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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIV. Kapitel

Frau Krikl erzählt weiter

So waren drei Jahre vergangen, als eines späten Abends ein Bote zu Frau Krikl kam, die zurückgezogen und verhärmt wieder bei ihren Eltern lebte, und sie aufforderte, ihm nach einem kleinen, übelbeleumundeten Hotel zu folgen, da dort ihr Kind krank liege. Und wirklich fand dort Frau Krikl ihr kleines Mädchen in verwahrlostem Zustande, abgemagert und fiebernd in der Gasthausküche auf einem zerfetzten Teppich liegend. Vor einigen Wochen war dort Krikl, aus Südamerika heruntergekommen und bettelarm zurückgekehrt, abgestiegen und hatte sich tagelang in der Stadt herumgetrieben, ohne sich um das blasse, kränkelnde Kind zu kümmern, um sich am Morgen des Tages, an dem Frau Krikl geholt worden war, in seinem elenden Zimmer an einem Bilderhaken zu erhängen. Aus einem hinterlassenen Zettel hatten die Wirtsleute den Namen und die Adresse der Mutter erfahren.

Überglücklich schloß Frau Sibylle ihr Kind in die Arme, aber ihr Glück sollte nicht lange währen. Das Kind hatte eine bösartige Lungenentzündung, und der geschwächte kleine Körper konnte die Krankheit nicht überwinden. Nach wenigen Tagen hauchte es in den Armen der Mutter seine mißhandelte Seele aus.

Bald darauf starben auch in rascher Aufeinanderfolge Vater und Mutter der Frau Krikl, die nun allein ihrer Verzweiflung überlassen war. Jahre voll stumpfen Trübsinns kamen, und aus Frau Sibylle entwickelte sich immer mehr ein weiblicher Sonderling, um so mehr, als sie aller materiellen Sorgen enthoben war und keinen Kampf mit dem Leben zu bestehen hatte. Sie war noch nicht vierzig Jahre alt, als Kinder und Dienstmädchen hinter ihr hertuschelten und sich über die »alte Hexe« lustig machten. Aber das Herz der Hexe war nicht vertrocknet wie ihre hagere Gestalt und das gefurchte Gesicht. Immer mehr wandte es sich den Kindern zu, die sie in den Gärten an sich zu locken begann, nur um in fremden Kindern das eigene, verstorbene zu streicheln, und immer in der vergeblichen Hoffnung, daß einmal eines dieser kleinen Wesen, denen sie so gerne Liebes erwiesen hätte, die Ärmchen um sie schlingen und ihr ein gutes Wort geben würde. Aber die Kinder taten dies wahrhaftig nicht. Waren sie arm, so nahmen sie wohl gerne warme Kleider, Schuhe und Wäsche mit einem artigen Knicks entgegen, aber zutraulich wurden sie nicht; ihnen blieb die dürre Person mit der großen Hakennase komisch und auch ein wenig gruselig, und oft genug erlebte sie es, daß Kinder, denen sie Zuckerwerk in das Händchen drückte, ihr nachher die Zunge herausstreckten und ihr »alte Hexe« nachriefen. So war sie wirklich alt geworden, hatte die Sechzig überschritten, lebte ihr einsames, schrullenhaftes Dasein, liebte aber die Kinder nach wie vor, und die Zahl der Kleinen, die von ihr bekleidet und beschenkt wurden, war Legion geworden.

Das ungefähr erzählte Frau Sibylle dem kleinen Jungen, während hinter dem Tuch ihr einziger Lebensgefährte, der Papagei, ab und zu halblaut knurrte und schimpfte, »Hexe« rief und nach der Polizei schrie.

Bob hatte aufmerksam zugehört, immer näher rückte er an die alte Frau heran, um schließlich leise »Sie Arme!« zu sagen und einen Kuß auf die dürre, welke Hand zu drücken. Da weinte sie laut auf, und auch dem Knaben stand das Wasser in den Augen. Und wieder schoß ihm die Gewißheit durch den Kopf, daß das Leben gar nicht so heiter und sorglos sei, wie er es bisher geglaubt, sondern voll schwerer Prüfungen und Qualen, die er in ihrer ganzen Tiefe nur ahnen, nicht aber verstehen konnte.

