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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI. Kapitel

Nachforschungen

»Lizzy, wer hatte angerufen, als der junge Herr von Professor Brummel verlangt wurde?«

»Ich glaube, der Herr Professor selbst, wenigstens nannte er seinen Namen.«

»Ist Ihnen also nichts weiter aufgefallen?«

»Doch, Herr Holgerman, jetzt fällt mir ein, daß er zuerst gesagt hat: ›Hier Professor Brummler!‹ Ich wußte nicht gleich, wer das sei und fragte: ›Wer, bitte?‹ worauf er den Namen wiederholte, aber jetzt, Professor Brummel, der Klassenlehrer von Bob Holgerman‹, sagte.«

»Ist Ihnen, Lizzy, oder Ihnen, Eduard, oder Ihnen, Kathi, heute Vormittag auf der Straße etwas aufgefallen?«

Eduard und die korpulente Köchin verneinten, aber wieder war es Lizzy, die etwas zu sagen hatte:

»Bitte schön, kurze Zeit, nachdem Herr Bobbie aus der Schule nach Hause gekommen und wieder fortgegangen war, putzte ich die Türklinken am Haustor. Und da sah ich an der Straßenecke, wo man in den Park geht, ein Automobil stehen. Na, das wäre mir ja nicht aufgefallen, weil es genug Automobile in der Gegend zu sehen gibt. Aber dieses Automobil war ein ganz geschlossenes, und da dachte ich: ›Na, wenn ich eine reiche Frau wäre, die ein Auto hat, dann würde ich an einem solch schönen Sommertag nicht im geschlossenen Wagen fahren!‹«

»Auch Bobbie hat ein geschlossenes Auto gesehen,« meinte Herr Holgerman nachdenklich »Und wissen Sie, wie das Auto aussah, welche Farbe es hatte?«

Lizzy nickte. »Groß war es, das ist sicher, aber es kann ebensogut dunkelblau wie schwarz gewesen sein. Genau kann ich das vor Gericht nicht beschwören.«

Damit war das Verhör beendigt. Bob hatte aufmerksam zugehört und kein Wort verloren. »Ganz wie in den Detektivromanen, die mir Fred geborgt hat,« dachte er und blickte voll Bewunderung auf seinen Vater. Dieser ging aber, sorgenvoll den Kopf schüttelnd, mit seinem Jungen wieder hinüber zu den Frauen.

Frau Sehring lag weinend auf dem Ruhebett, Frau Holgerman saß neben ihr, ebenfalls verzagt und nur mühsam künstlich und gegen die innere Überzeugung zurechtgelegte Trostworte spendend.

Ernst begann Herr Holgerman: »Frau Sehring, Sie sollten sich nicht so Ihrem Schmerz hingeben! Sie und wir alle brauchen jetzt unsere Nerven, denn es versteht sich wohl ganz von selbst, daß ich und meine Frau, auch Bob, Ihnen zur Seite stehen werden, was immer auch geschehen sein mag.«

Bei dem Wort »geschehen« fuhr die weinende Frau zusammen.

»Nun, nun, Sie brauchen nicht das Schlimmste zu denken. Ich glaube nicht, daß Gertie ein ernstlicher Unfall widerfahren ist. Vielleicht hat sie sich Bekannten angeschlossen, die sie zu Tisch geladen haben. Das ist sogar sehr wahrscheinlich; ich stelle mir das so vor, daß Gertie von dem betreffenden Hause uns anrufen wollte und keine Verbindung bekam.«

Wehmütig' schüttelte Frau Sehring den Kopf. »Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie mir Trost zusprechen und sich so bemühen! Aber glauben Sie mir, Gertie ist nicht freiwillig verschwunden! Ich kenne mein Kind; ich weiß, wie besorgt und gut sie immer zu mir ist, sie würde mit niemandem mitgegangen sein, ohne mich vorher zu fragen.«

Bob konnte nicht umhin, beipflichtend zu nicken. Seine Gertie, die nur an ihrer Mutter und an ihm hing, sollte einfach fortgegangen sein, ohne ihn, auf den sie doch hatte warten wollen, zu verständigen? Ausgeschlossen! Plötzlich kam ihm aber ein Einfall.

