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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 21
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pfad/bettauer/bobbie/bobbie.xml
typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XX. Kapitel

Bob schmiedet Pläne

Es ereignete sich der immerhin seltene Fall, daß ein dreizehnjähriger Knabe, statt sich zu Bett zu legen, in seinem Zimmer bis Mitternacht auf und ab ging, um nachzudenken. Wenigstens pflegen Kinder das sonst nicht zu tun. Denn das eigentliche Nachdenken, das Grübeln und Überlegen, ist ein Vorrecht der Erwachsenen, die oft genug aus den Wirrnissen des Lebens nicht ein und aus wissen und dann mit den Händen in den Hosentaschen im Zimmer oder auf der Straße herumlaufen, um eine gewisse Logik in Gedanken und Geschehnisreihen zu bringen. Man kann sogar sagen, daß diese Form des Nachdenkens eine Angelegenheit der Männer ist, denn nur selten pflegt es einem weiblichen Wesen einzufallen, im Zimmer auf und ab zu gehen oder die Straße entlangzulaufen, um nachzudenken. Sie pflegen dazu lieber einen Schaukelstuhl zu benützen, und es geht auch, oder es geht auch nicht.

Bob aber lief wie ein kleiner Mann in seinem Zimmer einher, weil es ihm ganz wirr im Kopf war und er die Bewegung brauchte, um den Knäuel im Gehirn zu entwirren. Schließlich entwickelte der kleine Detektiv, der aber nicht wie in Kriminalromanen dieses schwierige Handwerk aus Passion betrieb, sondern aus tiefem Schmerz und voller Verzweiflung, zwei Gedankenreihen, deren eine in der Frage: »Was weiß ich?«, die andere aber in der Frage: »Wie komme ich in das Haus des Doktor Morton?« gipfelte.

Was weiß ich? Ich vermute vieles und weiß wenig, sagte sich Bob. Ich weiß, daß mein guter Hund, nachdem er tagelang vergeblich den Strumpf meiner Gertie beschnuppert, plötzlich diesen Strumpf im Zusammenhang mit einem Mulatten gebracht hat, der Sam heißt und Diener bei Doktor Morton in dem Hause Blumenstraße 12 ist. Des weiteren weiß ich, daß Gertie und ich unmittelbar vor dem Verschwinden des Mädchens mit diesem Sam zusammengestoßen sind. Ich vermute nun, daß Troll sich nicht geirrt hat, sondern der Mulatte Sam noch immer in Berührung mit Gertie steht. Daß also Gertie sich im Hause des Doktor Morton befindet oder befand. Diesem Wissen und Vermuten steht aber anderes gegenüber: Ich weiß, daß Doktor Morton Mitglied eines vornehmen Klubs, ein reicher und gelehrter Herr ist. Und ich weiß, daß reiche und gelehrte Herren Kinder weder zu essen noch zu verkaufen pflegen; was also sollte Doktor Morton mit Gertie machen? Welches Interesse könnte er an ihr haben? Das arme, süße Mädel zu rauben, zu töten, oder vor ihrer unglücklichen Mutter zu verbergen? Allerdings, ich bin noch sehr jung, und es gibt viele Dinge, die ich noch nicht verstehen kann. Professor Brummel hat wohl recht, wenn er sagt; man muß das Leben von Grund aus kennen, um es richtig zu verstehen. Ich verstehe ja auch nicht, warum dieses Mädchen, das Lolo heißt, in zwei Sektkübeln stand und aus zwei Flaschen auf einmal trank, und warum solche Unart dem dicken Herrn so gefallen hat. Und was er über die Beine dieser Dame sagte, verstehe ich erst recht nicht. Beine hat schließlich jeder Mensch. Allerdings hat zum Beispiel Gertie sehr schöne Beine. Das hat einmal auch Mama zu Papa gesagt. Und viele andere kleine Mädchen haben häßliche und plumpe Beine. Wie aber komme ich in das Haus des Doktor Morton, so daß ich mich gründlich umsehen kann? Was immer ich auch tun würde, dieser Sam oder seine Schwester Sarah werden mich nicht hineinlassen. Ich kann doch unmöglich zu Doktor Morton gehen und ihm sagen: Sie, ich möchte in Ihrem Hause nach Gertie suchen! Ich glaube, er würde mich umbringen. Aber eines ist sicher: ich muß unbedingt in das Haus, weil ich mich überzeugen muß, ob Gertie dort ist. Man sagt: »Wo ein Wille, da ist auch ein Weg.« Nun, ich habe den eisernen Willen und muß auch den Weg finden.

