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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/bettauer/bobbie/bobbie.xml
typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXII. Kapitel

Eine Korrespondenz durch die Türspalte

Verwirrt, betäubt, die schmerzenden Augen mit Staub und Ruß gefüllt, blieb Bob stehen und brauchte Minuten, bevor er seine Umgebung sehen konnte. Der Saal war in Weiß gehalten und lag im Halbdunkel. Es befand sich in ihm kein regelrechtes Fenster, sondern nur eine kleine Milchglasscheibe ganz oben, die durch ein Eisengitter geschützt war. Kurz entschlossen drehte Bob den Schalter an der Wand, und nun war der Saal von den in die Decke eingefügten elektrischen Lampen in schneeweißes Licht getaucht.

In der Mitte des Zimmers stand ein großes Streckbett, wie es Bob schon in den Zimmern von Ärzten gesehen hatte, ringsumher an den Wänden aus weißen Kacheln standen Retorten, große Glaskübel, Apparate, untereinander mit Gummischläuchen verbunden, Regale mit Tuben und Instrumente aus Nickel, Medizinschränkchen, kurzum, es sah wie der Operationssaal eines Krankenhauses aus. Alles peinlich sauber, wie ungebraucht. Nur neben dem Streckbett auf dem weißen Linoleum, mit dem der Boden bespannt war, einige rostbraune Spritzer, und mit Schaudern erinnerte er sich, gelesen zu haben, daß Blut solche rostbraune Färbung annehme.

Bob versuchte sich zu orientieren, indem er die Richtung vom ersten Stock zum Dachboden festhielt. Diese Tür mußte wohl zu dem Frühstückszimmer in schottischer Einrichtung führen, das sie zuletzt betreten hatten. Aber an der gegenüberliegenden Wand war wieder eine Tür. Auch sie gepolstert, diesmal aber mit weißem Leder überzogen, auch sie ohne Klinke, sondern nur mit einem schmalen Schlüsselloch. Was und wer mochte sich hinter dieser Tür befinden? Der Boden brannte dem Knaben unter den Füßen. Er durfte nicht länger zögern, mußte wieder zurück durch den Kamin, ohne etwas erreicht zu haben. Wirr zogen die Gedanken durch sein Hirn. Nichts Verdächtiges hatte er gesehen; nichts, was der Polizei eine Handhabe bieten konnte. Aber was war dort in dem Zimmer nebenan? Führte etwa auch dorthin ein Weg durch den Kamin? Bob fühlte, daß er nicht mehr die Kraft aufbringen würde, jetzt zurückzukriechen und dann neuerdings durch einen anderen Schlot abwärts zu steigen. Abgesehen davon: Es bestand die Gefahr, daß die Mulattin Verdacht faßte, Lärm schlug und nach einem Polizisten rief.

Bob versuchte durch das Schlüsselloch zu blicken. Es ging nicht, der Blick drang nicht durch. Er warf sich nun flach auf den Boden und preßte die Augen an die Ritze zwischen Polstertüre und Fußboden. Immerhin – er erhaschte einen Lichtschimmer. Und jetzt war es ihm, als bewegte sich ein Schatten durch dieses Licht. Aber das konnte auch Täuschung sein. Vielleicht, wenn er aus voller Lungenkraft hätte in die Ritze hineinbrüllen können! Vielleicht, daß – vorausgesetzt, daß sich dort ein Wesen befand – dieses ihn hören würde. Aber er durfte ja nicht schreien, durfte kein Aufsehen erregen!

Bob sprang, während ihm die Schläfen hämmerten, auf und sah verzweifelt um sich. Auf einem weißen Tische lag ein Block Papier und in einem Glase standen nebeneinander viele gespitzte Bleistifte. Ein Gedanke kam ihm. Durch diese Ritze mußte sich doch wohl ein Bogen Papier schieben lassen! Er riß ein Blatt vom Block herunter und schrieb auf dieses mit zitternden Fingern: »Ist dort jemand?«

Er warf sich wieder auf den Boden und schob den Bogen langsam, vorsichtig durch die Ritze, so weit, daß er gerade noch den Rand des Papieres diesseits sah.