»Vielleicht ist Gertie doch im Park! Vielleicht ist sie, weil sie nicht warten wollte, dorthin gegangen; es wurde ihr übel, und sie versteckte sich, um sich zu erholen, hinter einem Gebüsch, ist dort ohnmächtig geworden oder eingeschlafen. Ich laufe in den Park und suche sie.«

Herr Holgerman war einverstanden. »Tue das, mein Junge, nimm den Parkwächter zur Hilfe, gib ihm Geld und versprich ihm noch mehr, wenn Gertie gefunden wird. Und dann verständigst du mich jedenfalls in der Fabrik telephonisch. Ist sie nicht gefunden worden und nicht von selbst zurückgekommen, so werde ich den Polizeipräsidenten, den ich seit Jahren gut kenne, aufsuchen und bitten, die Nachforschungen mit aller Energie zu betreiben.«

Herr Holgerman fuhr nach der Fabrik, Frau Holgerman blieb bei der verzweifelten Mutter und Bob stürmte in den Park.

Zuerst suchte er planmäßig alle hinter den Wegen gelegenen Gebüsche und Wiesen ab – einmal und noch einmal. Vergebens! Nun begab er sich nach dem Spielplatz, der wieder von jungem Volk belebt war, und fragte ein paar kleine Mädchen, Schulkameradinnen Gerties, ob sie Gertie Sehring gesehen hätten. Natürlich war dies nicht der Fall gewesen. Also los zum Invaliden!

»Lieber Herr, kommen Sie ein wenig abseits, ich habe mit Ihnen Wichtiges zu sprechen.«

»Mit mir hat der kleine Knirps Wichtiges zu sprechen, ha, ha, ha!« gröhlte der alte Mann, blickte aber dabei nicht ohne Wohlwollen auf den Jungen hinab, der ihm heute bleicher vorkam als je zuvor. Und dann stelzte er mit dem Knaben abseits nach einem stillen Seitenweg.

»Nun leg' mal los! Ball in ein Blumenbeet geworfen, was?«

»Ach, wenn es das nur wäre, lieber Herr Wächter, dann würde ich Sie gar nicht bemühen. Nein, es ist etwas sehr Arges. Nicht wahr, Sie kennen das blonde Mädchen, mit dem ich jeden Tag fast und auch heute hier gespielt habe?«

»Werd' ich wohl,« schmunzelte der Mann in der fadenscheinigen Uniform. »Ist doch das schönste kleine Ding, das es hier im Park zu sehen gibt!«

»Nun, das ist meine Freundin, Gertie Sehring, und sie ist spurlos verschwunden.«

Und in fliegender Hast, während ihm dicke Tränen über die Backen liefen, erzählte Bob, was sich ereignet hatte.

Der Invalide starrte dösig drein. »Verdammt, das ist eine saudumme Geschichte! Das blonde Ding schaut mir nicht wie eine Durchbrennerin aus, ist ja sanft und lieb wie ein Täubchen! Himmel und Teufel, wenn jemand dem Kind etwas Böses getan hat, so will ich ihm mit meinem Stelzbein die Gedärme eintreten!«

Bob drückte ihm nun einen größeren Schein in die Hand. »Das gleich für Ihre Mühe, und doppelt soviel, wenn wir Gertie finden. Vielleicht liegt sie irgendwo im Gras. Ich habe ja schon allein gesucht, aber möglicherweise nicht gründlich genug, und dann bin ich auch, müssen Sie wissen, vor Kummer und Aufregungen ein wenig verwirrt.«

»So! Kummer und Aufregung? Verdammt, kann ich mir denken! Hätte auch ohne Geld gesucht, aber zurückgeben kann ich es nicht. Wär' eine Gemeinheit gegen meine Alte, die Geld brauchen kann wie eine Spinne die Fliegen.«

Und sie suchten. Suchten die Wiesen ab, stiegen ins Gras, hinter jede Hecke, öffneten die Türe zu dem geheimnisvollen grauen Bretterhäuschen, in dem die Gärtner ihre Geräte verwahren. Nichts, keine Spur von dem kleinen Mädchen mit den großen, blauen Augen und den blonden Locken.

Noch ein Versuch. Im Park gab es einen Teich, in dem schöne Goldfische und ein einsamer, angeblich uralter Schwan ihr Leben fristeten. Vielleicht, daß in diesem Teiche – – aber nein, gerade heute war das Wasser hell und durchsichtig, so daß man bis auf den Grund sehen konnte. Nein, Gertie war nicht in den Teich gefallen.

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