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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIX. Kapitel

Doktor Frederic Morton

Voll Unruhe, und von einer Nervosität erfüllt, die dem frischen, gesunden Knaben bis dahin unbekannt war, zog Bob unauffällig die Blumenstraße hinauf und hinunter, dabei aber immer wieder vor- oder zurückblickend, um das Haus nicht aus den Augen zu lassen.

Jetzt regte es sich dort. Rasch eilte Bob bis zu dem Nebenhause. Eine lange, dürre Frau, die das Negerblut noch deutlicher verriet als ihr Bruder, war damit beschäftigt, das Gartenportal aufzuschließen und beide Flügel zu öffnen. Bob wußte sofort, was dies zu bedeuten habe. Im nächsten Augenblick würde Doktor Morton seine Ausfahrt antreten. Und richtig, kaum war das Gartenportal offen, als sich auch scheinbar automatisch die Eisentüre des unten und neben der Treppe befindlichen Automobilschuppens beiseite schob und das große, fürstliche, blaue und geschlossene Automobil des Doktor Morton herausfuhr. Langsam fuhr es den Kiesweg im Garten entlang, geschickt wurde es aus dem Gartentor herausgesteuert und bog nun an Bob vorbei in die Straße ein. Die beiden Fenster der Karosserie waren heruntergelassen, so daß Bob blitzschnell einen flüchtigen Blick auf Doktor Morton werfen konnte. Ein glattrasiertes Gesicht mit scharfem Profil, graue, kalte Augen – das war alles, was Bob gesehen hatte. Nicht genug, um sich ganz ein Bild von ihm zu machen, aber genug, um sich die Züge einzuprägen und die eisigen Augen nicht zu vergessen.

Nun galt es zu handeln, nicht den Bruchteil einer Sekunde zu verlieren, denn schon hatte der riesige Mulatte, der jetzt Chauffeur war, angekurbelt, so daß der Wagen pfeilgeschwind dahinglitt. Ein Blick auf die Frau, die sorgsam das Portal verschloß, dann ein paar mächtige Sätze hinter dem Auto her, und mit einem Ruck hatte sich der Knabe auf das rückwärtige Ende des Laufbrettes geschwungen, so daß er nun keuchend hinter dem offenen Fenster stand, während Troll lautlos dem Wagen nachjagte.

So war es am besten, überlegte Bob. Was konnte weiter geschehen? Schlimmstenfalls würde Doktor Morton sich aus dem Wagenfenster beugen, nach rückwärts schauen und ihn entdecken. Dann würde er ihn eben für einen Gassenjungen halten, der sich das Vergnügen einer Freifahrt leistet, und er könnte abspringen. Einen Polizisten, der ihm drohend winken würde, könnte er durch eine herausgestreckte Zunge abtun. Aber nichts dergleichen geschah. Mit Windeseile sauste das Auto dahin, so daß Troll längst nicht mehr mitkam, sondern weit, weit zurückblieb. Bob tat dies furchtbar leid, aber es ließ sich nicht ändern. Er empfand, daß es jetzt um Tod und Leben gehe, um alles oder nichts. Und Troll würde eben schließlich beleidigt den Weg nach Hause antreten.

Das Auto des Doktor Morton hatte die Altstadt erreicht, fuhr jetzt etwas gemäßigter und hielt bald vor dem prunkvollen Palast des Lunaklubs, den Bob vom Hörensagen und aus Zeitungsberichten als einem der vornehmsten Spielklubs der Hauptstadt kannte. Rechtzeitig war Bob abgesprungen und pfeifend stand er vor einer Auslage des Hauses neben dem Klubgebäude.

Was aber nun? Doktor Morton war oben im Klub, Bob unten auf der Straße – damit war nichts geschehen. Und der unheimliche Doktor Morton würde bis spät nachts im Klub bleiben, also konnte er nicht auf ihn warten. Bob runzelte die Stirne: »Ach was,« sagte er sich, »nun heißt es frech sein, sehr frech sogar. Ich werde in den Klub gehen! Einen Erwachsenen würde man nicht einlassen, einen kleinen Jungen vielleicht. Ja, wenn er es geschickt anstellt.« Und angestrengt dachte er nach, wie es am geschicktesten anzustellen wäre. Hatte er nicht neulich seinem Vater am Sonnabend in den Klub der Industriellen Theaterkarten bringen müssen? Wie war er an dem Portier vorbei hineingekommen? Sehr einfach; er hatte dem Portier, der ihn fragend angesehen, gesagt, er suche seinen Vater auf, worauf der Portier genickt hatte. Und Bob hatte damals nachher lachen müssen, weil ihm eingefallen war, daß er seinen, beziehungsweise seines Vaters Namen gar nicht genannt hatte. Also konnte es ebenso auch hier versucht werden und im schlimmsten Falle mißglücken.

