der Verdacht auf einen andern fiel.

Diese Art sich die Wollust der Rache zu verschaffen hatte einen dreifachen Vortheil: sie war mit Sicherheit für seine kleine Person, die er über alles liebte, verknüpft; sie gab ihm häufige Gelegenheit, sich selbst zu seinen Erfindungen Glück zu wünschen, und sich für einen sinnreichen verschmitzten Kopf in Vergleichung mit den Kalbsköpfen seinen Brüdern zu halten, die, ehe sie sich's versahen, wieder eins auf die Nase kriegten, ohne zu sehen wo der Schlag herkam; und er erhielt sich dabei im Besitz des Ruhmes eines gutartigen friedliebenden Knaben, und aller damit verbundnen Nutzungen und Nießungen, wenigstens so lange seine Mutter lebte. Es war also sehr natürlich, daß er auch in dieser Kunst nach und nach ein eben so großer Meister ward, als in der Kunst zu schleichen und zu horchen.

Bonifazchen war nun ein Knabe von eilf bis zwölf Jahren geworden, und, wie wir sehen, ein hoffnungsvoller Knabe: weichlich, feigherzig, einbildisch, selbstisch, rachgierig, falsch und tückisch; und dünkte sich mit allen diesen schönen Eigenschaften nicht um ein Haar schlimmer. Im Gegentheil, da er von Kindheit an seinen Brüdern vorgezogen, und unzähligemal um eben dieser besagten Eigenschaften willen angelächelt, geküßt, gelobt und belohnt worden war, so hatte dadurch nicht nur überhaupt das natürliche Wohlgefallen eines Menschen an sich selbst bei ihm unendlich viele Nahrung bekommen, 164 sondern es verband sich auch nothwendig mit den niederträchtigen und strafbaren Handlungen, die an ihm gelobt wurden, der Begriff der Ehre und des Verdienstes in seinem Gehirne; er gewöhnte sich an, seine sinnliche Weichherzigkeit für Güte, seine Feigheit für Behutsamkeit, seinen Hochmuth für Ehrliebe, seine Ränkesucht und Arglist für Witz und Klugheit zu halten. Kurz, Bonifazchen war in seinem zwölften Jahre bereits ein ausgemachter kleiner Schurke, ohne daß ihm nur der mindeste Argwohn darüber in den Sinn kam.

Noch eine böse Folge der unverständigen Liebe seiner Mutter zu ihm war diese: daß der Junge, weil ihm in allen Händeln mit seinen Geschwistern fast immer Recht gegeben wurde, sich unvermerkt eine mechanische Fertigkeit zuzog, zu glauben daß er immer Recht habe, und folglich bei allen Gelegenheiten immer Recht haben zu wollen. Bei der ungemeinen Lebhaftigkeit seiner Eigenliebe und der wenigen Stärke seines Kopfes, war dieß die schlimmste aller Unarten, die er sich in seiner Kindheit angewöhnt hatte. Sie machte nicht nur alle seine übrigen Untugenden unheilbar, sondern gab ihm auch eine so verzweifelte Schiefheit, und versperrte der Wahrheit alle Zugänge zu seiner Seele so sehr, daß er zuletzt gegen Wahr und Falsch völlig gleichgültig wurde, oder vielmehr, daß es ihm zur Natur wurde, mit gänzlicher Beruhigung seiner Seele zu glauben, eine Sache sey alsbald wahr oder falsch, sobald er sie dafür halte.

