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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVII. Kapitel

Troll nimmt eine Spur auf

Bob ging langsam und ein wenig schleppend, da er wirklich sehr müde war, mit dem Hunde von Frau Krikls Haus nach dem Volksgarten und von da quer durch das Stadtinnere weiter in der Richtung nach dem Stadtpark. Trotz des Hochsommers herrschte lebhaftes Treiben in den Straßen, die Automobile flogen mit ihren bunt geputzten Insassinnen wie die Schmetterlinge dahin, vor den Auslagen der Mode- und Luxusgeschäfte drängten die Menschen, und immer wieder verlor Bob den Hund von seiner Seite, so daß er die Leine aus der Hosentasche zog und sie an Trolls Halsband befestigte. Gerade als er mit dieser Verrichtung beschäftigt war und über den Hund gebückt dastand, rannte ihn ein riesengroßer, hastig vorwärtsstrebender Mann fast nieder, wobei er einen abscheulichen Fluch statt einer Entschuldigung ausstieß. Und in diesem Augenblick knurrte Troll dumpf auf. Seine Haare schienen sich zu sträuben, die Ohren stellten sich senkrecht auf, und er riß so heftig an der Leine, daß Bob fast umgefallen wäre.

»Troll, benimm dich!« rief der Knabe ärgerlich. Aber gegen seine Gewohnheit folgte der Hund nicht, sondern riß weiter, knurrte dumpf und schleifte seinen jungen Herrn an der Schnur hinter sich her.

Bob war verdutzt. Was fiel Troll denn ein? Warum raste er förmlich dahin, was sollte die Aufregung des Tieres bedeuten? Einer instinktiven Eingebung folgend, widerstrebte Bob nicht länger, sondern beschleunigte seine Schritte nach dem Wunsche des Hundes, folgte ihm durch das Gewühl der Menschen, folgte ihm auch, als der Hund in eine Seitengasse einbog, und nun sah er zu seiner Überraschung, daß Troll einfach den Spuren des Mannes nacheilte, der ihn vorhin beinahe umgerannt hätte. Das Gesicht des Mannes sah Bob nicht, hatte es auch bei dem Zusammenstoße nicht gesehen, aber er erkannte den riesigen Kerl sofort an der Gestalt.

Und so gingen sie weiter, etwa zwanzig Schritte hinter dem Unbekannten her. Troll knurrte nicht mehr, aber er hielt die Schnauze dicht an das Straßenpflaster, und als der Verfolgte die Straße querte, ging auch der Hund auf die andere Seite. Jetzt machte der Mann halt und betrat einen Tabakladen. Sofort blieb Troll stehen, wandte sich nach seinem Herrn um und begann dessen linke Rocktasche, ausgiebig niesend, schnaubend zu beschnuppern. Was sollte das wieder? Bob griff unwillkürlich in die Tasche. Richtig, da hatte er ja den Strumpf Gerties, den er immer mit sich herumtrug. Der Hund stürzte sich förmlich mit der Schnauze in den Strumpf hinein, dann tänzelte er vergnügt umher, und schon zog er wieder an. Der Mann hatte den Laden verlassen, ging weiter seines Weges und Troll folgte ihm mit gesenktem Kopf.

