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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X. Kapitel

Bob blamiert sich

Der Hof war menschenleer, und die Leute draußen vor dem Hause waren gerade im Begriffe, mit einem Frauenzimmer ihre Spässe zu treiben, so daß sich niemand um den Jungen kümmerte. Bob hielt den Atem an und ging vorsichtig bis zu der Türe, hinter der der Bursche verschwunden war. Die Glasfüllung bestand wohl ursprünglich aus undurchsichtigem Milchglas, aber es war zerkratzt, so daß sich hier und dort ein Blick in das Innere werfen ließ. Ängstlich sah sich Bob um. Niemand war zu sehen, nur ein altes Mütterchen saß an einem der Hoffenster im zweiten Stock und gab sich irgendeiner Tätigkeit hin. Wieder hätte Bob gern kehrtgemacht; aber nein, er mußte wissen, was hinter jener Türe vorging. Er trat dicht an die Tür, stellte sich auf die Zehenspitzen und preßte das Auge an eine der zerkratzten Stellen. Drinnen war ein Licht angezündet worden, und was Bob nun sah, hätte ihm beinahe einen Schrei entlockt. Der rote Geselle stand über einen Koffer oder eine Kiste gebeugt und zog ein undefinierbares Etwas in die Höhe. War es ein Kleidungsstück oder ein Fetzen? Bob hätte es nicht sagen können. Er sah nur an diesem Ding einen rötlichen Schimmer, einen Schimmer von Blut.

Dem Knaben wurde schwindelig, kalter Schweiß trat auf seine Stirne, die Knie zitterten ihm und das Rückgrat steifte sich vor Angst und Schrecken. Und als noch dazu aus dem geheimnisvollen Raum ein leises Wimmern an das Ohr des Knaben drang, da war es um Mut und Selbstbeherrschung geschehen. Er drehte sich um, lief durch den Hof, rannte vor dem Haustor geradezu in die Gruppe von Männern und Frauen hinein und raste in tollen Sätzen die Straßen entlang, bis er in freundlichere Gegenden kam. Dort erst blieb er stehen, schöpfte tief Atem und überlegte. Rasch zur Polizei, das war sein erster, klarer Gedanke! Dort zu dem Inspektor Crispin, von dem Papa gesprochen hatte, oder zu dem Detektiv Lorensen, der bei ihm gewesen war, und ihnen alles erzählen!

Ja, aber wo war diese Polizei, wo konnte man Herrn Crispin, wo Herrn Lorensen treffen? Die Antwort fand sich sofort, da eben vor Bob ein riesiger Polizist auftauchte, der gähnend und gelangweilt seine Runde machte. Bob ging auf ihn zu, zog höflich die Mütze und fragte, wo wohl die Kriminalpolizei, bei der Herr Crispin sein Amt habe, wäre.

Der Riese sah gemütlich auf den schönen Knaben hinab, strich ihm mit seiner Pranke die vom Schweiß feuchten Locken, nannte ihm die Straße und die Autobuslinie, die ihn geradewegs zum Polizeipräsidium bringen würde, und bemerkte dann:

»Was suchen Sie dort, kleiner Herr? Hat Sie vielleicht ein Kamerad verbeult, den Sie deshalb einsperren lassen wollen?«

Bob zog die Lippen hoch, sah den Schutzmann zwar nicht von oben herab, dafür aber von unten herauf an und sagte, während er den Kopf zurückwarf: »Nein, Verehrtester, mich verbeult kein Junge, und wenn er es täte, so ließe ich ihn nicht einsperren, sondern würde ihn gründlich verdreschen!«

Verwundert sah der Blaurock dem Knaben nach: »Donner noch mal, ein verdammt fixer Junge das, und den Mund auf dem rechten Fleck.«

Es war nicht so einfach, zu dem Inspektor der Kriminalpolizei dieser Millionenstadt zu kommen. Unten vor dem großen, weit ausgedehnten Gebäude stand ein Polizeimann, der Bob kurz angebunden den Weg zu der Abteilung 8 der Kriminalpolizei wies. Dort standen vor der Tür für den Verkehr mit dem Publikum wieder zwei Schutzleute, die den Knaben nach seinem Begehr fragten. Bob hatte aber keine Lust, hier schon mit seinem Geheimnis herauszurücken, sondern erklärte sehr einfach, er müsse den Inspektor, Herrn Crispin, selbst sprechen. Daraufhin durfte er eintreten und dachte nun vor dem großen Herrn zu stehen! Dem war aber nicht so, sondern er kam erst in ein Zimmer, in dem mindestens ein halbes Dutzend Beamte umhersaßen und rauchten, daß die Luft blau war. Bob erklärte abermals, Herrn Crispin persönlich sprechen zu wollen, worauf er endlich nach dem benachbarten Zimmer verwiesen wurde. Hier saß nur ein Herr, aber auch der war nicht der Inspektor, sondern sein Vertreter.