Aber schließlich wurde der arme kleine Junge so müde, daß ihm ganz wirr im Kopf war, und so legte er sich denn endlich nieder und schlief schwer und traumlos, bis ihn Troll nach gewohnter Weise kurz vor acht Uhr weckte. Troll machte dies sehr einfach, indem er mit einer Pfote die Türklinke niederdrückte, sich zum Bette des Knaben begab und mit den Zähnen die Decke von ihm fortzog. Wachte Bob dann noch nicht auf, so leckte ihm Troll die Fußsohlen ab, was sich immer als höchst wirksam erwies.

Die Glutwelle, die nun schon viele Tage lang die Stadt umfangen hielt und ihre Bewohner in die Berge und an die See trieb, hatte in dieser Nacht einem warmen, sommerlichen Regen Platz gemacht. Als Bob zum Fenster hinausguckte, war die Welt mit grauen Fetzen behangen und der Regen rieselte unermüdlich vom grauen Himmel auf die grauen Straßen nieder. Sonst pflegte solches Wetter bei Bob heftigen Unmut auszulösen, da dann die Gefahr bestand, daß er seinen Bücherschrank gründlich in Ordnung bringen und Gertie an die langweilige und prosaische Arbeit des Strümpfestopfens gehen mußte. Aber heute war das alles anders. Gertie war fort, wer weiß wo, und sein Bücherschrank befand sich in tadelloser Ordnung, da er ihn seit vierzehn Tagen nicht mehr geöffnet hatte. Und überdies paßte der Regen ihm sehr in den Kram, da er dadurch Gelegenheit fand, mit dem alten invaliden Parkwächter Matthias ungestört zu sprechen.

So war es auch. Der Alte hatte sich in den Geräteschuppen verkrochen und rauchte eben mürrisch seine Pfeife, als ihn Bob in dem menschenleeren Park aufsuchte. Sofort erhellte sich nun allerdings seine Miene, er lud Bob ein, auf der umgestürzten Karre neben ihm Platz zu nehmen, und fragte bedächtig:

»Na, junger Herr, bringen Sie Neuigkeiten?«

Bob nickte. »Jawohl, große Neuigkeiten, Herr Matthias, ich bin Gertie auf der Spur.«

Matthias zog die Augenbrauen hoch. »Na, na! Daß es uns nur nicht wieder so geht wie vorher!«

»Nein, Herr Matthias, diesmal glaube ich fest daran. Und übrigens war gar nicht ich es, der die Spur gefunden hat, sondern Troll.« Troll bellte bestätigend kurz auf, und Bob erzählte nun alles, was der Tag vorher ihm gebracht hatte.

Der Alte wiegte bedächtig den Kopf. »Scheint was daran zu sein, möchte selbst nicht glauben, daß das mit dem Mulatten nur Zufall ist. Und Troll hat eine gute Nase, das muß ein Blinder sehen und ein Tauber hören. Aber was nun, junger Herr? Wie wollen wir an den Doktor Morton, oder wie der Satan mit seiner schwarzen Brut heißt, heran?«

»Ja, das ist die Frage; ich glaube aber, wir sollten das zusammen mit der lieben Frau Krikl beraten. Sie ist eine kluge Frau und hat mich und Gertie gern, und Troll, der ja eigentlich ihr gehört, weil sie mir das Geld für ihn gab, erst recht! Wie wäre es, Herr Matthias, wenn wir gleich mal zu ihr gehen würden? Ich bin überzeugt, daß es Frau Krikl sehr freuen wird, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Matthias sah recht zweifelnd auf seine alte, abgetragene Uniform hinab und brummte: »Möchte nicht darauf schwören, daß es die gute Dame gar so freuen wird, einen alten Soldaten wie mich kennen zu lernen. Und außerdem darf ich mich eigentlich gar nicht von hier entfernen. Aber verdamm' mich, ich tue es doch! Kommt eh' keine Menschenseele bei dem Hundewetter in den Park, sogar den Liebespärchen ist es heute zu naß.«