Aus diesem ganz einfachen Grunde wird auf einmal begreiflich, wie es möglich war, daß Bonifaz Schleicher sein ganzes Leben durch, trotz allen seinen verächtlichen Eigenschaften, sich selbst für einen sehr edeln, moralischen und untadeligen Mann, und jeden, der seinen eigensüchtigen Entwürfen und Ränken im Wege stand, mit der innigsten 165 Ueberzeugung seines Herzens für einen sehr schlimmen Menschen ansah. Es war seinem Eigendünkel und seinen übrigen selbstischen Leidenschaften gemäß, dieß zu glauben; er glaubte es also; und weil er's glaubte, so war's so; wenigstens war's für ihn so, und sein Interesse forderte, so viel möglich jedermann auch glauben zu machen, daß es so sey. Und wer dann nicht so denken und glauben wollte oder konnte, hatte Unrecht, war sein Feind und Widersacher, und wurde als ein böser gefährlicher Mensch, aus allen Kräften, bei aller Gelegenheit, mit Worten und Werken von ihm verfolgt. Denn Bonifaz war (in seinem Wahne) ein tugendhafter Mann und guter Christ, der alle bösen Menschen (d. i. alle, die nicht so gut von ihm dachten als er selbst) haßte, als Leute, denen er, wie dem Teufel und allen seinen Werken und Wesen, in seinem Taufbund entsagt hatte. – Doch wieder zur Geschichte seiner ersten Jugend!

Weil Herr Amtmann Schleicher auf dem Lande wohnte, und von der nächsten Stadt (die ohnehin nur eine schlechte Trivialschule hatte) über drei Stunden weit entfernt war, so hielt er seinen Kindern einen Hauslehrer, oder sogenannten Hofmeister. Es war ein Candidatus Theologiae, wie man's nennt; ein ziemlich wohlgewachsener, gesunder, starker Bengel, der in T. und J. Logik und Metaphysik, Dogmatik, Polemik, Moral, Kirchenhistorie, und, weil es damals Mode zu werden anfing, auch ein Collegium über die schönen Wissenschaften gehört – von allem diesem, vielleicht zu seinem Glücke, so viel als nichts gelernt – der Tochter in dem Bürgerhause wo er wohnte, die Taille verderbt – und sich übrigens, für einen Studiosus Theologiae so ziemlich ehrbar aufgeführt hatte. Weil er nun, nachdem er absolvirt hatte und in patriam zurückgekommen war, bei seinem Vater (einem ehrlichen, 166 aber mit vielen Kindern beladenen Schuhflicker in N.) nichts zu essen fand, hatte er sich, in Erwartung eines Bessern, bei Herrn Amtmann Schleicher als Hauslehrer verdungen, mit der Hoffnung, durch Vorschub des letztern den Pfarrdienst zu B*** nach dem Ableben des alten Pastoris loci zu erhalten. Der Candidat hieß Thomas Schrager, ging fleißig mit seinem Herrn Patron, oder allein mit seinem Hund, auf die Hühner- und Entenjagd, schäkerte gern mit den Mädchen und jungen Weibern im Dorfe wenn sie Heu und Flachs dörrten, und wurde von jedermann – den Herrn Amtmann selbst ausgenommen – (wie die Welt böse ist) in Verdacht gehalten, daß er mit der Frau Amtmännin etwas vertrauter lebe als seine Schuldigkeit war, und wohl gar an der Fruchtbarkeit ihrer letzten Jahre einigen Antheil gehabt haben könne.

Unter diesem Hofmeister ging es nun dem kleinen Bonifaz (der etwa sechs bis sieben Jahre alt war, da er unter seine Aufsicht kam) so gut als er sich's nur wünschen konnte. Denn weil Bonifazchen der Liebling seiner Mutter und überdieß ein sehr schmeichlerisches Bübchen war, und die kleinen Botschaften zwischen Mama und Herrn Thomas, wozu man ihn brauchte, mit großer Schlauheit auszurichten wußte: so war er sicher, daß er ungestraft faullenzen, den ganzen Tag in der Küche herumnistern, mit dem Gänsemädchen Possen treiben, seine Geschwister plagen, lügen, naschen, schleichen, horchen, kurz so ungezogen seyn durfte als ihm beliebte. Indessen weil der Junge in seiner Kindheit ein gutes Gedächtniß hatte und eine Sache leicht faßte, so bracht' er es demungeachtet so weit, daß er in seinem zwölften Jahre Deutsch und Lateinisch lesen, leidlich schreiben, und in Erasmi Colloquiis die leichtesten ziemlich fertig exponiren konnte; welches alles ihm denn bei seinen hochwerthen Eltern und ganzer 167 hochansehnlichen Verwandtschaft, wie leicht zu erachten, bei jeder Gelegenheit nachgerühmt und zu großem Verdienst angerechnet wurde.