Keuchend, mit schmerzendem Schädel und wildklopfendem Herzen blieb Bob liegen. Von oben durch den Kamin hörte er Meister Möller rufen:

»Na, wird's, Junge, was machst du denn so lange?«

In diesem Augenblick aber bewegte sich der Rand des Papieres und verschwand! Also lebte jemand in dem Zimmer nebenan, hatte das Papier gesehen und zu sich hereingezogen!

Bob sprang auf, rannte zum Kamin, brüllte hinauf:

»Hab' die Stelle schon; gleich, in drei, vier Minuten bin ich fertig« und wartete, mit geballten Fäusten regungslos dastehend. Wartete eine Minute, zählte bis hundert, bis zweihundert und dreihundert, und zwischen dem Zählen stöhnte er immer wieder: »Lieber Gott, sei gut und hilf uns!«

Und da – da an der Türritze regte es sich, der weiße Bogen kam mit einem winzigen Rande zum Vorschein! Mit dem Fingernagel krallte sich Bob in das Papier und kratzte es in das Zimmer hinein, bis er es aufheben konnte. Und auf der anderen Seite stand mit großen, verschmierten, ungelenken, braunen Buchstaben geschrieben:

»Ich, Gertie Sehring, bin gefangen und muß sterben!«

Da schüttelte ein Krampf den Körper des Knaben, sein Rücken steifte sich vor Grausen und Schmerz, und eine Sekunde war es ihm, als würde er alle Kraft verlieren und niederstürzen. Aber eiserner Wille bäumte sich in ihm auf. Mit einem Sprunge war er beim Kamin, schlang sich das frei baumelnde Ende des Strickes um die Hüften, kroch in das Loch, rief: »Meister, fertig! Bitte anziehen!« und stand wenige Minuten später wieder auf dem Dachboden, um mit einer tonlosen Stimme, die ihm selbst fremd klang, zu sagen:

»Es ist jetzt alles in Ordnung, wir können gehen!«

Kaum waren sie von Sara hinausgelassen worden, als Bob seine Nägel in die Hand des Schornsteinfegers grub, so daß dieser aufschrie.

»Gertie ist im Hause gefangen, ich habe den Beweis dafür. Herr Möller, rasch, wir müssen sie retten, bevor sie stirbt!«

Meister Möller, der nun hinter dem Knaben einherlief, wurde aus dessen Worten zwar nicht klug, aber er glaubte ihm unbedingt. »Also, was ist jetzt zu tun?« keuchte er. »Am besten, wir gehen zurück, bringen die schwarze Canaille um und holen deine Gertie!«

»Nein,« sagte Bob, stehenbleibend, »nein, Herr Möller, so geht es nicht. Bitte, laufen Sie in die Konditorei zu Ihrem Onkel und Frau Krikl und warten Sie alle drei dann ruhig in der Nähe des Hauses Morton, bis ich mit der Polizei komme.« Er reichte dem Schornsteinfeger die Hand und rannte, was ihn die kleinen Beine tragen wollten, der großen Verkehrsstraße zu, bis ihm endlich eine leere Autodroschke entgegenkam. Er rief dem Chauffeur sein »Halt!« zu. Als der aber den kleinen Schornsteinfeger vor sich sah, begann er zu fluchen, schrie: »Halt' deine Urgroßmutter zum Narren!« und wollte davonfahren. Aber mit einem gebieterischen abermaligen »Halt!« sprang Bob zum Wagenschlag, schwang sich über diesen hinweg in das Innere der Droschke und rief:

»Machen Sie keine Scherze mit mir, ich bin Detektiv! Und fahren Sie, so rasch Sie können, zum Polizeipräsidium.«