Bob begriff das vollständig und dachte, daß er und Gertie heute auch kein sonderliches Vergnügen daran haben würden, im Freien spazierenzugehen, und so pilgerten sie denn, Bob in seiner Regenhaut wie ein junger Prinz aussehend, der Alte schäbiger als je einherhumpelnd, und Troll, gleichmütig und selbstbewußt, wie es einem Hunde mit zehn Ahnen geziemt, zu Frau Krikl. Bob hatte recht gehabt. Die alte Dame freute sich entschieden, die Bekanntschaft des Invaliden zu machen, was eigentlich nur selbstverständlich war, da sie den kleinen Jungen vergötterte und deshalb alles das, was er tat und liebte, für gut hielt und ebenfalls verehrte. Sogar der Papagei setzte eine freundliche Miene auf und begrüßte die drei mit einem schallenden: »Hallo, guten Morgen, Gesindel.«

Frau Krikl erwies sich durchaus als Dame von Welt und Menschenkenntnis. Für Bob brachte sie ein duftendes Honigbrot nebst einem Stück Schokolade herbei, der Invalide, der sich respektvoll auf die äußerste Stuhlkante gesetzt hatte, bekam ein ordentliches Glas Kognak nebst einem Käsebrot vorgesetzt und Troll labte sich an einer Wurst. Und nun erzählte abermals Bob ausführlich mit allen Einzelheiten von der Jagd hinter dem Mulatten Sam, von dem, was er über Doktor Morton erfahren, und seinem Aufenthalt hinter der holländischen Zeitung im Lunaklub.

Frau Krikl lauschte mit atemloser Spannung und als Bob fertig war, rannen ihr Tränen der Ergriffenheit über die hageren Wangen.

»Bobbie, mein süßer Junge,« rief sie, »du bist klüger als die ältesten Leute! Wie geschickt hast du das in dem Klub gemacht; wirklich, dieser lederne Sherlock Holmes könnte von dir lernen!«

Schon aber tauchte wieder die bange Frage auf: »Was nun?« und peinliche Minuten des tiefsten Schweigens kamen, da sich alle den Kopf zerbrachen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Frau Krikl erbot sich, das Haus des Doktor Morton aufzusuchen, um dem Mulatten wahrzusagen. »Wie eine Hexe sehe ich ohnedies aus,« sagte sie, wehmütig lächelnd, »und diese ungebildeten halben Heiden sind abergläubisch und lassen sich für ihr Leben gern weissagen.«

Der Vorschlag wurde ernstlich in Erwägung gezogen, aber schließlich von Bob verworfen.

»Hätte wenig Zweck, Tante Sibylle, bestenfalls kämst du in das Dienerzimmer und nicht weiter. Wahrscheinlich aber auch das nicht, denn wenn dieser Doktor etwas zu verbergen hat, so werden die Mulattin und ihr Bruder sicher genau darauf achten, daß sich niemand unbefugt einschleicht, denn dieser Herr Morton sieht mir ganz darnach aus, als ob man gründlich Angst vor ihm haben würde, wenn man sein Untergebener ist. Aber vielleicht könnte sich Herr Matthias unter einem guten Vorwand als Polizeimann verkleidet in das Haus begeben.«

Diesmal erhob der alte Parkwächter energisch Einspruch. »Junger Herr, verlangen Sie von mir, was Sie wollen! Wenn dadurch das liebe, blonde Ding gefunden wird, so bin ich bereit, mich von dem Mulatten zu Brei zerhacken zu lassen. Aber als Polizist verkleiden – nee, das gibt's nicht! Das wäre Anmaßung eines behördlichen Titels, Betrug, Hausfriedensbruch, und ich will Ihnen nur sagen, daß ich gerne sterben, aber nicht meine alten Tage im Gefängnis beschließen will! Nee, verlangen Sie das nicht von mir!«

