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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVI. Kapitel

Troll plagt sich vergeblich

Zunächst begaben sich die beiden, Bob und Troll, nach dem Park, wo der Wächter den Hund gebührend bewunderte, dem Gedanken aber, mit Trolls Hilfe eine Spur von dem kleinen Mädchen zu finden, ein wenig kühl und zweifelnd gegenübertrat. Dann besuchte der Knabe mit seinem Hunde Frau Sehring. Gerties Mutter saß in einem Lehnstuhl in der Sonne bei offenem Fenster und sah zu, wie die Pflegerin einer großen, robusten Frau behilflich war, ganze Berge von Wäschestücken in Bündel zu schnüren, in ein großes und in ein kleineres.

Kaum erblickte Frau Sehring den Knaben, als ihr auch schon wieder die Tränen über die eingefallenen schneeweißen Wangen liefen. Zaghaft, verlegen, verzweifelt trat Bob, den Hund am Halsbande führend, zu ihr und sagte: »Dies ist Troll, mein Hund, den ich kaufen durfte. Er ist ein vorzüglicher Polizeihund, und ich will mit ihm Gertie suchen.«

Frau Sehring lächelte unter Tränen.

»Ach, Bobbie, das ist wohl alles vergeblich! Wenn uns Gott im Stiche läßt, so wird uns ein Hund nicht helfen können!«

Inzwischen schwang die robuste Frau das große Bündel auf den Rücken, nahm das kleinere in eine Hand und wollte gehen. Ein schrecklicher Gedanke schoß durch Bobs Kopf. Aufgeregt rief er:

»Was ist in dem Bündel, Frau Sehring?«

»Die schmutzige Wäsche,« erwiderte Frau Sehring.

»Auch die Wäsche Gerties?« schrie Bob ängstlich. Und als Frau Sehring verwirrt »Ja doch, Bobbie, warum schreist du denn so?« erwiderte, sprang er auf die Wäscherin zu, die schon unter der Türe stand, und rief:

»Halt, Sie dürfen noch nicht gehen!« und zu Frau Sehring: »Ich brauche ja Wäschestücke, die Gertie getragen hat; wie soll sonst Troll die Witterung bekommen können?«

Seine Aufregung wirkte ansteckend. Lebhaft, wenn auch mühsam, erhob sich Frau Sehring.

»Hier in diesem kleinen Bündel ist die ganze Wäsche, die Gertie in den zwei oder drei Wochen vor dem Unglück getragen hat. Welches Stück könntest du brauchen?«

Bob überlegte. Sie hatten vor dem verhängnisvollen Tage täglich in glühender Sonne im Park Diabolo gespielt, da mußten naturgemäß die Strümpfe Gerties von dem Hautschweiß am stärksten imprägniert sein. Und richtig – dies waren die weißen Strümpfe, die Gertie erst am Tage vor ihrem Verschwinden getragen hatte, er erkannte sie an dem Loch in Kniehöhe, das einen rostroten Rand aufwies. Sie war gefallen und hatte sich ein wenig das Knie aufgeschunden, so daß der eine Strumpf ein Loch davongetragen hatte. Er nahm also diesen Strumpf und noch ein Taschentuch und ein Hemdchen. Bevor er mit diesen Stücken und Troll abzog, bat er aber noch Frau Sehring und die Pflegerin, seiner Mutter nichts von seinen Plänen zu erzählen. Rasch begab er sich mit dem Hund auf sein Zimmer, legte die Wäschestücke auf den Fußboden und drückte Trolls Schnauze darauf.

»Troll,« sagte er, »mein lieber guter Troll, riech' ordentlich daran und dann such', such', was du nur suchen kannst!«

Es bedurfte aber gar nicht solch inniger Zusprache. Der glänzend dressierte, mit ererbten Instinkten ausgestattete Hund schien sofort zu verstehen, um was es sich handelte; er geriet in Aufregung, stellte die Ohren auf, knurrte unruhig, wühlte ordentlich mit der feuchten Schnauze in den Sachen und sah dann seinen Herrn tatenbereit und erwartungsvoll an. Bob steckte den Strumpf in die Tasche und verließ mit dem Hunde das Haus. Kaum waren sie auf der Straße, als Troll nervös zu suchen begann. Zwei-, dreimal rannte er vor dem Haustor auf und ab, dann senkte er den Kopf und lief geradeaus hinüber in das Miethaus hinein, in dem Gertie gewohnt hatte, und Bob mußte ihn am Halsbande zurückziehen, sonst wäre er die Treppen hinaufgelaufen.

Der Knabe war verzagt und das Weinen war ihm nahe. Was nun? Der Hund hatte die Spur gefunden, wunderbar genug, aber doch nur die Spur, die von Gerties Wohnung zu seinem Hause hinführte! Und damit war nichts gewonnen und nichts getan.

»Troll, komm', das heißt nichts!«

Und wieder schien der Hund zu verstehen, und auch er war enttäuscht und ließ die Ohren hängen.

