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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXV. Kapitel

Der Held des Tages

Der Tag, der für Bob anbrach, war für ihn ein großer, einer jener Tage, dessen Erinnerung ihn nie mehr im Leben verlassen konnte.

Um sechs Uhr morgens schon war Gertie in Bobs Bett erwacht, hatte sich aufgesetzt, schlaftrunken und verwirrt die Äuglein gerieben und nicht gewußt, wo sie sich befand. Als sie den großen Hund neben dem Bett erblickte, wollte sie arg erschrecken, aber Troll verstand es wunderbar, sie zu beruhigen, indem er den Kopf auf ihre Knie legte und sie treuherzig ansah, worauf Gertie, die gerade hatte weinen wollen, es vorzog, ihn zu kraulen, und langsam zu erkennen begann, daß sie nicht mehr dort sei, wo sie gestern gewesen war.

Troll hielt nun aber den Zeitpunkt für gekommen, das Haus von dem Erwachen des kleinen Mädchens, das mit den langen blonden Locken, die über Bobs Nachthemd fielen, süß und lieb wie ein Engel aussah, zu verständigen, und er tat dies, indem er mit der Pfote die Tür öffnete und kurz aber entschieden in den Korridor hinausbellte, was zur Folge hatte, daß sich sehr rasch das Zimmer mit Menschen füllte. Zuerst kam Bob, der schon seit einer Stunde auf dieses Erwachen wartete, und nun jubelnd und jauchzend seine kleine Freundin umarmte und küßte. Worauf Gertie seinen Hals umschlang, ihn groß ansah und mit ihrem glockenhellen Stimmchen sagte: »Bobbie, wie komme ich hieher? Dies ist doch dein Zimmer und dein Bett! Wo ist meine Mami? Bob, ich habe sehr Häßliches geträumt und glaube, daß ich im Schlafe viel geweint habe.«

Aber nun kamen auch Herr und Frau Holgerman und hinter ihnen ein freundlicher dicker Herr mit einer goldenen Brille. Es war dies der Hausarzt der Familie Holgerman, der nun alle hinausschickte, Gertie gründlich untersuchte und dann, als die anderen wieder im Zimmer waren, sagte:

»Das Kind ist wohlauf und soweit gesund, nur durch einen äußerst großen Blutverlust, der auf die Schnitte in den Pulsadern zurückzuführen ist, furchtbar geschwächt. Sie muß nun viel essen, viel ruhen und womöglich hinaus aus der heißen Stadt an die See. Dann wird sich die Kleine in ein paar Wochen wieder ganz erholen.«

Worauf Herr und Frau Holgerman einander ansahen und lächelnd einen Blick des Einverständnisses tauschten.

Was nun aber eigentlich mit Gertie geschehen war, wußte noch niemand von den Anwesenden, doch sollten sie es bald erfahren, denn kaum hatte Gertie ihr Frühstück, bestehend aus Milch und weichen Eiern, mit Appetit verzehrt, als auch schon Herr Crispin mit einem Schreiber und einem höheren Beamten der Staatsanwaltschaft erschien, um die Kleine, falls der Arzt es erlauben würde, zu vernehmen. Der Arzt hatte nichts einzuwenden, und so setzten sich denn die Beamten, nachdem Herr Crispin unten im Wohnzimmer kurz von dem Geständnis des Doktor Morton berichtet hatte, zum Bette Gerties, das Bob und seine Eltern maßlos erschüttert umstanden. Herr Crispin streichelte die Hand und die Locken der ein wenig scheuen Gertie und fing sehr geschickt auf folgende Weise an:

»Liebes kleines Mädchen, wir müssen von dir erfahren, was dir die bösen Menschen, aus deren Händen dich dein Freund Bob befreit hat, getan haben. Du wirst dich sicher daran erinnern, daß du vor mehr als zwei Wochen gewaltsam fortgeschleppt wurdest. Denke nun gut nach und erzähle uns, wie das gekommen ist und was nachher alles geschah.«

Während Totenstille im Zimmer herrschte, sah Gertie bewegungslos vor sich hin, wandte das Köpfchen Bob zu und sagte: »Bobbie soll sich zu mir setzen.«

