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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 2
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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I. Kapitel

Bob und Gertie

Leichtfüßig wie eine junge Ziege sprang Bob die steinerne Freitreppe hinauf und drückte anhaltend auf den Glockentaster an dem großen, mit schönen Ornamenten geschmückten Haustor. Die wenigen Augenblicke, die er warten mußte, blickte er nach dem Haus auf der anderen Seite der Straße hinüber und beschattete mit der schmalen, schlanken Knabenhand die Augen, um besser zu sehen, schien aber doch nicht das erspähen zu können, was er suchte. Nun öffnete aber auch schon ein alter grauhaariger Diener, dem der weiße Backenbart einen ehrwürdigen und gravitätischen Ausdruck verlieh. Zärtlich und dabei doch gemessen steif begrüßte er den Knaben mit »Guten Tag, junger Herr!«, worauf ihm Bob vergnügt auf den Arm klopfte, mit »Grüß' Gott, Eduard!« erwiderte, den Schulranzen auf eine mit einem Teppich bedeckte Bank in der Diele warf und ungeduldig ausrief:

»Wo ist Mama?«

»Die gnädige Frau hat eben die Toilette beendet und liest im Wohnzimmer die Zeitung.«

Mit vier Riesensätzen, immer drei Stufen auf einmal nehmend, stürmte Bob die Treppe empor, und schon war er in dem behaglichen, einfach eingerichteten Zimmer, in dem Frau Holgerman das Morgenblatt las.

Bevor die schlanke, schöne Frau noch hatte aufstehen können, war Bob schon bei ihr und schlang einen Arm ungestüm um ihren Hals, während er in der freigebliebenen Hand ein Papier schwenkte.

»Vorzugszeugnis, Mama, Vorzugszeugnis! Mit Ach und Krach in Mathematik einen Zweier, sonst lauter Einser! Hurra, jetzt bekomm' ich einen Hund!«

Mama machte sich glücklich lächelnd frei, strich dem Knaben die braunen Locken aus der heißen Stirn, drückte ihn dann fest an sich und sagte leise:

»Ich danke dir, Bobbie, du hast mir eine große Freude bereitet!«

»Weißt du, Mama, eigentlich wollte ich sehr traurig hereinkommen und dir zuerst mit weinerlicher Stimme erzählen, ich sei durchgefallen. Aber im letzten Augenblick habe ich es mir überlegt. Du hättest dich doch eine Sekunde lang gekränkt, und es ist schade um jede Sekunde, die sich der Mensch kränkt, besonders wenn er sich freuen kann.«

»Du bist mein lieber, guter Junge, Bob, und wenn Papa dir den Hund schenkt, so gebe ich dir ein schönes Hundehaus und alles, was du sonst brauchst, dazu. Nun ruf' aber schnell Papa an, damit auch er seine Freude hat.«

Bob eilte ins Nebenzimmer, in dem das Tischtelephon stand, und ließ sich mit der Fabrik des Vaters verbinden.

»Hier Bob Holgerman, bitte, wollen Sie mich mit meinem Vater verbinden.«

Rasch war auch das geschehen.

»Papa, ich bekomm' den Hund!«

»Warum, und was für einen Hund?«

»Aber Papa, hast du vergessen, daß heute Schulschluß ist und du mir einen Hund versprochen hast, wenn ich ein Vorzugszeugnis bekäme? – – – Ja, natürlich bin ich ein Vorzugsschüler, sonst würde ich ja vom Hunde gar nicht sprechen. Danke, Papa, Mama hat sich auch gefreut, und sie will mir für den Hund eine Hütte kaufen. Gelt, Papa, ich darf schon Umschau nach einem Hunde halten? – – – du bist lieb, Papa, ich danke dir.«

Bob war schon wieder bei der Mama und sagte:

»So, jetzt geh' ich zu Gertie hinüber, sie wird schon auf mich warten. Sie hat eine Stunde früher aus gehabt und wird neugierig sein. Ich werde dann mit ihr im Park Diabolo spielen.«

»Geh', mein Junge, unterhaltet euch gut, aber sag' mir nur, warum immer Gertie und nichts als Gertie? Warum hast du gar keine Kameraden, warum spielst du nicht lieber mit anderen Jungen?«

Bob zuckte die Achseln, ein wenig wurde er rot, ein wenig zupfte er verlegen an seiner Bluse.

»Schau, Mama, ich mag nun einmal gerne mit Gertie sein! Und die Jungens, die hab' ich schon immer in den Schulpausen, und ich kann mit ihnen nicht so nett plaudern wie mit Gertie, die mir zuhört und, wenn ich etwas sage, nicht gleich mit ›Quatsch‹ oder ›Das ist gar nichts, da weiß ich ganz was anderes‹ dazwischenfährt.