Sie gingen durch den Park über den Spielplatz. Troll aber nahm keine Spur auf, sondern schnupperte heftig in die Luft und gab nur einen wehklagenden Laut von sich. Erst als sie wieder in der Straße zwischen den beiden Häusern angelangt waren, begann er zitternd zu dem Haustor und hinüber zu dem anderen zu laufen.

Der Tag verging und die Nacht, und der zehnte Tag war gekommen. Bob war nach gründlicher Überlegung und Rücksprache mit Frau Sibylle zu dem Entschlusse gelangt, wieder seine Streifzüge durch die Gärten der Stadt aufzunehmen. Vielleicht weilte Gertie in einem Hause mit anderen Kindern; vielleicht kam eines von diesen in einen Garten; vielleicht witterte Troll die Berührung dieses Kindes mit Gertie. Oder aber es kam ein Kind, das Sachen trug, die Gertie gehörten, was auch im Bereiche der Möglichkeit lag.

»Viele Vielleicht, wenig klare Hoffnungen – aber wir dürfen nichts unterlassen, was auch die geringsten Möglichkeiten bieten kann,« hatte Frau Krikl gesagt. Auch bei ihr war Troll auf volle Sympathie gestoßen, die nach einigem Mißtrauen erwidert wurde. Den frechen Papagei allerdings hatte Troll zuerst furchtbar verbellt, um ihn dann mit Verachtung zu strafen und auf die reichlichen Beschimpfungen und die vielen »Halt's Maul«, die ihm Joko zubrüllte, nicht zu reagieren.

Als Bob eines Tages todmüde, hungrig und ergebnislos mit dem ebenfalls mißgelaunten Hunde heimkam, fand er das Abendblatt mit einem Artikel vor, der die fetten Überschriften trug:

Das Geheimnis der Gertie Sehring.
Verhaftung eines Ehepaares vor
der Einschiffung nach Brasilien.

Am ganzen Körper zitternd, las Bob:

»Es sind volle zehn Tage vergangen, seitdem die zehnjährige Gertie Sehring, ein Kind von auffallender Schönheit, spurlos am hellichten Tage verschwunden ist, und noch immer hat die Polizei die verabscheuungswürdigen Menschenräuber nicht entdecken können. Es muß aber zugegeben werden, daß die Polizei sich alle erdenkliche Mühe gegeben hat, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Sie hat sich mit den Polizeibehörden aller Länder in Verbindung gesetzt, in Tausenden von Exemplaren wurden die Bilder des Mädchens verschickt, so daß heute kein Kriminalbeamter ohne dieses Bild in der Tasche ist. Sie hatte die große Belohnung verdoppelt, die der Fabriksbesitzer Herr Holgerman aussetzte – der Vater des Knaben, in dessen Gesellschaft sich Klein-Gertie zuletzt befand – sie hat alle Schlupfwinkel und Verbrecherspelunken der Stadt durchstöbert. Wurde aber auch Gertie Sehring leider bisher nicht gefunden, so hat die Suche nach ihr der Polizei doch zu einem guten Fange verholfen. Im Hafen zu Liverpool nahm die dortige Polizei ein Ehepaar fest, das gerade im Begriffe war, mit fünf Kindern den Dampfer ›Salvator‹ zu besteigen, der nach Rio de Janeiro bestimmt war. Einem der aufpassenden Kriminalbeamten war es aufgefallen, daß sich die fünf Mädchen, die im Passagebureau, in dem die Karten gelöst worden waren, als Kinder des Ehepaares Avorescu angegeben waren, im nahezu gleichen Alter befanden, woraus hervorging, daß es sich nicht um Geschwister handeln konnte. Das Ehepaar wurde verhaftet, und die fünf Mädchen, alles bildhübsche Dinger zwischen zwölf und, vierzehn Jahren, getrennt einem Verhör unterzogen. Anfangs wollten die eingeschüchterten Mädchen, deren Körper Spuren von Schlägen aufwiesen, nicht mit der Sprache heraus; schließlich als sie sahen, daß man ihnen nichts Böses anhaben wollte, erzählten sie weinend, daß die Avorescus nicht ihre Eltern seien, sondern sie einfach gekauft hätten. Die weitere Untersuchung förderte grauenhafte Einzelheiten zutage. Die Kinder, die teils aus Ungarn, teils aus Slawonien stammten, wurden tatsächlich für einen Schandlohn an die Avorescus verschachert, die die hübschen Mädchen nach Brasilien verfrachten wollten, um sie dort in verrufenen Nachtlokalen als Blumenverkäuferinnen und Tänzerinnen zu verdingen. Wer die Lokal in Rio de Janeiro kennt, weiß aber, daß es sich in Wirklichkeit um viel Ärgeres als um Blumenverkaufen und Tanzen gehandelt hätte. Es wurde festgestellt, daß sich unter den fünf Mädchen Gertie Sehring nicht befindet. Die Kinder wurden von der Kinderschutzgesellschaft übernommen, das elende Ehepaar Avorescu bleibt in Haft und sieht schwerer Bestrafung entgegen.«

Soweit der Zeitungsbericht, den Bob verschlang, ohne ihn in seinen äußersten Andeutungen zu verstehen. Aber er dachte: Dieses Ehepaar hat man nun verhaftet, wer weiß, wieviele andere solche es gibt und wo Gertie heute klagt und jammert!