Bob setzte sich an den Rand des Bettes, sie nahm seine Hand, drückte sie heftig, dachte einige Minuten nach und begann dann: »Nunmehr erinnere ich mich – – ja, ich sollte vor langer, langer Zeit vor dem Hause auf Bob warten, der zum Telephon gegangen war. Plötzlich kam ein schönes Automobil, das wir schon vorher gesehen hatten, angefahren, das von einem häßlichen, braunen, großen Mann gelenkt wurde. Auch ihm waren wir vorher begegnet. Die Wagentür ging auf, ein alter Herr beugte sich heraus, winkte mir zu, fragte mich etwas, was ich nicht mehr weiß, und als ich antworten wollte, packte er mich am Hals und riß mich in den Wagen hinein. Während der Fahrt hielt er einen Arm um mich, so daß ich mich nicht bewegen konnte, und mit der anderen Hand drückte er mir ein Tuch fest vor den Mund, so daß ich auch nicht schreien konnte. Mir wurde schlecht und ganz dunkel vor den Augen, und als ich erwachte, war ich in einem Zimmer, in dem elektrisches Licht brannte. Kaum hatte ich die Augen geöffnet, als ich furchtbar zu schreien begann, worauf eine häßliche schwarze Person hereinkam und mit einer Puppe vor mir hin und her tanzte, um mich lachen zu machen. Ich schrie aber noch mehr, bis der alte Herr aus dem Auto kam und mich fest und starr ansah, so daß ich zu schreien aufhören mußte. Dann weiß ich eigentlich gar nichts mehr. Immer war mir, als wenn ich schlafen müßte, alles schien ganz dunkel zu sein, und ich weiß nur, daß mir der alte Herr oft sehr wehe getan hat, während mich die schwarze Person festhielt, und daß ich dann nachher immer so furchtbar müde war und glaubte, sterben zu müssen. Und immer war ich allein, und saß dann in der Ecke in einem großen Stuhl, wollte laut schreien, konnte es aber nicht, und weinte ganz leise, daß meine Augen brannten. Und dann war es mir einmal, als ob ein weißes Mäuschen in mein Zimmer hineinhuschte, so daß ich furchtbar erschrak und ganz wach davon wurde. Wie ich aber hinsah, bemerkte ich, daß es keine Maus war, sondern ein weißes Blatt Papier, das ganz von selbst von der Tür her in das Zimmer kroch. Und weil ich mich in diesem Augenblicke wach fühlte, stand ich auf und ging zu dem Papier hin, hob es auf, und da las ich mühsam die Worte: ›Ist hier jemand?‹

Und da tanzte alles um mich her und ich wäre fast umgefallen, aber ich nahm mich sehr zusammen, weil ich wußte, daß ich rasch antworten müßte. Ich hatte aber keine Tinte und keine Bleifeder, und so nahm ich denn eine Tafel Schokolade, die man mir auf den Tisch gelegt hatte, machte sie mit der Zunge feucht und schrieb hin, daß ich, Gertie Sehring, da wäre und sterben müßte. Und dann schob ich den Zettel wieder unter die Türe, kroch in meinen Stuhl und wartete, lange, lange. Was dann weiter geschah und wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht.«

Gertie war mit ihrer Erzählung zu Ende, aber auch mit ihrer Kraft. Bleich lehnte sie sich in die Kissen zurück, und als sie sah, wie alle ringsum, sogar die ernsten Männer, die sie nicht kannte, weinten oder doch Tränen in den Augen hatten, da begann auch sie jämmerlich zu weinen und nach ihrer Mutter zu schreien, bis Bob sich über sie beugte und sie streichelte. Da fielen ihr die Augen zu und sie schlief sanft ein.

Herr Crispin und die anderen Herren empfahlen sich, und nun galt es, Gerties Mutter vorzubereiten. Diese Aufgabe übernahmen Frau Holgerman und Bob gemeinsam. Sie fanden Frau Sehring im Lehnstuhl und bei etwas besserem Befinden; sie erhob sich sogar, um den beiden entgegenzugehen, wobei sie Bob erwartungsvoll ansah. Frau Holgerman schlug den Arm um die schmalen Schultern der Frau und sagte freundlich lächelnd:

»Frau Sehring, heute bringen wir bessere Botschaft als sonst. Wir wissen schon, daß Gertie am Leben und gesund ist und bald bei Ihnen weilen wird.«

Frau Sehring schrie gellend auf. »Gertie! Wo ist mein Kind! Ich will hin zu ihr!«