Auf den Chauffeur wirkten die Worte »Detektiv« und »Polizeipräsidium« geradezu elektrisierend; mit aufgerissenem Munde stierte er den kleinen schwarzen Kerl mit der Leiter und dem Besen an und fuhr mit dem seltsamen Passagier in höchster und vorschriftswidrigster Geschwindigkeit davon, so daß das Ziel in wenigen Minuten erreicht war. Bob war außer Rand und Band, hatte sich in Feuer und Flamme, in Dynamit und Nitroglyzerin verwandelt, schrie dem Chauffeur ein »Hier warten!« zu, brüllte den Polizisten, der ihm in den Weg trat, mit den Worten »Zur Kriminalpolizei muß ich!« so an, daß der Mann entsetzt zur Seite sprang, flog die Stufen hinauf, raste durch die zwei oder drei Zimmer, die ihn von Herrn Crispin trennten, ohne jemandem Rede und Antwort zu stehen, und schon hatte er, ohne zu klopfen, die Türe zum Allgewaltigen aufgerissen und stand keuchend, mit fliegendem Atem, kaum fähig, ein Wort hervorzubringen, vor ihm.

Herr Crispin, der eben in das Studium dickleibiger Akten vertieft gewesen, war ordentlich zusammengefahren und sah mit weit aufgerissenen Augen den kleinen Schornsteinfeger vor sich.

»Wie wagen Sie es, hier unangemeldet hereinzukommen, und was wollen Sie von mir?« herrschte er den Knaben an.

In diesem Augenblick erst entsann sich Bob der Tatsache, daß er noch immer die Kleidung eines Schornsteinfegers trug, was ihn aber nicht sonderlich anfocht. Er sagte sich, jetzt heißt es, klug und vernünftig reden, lehnte den krummen Besen mitsamt der kurzen Leiter an den Schreibtisch des Herrn Crispin und erwiderte so ruhig und wohlgesetzt er konnte:

»Ich bin Bob Holgerman, Herr Crispin, und komme, um Ihnen mitzuteilen, daß ich endlich Gertie Sehring gefunden habe!«

Herr Crispin war fassungslos, was sich eigentlich für einen höheren Beamten der Kriminalpolizei einer Millionenstadt nicht gehört. Wohl erkannte er nun Bob, aber er war fest davon überzeugt, daß es sich wieder um einen Dummenjungenstreich handle, und so sagte er streng:

»Junger Mann, ich habe Ihnen bereits einmal durch Ihren von mir sehr geschätzten Vater mitteilen lassen, Sie möchten der Polizei Ruhe geben und uns mit Ihren Dummheiten nicht belästigen. Zu meinem Bedauern sehe ich, daß Sie diese Dummheiten in Verkleidung fortsetzen wollen und – – –«

So artig aber Bob auch sonst war, diesmal ließ er den Herrn Crispin nicht ausreden. »Herr Crispin,« sagte er, während ein Lächeln über sein geschwärztes Gesicht huschte, »ich muß Sie bitten, mir die Strafpredigt später zu halten, wenn Gertie in Sicherheit ist. Ich habe nämlich von Gertie eben diese Zeilen bekommen.«

Sprach's, zog aus dem Brustlatz den Bogen Papier, der nun schon reichliche Spuren von Ruß aufwies, und hielt ihn dem Polizeichef unter die Nase. Zögernd las dieser, dann blickte er Bob groß an, und nun war er es, der ihn ruhig ausreden ließ.

Hastig, aber in wohlgeordneten Sätzen erzählte Bob von dem Ankauf des Polizeihundes Troll, von der Spur, die der Hund hinter dem Mulatten her aufgenommen hatte, von dem Hause des Doktor Morton, von dem Besuch des Lunaklubs, von dem Komplott mit dem Schornsteinfegermeister Peter Möller und dem Ergebnis des Eindringens in das Haus Nr. 12 der Blumenstraße.