Artig verbeugte sich Bob und begann: »Herr Inspektor Crispin – –«

Der Beamte winkte ab. »Bin ich nicht, was wünschen Sie von ihm?«

»Ich muß ihn persönlich sprechen.«

»Gibt es nicht, könnte jeder sagen. In welcher Angelegenheit?«

Bob warf seine dunklen Locken zurück und sagte, ohne sich einschüchtern zu lassen: »Ich habe Wichtiges wegen der verschwundenen Gertie Sehring auszusagen!«

Der Beamte erinnerte sich, daß der Inspektor außerordentlich an dieser peinlichen Angelegenheit interessiert war, erhob sich, verschwand hinter der mit dunkelgrünem Tuch ausgeschlagenen Doppeltüre und kam gleich wieder mit der einladenden Bemerkung:

»Treten Sie näher, junger Mann, aber fassen Sie sich kurz, der Herr Inspektor hat viel zu tun.«

Der Inspektor schien aber gar nicht so viel zu tun zu haben, sondern er saß breitspurig in einem sehr bequemen Lederstuhl, hielt eine eben erschienene Nummer der »Abendpost« vor sich und las ersichtlich geärgert einen Artikel, der sich wieder mit dem Verschwinden Gerties beschäftigte. Und Bob konnte rasch die rot angestrichenen Zeilen mitlesen:

»Die Unfähigkeit unserer Polizei übersteigt alle Grenzen und wird noch dazu führen, daß Menschenraub am hellichten Tage zu den gewöhnlichsten Dingen gehört.«

Nun aber wandte sich Herr Crispin dem Knaben zu, musterte ihn mit einem scharfen Blick, streckte ihm, von der Anmut des Kindes bewegt, die Hand entgegen und sagte freundlich: Sie sind unzweifelhaft Bob Holgerman, der Sohn des Fabriksbesitzers, der über das Verschwinden seiner armen kleinen Freundin so kluge und klare Auskunft gegeben hat.«

»Jawohl, der bin ich,« erwiderte tief errötend Bob, »und nun will ich Ihnen erzählen, was ich erlebt habe.«

Zuerst ein wenig befangen, dann immer freier, erzählte Bob, wie er den Entschluß gefaßt habe, auf eigene Faust nach Gertie zu forschen, dabei in den Stadtpark gekommen sei und dort den rothaarigen Kerl gesehen und dessen entsetzliche Äußerung über das dicke Mädchen gehört hätte, ihn verfolgt und sein geheimnisvolles Treiben in dem Hofraum beobachtet habe.

Schweigend, aber ersichtlich sehr interessiert hatte Herr Crispin zugehört, drückte nun auf den Taster und gab dem eintretenden Beamten den Auftrag, Wachtmeister Lorensen zur Stelle zu schaffen. Dann zu Bob:

»Mein lieber Junge, Sie sind ein tüchtiger kleiner Kerl, allen Respekt vor Ihrer Energie, aber ich glaube, Sie sind auf dem Holzweg. Meinen Sie wirklich, daß ein Menschenfresser und Kindermörder in einem öffentlichen Garten solche Bemerkungen machen wird? Es sei denn, wir hätten es mit einem Irrsinnigen zu tun, was ja immerhin möglich wäre. Und dann glaube ich an diese Menschenfresserei nicht. Teuer ist es ja bei uns, aber so groß ist die Not nicht, daß man zu Menschenfleisch greifen müßte. Da kommen doch zuerst die Hunde und die Katzen an die Reihe, an denen es bei uns wahrhaftig nicht fehlt. Aber immerhin – natürlich wird der Sache sofort nachgegangen.«

Der Detektiv, oder wie es eigentlich heißt, der Kriminalwachtmeister, Herr Lorensen, trat ein, begrüßte den Knaben und wurde von seinem Vorgesetzten kurz und knapp über das unterrichtet, was Bob erzählt hatte.