Die Wärterin kam hinzu. Frau Sehring wurde mit sanfter Gewalt genötigt, sich zu setzen, und wußte nach wenigen Minuten, daß ihr Kind aus den Händen eines wüsten Unholds gerettet sei und eben drüben sanft schlummere. Freude kann töten – Freude kann auch beleben. Frau Sehring war nicht zu halten. Alle Hinfälligkeit war von ihr geschwunden, rasch wechselte sie den Schlafrock mit einem Straßenkleid und lief mit Frau Holgerman und Bob hinüber, um beim Erwachen ihres Kindes zugegen zu sein. Sie wurde allein am Bette Gerties gelassen, allein konnte sie das Wiedersehen mit dem verloren geglaubten und wiedergefundenen Kinde feiern – – –

Bobbies aber harrten neue Aufregungen. Plötzlich begannen Automobile, eines nach dem andern, heranzurasen, und ihnen entstiegen Reporter der verschiedenen Zeitungen. Zehnmal hintereinander mußte Bob seine Geschichte erzählen, ja man zwang ihn sogar, nochmals das Schornsteinfegergewand anzuziehen, um sich so photographieren und zeichnen zu lassen, und alle die gewichtigen Zeitungsmänner behandelten ihn geradezu mit Ehrfurcht. Die ersten Mittagsblätter veröffentlichten denn auch schon seitenlange Berichte, und die Mittagsausgabe der »Tribüne« verstieg sich sogar zu der Behauptung:

»Zweifellos ist Bob Holgerman, der dreizehnjährige Amateurdetektiv, heute die interessanteste Persönlichkeit des Reiches.«

Mittags fühlte sich Gertie so wohl, daß sie mit ihrer Mutter bei Holgermans speisen konnte, und zwar nicht im Bette, sondern bei Tisch. Auch der Hausarzt war anwesend und erhob sich gerade, um eine Tischrede über die wunderbaren Erlebnisse Gerties und Bobs zu halten, als Unerwartetes geschah. In der ganzen Stadt war die Geschichte des Doktor Morton das einzige Tagesgespräch, und da hatte irgendwer irgendwo das Losungswort ausgegeben, zum Hause des Herrn Holgerman zu ziehen, um den tapferen kleinen Jungen zu feiern. Unterwegs schwoll die kleine Menschenmenge lawinenartig an, und plötzlich war es eine ungeheure Masse aufgeregter Leute, die die Straßen füllte und nun zum Hause des Fabrikbesitzers Holgerman drängte. Und gerade in dem Augenblicke, als der Arzt mit den Worten: »Bob und Gertie, sie mögen lange leben«, sein Glas zum Munde führte, brauste durch die offenen Fenster der tausendstimmige Ruf: »Hoch Bob Holgerman, hoch, hoch, hoch!«

Und die ganze Menge begann zu toben und zu rasen und nach Bob zu schreien, und einzelne junge Leute machten sich daran, durch die Fenster des Erdgeschosses einzusteigen, so daß Herr Holgerman, sich die Haare raufend, Bob bat, auf den Balkon hinauszutreten. Und da Gertie ein neugieriges und ein ganz klein wenig eitles Weibchen war und Troll prinzipiell seinem jungen Herrn wie ein Schatten folgte, so geschah es, daß alle drei auf dem Balkon erschienen, umbraust von den Hochrufen und dem Jubelgeschrei der Menschenmenge.

Als sich schließlich die Massen verlaufen hatten, erklärte aber Herr Holgerman aufs bestimmteste: »Kinder, die Stadt beginnt nun auch mir zu heiß zu werden. Morgen mit dem ersten Zug fahren wir alle, Frau Sehring und Gertie natürlich mit uns, nach der See.«

»Und Troll?« wandte Bob fragend ein.

»Troll kommt mit,« lautete die lachende Antwort.

»Und Frau Krikl und Herr Matthias und Herr Möller?« fragte Bob kühn und beharrlich.

»Hm,« meinte Herr Holgerman, der inzwischen alle Geheimnisse seines Sohnes kennen gelernt hatte, belustigt, »wenn sie wollen, können sie auch mitkommen. Platz ist genug in der Villa, die ich dort unten gemietet habe.«

Herr Matthias aber und sein Neffe, der Schornsteinfegermeister, erklärten während des Nachmittagsbesuches, den sie abstatteten, keine Zeit für solche Unternehmungen zu haben. Und so war es nur die überglückliche Tante Sibylle Krikl, die mit nach der See fuhr.

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