Unglücklicher Weise für Bonifazen starb um diese Zeit seine liebe Mutter, und Thomas Schrager wurde wenige Monate darauf zum Pfarrdienst in B*** befördert.

Herr Amtmann Schleicher befand sich nun in seinem achtundfunfzigsten Jahre, mit einem sehr großen Wanst und sehr wenig Thätigkeit, ohne Frau mit fünf noch unerzognen Kindern, an der Spitze einer ziemlich weitläuftigen Wirthschaft. Nun hatte er zwar, außer den fünfen, noch eine Tochter zu Hause, die bereits das achtzehnte Jahr zurückgelegt hatte, und sowohl Alters als Verstandes halben seiner Haushaltung, unter väterlicher Obsicht, ganz wohl hätte vorstehen können. Allein des Mädchens Jugend, und seine Amtsgeschäfte – die ihm (wie er seit dreißig Jahren zu glauben und zu sagen gewohnt war, ohne die Sache jemals genau untersucht zu haben) nicht erlaubten sich mit seiner eigenen Oekonomie zu placken – hatten ihm zum Vorwande gedient, eine Art von Basen, Frau Garmundin genannt, zu sich zu nehmen; eine Person, die zwar bereits über funfzig Frühlinge gesehen hatte, aber doch bei einer starken und gesunden Leibesbeschaffenheit, und einer Gemüthsart, die durch Theilnehmung an irgend einem Wesen außer ihr selbst niemals angegriffen worden war, noch frisch genug aussah, um ohne große Unschicklichkeit nur zwei und vierzig zu gestehen. Diese Person erlangte in kurzem unumschränkte Gewalt über das ganze Haus. Der Herr Amtmann, der seines Lebens Rest so viel möglich in Ruhe zubringen wollte, nahm sich, gleich Epikurs Göttern, keines Dinges an; aß, trank und schlief; rauchte, in einen wohl gepolsterten Großvaterstuhl 168 hingestreckt, seine Pfeife; las die Zeitungen oder die Geschichte der Insel Felsenburg, und wies jedermann an seinen Schreiber und an Frau Garmundin. Weil er nun, nach Abgang des Herrn Thomas Schrager, einen andern Hofmeister für seine Söhne brauchte, so nahm er, auf Empfehlung der Dame Garmund, einen Bruder ihres vor einigen Jahren verstorbenen Mannes dazu an; einen alten Candidaten des heiligen Predigtamts, der aus mancherlei Ursachen bisher immer ohne Dienst geblieben war, wiewohl er in der Gegend umher für einen gelehrten Mann und für einen der besten Disputirer im ganzen Lande passirte. Er hieß Magister Samuel Leberecht Spitzelius; war ein Mann von mittlerer Größe, etwas hager, hatte ein sehr langes schmales Gesicht, eine kurze flache Stirne, dicke Augenbrauen, deren Zug so ziemlich einem Griechischen Circumflex ähnlich sah, eine über die Lippen herabwinkende Nase, grünliche, weit hervorstehende und ein wenig schielende Augen, einen Mund der gar nicht wußte was Lächeln war – kurz, sein Gesicht hatte alles was zu einem Gesichte gehört, dem man gern aus dem Wege geht. Böse Leute sagten: Frau Garmundin, weil ihr der Ruf, worin die wohlselige Frau Amtmännin mit dem vorigen Informator gestanden, nicht unbekannt gewesen sey, hätte mit gutem Bedacht ein Subject ausersehen, dessen erster Anblick den Lästerzungen sogleich allen Gift benehme; und hätte es um so leichter thun können, sagten sie, weil der Schreiber ein hübscher rüstiger Mensch, zudem auch des alten Rentmeisters Substitut war, – und was dergleichen lose Reden mehr waren.