In Herrn Crispin stieg es heiß auf. Einerseits erfaßte er die ungeheure Blamage der Polizei in ihrer ganzen Bedeutung, andererseits überwältigte ihn die Bewunderung vor dem Mut und der Energie des kleinen Jungen, und da er ein wackerer, braver Mann war, so hielt er nicht länger an sich, packte den rußigen Kopf Bobs zwischen beide Hände, beugte sich zu ihm nieder, küßte ihn auf die Stirn, bekam einen schwarzen Mund und sagte: »Bob Holgerman, wenn nicht alles trügt, so haben Sie Wunderbares getan! Und nun wollen wir an die Arbeit gehen!«

Eine Minute später war das Zimmer des Inspektors mit Polizei- und Kriminalbeamten gefüllt. Mit wenigen, aber klaren Worten erörterte Herr Crispin die Sachlage und traf seine Anordnungen.

»Sie, Lorensen, nehmen vier Ihrer zuverlässigsten Leute, ferner einen Polizeischlosser und den Polizeiarzt Doktor Wolters in Automobilen mit sich und lassen sich von dem jungen Mann da nach dem Hause in der Blumenstraße bringen. Sie läuten die Mulattin heraus, überwältigen sie sofort, dringen in das Haus ein und lassen, falls das Weib die Schlüssel nicht herausgibt, durch den Schlosser die betreffenden Türen sprengen. Bestellen Sie vorsichtshalber ein Sanitätsauto nach dem Hause, da das Mädchen vielleicht nur liegend fortgeschafft werden kann.

Sie, Perkins, nehmen sechs Mann mit zum Lunaklub, überwältigen ohne Umstände den Chauffeur Sam, der ja wahrscheinlich vor dem Klubgebäude mit dem Auto des Doktor Morton wartet, und verhaften dann den Doktor Morton. Aber mit aller Vorsicht, wenn ich bitten darf! Der Mann ist gefährlich, er muß überrascht werden, damit er weder Gelegenheit hat, zu entkommen, noch sich selbst zu richten. Und nun nur noch einen Augenblick, bis ich die Haftbefehle unterschrieben habe, und dann los! Jede Sekunde Verzögerung kann verhängnisvoll werden!«

Bevor fünf Minuten um waren, saß Bob mit dem Kriminalbeamten Lorensen und dem Arzt Doktor Wolters in einem Auto, dem Auto, das ihn hergebracht hatte, während hinter ihnen ein zweites, vollbepackt mit vier weiteren Kriminalbeamten und dem Schlosser, und hinter diesem der Krankenwagen fuhr. Zwei andere geschlossene Automobile sausten in entgegengesetzter Richtung zum Lunaklub.

Bob, der Arzt, Lorensen – sie sprachen kein Wort während der kurzen Fahrt. Lorensen war ganz in seine Aufgabe vertieft, der alte Doktor Wolters beobachtete hinter den Brillengläsern den Jungen in der Schornsteinfegertracht und stellte fest, daß auch die Rußschwärze die totenbleiche Farbe des Gesichtes nicht verdecken konnte. Bob selbst aber biß sich die Lippen fast wund und krallte, um seine Erregung zu bemeistern, die Finger in das Leder des Sitzes. Und die Sekunden wurden ihm zu Stunden, und die Minuten zu Ewigkeiten – –

Es war fast sieben Uhr, als sie vor dem Hause des Doktor Morton hielten, und noch erhellte die eben niedergehende Sonne den Himmel. Man brauchte am Gittertor nicht zu läuten; denn Sara stand im Vorgarten, begoß eben die Blumen und hatte die beiden Automobile – der Krankenwagen kam später an – gleich erblickt. Neugierig war sie ganz an das Gitter getreten, an dem nun der kleine Schornsteinfeger mit einer ganzen Anzahl von Männern stand. Verwundert, aber instinktiv eine Gefahr witternd, dachte sie gar nicht daran, das Tor aufzuschließen, sondern fragte knurrend:

»Was wollen Sie denn hier?«

Eine alte, häßliche Dame mischte sich unter die Männer, ein alter Mann in der Uniform eines Invaliden humpelte einher, ein Hund sprang mit riesigen Sätzen an Bob empor und schleckte ihm den Ruß aus dem Gesicht.

Verwirrt, ängstlich, heimtückisch wiederholte die Mulattin die Frage: »Was soll das, was will man hier?«

Lorensen trat dicht an das Gitter.