Gerade aber, als Bob mit der Hand seinen Rock abstaubte und seinen Schlips ordnete, erlebte er eine freudige Überraschung. Mit langen Sätzen kam Troll angerannt, sprang an ihm herauf und leckte ihm unter jubelndem Gebell das Gesicht. Bob klopfte zärtlich das dampfende, erschöpfte Tier ab, hieß ihn ruhig warten und betrat das Portal des Lunaklubs.

Breitspurig stand der Portier in goldbetreßter Uniform da und musterte von oben herab den Knaben, der aufrecht und sicher an ihm vorbei zur Treppe ging. Mit geübtem Auge stellte er fest, daß dieser gut gekleidete kleine Herr sicher der Sprößling einer vornehmen Familie sei, und so fragte er denn, stramm an den Mützenrand greifend:

»Wohin, bitte?«

»Mein Vater ist oben,« erwiderte er kaltblütig und ging, ohne eine weitere Entgegnung abzuwarten, scheinbar gemächlich, in Wirklichkeit klopfenden Herzens, die Treppe empor.

Uss! Nun war er oben und lief, da er an dem Zerberus glücklich vorbeigekommen war, kaum noch Gefahr, aufgehalten zu werden. Ohne lange zu zögern, drückte er die schwere Bronzeklinke der mächtigen Eichenholztüre herab, die ihm gegenüber lag, und betrat einen Saal, in dem an mehreren kleinen Tischchen Karten gespielt wurde. Die Spieler schauten kaum auf, und da Bob hier den Doktor Morton nicht sah, ging er durch zwei anstoßende Räume, in denen Billard, Schach, Domino und wieder Karten gespielt wurde. Das letzte Zimmer, das er betrat, war ein Herrensalon mit mächtigen Klubsesseln und schönen Kupferstichen an der Wand, mit Schreibtischen und einem Regal voll Zeitungen und Büchern. Um den Tisch herum in der Mitte des Zimmers saßen mehrere Herren und einer von ihnen war Doktor Frederic Morton. Bob hatte ihn sofort wiedererkannt und ging nun auf dem weichen Teppich fast unhörbar und so geschickt an der Wand entlang zum Zeitungsständer, daß ihn niemand von den Herren, die in eifriger Unterhaltung begriffen waren, bemerkte. Mit raschem Blick hatte der Junge die verschiedenen Zeitungen, die in Rahmen gespannt ordentlich nebeneinander hingen, geprüft, nahm eine jener riesigen holländischen Zeitungen, die man ganz gut auch als Bettdecken verwenden könnte, setzte sich lautlos auf einen niedrigen Ledersessel, versteckte sich fast ganz hinter der Zeitung und hatte so bequem Gelegenheit, über ihren Rand hinweg Doktor Morton zu beobachten und der Unterhaltung der Herren zu lauschen.

Durchaus nicht furchterregend sah dieser merkwürdige Doktor Morton aus. Unbedingt ein schöner Mann von etwa fünfzig Jahren, ein Cäsarenkopf mit auffallend frischer Gesichtsfarbe, die Haare ergraut, aber dicht, das Kinn eckig und scharf, und im Verein mit der ein wenig gewölbten Nase und der wuchtigen Stirn Energie und Geist verratend. Aber die Augen! Doktor Morton sah eben seinen Nachbar, der an ihn das Wort gerichtet hatte, scharf und voll an, und Bob schrak zusammen. In ihrem wasserhellen Grün erinnerten die Augen an das Meer, aber sie waren nicht bewegt wie dieses, sondern starr und kalt wie Eis, durchdringend, bohrend wie eine Messerspitze, und der Knabe, der noch so weit von jeder Menschenkenntnis war, empfand unwillkürlich, daß kein guter Mensch solche Augen haben könnte. Und er sagte sich: Wenn ich mit diesem Manne sprechen müßte, so hätte ich nicht den Mut, ihn anzulügen, weil ich glauben würde, daß er mir ins Herz hineinschaut.