Bob mußte ihm recht geben, und Frau Krikl sprach den Wunsch aus, man solle nichts tun, was gegen die Gesetze verstieße. Und nun fiel allen dreien wieder nichts ein. Bob sah düster durch das offene Fenster auf die Straße hinaus, und eine grenzenlose Mutlosigkeit überkam ihn. Sein Blick fiel auf einen Schornsteinfeger, der eben in das Haus gegenüber trat. Da flog ein Einfall durch seinen Kopf, dem er auch sofort Ausdruck gab.

»Wenn man sich als Kaminfeger verkleiden würde, könnte man am besten in das Haus kommen.«

Der Invalide sprang so jäh auf, daß ihm Joko ein wütendes »Halt's Maul!« zurief und auch Troll aus seinem gesättigten Halbschlummer erschreckt erwachte.

»Junge, Junge, das hat dir der liebe Herrgott eingegeben! Schornsteinfeger, das wäre so ein Gedanke! Und läßt sich vielleicht machen, denn mein Neffe, der Sohn meiner Schwester selig, ist Schornsteinfegermeister! Wenn der will, so klappt die Geschichte!«

»Er muß wollen!« schrie Bob erregt, »und er muß mich als Lehrling mitnehmen.«

Nur Frau Krikl schien vorerst nicht begeistert. Sie begann zu schluchzen: »Bobbie, was kann aber daraus werden! Wehe, wenn du entdeckt wirst, dann ist es um dich geschehen und ich sehe dich nicht wieder.«

»Unsinn, Tante Sibylle,« beruhigte sie Bob, dessen Wangen glühten; »tauchen der Herr Schornsteinfeger und ich nach einer Stunde nicht auf, dann weißt du, daß wir in Gefahr sind, und alarmierst eben die Polizei!«

Und nun wurde alles genau besprochen, und es galt nur noch die Einwilligung des Schornsteinfegers einzuholen. Das schien nicht so leicht, denn der hatte bis abends zu tun, kleidete sich dann zu Hause nach gründlicher Reinigung um und war erst gegen neun Uhr abends im Wirtshaus »Zum lustigen Zecher« ordentlich zu sprechen. Bob dachte angestrengt nach, dann leuchteten seine Augen auf. »Es paßt ganz gut heute, Herr Matthias! Vater und Mutter sind auf ein Gartenfest bei Konsul Hallstadt geladen und werden sicher nicht vor Mitternacht zurückkehren. Also kann ich mich nach dem Abendessen leicht fortschleichen.«

Kleine pädagogische Bedenken waren bald zerstreut, und es wurde verabredet, daß der Parkwächter um neun Uhr abends Bob an dem Parkeingang erwarten solle, und weiter wurde verabredet, daß Tante Krikl zur kritischen Zeit, wenn der Plan ausgeführt werden sollte, mit Matthias in der Konditorei in der Gartenstraße warten würde, um im Notfalle Hilfe zu holen.

Nie im Leben hatte Bob gewußt, daß Stunden so langsam verrinnen könnten wie an diesem Tage. Sicher, es gab für einen Jungen oft genug Stunden des Harrens und Bangens, so vor der Zeugnisverteilung oder am Weihnachtsabend, bevor man in das Zimmer mit dem Christbaum hereingelassen wurde, aber das alles war nichts gegen den schleppenden Gang dieses Nachmittags und Abends. Endlich, gegen halb neun Uhr verabschiedete sich Vater und Mutter in festlicher Toilette von ihrem Jungen, der nun rasch sein Abendbrot hinunterwürgte, dann dem Personal »Gute Nacht!« sagte, sich auf sein Zimmer begab, um dieses nach wenigen Minuten leise und vorsichtig, diesmal ohne Begleitung Trolls, der sich wie gewöhnlich vor der Tür zu Bobs Zimmer niederlegen mußte, zu verlassen. Und vor dem Park stand auch schon Matthias und wartete.