»Öffnen Sie nur ruhig, wir haben mit Ihnen zu sprechen.«

»Denke nicht daran, zu öffnen,« kreischte Sara, »der Herr Doktor ist nicht hier und ich lasse niemanden herein! Schert euch mit dem verfl – – Burschen da zum –«

Sie kam nicht dazu, ihren frommen Wunsch zu beenden, denn mit katzenartiger Geschwindigkeit hatte Lorensen blitzschnell durch die Gitterstäbe gegriffen und mit beiden Händen die Kehle der Mulattin eisern umklammert, daß sie keinen Laut mehr von sich geben konnte. Sie schlug, während ihr der Schaum vor den Mund trat, mit den bläulichen Fingernägeln in die Hände des Beamten, aber nicht lange, denn schon griffen andere Männerhände durch das Gitter, packten unbarmherzig ihre Arme, rissen sie nieder und preßten sie an die Eisenstäbe, so daß das Weib nur mehr mit den Füßen umherschlagen, aber sich sonst nicht rühren konnte. Und erst als das gelblichbraune Gesicht eine bläuliche Färbung annahm, lockerte Lorensen den Griff so weit, daß die Mulattin Atem schöpfen konnte. Inzwischen hatte aber der Schlosser schon emsige Arbeit getan, und das Tor flog auf, so daß die Männer mit Bob eindringen konnten. Und nun, als Saras Hände in den stählernen Spangen lagen, konnte sie Lorensen loslassen. Sie stieß nach der Befreiung ihrer Kehle ein furchtbares Geheul aus, daß die Leute auf der Straße zusammenliefen und Frau Krikl sich die Ohren zuhielt, während Troll feindselig knurrte und bereit gewesen wäre, die Frau niederzureißen.

Lorensen überlegte einen Augenblick und gab dann zwei Beamten einen Wink.

»Das Weib macht die ganze Straße rebellisch. Mit ihr werden wir ja doch nichts anfangen können, also rasch mit ihr nach der Polizei mit dem Auto. Und wenn sie nicht aufhört zu brüllen, so kriegt sie einen Knebel in den Mund.«

Schon war Sara in das Auto gehoben, das mit ihr und zwei Beamten davonsauste, während Lorensen mit zwei anderen, dem Schlosser und Bob, das Haus betrat, nicht ohne vorher das Gartentor wieder verschlossen zu haben, so daß die Menschenmenge, zwischen ihr Meister Möller, Matthias und Frau Krikl, aufgeregt zurückbleiben mußte.

Nun gingen die Dinge in Eile vor sich. Eins, zwei, drei, hatte der Polizeischlosser das Haustor aufgeschlossen, und alle stürmten hinter Bob her in das Haus hinein, die Treppe hinauf. Schweigend wies Bob auf die Polstertüre. Der Schlosser machte sich wiederum an die Arbeit, die aber nicht leicht war. Mit gewöhnlichen Nachschlüsseln und Krummhaken war dem kunstvollen Yaleschloß nicht beizukommen, es mußte die Kreissäge angelegt werden, mit der die Zunge des Schlosses abgeschnitten wurde. Nun war man in dem Zimmer, das der Knabe durch den Kamin vor kaum einer Stunde betreten hatte.

Mit geballten Fäusten, am ganzen Körper zitternd, wies Bob auf die nächste Türe und sagte mit seltsamer, rauher Stimme:

»Hinter dieser Türe muß Gertie sein!«

Abermals trat die Stahlsäge in Tätigkeit. Alle hatte das Fieber der Spannung ergriffen, Herr Lorensen rief dem Schlosser »Rasch, rasch!« zu, und dieser ließ vor Erregung seine Instrumente fallen, um dann in rasender Eile die Scheibe zu drehen, die das diamantharte Messer in Bewegung setzte. Rrrtsch! Das Eisenstück war durchgesägt, die schwere, dicke, von innen und außen gepolsterte Tür flog auf und gewährte den Zutritt in ein mittelgroßes, künstlich durch eine schwache Deckenlampe beleuchtetes Zimmer. Bob hatte sich an dem Schlosser vorbeigedrängt und war der erste jenseits der Schwelle. Verwirrt durchdrang sein Auge das Halbdunkel, dann hatte er erblickt, was er suchte. Ganz in einer Ecke, in einem Lehnstuhl, kauerte Gertie in den Kleidern, die sie bei ihrer Entführung getragen hatte, und sah aus käseweißem Gesicht, um das wirr die goldblonden Locken hingen, mit großen, entsetzten Augen nach den Eindringlingen, wobei sie erschreckt die Ärmchen, die an den Handgelenken weiße Verbände trugen, wie zur Abwehr emporhob.