Doktor Morton richtete jetzt seinen Blick in die Ecke, in der Bob saß, so daß dieser wieder ganz hinter der Zeitung verschwand und nunmehr angestrengt der Unterhaltung der Herren lauschte. Ein Herr in mittleren Jahren mit einem Monokel sagte eben zu Morton gewandt: »Wirklich ein beneidenswertes Leben, das Sie führen, Doktor Morton! Vormittags basteln Sie ein bißchen in Ihrem Studierzimmer herum, den Nachmittag und Abend verbringen Sie in unserer netten Gesellschaft, und nachts – na, ich bin überzeugt davon, daß Sie, wenn Sie nicht zu Hause sind, ganz gut die Nacht um die Ohren zu schlagen verstehen. Wenn ich dagegen mein Rackerleben betrachte! Sein Gut bewirtschaften, sich mit dem Inspektor herumschlagen, die ödesten Sitzungen im Landtag mitmachen müssen und nebenbei zu Hause den braven Familienvater spielen – brrr!«

Doktor Morton lachte kurz und scharf auf. »Sie irren, verehrtester Herr Baron! Ich bastle nicht in meinem Studierzimmer herum, sondern betreibe sehr ernsthafte Forschungen! Und es gibt einsame Stunden genug, in denen ich das Haus, das ich gebaut habe, zum Teufel wünsche und am liebsten auf und davon möchte.«

»Woran Sie doch niemand hindert, Doktor!« ließ sich ein jüngerer, aber sehr behäbiger Herr vernehmen. »Materiell sind Sie ja wohl ganz unabhängig, da wissenschaftliche Forschungen, soviel ich weiß, nicht gerade viel Gold einzubringen pflegen. Also können Sie sich jeden Augenblick auf die Bahn setzen und irgendwohin nach dem Süden oder Norden, nach China oder Indien gondeln. Ich würde es auch so machen, wenn ich in Ihrer beneidenswerten Lage wäre.«

Morton schwieg eine Sekunde, um dann trocken zu erwidern: »Jetzt kann ich wegen meiner Experimente nicht fort. Und dann bin ich auch genug in der Welt herumgewesen, so daß mich das Reisen kaum noch reizt. Später vielleicht wieder – –«

Ein Herr mit der schnarrenden Stimme des aristokratischen Offiziers unterbrach ihn: »Apropos, lieber Doktor Morton. Neulich war mein alter Herr hier in der Stadt, um ein Mittel gegen Kalk und ähnliche angenehme Chosen zu suchen, und als ich ihm bei einem höchst langweiligen Abendessen von unserem Klub erzählte und auch auf Sie zu sprechen kam, da sagte er, daß er vor etwa vierzig Jahren einen Doktor Frederic Morton in Schanghai kennengelernt habe. Sie können das nun natürlich nicht sein, weil sie damals wohl noch kaum die Schulbank gedrückt haben. Aber vielleicht ein Verwandter von Ihnen.«

»Jawohl, mein verstorbener Onkel, der so wie ich hieß und auch bald da und dort in der Welt herumreiste. War übrigens von Beruf Arzt wie ich. Das heißt, Arzt darf ich mich ja nun wohl nicht nennen. Wenigstens habe ich noch nie einen Patienten gehabt. Aber meinen Doktorhut habe ich als Mediziner doch erworben.«

Der behäbige Herr lachte breit und behaglich: »Das glaube ich, daß Ihnen, lieber Kapitän, das Abendessen mit dem alten Herrn nicht gerade sehr unterhaltend erschien. Ihre schöne Lolo war wohl nicht mit dabei? Wenn ich mich daran erinnere, wie das Mädel damals im Astorhotel mit den Beinen in je einem Sektkübel stand und dabei beide Flaschenhälse im Munde hielt – famoser Kerl das! Und die Beinchen – na, ich muß sagen!«

Die Geschichte von der Dame mit den beiden Beinen in den Sektkübeln kam Bob so spaßig vor, daß er unwillkürlich die Zeitung hatte sinken lassen, um den Sprecher anzublicken. Und plötzlich fielen alle Blicke auf ihn und der dicke Herr rief verwundert:

»Nanu, wohl das jüngste Mitglied des Lunaklubs. Was machen Sie denn hier, holder Knabe?«

Eine Sekunde nur setzte der Herzschlag des Knaben aus, dann sprang er in die Höhe, schwenkte geschickt die Zeitung so, daß man nicht länger sein Gesicht sehen konnte, und lief mit den Worten:

»Ich warte auf Papa, er wird wohl schon gekommen sein!« aus dem Zimmer.

Eine Minute später war er unten bei Troll, der freudig an ihm mit den unerläßlichen Küssen in die Hohe sprang.

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