Die Untergrundbahn brachte sie rasch nach dem Vorort, in dem der Schornsteinfeger Peter Möller wohnte und in dem auch das Wirtshaus »Zum lustigen Zecher« lag, und für Bob war das ein historischer Tag, denn zum erstenmal in seinem Leben betrat er, und noch dazu zu nachtschlafender Zeit, ein richtiges Wirtshaus, in dem getrunken, geraucht, geflucht und gespuckt wurde. Herr Möller, ein blonder, sympathischer, blauäugiger Herr in mittleren Jahren, dem jetzt sicher niemand seinen schwarzen Beruf angemerkt hätte, saß im Kreise anderer ehrsamer Gewerbetreibender an seinem Stammtisch und machte riesig große und kugelrunde Augen, als er seinen Onkel Matthias mit einem allerliebsten, kleinen Jungen hereinkommen sah.

Herr Matthias winkte ihn heran, stellte vor, bestellte drei mächtige Gläser Bier – Bob hätte niemals gedacht, daß ein Mensch aus derartig großen Krügen trinken könnte – und die schicksalsschwere Unterredung begann.

Herr Matthias sagte: »Peter, du weißt, daß ich kein Freund von verrückten Geschichten bin und mein ganzes Leben lang ein ordentlicher Mensch war. Wenn wir dir jetzt also eine Geschichte erzählen werden, die wie ein Märchen klingt, so darfst du nicht glauben, daß wir nur in die Vorstadt und hieher ›Zum lustigen Zecher‹ gekommen sind, um dir einen Bären aufzubinden, sondern du mußt, bevor du zu fluchen anfängst, immer mich anschauen und dir sagen: Da sitzt mein Onkel Jochen Matthias, und der ist kein Lügner und kein Aufschneider. Und jetzt stelle ich dir nochmals diesen jungen Herrn da vor, Bob Holgerman, den Sohn des Fabrikbesitzers Holgerman, bei dem du vielleicht schon die Essen gekehrt hast.«

Peter Möller nickte selbstbewußt und spie kunstgerecht an der Schulter des Onkels vorbei in einen Spucknapf.

»Dieser junge Herr, der mein Freund ist, ist ein wundervoller, kleiner Kerl, doppelt so klug als lang, und er hat einen großen Schmerz und dann ein paar wunderbare Sachen erlebt und wird dir jetzt selbst alles erzählen.«

Bob, der in verschiedenen Geschichten gelesen hatte, daß man sich vor Beginn einer längeren Rede zu räuspern pflegt, tat desgleichen und erzählte dem biederen Schornsteinfeger, der so aufmerksam zuhörte, daß sein Bier warm wurde, alles vom Anfang bis zum Ende. Und er schloß mit den Worten: »Lieber Herr Möller, Sie sind der Mann, der mir helfen kann, wenn er will! Ich weiß, daß das viel verlangt ist, und Sie hätten ein gutes Recht, mit mir grob zu werden, aber bedenken Sie, daß es sich um ein liebes, kleines Mädchen und um einen gräßlichen Schurken handelt, und daß eine arme Frau sich zu Tode grämen wird, wenn ihr Kind nicht wiederkommt. Und noch eines, Herr Möller: Die Polizei hat eine hohe Belohnung ausgesetzt und mein Vater ebenfalls. Wenn Sie mir helfen wollen und wir Gertie finden, so gehört die halbe Summe Ihnen, ich sage die halbe und nicht die ganze, denn auch ich brauche dann Geld, einerseits, um Gertie etwas sehr Schönes, eine Puppenküche mit Nickelgeschirr oder gar ein ledernes Lamm zu kaufen, und anderseits möchte ich der guten Frau Krikl das geborgte Geld zurückgeben. Und dann ißt auch Gertie sehr gerne mit Schokolade überzogene Mandeln, die sehr teuer sind.«

Peter Möller trank jetzt sein Glas auf einen Zug aus, setzte es dann schwer und wuchtig nieder, schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte:

