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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXVI. Kapitel

Doktor Mortons Ende und ein junges Brautpaar

Sechs Wochen später kehrten sie alle nach der Hauptstadt zurück. Frau Sehring gekräftigt und erholt, Bob braun wie ein Matrose, Gertie blühend und schöner noch als sie gewesen. Frau Krikl als zärtliche, glückliche »Tante«. Nicht nur der nahende Schulbeginn hatte aber die Heimreise notwendig gemacht, sondern eine andere, ernste und wenig erfreuliche Angelegenheit. Die Schwurgerichtsverhandlung gegen Doktor Morton wegen mehrfachen Meuchelmordes, gegen Sam wegen Beihilfe und gegen Sara wegen entfernter Beihilfe war anberaumt und die Zeugenaussage Bobs unbedingt notwendig, während man auf die der kleinen Gertie verzichtet hatte.

Doktor Morton, der im Untersuchungsgefängnis schrecklich verfallen und nun tatsächlich auch äußerlich ein achtzigjähriger Greis geworden war, verweigerte jede Antwort und verwies nur auf sein Geständnis in der Nacht nach seiner Verhaftung. Sam und Sara erklärten heulend und weinend, daß sie den Befehlen ihres Herrn gehorcht hatten. Als Hauptzeuge trat aber Bob auf, der mit der Haltung eines kleinen Weltmannes seine Geschichte erzählte, immer wieder vom Beifall der Zuhörer unterbrochen.

Das Urteil lautete auf Todesstrafe für Doktor Morton und den Mulatten Sam, auf lebenslängliches Zuchthaus für Sara. Und der unselige Mann, der seine Gelehrsamkeit in tierischer Selbstsucht statt zum Heile der Menschheit zu seinem eigenen Wohl und zum Verderben unschuldiger Kinder angewandt hatte, starb mit seinem willenlosen Sklaven einige Tage später durch Henkershand.

An diesem Tage rief das Ehepaar Holgerman feierlich und ernst die beiden Kinder zu sich, und nach einigem Räuspern ließ der Fabrikbesitzer folgende Rede vom Stapel:

»Kinder, so ungern ich es tue, ich muß euch jetzt voneinander trennen. Bobs Bleiben in dieser Stadt ist vorläufig nicht mehr möglich. Du kannst als zweibeinige Weltberühmtheit nicht hier aufwachsen, ohne Schaden an deiner Seele zu nehmen. Auch in der Schule wäre auf die Dauer deine Stellung den Mitschülern und Professoren gegenüber nicht haltbar. Und noch aus anderen Gründen, die ich dir heute noch nicht erklären kann, ist es gut, wenn du von hier fortkommst. Bob, mein lieber, kluger, tapferer Junge, du weißt, wie ungern ich mich von dir trenne, aber es muß zu deinem eigenen Besten so sein. Ich habe alles vorbereitet: du fährst morgen nach der Schweiz in ein Pensionat in Lausanne, wo du deine Schulpflicht beenden wirst. In den Ferien wirst du immer bei uns und bei deiner kleinen Freundin sein, die uns nun ein zweites Kind geworden ist, das wir gemeinsam mit ihrer Mutter hegen und pflegen und lieben wollen. Und in fünf Jahren, wenn du mit der Schule fertig bist, trittst du zu mir in die Fabrik ein, und dann noch zwei, drei Jahre, und du bist ein Mann, und ich werde dann der letzte sein, der es verhindern wird, wenn du Gertie zu deiner kleinen Frau und zu unserem Töchterchen machen willst. Denn wenn je das schöne Wort am Platze war: ›Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden‹, so hier!«

Eng aneinandergeschmiegt wie ein Brautpaar standen die Kinder da und lächelten selig unter Tränen.

 

Ende.

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