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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 24
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXIII. Kapitel

Gelöste Rätsel

Acht Uhr war längst vorbei, und im Hause des Fabrikbesitzers saßen Herr Holgerman und seine Gattin einander schweigend gegenüber, ohne an die Speisen, die auf dem Tische standen, zu rühren. Frau Holgerman sah besorgt auf ihren Teller nieder, Herr Holgerman hatte die Stirn gerunzelt und um seinen Mund zuckte es. Ungestüm schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

»Morgen muß der Junge vorausfahren! Fängt nun gar noch an, sich bis in die Nacht herumzutreiben! Sieht aus wie ein Schatten, ißt nicht ordentlich, lungert den ganzen Tag wer weiß wo herum und wird sich und uns noch den größten Ärger bereiten! Wahrhaftig, so geht es nicht weiter!«

Frau Holgerman machte einen schüchternen Einwand. »Du hast ja recht, Artur, aber bedenke, wie unglücklich der arme Junge ist. Die Geschichte mit Gertie geht ihm näher, als man es bei einem Kinde in seinem Alter annehmen sollte. Er verzehrt sich in Schmerz und Unruhe, und ich möchte dich bitten, ihm kein rauhes Wort zu sagen; laß ihm Zeit, zu vergessen.«

Herr Holgerman, schon versöhnlicher gestimmt, wollte erwidern, kam aber nicht dazu. Er horchte auf. Das Rattern eines Automobiles kam näher, aber eines Automobiles, das sich nicht durch die Töne der gewöhnlichen Hupe anmeldete, sondern durch den Sirenenton eines Sanitätswagens. Erregt sahen die Gatten einander an. Der Ton kam näher, nun klang er schon ganz nahe; kein Zweifel, das Automobil hielt vor ihrem Hause. Frau Holgerman schrie auf: »Bob wird gebracht, es ist ihm etwas zugestoßen!«

Herr Holgerman war mit drei Sätzen draußen und stürmte die Stufen zur Haustüre hinunter; er stürzte hinaus, gefolgt von seiner Frau. Aber schon stand Bob vor ihnen, nicht Bob, wie sie ihn noch mittags gesehen, sondern ein kleiner, schmieriger Schornsteinfeger mit Bobs Gesichtszügen. Und rief ihnen zu: »Papa, Mama, nicht böse sein, daß ich so spät komme, aber dafür bring' ich Gertie zu euch! Nicht wahr, das ist recht so, denn wenn sie gleich zu Frau Sehring käme, so könnte diese mit ihrem Herzleiden schweren Schaden davontragen!«

Und während Frau Holgerman weinend und lachend ihren Jungen umarmte und herzte und Herr Holgerman sich an den Kopf griff und nicht wußte, was das alles zu bedeuten habe, kam auch Doktor Wolters, der Gertie in seinen Armen hielt. Nun war rasch die notwendige Verständigung erzielt, und wenige Minuten später ruhte Gertie in Bobs Bett, wo sie nach einem Schlafpulver sofort fest einschlief, bewacht von Troll, der sich merkwürdigerweise weigerte, seinen gewohnten Platz vor der Tür einzunehmen, sondern darauf bestand, im Zimmer zu bleiben und sich neben dem Bett auszustrecken.

Während dies alles geschah, war auch der andere Teil der polizeilichen Maßnahmen programmgemäß verlaufen.

Der Kriminalbeamte Perkins hatte das große blaue Automobil des Doktor Morton wenige Schritte vom Lunaklub entfernt vor einem Wirtshaus angetroffen, in dem der Chauffeur, der Mulatte Sam, gemächlich seinen Schoppen trank. Nach kurzer Verständigung betrat Perkins unauffällig mit dreien seiner Leute die Schankstube, und einen Augenblick später hatten sie sich des Mulatten bemächtigt. Perkins war auf ihn zugetreten, hielt ihm den Haftbefehl vor, rief: »Im Namen des Gesetzes erkläre ich Sie für meinen Gefangenen«, und im selben Augenblick hatten zwei Männer die Hände des Mulatten im Gelenk umgedreht, worauf ein dritter die stählernen Armbänder anlegte. Wohl hatte der riesige Kerl dann mit den Füßen, wie toll um sich geschlagen, aber das nützte ihm nichts. Mit den Kolben ihrer Revolver schlugen ihm die Beamten auf die Knie, daß ihm Hören und Sehen verging, und schleppten ihn dann zu einem der bereitstehenden Wagen, um ihn nun, auch an den Beinen gefesselt, nach dem Polizeipräsidium zu bringen.

Dann kam der schwierigere Teil der Aufgabe, der mit weniger Derbheit ausgeführt werden mußte. Perkins wies dem erstaunten Türhüter des Lunaklubs seine Legitimation vor und befahl ihm, ihm und seinen zwei Beamten vorauszugehen und ihnen unauffällig Doktor Morton zu zeigen. Doktor Morton saß am Spieltische beim Bakkarat und strich eben ein paar Goldstücke ein, als Perkins auf ihn zutrat und mit leichter Verbeugung sagte:

»Herr Doktor Morton, ich habe einen Haftbefehl gegen Sie wegen Menschenraubes und erkläre Sie für meinen Gefangenen.«

Entsetzt sprangen die anderen Herren von ihren Stühlen empor. Doktor Morton aber, aus dessen Gesicht alle Farbe gewichen war, blieb ruhig sitzen und sagte tonlos: »Gewiß, ich werde Ihnen folgen«, stand auf, griff blitzschnell in die Westentasche und machte eine Bewegung nach dem Munde hin. Aber Perkins hatte mit solch einer Möglichkeit gerechnet. Bevor die Hand den Mund noch erreicht hatte, war sie von Perkins mit eisernem Griff umklammert worden, einer der anderen Beamten packte die andere Hand, die Arme des Doktor Morton wurden nach rückwärts gebogen und hinter seinem Rücken in Handschellen gelegt. Von allen Seiten strömten die Mitglieder des Lunaklubs herbei und hörten, wie ihr angesehener Genosse Doktor Morton, der jetzt das Haupt gebeugt hielt, mit eiserner Ruhe sagte: »Ich habe verspielt und gebe die Partie verloren«, um dann über die Treppe als Häftling das Gebäude zu verlassen und in Begleitung der Polizeibeamten nach dem Polizeihauptgebäude zu fahren.

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