Doch der Freundschaftsbund zwischen Frau Sibylle und Bob Holgerman war geschlossen und die alte Frau sagte, bevor Bob wegging, sehr feierlich: »Mein lieber Junge, ich bin nur ein altes, dummes Weib, aber was ich tun kann, um dir und deinem kleinen Bräutchen zu helfen, will ich tun, und wenn ich betteln gehen müßte.«

Bob ging nach Hause. Wohl hatte er sich zum zweitenmal schwer blamiert, aber er war doch besseren Mutes. Zum erstenmal war seine Gertie sein Bräutchen genannt worden, und das hob gewaltig sein Selbstbewußtsein, und zugleich stieg in ihm ein warmes, sicheres Gefühl auf, das ihn wieder hoffen ließ. Bevor er sich zu Bette legte, blickte er wieder zum offenen Fenster hinaus, rief einer fallenden Sternschnuppe »Gertie« zu und sagte sich, halb schon im Schlafe: »Gertie lebt, ich weiß es!«

Der nächste Tag ließ sich aber recht unglimpflich an. Schon in aller Herrgottsfrühe war Herr Holgerman angerufen worden, und als er sich an den Frühstückstisch auf der Terrasse setzte, stand ihm die von seiner Frau sehr ungern gesehene Zornesader an der Stirne.

»Bob,« sagte er laut und streng, »nun ist es genug mit den Albernheiten. Eben rief mich der Inspektor von der Kriminalpolizei an und erzählte mir von Dummheiten, die du nun schon zweimal angestellt hast. Er bittet dich dringend, die Hände von solchen Dingen zu lassen.«

Bob war feuerrot geworden und sah so unglücklich auf seinen Teller, daß Herr Holgerman Mitleid mit ihm empfand und etwas weicher fortfuhr: »Es ist ja sehr hübsch von dir, daß du dich um deine arme Freundin so härmst, aber du mußt einsehen, daß du mit deinen dreizehn Jahren nichts ausrichten kannst. Du machst allen möglichen Leuten Ungelegenheiten, und wenn das so weiter geht, wirst du Gegenstand humoristischer Betrachtungen in den Zeitungen werden. Das wäre uns allen wohl sehr peinlich. Übrigens kann ich dir sagen, daß die Polizei, wie mir Herr Crispin versichert, nicht daran denkt, den Fall beiseite zu legen. Sie hat ihr Netz über das ganze Land gespannt, es wurden schon zahllose bedenkliche Individuen ausgeforscht, alle Hafenorte werden überwacht, und wenn Gertie unter den Lebenden weilt, so wird sie schließlich doch noch gefunden werden. Du mußt mir aber jetzt versprechen, Bobbie, daß du nichts mehr unternehmen wirst.«

Entschlossen sah Bobbie seinem Vater aus großen, blitzenden Augen ins Gesicht:

»Nein, Papa, das kann ich dir nicht versprechen, weil ich dich sonst belügen würde! Ich werde vorsichtiger sein, aber ich muß weiter suchen. Jede Stunde muß ich suchen, Papa! Und was sollte ich auch anders tun? Lesen kann ich nicht, weil ich doch immer an Gertie denken muß, und spielen erst recht nicht! Papa, bitte, verlange das nicht von mir!«

Frau Holgerman sagte tadelnd: »Aber Bobbie!« Herr Holgerman wollte auffahren, um energisch gegen solche Unbotmäßigkeit aufzutreten, aber er tat es nicht. Denn ihm gegenüber saß ein Mensch, der nur mehr den Jahren nach ein Knabe war, ein Mensch, der am ganzen Körper bebte, und aus dessen todbleichem Gesicht ein furchtbarer Lebensernst und eiserne Energie sprachen. Und die Blicke der Eltern begegneten sich voll banger Sorge, und sie senkten die Augen und schwiegen und freuten sich im Herzen ihres tapferen, kleinen Jungen.

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