Wie dem nun seyn mochte, genug Magister Spitzelius war in diesem und allen andern Stücken der vollkommene Gegenfüßer von Thomas Schrager. Ein ernsthafter, nüchterner, 169 förmlicher, strenger Mann, der alles sehr genau nahm, alles nach Regeln that, und den Kopf voll Definitionen, Lehrsätze, Heischesätze und Corollarien hatte, nach denen er alles was ihm vorkam, ohne Verschonen und Ausnahme, classificirte, benamsete, bejahete oder verneinte, billigte oder verwarf. Daher kam es nun, daß der ehrliche Mann beinahe nichts in der Welt nach seinem Sinne fand. Alles, sonderlich die Menschen und all ihr Thun und Lassen, Dichten und Trachten, hätte – nach seinem System – anders seyn sollen als es von jeher war. Von der unendlichen Mannichfaltigkeit der innern Anlagen, vom Einfluß der äußern Umstände, von den unzähligen Mitteltinten und Schattirungen, in welchen Wahres und Falsches, Gutes und Böses, ewig bei einzelnen Menschen zusammenfließen, von der Magie der Einbildungskraft und der Leidenschaften, und von der großen Wahrheit, »daß alles was ist, gerade so ist, wie es, zur Zeit da es ist, seyn kann,« – hatte Meister Samuel Leberecht Spitzelius nicht den mindesten Begriff. Für ihn war alles wahr oder falsch, gut oder böse, so wie ein metaphysisches Ding entweder A oder nicht A ist. Wahr nannte er alles was er aus seinem System beweisen konnte; falsch, alles was nicht in sein System paßte; böse, alles was durch positives Gesetz im ausgedehntesten Sinne bei Strafe verboten; gut, alles was geboten und worauf eine Belohnung gesetzt war. Daher die unbiegsamste Hartnäckigkeit und Intoleranz in seinen Meinungen, und eine mehr als mönchische Austerität in seiner Moral. Den stoischen Satz, alle Sünden sind gleich, führte er immer im Munde, und gegen die Natur hatte er einen unendlichen Widerwillen. Er hielt sie für grundverderbt, zumal im Menschen, dessen Herz, seiner Meinung nach, ein Abgrund alles Bösen war; so daß die Hälfte der Erziehung 170 in ewigem Jäten und Ausrotten, Abschneiden und Ausbrennen des verdammten Unkrauts von Trieben, Neigungen und Leidenschaften, die wir unseligerweise aus Mutterleibe mitbringen, bestehen müßte. Dieß mag genug seyn, Ihnen einen Begriff von der Denkart dieses Mannes zu machen; der übrigens ein guter Lateiner und ein furchtbarer Kämpfer gegen alle Dissenters, Ketzer, Naturalisten und Deisten war, anbei viel von Verstopfungen im Unterleibe litt, und mit einigem Schein beschuldiget wurde, ein Weiberhasser zu seyn.

Bonifazchen spürte bald den Unterschied zwischen diesem und seinem vorigen Hofmeister, und es war ihm gar nicht heimlich dabei. Denn zum Unglück fand er in Frau Garmundin die zärtliche Beschützerin und sichre Zuflucht nicht, die er immer in seiner lieben Mama gefunden hatte. Sich unter seinen Vater zu verkriechen, daran war gar nicht zu denken; der hatte ihn, ohne Vorbehalt, der Zuchtruthe des Herrn Magister Spitzelius untergeben. »Es ist ein verzärtelter Junge, pflegte der Herr Amtmann öfters zu sagen; er war immer das Muttersöhnchen; ich mochte reden was ich wollte, alles was Bonifazchen that, war wohlgethan – es ist hohe Zeit, daß dem Buben der Kopf gebrochen wird!«

