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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V. Kapitel

Gertie ist verschwunden

Bob rannte im Park die schattige Allee entlang, ohne das Mädchen zu finden. Er eilte nach dem Spielplatze, der nun fast ganz verödet dalag. Von Gertie war nichts zu sehen. Auf und ab rannte der Knabe, und ein seltsam banges Gefühl, beschlich ihn; er fühlte, wie sein Herz ungewohnt stark zu klopfen begann. Zuerst leise, dann halblaut, schließlich mit ganzer Lungenkraft schrie er den Namen Gerties, aber niemand meldete sich. Nun erblickte er den alten, invaliden Parkwächter.

»Lieber, guter Herr, haben Sie das kleine Mädchen gesehen, mit dem ich vorhin gespielt habe?«

Der alte Mann gab Bob einen Nasenstüber.

»Bist ja selbst mit ihr fortgelaufen, habe euch noch nachgeblickt.«

»Ja, aber ist sie nicht allein wieder zurückgekommen?«

Der Wächter verneinte und bot Bob eine Prise aus einer schwarzen Horndose an, die aber Bob zurückwies. Aufgeregt begann der Junge wieder umherzulaufen und nach Gertie zu schreien. Schließlich blieb er stehen, wischte sich die Schweißtropfen aus der Stirn und überlegte:

»Ein dummer Junge bin ich! Natürlich, Gertie ist zurück in den Park gegangen und der Wächter hat sie eben nicht gesehen. Alte Männer werden oft vergeßlich und zerstreut. Gertie hat eine Weile gewartet und ist dann nach Hause gegangen, während ich hierhereilte. Aber da hätte ich ihr doch unterwegs begegnen müssen. Nein, sie wird in unser Haus gegangen sein. Ja, so ist es, und nun ist Gertie bei uns und gleich wird Papa zum Essen kommen.«

Eduard öffnete dem jungen Herrn, der ihn fast anschrie:

»Ist Gertie hier gewesen?«

»Nein.«

»Haben Sie immer selbst die Türe geöffnet, wenn es klingelte?«

Der Diener bejahte, und Bob stürmte, ohne etwas zu sagen, über die Straße hinüber. Fast stürmisch zog er bei Frau Sehring die Türklingel und fragte mit gepreßter Stimme die alte Dame, ob Gertie nun zurückgekommen sei.

Frau Sehring erblaßte und fuhr sich nervös über die vorgebundene Schürze.

»Nein, aber was soll denn das bedeuten? Wo kann Gertie nur stecken?«

Bob zitterte am ganzen Körper, sah aus weit aufgerissenen Augen vor sich hin und murmelte: »Ja, wo mag Gertie nur sein?«

Frau Sehring begann zu weinen, sie taumelte und mußte sich an die Wand lehnen.

Bob, dem ebenfalls das Weinen nahe war, tröstete: »Nun, Frau Sehring, ein kleines Mädchen ist keine Stecknadel, die verloren geht und nicht gefunden werden kann. Sie wird schon gleich kommen, Frau Sehring, regen Sie sich nur nicht auf, es könnte Ihnen schaden, und Gertie wäre sehr betrübt, wenn sie es wüßte. Ich laufe eben mal rasch zu uns hinüber, Papa wird schon zu Hause sein und Rat wissen.«

In Wirklichkeit war es Bob aber gar nicht wohl zumute und bange Ahnungen bedrückten sein kleines Herz gar schwer. Herr Holgerman saß schon bei Tisch, und der schlanke, große Mann mit dem ernsten hageren Gesicht runzelte unwillig die hohe, stark gewölbte Stirne, als Bob verspätet ins Eßzimmer trat. Auch Frau Holgerman war ein wenig ärgerlich und sagte strenge:

»Bob, ich habe dir ausdrücklich gesagt, du sollst nicht zu spät kommen! Und wo ist Gertie, ich habe für sie decken lassen?«

Bob war aber so blaß, daß es seiner Mutter auffiel, während sie noch die tadelnden Worte sprach.

»Ihr dürft nicht böse sein,« sagte der Knabe mit ein wenig zitternder Stimme, »ich wäre sicher pünktlich gewesen, aber es hat sich etwas Unangenehmes zugetragen. Gertie ist spurlos verschwunden.« Und er erzählte, wie Gertie ihn vorhin vor das Haus begleitet hatte, um unten zu warten, während er telephonierte, und wie er sie dann überall, hier und bei ihrer Mutter und im Park vergeblich gesucht habe, und wie nun Frau Sehring ganz verzweifelt sei und zu Hause weine.

Frau Holgerman sprang entsetzt auf: »Um Himmels willen, wie ist das nur möglich? Es wird ihr doch nichts zugestoßen sein! Die arme Frau Sehring! Ich will gleich einmal zu ihr hinüber.«

Auch Herrn Holgermans Gesicht war sehr ernst geworden, aber er legte beschwichtigend seine Hand auf den Arm der Gattin.