Ein eiskalter Schauer streifte den Rücken Bobs. Sein Herz begann bis in den Hals hinein zu schlagen, es sauste in seinen Ohren. Kein Zweifel! Troll nahm die Strumpfspur auf – Troll hatte einen Zusammenhang zwischen dem Riesen und dem Strumpfe gewittert, Troll war auf der Fährte. In wirbelnder Eile schossen die Gedanken im Kopfe des Knaben durcheinander. War das wirklich eine Spur? War es ein Irrtum des Hundes, vielleicht eine Laune nur, hervorgerufen durch den Zusammenstoß vorhin? Aber wie immer dem auch sein mochte, es war zum erstenmal, daß Troll eine Spur aufnahm, und es galt nun dieser Spur zu folgen – schlau, vorsichtig, auf Tod und Leben. Denn unwillkürlich sagte sich Bob, daß es gerade kein Genuß wäre, mit dem Riesenkerl irgendwie in einen Streit zu geraten. Also vorwärts, weiter, dem Manne nach! Die ruhige Straße mündete wieder in eine breite, durch die der Verkehr wogte. Und jetzt geschah etwas, worauf Bob und Troll nicht gefaßt waren. Der Mann vor ihnen sprang mit einem Satz auf einen mächtigen Autobus, der eben seine Fahrgeschwindigkeit verringert hatte. Was tun? Nur einen Augenblick zögerte Bob, dann machte er mit einem Rucke die Leine los, schrie: »Komm', Troll!«, sprang mit Windeseile dem Autobus nach und schwang sich, nachdem er sich glücklich vor dem Überfahrenwerden durch eine Autodroschke gerettet hatte, auf die Plattform des Autobus. Und nun ging die Fahrt in sausendem Tempo vorwärts. Und Troll folgte getreulich mit lang herausgestreckter Zunge.

Auf der Plattform war Bob einen Augenblick stehengeblieben, um die Sachlage zu überblicken. Der Mann war die Treppe hinaufgegangen, um einen Sitzplatz auf dem Verdeck zu ergattern. Das war ganz gut so. Vom Innern des Wagens aus, der in Anbetracht der Hitze fast ganz leer war, konnte er seinerseits den Hund im Auge behalten, anderseits unauffällig hinter dem Manne her sein, falls dieser wieder aussteigen wollte. Je weiter sich der Autobus aus dem Herzen der Stadt entfernte, desto größer wurde seine Fahrgeschwindigkeit, und Bob begann für die Gesundheit Trolls ernstliche Befürchtungen zu hegen. Aber der Hund blieb dicht bei seinem Herrn und sah ihn mit einem Blicke an, der zu sagen schien:

»Nur keine Angst, ich komm' schon mit!«

Glücklicherweise hielt der Autobus nun auch sehr oft, um Fahrgäste aussteigen zu lassen oder aufzunehmen, so daß Troll verschnaufen konnte. Der Autobus verließ das Weichbild der Stadt, flog durch ein stark bevölkertes Wohnviertel, kam dann in eine Gegend, in der man links und rechts nichts als Fabriken und Speicher sah, um schließlich durch eine mit Ahornbäumen bepflanzte Allee in eines der vornehmsten Villenviertel der Stadt zu rollen. Die Fahrt hatte schon zwanzig Minuten gedauert und der Wagen war fast leer geworden, als Bob, der mit glühenden Wangen in dem dumpfen Kasten saß und ununterbrochen nach der Treppe, die zum Oberdeck führte, stierte, endlich wieder den großen Mann mit den plumpen, gelben Schuhen und dem blauen Anzug heruntersteigen sah. Der Knabe duckte sich ganz zusammen, um nicht bemerkt zu werden. Jetzt hatte der Riese die Plattform erreicht, er drehte sich dem Trittbrett zu, und Bob sah ihm, ohne selbst gesehen zu werden, voll ins Gesicht. Blitzschnell zog der Gedanke durch sein Gehirn: »Den Mann kenne ich.« Aber er hatte keine Zeit zum Nachdenken, denn es galt nun, ebenfalls auszusteigen, ohne die Aufmerksamkeit des Verfolgten auf sich zu lenken. Dieser war bei halber Fahrt abgesprungen, stieß mit dem Fuße nach dem Hunde, der sich dicht an ihn herandrängte, und bog sofort in die die Fahrstraße schneidende Querstraße ein. Bob fuhr noch etwa hundert Schritte weiter, dann sprang er geschickt in voller Fahrt ab. Schon war der keuchende Troll an seiner Seite, rasch befestigte Bob die Leine und ließ sich von seinem Hunde dem Manne nachziehen.

Sie hatten nicht lange im glühenden Sonnenbrande zu gehen. Hundert Schritte vor ihnen blieb der Mann stehen, zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, öffnete eine Gittertüre, die in einen Garten führte, und verschwand hinter ihr, ohne sich umzusehen.

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