Hierzu war nun Magister Spitzelius gerade der rechte Mann. Aber Bonifazchen war schlau und ließ es nicht so weit kommen. Die Furcht vor der Spitzelischen Zuchtruthe, die er etlichemal reichlich gekostet hatte, brachte ihn plötzlich zu einer völligen Aenderung seines Lebenswandels. Er übertraf alle seine Geschwister an Fleiß, Biegsamkeit und Gehorsam; wußte immer seine Lection am ehesten auswendig; lernte bald seines Meisters Sprache, Manieren und Sittenregeln; bildete sich nach ihm; vermied ängstlich alles was ihm Verweis und Züchtigung hätte zuziehen können; war ehrbar, 171 ernsthaft und still in seinem Betragen; und brachte es denn auch, wie natürlich, auf diesem guten Wege dahin, daß Spitzelius sehr wohl mit ihm zufrieden war, und ihm von Zeit zu Zeit vor dem Vater und andern Verwandten oder fremden Personen, die ins Haus kamen, Lobsprüche ertheilte, an denen sich die Eitelkeit des kleinen Bonifaz nicht wenig kitzelte. Im Grunde aber blieb er nicht nur ein so böser Bube als zuvor, sondern wurde täglich schlimmer und schlimmer. Denn nun hatte er die schönste Gelegenheit, sich vollends zum Heuchler auszubilden, indem er sich die moralische und religiöse Sprache seines Lehrmeisters angewöhnte; dessen herbe Sitten in seinem Aeußerlichen nachmachte; mit unverständiger Strenge über alles, was nicht nach seinem Leisten zugeschnitten war, urtheilen lernte; in der Geschicklichkeit, seine Laster mit dem Namen und Scheine der Tugend zu schminken, täglich zunahm; und überdieß noch eine große Fertigkeit erlangte, Moral und Religion zu schwatzen, ohne das Geringste dabei zu fühlen noch zu denken.

Auch sein Talent im Schleichen und Horchen vergrub er unter diesem neuen Mentor nicht. Denn da seine beiden Brüder wilde Jungen waren, und mit den übrigen zum Theil ältern Buben im Dorfe, auch wohl mit den größern Mädchen, allerlei Muthwillen und Kälberei trieben; Spitzelius aber alle diese Ausbrüche der Natur für satanische Bosheit und schreckliche Sünden hielt, die er, ohne sich deren theilhaft zu machen, nicht ungestraft lassen könne, sondern mit Einsperren, Hungern, Ruthe, Stecken und Karbatsche unermüdet bekämpfen müsse: so wurde es dem tugendhaften Bonifazchen zum Verdienst angerechnet, wenn er (durch welche Mittel es geschehen möchte) alle ihre Anschläge und Unternehmungen auskundschaftete, und seinem Meister von allem, 172 was ihnen Strafe zuziehen konnte, getreulich Nachricht gab. Der fromme Knabe, wie er ein kleiner Schlaukopf war, merkte bald, daß er sich sein Spionenamt auf mehr als Eine Art zu Nutze machen könne. Denn, außerdem daß Spitzelius, durch das Mißfallen welches Bonifaz bei solchen Gelegenheiten über den Ungehorsam und die Untugenden seiner Brüder und ihrer Cameraden äußerte, in der guten Meinung von der Frömmigkeit seines Günstlings bestärkt wurde: so hatte Bonifazchen immer in seiner Gewalt, die Sachen ärger oder besser als sie waren vorzutragen, je nachdem ihm die Verbrecher mehr oder weniger Ursache zu Bosheit und Rachbegierde gegeben hatten. Ja, er konnte sich dessen sogar zu einem Mittel bedienen, seine eignen kleinen Leidenschaften ungestraft zu befriedigen: und wenn er entweder etwas von ihnen haben wollte, oder selbst von einem unter ihnen bei einer strafbaren That ertappt worden war, so war die Drohung – »ich sage dieß und das dem Herrn Magister,« oder das Versprechen es nicht zu sagen – immer ein kräftiges Mittel, alles von ihnen zu erhalten was er wollte. Denn sie hatten's aus vielfältiger Erfahrung, daß sie mit Gegenklagen nichts wider Bonifazchen ausrichteten; weil dieser nun einmal ein günstiges Vorurtheil seines Meisters für sich hatte, und Spitzelius seine Angebungen niemals unparteiisch untersuchte, sondern immer als etwas Ausgemachtes voraussetzte, daß Bonifaz, als ein sehr frommes Kind, immer Recht, seine Brüder hingegen, als Belialsbuben, immer Unrecht hätten.