Einen Augenblick blieb Bob stehen, dann schrie er: »Gertie, meine kleine Gertie!« und stürzte auf das Mädchen zu; dieses aber sank in dem Augenblick, als Bob es erreichte, vornüber aus dem Stuhl, schlug schwer mit der Stirn auf dem Boden auf und blieb leblos liegen.

Bob warf sich über den Körper und streichelte das Gesicht des kleinen Mädchens, das seitwärts zu liegen gekommen war.

»Gertie, ich bin es! Ich, Bob! Ich bring' dich zu deiner lieben Mama! Gertie, jetzt darfst du nicht tot sein, hörst du!«

Gertie rührte sich nicht. Aber schon hatte Doktor Wolters sie aufgehoben, den federleichten, entsetzlich abgemagerten Körper auf das Bett, das im Zimmer stand, gelegt und behorchte das Herz.

Erleichtert aufatmend, sagte er dann:

»Es ist nichts, nur eine tiefe Ohnmacht. Wir tragen das Mädchen sofort hinunter in den Wagen, denn es ist besser, wenn es nicht an diesem Orte zur Besinnung kommt, sonst könnte es den schönsten Nervenschock geben. Überhaupt – wir alle haben ja vorläufig hier wohl nichts mehr zu tun.«

Lorensen verneinte. »Nein, alles andere ist Sache der Staatsanwaltschaft. Ich werde nur einige Schutzleute herbeordern, die das Haus bewachen.«

Unten vor der Villa hatte sich indessen eine ungeheuere Menschenmenge angesammelt, die erregt von furchtbaren Verbrechen schrie, die sich in dem Hause ereignet haben sollten. Wohl hatten sich Frau Krikl und auch der alte Matthias, die sich in der Menge befanden, in tiefes Schweigen gehüllt, aber Meister Möller ließ sich doch bewegen, einiges von Kinderraub und einem kleinen Mädchen zu sprechen, das hier gefangen gehalten wurde, und bald hieß es unter den Angesammelten, daß das ganze Haus von Kinderleichen voll sei, und wüste Drohungen gegen Doktor Morton und seine Bedienung wurden laut. Tiefes Schweigen entstand, als die Beamten das Tor öffneten und Doktor Wolters das blonde Kind mit dem todbleichen Gesicht in den Krankenwagen hob. Bob sprang natürlich ebenfalls in diesen Wagen, nachdem er seine Freunde rasch begrüßt und ihnen zugeflüstert hatte, daß Gertie lebe und er sie alle morgen besuchen werde. In der großen Erregung hatte er Troll vergessen, aber dieser wahrhaftig nicht seiner, denn der brave Hund schwang sich, als wenn er wüßte, daß es nunmehr keiner Heimlichkeit mehr bedürfe, sofort neben den Chauffeur des Krankenautos auf den freien Sitz.

Weich und fast lautlos lief der große Wagen auf seinen breiten Gummirädern über den Asphalt. Die würzige Luft des Sommerabends schlug durch das offene Fenster herein, und plötzlich öffnete Gertie die Augen, sah um sich, lächelte Bob, der an ihrem Lager neben dem Arzt saß, matt an und schlang die dünnen Ärmchen um seinen Hals. Als der alte, abgehärtete Polizeiarzt sah, wie der kleine rußige Junge zart und leise das blonde Kind küßte und ihm zärtliche Koseworte zuflüsterte, da mußte er sich gewaltig schneuzen und heftig die Brillengläser putzen.

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