»Nun, gut, mein Junge, ich habe ja nichts dagegen! Gertie ist ein liebes, braves Mädchen, ich wollte, ich hätte auch so ein Töchterchen wie sie! Also geh' nur und sei pünktlich um ein Uhr zu Hause. Du weißt, Papa ärgert sich sehr, wenn er auch nur eine Minute mit dem Essen warten muß. Und ich werde der Kathi sagen, sie soll noch rasch eine Schokoladentorte machen.«

»Nochmals hurra! Das ist ein schöner Tag heute, und ich werde Gertie sagen, daß ich ihr ein Stück Torte aufhebe, und beim Aussuchen des Hundes muß sie auch dabei sein.«

Kopfschüttelnd, lächelnd und ein bißchen nachdenklich sah Frau Holgerman dem über die Straße stürmenden Jungen durch das Fenster nach. Frau Holgerman hatte allen Grund, auf ihren Jungen stolz zu sein. Ungestüm war er wohl wie ein Füllen, mitunter auch recht eigenwillig, aber dabei gut und vornehm, ein echter, kleiner Kavalier, klug und begabt, und schön, wie ein Junge es nur sein kann. Schlank und geschmeidig war er, dabei frei von jener Eckigkeit, die sonst Knaben um das zwölfte, dreizehnte Jahr herum gewöhnlich anhaftet, und braune, bis fast auf die Schultern fallende Locken umrahmten das ovale, eher bräunliche als rosige Gesicht, aus dem klare, große, von langen Wimpern umschattete Augen mit fast männlicher Energie strahlten. Kein Wunder, wenn in der ganzen Umgebung Bob von alt und jung geliebt wurde und ihm sogar die griesgrämigsten alten Schulfüchse mit väterlicher Milde entgegenkamen und ihm manchen Streich, manche voreilige Bemerkung verziehen, die jedem anderen eine Eintragung ins Klassenbuch gebracht hätte.

Bobs Vater stammte aus alter, dänischer Familie und war der Alleinbesitzer einer großen Fabrik für Stahlwaren, ein sehr reicher, ein wenig verschlossener Mann, hoch in den Vierzig, während Frau Alma Holgerman viel italienisches Blut in den Adern hatte, lebhaftes, leicht erregbares Blut, das wohl Bob von ihr, zusammen mit den dunkelbraunen Haaren, mitbekommen hatte. Herr Holgerman hatte vor fünfzehn Jahren, als er die Fabrik in der großen Stadt übernahm, ein schönes, geschmackvolles, für ein junges Ehepaar wohl zu geräumiges Haus in dem Villenviertel gekauft. Er und seine Frau hatten reichen Kindersegen erwünscht und erhofft, aber Bob, der erst nach dreijähriger Ehe zur Welt kam, blieb der einzige, sehr zum Kummer Herrn Holgermans, der sich gerne eine Schar von Jungen, auch zum Kummer Frau Holgermans, die sich gerne nach dem Sohne noch ein Töchterchen gewünscht hätte.

Bob stürmte über die Straße und betrat das Haus, in dem seine kleine, nur um zwei Jahre jüngere Freundin Gertie mit ihrer Mutter wohnte. Dieses Haus war aber keine Villa mit Garten wie bei Holgermans, sondern ein recht gewöhnliches, unansehnliches Mietshaus, das in seinen drei Stockwerken neun Wohnungen barg. Es war halb zwölf Uhr, als Bob das Haus betrat; die kleinen Beamten und Geschäftsleute, die in solchen Miethäusern wohnen, essen früher zu Mittag als die reichen Leute, die eigentlich nie so recht Hunger haben, und so roch es denn, als Bob die Treppe zum zweiten Stockwerk hinaufging, von allen Seiten nach Kohl, Gemüse, gekochtem Fleisch und anderen Dingen, die gut schmecken mögen, aber der Nase des Unbeteiligten nicht zu sonderlicher Freude dienen. Bob, gegen unangenehme Gerüche, Geräusche und Anblicke sehr empfindlich, wie so oft die Sprößlinge alter, kultivierter Familien, verzog das Gesicht. Gleich darauf glättete es sich aber wieder, denn er erinnerte sich, daß ja Gertie hier im Hause wohne.

»Wenn ich erst groß bin,« sagte er sich, »so werde ich mit Gertie nicht in einem solchen Hause mit fremden Leuten zusammen wohnen, sondern in einer Villa, wie wir sie haben. Sie muß aber ganz aus weißem Marmor sein, weil Weiß Gertie so gut steht.«

Und schon hatte er die Glocke gezogen, unter der »Frau Anna Sehring« stand, und schon hüpfte ihm ein schneeweiß gekleidetes, kleines Mädchen entgegen und rief:

»Nun, Bobbie, wie ist es ergangen?«

»Vorzugsschüler!« sagte Bob mit möglichst viel Leichtigkeit in der Stimme, um ja nur nicht den Eindruck zu erwecken, als würde er das gar zu wichtig nehmen.