So weit war Herr S. in seiner Erzählung gekommen, als der Gesellschaft angesagt wurde, daß das Abendessen auf sie warte. Wie angenehm auch die Unterbrechung war, so hatte doch diese kleine Gesellschaft so viel Unterhaltung in 173 der Art, wie Herr S. sein Mährchen vortrug, gefunden, daß bei Tische nichts auf die Bahn gebracht werden konnte, wovon man nicht immer wieder auf Bonifazchen zurückgekommen wäre; und sobald das Essen abgetragen war, vereinigten sich alle, Herrn S. zu bitten, daß er ihnen die Fortsetzung seiner Erzählung zum Nachtische geben möchte.

Hier muß ich vor allen Dingen, und um meinen Freund S. gegen einen gerechten Verdacht der Leser aus der feinern Welt zu verwahren, die Anmerkung machen: daß die Scene dieser ganzen gesellschaftlichen Unterredung in einer kleinen Reichsstadt in Oberdeutschland war, wo das, was man in der feinen Welt Lebensart nennt, noch unbekannt ist, hingegen seit wenigen Jahren ein gewisser Geschmack am Lesen, und mit diesem (da er noch so neu ist) eine gewisse Sucht in guten Gesellschaften von Litteratur und Moral, oder (wie man's in solchen kleinen Orten noch zu nennen pflegt) von interessanten Gegenständen zu schwatzen, sich eingeschlichen hat. Dieser Umstand macht es einigermaßen begreiflich, wie eine Gesellschaft von Herren und Frauenzimmern, worunter einige sogar ein »von« vor ihrem Namen führten (es waren aber freilich nur Nobilitirte), fähig seyn konnte, sich so lange mit einerlei Gegenstand, und (was noch das Aergste ist) mit einer moralischen Aufgabe zu beschäftigen, und sogar Unterhaltung dabei zu finden.

In einer Gesellschaft, wo es wider allen guten Ton ist, länger als drei Minuten von irgend einer Sache zu sprechen; wo es lächerlich wäre eine speculative Aufgabe – es müßte denn einen neuen Kopfputz oder ein eben von Paris angelangtes Deshabillé, oder sonst etwas von dieser Wichtigkeit betreffen – zum Gegenstande der Unterhaltung zu machen; und wo einer, der von einer nur halbweg ernsthaften Sache 174 zu reden angefangen hätte, wenn er gleich mit Engelszungen redete, nicht eine einzige Seele fände die ihm zuhörte, sobald jemand etwas andres, wie nichtsbedeutend es immer seyn mag, auf die Bahn bringt: in einer solchen Gesellschaft würde allerdings Herr S. in seiner Erzählung nicht weit gekommen seyn. Aber in so guter Gesellschaft würde auch von der Frage, die dazu Anlaß gab, nimmermehr, oder höchstens nur etliche Augenblicke, und in dem leichten persiflirenden Tone, der alles was einer ernsthaften Untersuchung oder einem Sokratischen Gespräche ähnlich sieht, schlechterdings ausschließt, die Rede gewesen seyn.

Ich mache diese Anmerkung nicht, als ob ich mich über den vorbesagten guten Ton, und die respectabeln Gesellschaften, wo er herrscht, aufzuhalten gedächte. – In der That sehe ich auch vollkommen ein, daß, so wie die Welt jetzt beschaffen ist, in vornehmen und großen Gesellschaften, oder in dem was man die große Welt nennt, ordentlicherweise die Gewohnheit von nichts zu reden, alle Augenblicke was andres auf die Bahn zu bringen, über alles nur obenhin wegzuschlüpfen, alles Ernsthafte leichtsinnig und alles Nichtsbedeutende ernsthaft zu behandeln, mit Einem Wort, eine Art von Conversation, wozu der möglichst wenigste Aufwand von Verstand, Witz, Geschmack und Empfindung erfordert wird, ein eben so nothwendiges Uebel ist, als die Kartenspiele, ohne deren wohlthätige Hülfe mehrbesagte Gesellschaften (wie jedermann gesteht) sich nicht lange bei einer leidlichen Art von Existenz erhalten können. – Meine Absicht ist blos, Herrn S. von der Beschuldigung einer unverzeihlichen Ungereimtheit zu retten, wenn man geglaubt hätte, er wolle uns bereden, daß die Unterhaltung, die er uns mittheilt, unter Personen von einem gewissen Range gehalten worden 175 sey. – Und hiermit wieder zu unserm kleinstädtischen Kränzchen!