Immer unruhiger, zerfahrener und bekümmerter wurde Bob. Die Tage kamen und gingen, es war nun schon genau zwei Wochen her, seit mit Gertie die knabenhafte Lebensfreude aus seinem Dasein geschwunden war, und die Hoffnungen, die er an Troll geknüpft hatte, erfüllten sich auch nicht. Vormittags von acht bis gegen ein Uhr, nachmittags von drei bis zum Abend durchstreifte er die Straßen, Gärten und Anlagen mit Troll, immer wieder ließ er ihn den Strumpf und die anderen Wäschestücke Gerties beschnuppern, aber Troll konnte nichts finden. Er wollte, das sah man ganz deutlich, er quälte sich geradezu ab, er schnupperte verzweifelt zwischen Haustor und Haustor umher, aber sobald sie um die Ecke gebogen waren, hatte er keine Witterung mehr und heulte kurz und jämmerlich auf.

Bob begann an Appetitlosigkeit zu leiden, dunkle Ringe lagerten sich um seine schönen braunen Augen, die jetzt streng wie die eines Erwachsenen dreinblickten. Er hatte fast täglich Kopfschmerzen und begann Spuren einer nervösen Gereiztheit zu zeigen, die seine Eltern mit Schrecken und Angst erfüllten, bis das eintrat, an das Bob nur mit Grauen denken konnte. Herr Holgerman bestimmte endgültig den Tag der Abfahrt nach der See. Am fünfzehnten Tage seit dem Verschwinden Gerties sah er seinen Sohn beim Abendessen scharf an, schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte:

»Nun wird es mir zu bunt! Bob sieht einfach jämmerlich aus, nicht wie ein gepflegtes Kind aus gutem Bürgerhause, sondern wie ein unterernährtes Arbeiterkind! In acht Tagen fahren wir an die See, und dort wird sich der Junge hoffentlich erholen und sich die unmöglichen Wünsche aus dem Kopf schlagen.«

Mit einem besorgten Blick auf Bob stimmte Frau Holgermann eifrig zu: »Ich bin mit allen Vorbereitungen fertig, und was Bobbie noch an Matrosenanzügen braucht, bestelle ich morgen.«

Bob aber sagte gar nichts, sah tief schweigend auf seinen Teller nieder, den er hätte leeren sollen, und dachte:

»Es ist ganz merkwürdig! Eltern machen ihren Kindern zum Vorwurf, wenn sie schlecht aussehen. Als wenn man zum Vergnügen blaß wäre und die dummen Kopfschmerzen hätte! Wenn wir aber fortgefahren sind, dann werde ich mich leider nicht erholen, sondern erst recht ganz verzweifelt sein, weil ich dann jede Hoffnung aufgeben muß, Gertie nochmals im Leben wiederzusehen.«

Und er beugte sich über den Teller und führte den Löffel hastig und rasch zum Munde, damit man nicht sehen möge, wie salzige Tropfen aus seinen Augen in die Suppe flossen – –

Am anderen Morgen ging er sehr zeitig, gleich nach dem Frühstück, zu Frau Krikl und jammerte sich bei ihr aus.

»Ich gebe es auf, Tante Sibylle, ich bin zu schwach dazu, nie werde ich Gertie finden, und ich kann auch gar nicht mehr suchen, weil mich meine Füße schon sehr schmerzen und ich immer Kopfweh habe und so müde bin, daß ich mich am liebsten ins Bett legen möchte!«

Frau Krikl erschrak und begann bitterlich zu weinen. Sollte denn des Unglücks kein Ende sein? Das süße, kleine Mädchen, wahrscheinlich längst tot, ihre arme Mutter dahinsiechend, und nun noch dieser mutige, kluge Junge, der dem Jammer seines jungen Herzens zu erliegen drohte!

»Bobbie,« sagte sie, die Tränen trocknend, »laß uns nebeneinander niederknien und beten. Ich bete fast nie, weil ich der Meinung bin, man soll den lieben Herrgott nicht zu viel belästigen, sondern sich das Gebet für die ganz großen Sachen aufheben. Aber ich glaube, daß dies eine Sache ist, für die man beten soll und muß.«

Und die alte Frau, die die Leute eine »Hexe« nannten, und Bob knieten nebeneinander nieder und flehten stumm ihren Herrgott an, jeder auf seine Weise. Frau Krikl mit inbrünstiger Hingebung an den Heiland, Bob verwirrt und durch hundert Nebengedanken abgelenkt, dem lieben Gott tausenderlei Versprechungen machend für den Fall, daß er ihn Gertie finden lassen würde.

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