Gertie aber sprang jubelnd in die Höhe, packte Bob bei beiden Händen, zog ihn ganz in den Vorraum zur Wohnung hinein, drehte ihn im Wirbel umher und schrie: »Mama, Mama, komm', Bob ist Vorzugsschüler geworden!«

Frau Anna Sehring, Gerties Mutter, kam lächelnd herein, beglückwünschte Bob und ließ sich das Zeugnis zeigen. Mit einem wehmütigen Lächeln auf dem blassen, abgehärmten Gesichte, in das viele, viele Tränen kleine Rinnen gezogen hatten sagte sie ganz leise:

»Sicher hätte mein Harry mir auch nur gute Zeugnisse gebracht, er war ein guter und kluger Junge.« Und nun tropften wieder Zähren über die Wangen. Das kleine Mädchen schlang den Arm um den Hals der Mutter, lehnte seine rosigen Backen an das Gesicht der weinenden Frau und sagte begütigend:

»Mutti, Mutti, nicht weinen –«

Bob aber meinte ernst: »Sie sollten nicht immer so traurig sein, Frau Sehring. Unser Geschichtsprofessor hat ganz recht, wenn er sagt, man dürfe um die Toten nicht klagen, weil es ihnen gut geht und man ihnen ihre Ruhe und den ewigen Frieden nicht neiden darf. Und dann haben sie doch Gertie und –« Er wollte sagen, ich bin ja auch noch da, aber irgendwie schien es ihm unpassend zu sein und er schwieg errötend.

Frau Sehring hatte viel Kummer erlebt, unter dessen Last sie frühzeitig gealtert war. Ihr Sohn, der jetzt vierzehn gewesen wäre, war vor sechs Jahren, als Gertie kaum fünf Jahre alt war, plötzlich an einer Gehirnhautentzündung gestorben, und ihr und ihres Mannes Jammer war grenzenlos gewesen. Herr Sehring war Offizier und immer hatte er davon geträumt, seinen Jungen dieselbe Laufbahn ergreifen und einen großen Feldherrn werden zu lassen. Er konnte über den Verlust des einzigen Sohnes nicht hinwegkommen und war von da an ein verschlossener, wortkarger und unwirscher Mann geworden, den nicht einmal der Anblick des heranwachsenden Töchterchens trösten wollte. Dann kam der Krieg, Major Sehring rückte ein, zeichnete sich vielfach aus und fiel an der Spitze seines Regimentes. Vermögen hinterließ er nicht, und so war seine Witwe mit Gertie ganz auf die schmale, staatliche Pension angewiesen und konnte nur mühsam, unter Verzicht auf jeden Luxus und jedes Wohlleben, ihr Auskommen finden.

Gertie aber war das süßeste kleine Blondchen, das man sich auf der Welt vorstellen konnte. In der ganzen Stadt hätte man vergebens nach einem zierlicheren Figürchen, nach ähnlich tiefblauen Augen, nach so schönen, wie lauteres Gold glänzenden Locken suchen können, und es war wirklich kein Wunder, wenn sich alle Leute nach Gertie auf der Straße umdrehten. Täglich hörte es Gertie auf ihrem Schulweg in allen Tonarten an ihr Ohr klingen:

»Sapperlot, seht nur das schöne, kleine Mädchen! Sieht es nicht wie ein Engel aus?«

Aber Gertie war zu kindlich, zu harmlos, um durch solche Worte selbstbewußt und stolz zu werden; sie freute sich einfach darüber, daß alle Leute lieb zu ihr waren und sie schön fanden, wie sich etwa ein kleines Mädchen freut, wenn man seine Puppe oder sein Kleidchen lobt.

Wie die beiden Kinder nun Hand in Hand die Straße entlang gingen, um nach dem nur wenige Schritte entfernten großen Park zu gelangen, boten sie ein so harmonisches Bild knabenhafter und mädchenhafter Lieblichkeit, daß sogar der Fleischer an der Ecke, berühmt wegen seiner Grobheit und Unfreundlichkeit gegen Kinder, die er unnützes Unkraut zu nennen pflegte, ihnen aus dem Laden freundlich zunickte, seiner dicken, kinderlos gebliebenen Ehehälfte einen sanften Rippenstoß gab und sagte:

»So was, wenn man hätte, das könnt' einem schon das Leben angenehm machen!«

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