Sie erinnern Sich doch allerseits, sagte Herr S., daß diesen Abend die Rede davon war: ob man ein Heuchler seyn könne, ohne es selbst zu wissen? – Ich ging in Bejahung dieser Frage zu weit, daß ich mich zu behaupten vermaß: es könnte wohl einen Menschen geben, dessen ganzes Leben eine immerwährende Lüge wäre, und der sich gleichwohl selbst für den ehrlichsten Mann von der Welt hielte. Weil ich einen solchen Menschen persönlich kannte, so konnt' ich dieß um so zuversichtlicher behaupten. Ich versprach Ihnen also, als den überzeugendsten Beweis meines Satzes, die Geschichte des Herrn Bonifacius Schleicher. Nun sehen Sie leicht, daß ich – um darzuthun, wie sein ganzes Leben eine immerwährende Lüge sey – mich in keine umständliche Erzählung aller seiner Lebensumstände und Begebenheiten, und seines Betragens in denselben einlassen konnte, ohne daß mein Mährchen wenigstens so lange gedauert hätte als eine Sinesische Tragödie. Ich glaube also, der kürzeste Weg aus der Sache zu kommen wäre, wenn ich Ihnen bloß die Geschichte seiner ersten Jugend erzählte. Denn so könnten Sie der Entstehung und Bildung des künftigen Selbstbetrügers gleichsam unmittelbar zusehen, und lernten die Grundlage seines Charakters so gut kennen, daß Sie nun in jedem Verhältniß, in welches Sie sich mit ihm denken wollten, ganz genau voraus wissen könnten, wessen Sie sich zu ihm zu versehen hätten. Kurz, ich glaube Ihnen gerade so viel von Schleichern gesagt zu haben, als zu Auflösung unsers Problems nöthig ist: und so, denk' ich, hätt' ich mein Versprechen erfüllt.

Man mußte gestehen, daß Herr S. Recht hatte. Denn 176 nach allem, was erzähltermaßen die Natur, die Frau Amtmännin, Thomas Schrager und Magister Spitzelius an Bonifazchen gethan, und der Herr Amtmann, sein Vater, nicht gethan hatte, konnte man nun kühnlich allen Bildnern, Schnitzlern, Anstreichern, Verzierern, Lackirern, Vergoldern, Frisirern und Parfumirern der Menschheit, kurz, allen Philosophen der ganzen Welt, Trotz bieten, einen bessern Mann aus Bonifaz Schleichern zu machen, als der er war und noch ist: nämlich ein schwachköpfiger, hasenherziger, schleichender, schielender, listiger, eigennütziger, kalter, selbstischer Schurke, der bei allen diesen schönen Qualitäten sich keinen bessern Mann als er selbst ist denken kann, und – weil er sich die Sprache und Maximen der Sittenlehre geläufig gemacht, und sich angewöhnt hat seinen eigenen selbstsüchtigsten, kleinsten und schlechtesten Handlungen, Leidenschaften und Schwachheiten einen Anstrich von Rechtschaffenheit, Edelmuth und Güte zu geben – ein tugendhafter und frommer Mann zu seyn wähnt, ohne daß er jemals auch nur den geringsten Begriff davon gehabt hätte, wie einem Menschen zu Muthe sey, dessen Religion und Tugend wirkliche Gesinnung des Herzens, Erfahrung, Wahrheit und Leben ist.

 


 








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