»Beruhige dich, Alma, es wird nicht so schlimm sein. Sie wird sich irgendwo verlaufen und nicht so rasch nach Hause gefunden haben. Jedenfalls wollen wir zuerst in Ruhe ein paar Bissen essen und dann weiter sehen.«

Der Rat war sicher gut gemeint, aber nicht leicht zu befolgen. Bob konnte trotz aller Anstrengungen keinen Bissen hinunterwürgen, und auch seine Mutter war nervös und ungeduldig und ließ so rasch als möglich wieder abräumen. Herr Holgerman zündete sich eine Zigarre an, lehnte sich in den breiten Armstuhl zurück und begann:

»Nun, Kinder, wollen wir ruhig überlegen. Du, Bob und Gertie, ihr seid nach elf Uhr in den Park gegangen und dort so lange geblieben, bis du nach Hause gingst, um zu telephonieren. Mit wem hattest du übrigens so wichtig zu sprechen, daß du eigens deshalb das Spiel unterbrachst?«

»Das ist ja das Dumme, Papa,« rief Bob, »ich bin einfach zum Narren gehalten worden. Irgendein dummer Junge aus unserer Klasse hat unter dem Namen des Professor Brummel bei uns angeklingelt, angeblich, um mich zu sprechen. Eduard hat mich im Park aufgesucht, und nun ging ich mit Gertie sofort nach Hause, um den Professor anzurufen. Er wußte aber von nichts.«

Herr Holgerman legte die Zigarre beiseite und sah nachdenklich vor sich hin.

»Die Geschichte gefällt mir nicht,« murmelte er. »Wer war am Apparat, als der Professor Brummel angeblich mit dir sprechen wollte?«

»Lizzy,« erwiderte Frau Holgerman.

»Gut, ich werde sie später fragen. Aber nun fahre fort! Wie lange hast du dich am Telephon aufgehalten, Bobbie?«

»Ich bekam sofort die Verbindung, also sicher nicht mehr wie drei Minuten. Dann sprach ich noch mit Mama, vielleicht auch drei Minuten lang, und dann ging ich hinunter und Gertie war nicht mehr da.«

»Du weißt also nicht, wie lange und ob überhaupt Gertie unten vor dem Hause auf dich gewartet hat?«

»Nein, Papa, aber –« Bob fuhr erregt in die Höhe, »jetzt erinnere ich mich, daß, während ich telephonierte, unten langsam ein Auto vorbeifuhr – sehr langsam sogar – das fiel mir auf. Und außerdem hörte ich einen Aufschrei. Aber ich achtete nicht weiter darauf, weil sich in dem Augenblick Professor Brummel meldete. Und noch etwas fällt mir ein, Papa! Als ich mit Gertie von drüben nach dem Spielplatz ging, schritten wir zuerst die Alleen entlang, neben dem Gitter und der Straße, und da fuhr draußen ein großes Automobil ganz langsam in derselben Richtung.«

Herr Holgerman, an dessen Lippen nun seine Frau und Bob ängstlich gespannt hingen, bedeckte die Augen mit der Hand, wie er es immer zu tun pflegte wenn er angestrengt nachdachte.

»Das alles kann etwas zu bedeuten haben, kann aber auch bloßer Unsinn sein, der mit der Sache nichts zu tun hat.«

Plötzlich schlug Herr Holgerman mit der flachen Hand schwer auf den Tisch.

»Nun fällt mir aber ein, daß schon vor einiger Zeit, etwa vor drei Monaten und dann noch weiter zurück, kurz nach oder vor Neujahr, Kinder, ich glaube, es waren beide Male kleine Mädchen, aus öffentlichen Gärten verschwunden sind. Aber wahrscheinlich wurden sie wiedergefunden, denn man hat nichts mehr darüber gehört. Nun wollen wir aber hinüber zu Frau Sehring, wo wir die kleine Ausreißerin wahrscheinlich munter und lustig antreffen werden.«

Dem war aber nicht so. Händeringend und schluchzend machte ihnen Frau Sehring die Türe auf, und als Familie Holgerman ohne Gertie vor ihr stand, drohte die arme Frau vor Aufregung ohnmächtig zu werden, sie bekam einen hysterischen Weinkrampf und wimmerte unablässig.

»Mein Kind, mein Kind, was hat man meinem Kind getan!«

Da war es denn auch mit Bobbies Selbstbeherrschung aus. Er begann ebenfalls bitterlich zu weinen, trat an Frau Sehring, die von dem Ehepaar zu einem Diwan geleitet worden war, heran und sagte schluchzend:

»Ich werde Gertie schon finden, Frau Sehring, ganz sicher, ich werde sie finden.«

Herr Holgerman, der derartige Szenen nicht vertragen konnte, überließ Gerties Mutter, die ohnmächtig zu werden drohte, seiner Frau, nahm Bob bei der Hand, sagte kurz: »Komm'!« und ging mit ihm in seine Villa hinüber. Dort ließ er die ganze Dienerschaft, den alten Diener Eduard, Lizzy, das Stubenmädchen, und Kathi, die Köchin, zusammenkommen und stellte eine Art Verhör mit ihnen an. Die Leute, die schon erfahren hatten, was geschehen war, standen redelustig und aussagebereit da.

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