»Gott verdamm' mich und lass' mich niemals mehr in einen Schornstein kriechen, wenn ich Ihnen nicht helfen will, junger Herr! Nicht der Belohnung wegen, obwohl ich gegen Geld niemals einen Haß gehabt habe, sondern wegen des kleinen Mädchens! Himmel noch einmal, meine Mary ist jetzt vier Jahre alt und hat auch blonde Locken, und wenn ich denke, daß ihr einmal so etwas zustoßen könnte, dann möchte ich gleich aus der Haut und dem Schurken an die Gurgel fahren! Junger Herr, wir machen die Sache! Was kann uns geschehen? Ihnen gar nichts, weil Sie noch zu jung sind, und auch mir nicht viel. Wir dringen ja nicht gewaltsam ein, also ist von Hausfriedensbruch keine Rede. Höchstens, daß ich wegen groben Unfugs auf ein paar Tage ins Loch komme! Na, läßt sich auch ertragen!«

Und nun wurde der Feldzugsplan in allen Einzelheiten besprochen.

Um vier Uhr nachmittags hatte Bob bei Meister Möller anzutreten, wo er als Schornsteinfegerlehrling angekleidet werden sollte. Und dann würde es zu Fuß nach der Blumenstraße gehen, wo man nach fünf Uhr, wenn Doktor Morton mit dem Mulatten fortgefahren wäre, nach bestimmtem Plane das geheimnisvolle Haus betreten wollte.

Es war inzwischen halb zwölf geworden. Bob hatte zum erstenmal einen kleinen Schwips, da er Bier nicht gewohnt war, und er beeilte sich, mit Hilfe einer Autodroschke rasch nach Hause zu kommen, bevor die Eltern da wären.

Alles ging gut, und ungesehen und ungehört kam er in sein Zimmer, vor dem ihn Troll schweifwedelnd und mit allen Zeichen namenloser Hundefreude erwartete. Bob schlief in dieser Nacht sehr unruhig, die fieberhafte Erwartung der kommenden Abenteuer ließ ihn immer wieder auffahren, und einmal träumte er, daß er und Gertie, beide weiß gekleidet, auf einer riesigen Leiter durch einen Schornstein geradeswegs in den Himmel kletterten.

Am nächsten Vormittag stattete Bob der kranken Frau Sehring einen Besuch ab. Er setzte sich an ihr Lager, streichelte die weiße, kraftlose Frauenhand, beugte sich über die unglückliche Mutter und sagte leise: »Frau Sehring, ich kann Ihnen noch nichts Näheres sagen, aber ich glaube, wir werden Gertie bald wiederhaben! Halten Sie mir Nachmittag die Daumen, Frau Sehring, es ist ein wichtiger Tag; ich hoffe, daß wir heute noch alles wissen werden. Der Arzt würde sicher meinen, ich hätte Ihnen das nicht sagen sollen, weil es Sie aufregt, aber ich denke, daß ein wenig Hoffnung nicht schaden kann.«

Jäh richtete sich Frau Sehring in ihrem Bette auf und beschwor den Knaben, ihr alles zu sagen. Aber Bob blieb fest.

»Es geht nicht, Frau Sehring, weil sonst alles fehlschlagen könnte. Ich weiß ja auch gar nicht, ob unsere Gertie noch am Leben ist. Aber ich meine, wir alle müssen endlich Gewißheit haben, weil wir es sonst nicht mehr ertragen könnten.«

Da sah Frau Sehring dem Knaben in die großen, dunklen, umschatteten Augen, sie sah, wie eingefallen die sonst so runden Kinderwangen waren, sie sah, wie es schmerzlich um seinen Mund zuckte, und sie zog seinen Lockenkopf an ihr dumpf und unregelmäßig klopfendes Herz, um die Stirne des Knaben zu küssen.

»Was immer du auch vorhast, Bobbie, Gott sei mit dir und helfe dir auf allen Wegen.«

Weinend brach Frau Sehring in ihrem Bette zusammen, und schluchzend entfernte sich Bob, um den Wächter Matthias aufzusuchen und noch eine kurze Besprechung mit Frau Krikl zu pflegen.

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