»Die Sache ist nun in guten Händen, junger Holgerman, Sie geben Herrn Lorensen die genaue Adresse des verdächtigen Hauses, und er wird sich mit zwei Beamten sofort dorthin begeben.«

Purpurröte überzog das Gesicht Bobs. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß er weder den Namen der Straße noch die Hausnummer wußte. Wie bin ich dumm, dachte er erschreckt, es ist doch nicht so einfach, auf alles aufzupassen. Er faßte sich aber, sah den Chef mit flehenden Augen an und bat:

»Ich bitte sehr, darf ich mitgehen? Es ist vielleicht ganz gut so, denn wer weiß, am Ende hat der Rote jetzt eine Verkleidung, in der man ihn nicht so leicht erkennt.«

Belustigt warf Herr Crispin seinem Beamten einen Blick zu. »Meinethalben gehen Sie mit, mein Junge, aber eines will ich Ihnen sagen: Masken und Verkleidungen kommen gewöhnlich nur in Romanen vor. In Wirklichkeit macht sich der, der einen falschen Bart oder dergleichen trägt, auf den ersten Blick verdächtig und würde wahrscheinlich schon auf der Straße, auch wenn er gar nichts angestellt hat, nur wegen des falschen Bartes verhaftet werden.«

Unten gestand Bob Herrn Lorensen, mit dem er vor den zwei anderen Beamten, die mitgingen, vorausschritt, daß er den Namen der Straße nicht beachtet habe, aber den Weg sicher finden werde. Und richtig waren sie nach kurzer Fahrt mit dem Autobus dorthin gekommen, wo eine Stunde vorher Bob ausgestiegen war. Und nach weiteren zehn Minuten standen sie vor dem häßlichen Hause mit dem finsteren Eingang. Nur daß jetzt niemand unten auf der Straße herumlungerte. Lorensen gab den zwei Polizisten den Auftrag, zurückzubleiben und ihm auf einen Pfiff mit der Polizeipfeife hin zu Hilfe zu eilen. Er ging dann mit Bob durch den engen Korridor über den halbdunklen Hof, in dem es noch immer nicht besser roch. Bob wies auf die Türe mit der Glasfüllung.

»Hier war es.«

Ohne zu zögern, drückte Lorensen auf die verrostete Klinke, und sofort flog die Türe kreischend auf. Ein rasselndes Schnarchen begrüßte sie. Auf einer Matratze lag der Rothaarige und schlief den Schlaf des Gerechten, der etliche Schnäpse zu sich genommen hat. Er erwachte erst, als der Beamte, an den sich Bob nun doch dicht herangemacht hatte, den fast stockfinsteren Raum mit seiner Taschenlampe erhellte.

Mit einem wüsten Aufschrei richtete er sich zuerst halb auf, um dann auf die Füße zu springen.

»Wer ist da, was gibt es?«

»Nichts,« erwiderte Lorensen ruhig, »ich bin nur von der Polizei geschickt, um zu sehen, was Sie da treiben.« Dabei hielt er dem Schlaftrunkenen seine Blechmarke unter die Nase.

»Das geht die Polizei nichts an,« knurrte der, »ich bin ein redlicher Mensch, der sich sein Brot auf ehrliche Weise verdient.«

Lorensen ließ sich aber nicht irremachen. Er entzündete eine halb zerbrochene Petroleumlampe, die auf einem drei viertel zerbrochenen Stuhle stand, und widmete sich sofort dem Inhalt der Kiste, auf die Bob hinwies. Der Beamte beugte sich über die Kiste und zog etwas Haariges, Feuchtes heraus. Mit einer Gebärde des Ekels schleuderte er das Zeug wieder in die Kiste zurück. Was er da ergriffen hatte und was noch in einigen Dutzend Stück in der Kiste lag, war nichts anderes als ein noch blutiges Kaninchenfell. In diesem Augenblick ertönte auch das Quietschen wieder, das Bob vorhin so erschreckt hatte. Ein Blick in die andere Ecke des Raumes erklärte auch diesen Laut. Dort befand sich ein Kaninchenstall, und es war eine hungrige Kaninchenmutter im trauten Kreise ihrer Jungen, die entweder ihrem Unwillen oder ihrem Appetit dadurch Ausdruck gab, daß sie einen quietschenden Laut von sich gab. Im allgemeinen pflegen sich Kaninchen nicht laut zu unterhalten, aber in solch trostloser Umgebung, dicht neben den Fellen ihrer getöteten Rassegenossen, darf man ihnen eine kleine Ausschreitung nicht übelnehmen.

Und nun fand alles rasch seine Erklärung. Der rothaarige Bursche, seines Zeichens ein stellenloser Tischler, züchtete Kaninchen in seiner Stube, schlachtete sie höchst eigenhändig, verkaufte das Fleisch als Hasenbraten und trocknete in der Kiste die Felle, um schließlich auch die an einen Hutmacher für ein geringes zu veräußern. Eine in der Nachbarschaft eingezogene Erkundigung bestätigte diese Aussagen, und mit einer leichthin vorgebrachten Entschuldigung trollten sich Detektive von Beruf und Detektive aus Verzweiflung von dannen. Der Rothaarige aber schüttelte sein rotes Haupt hinter ihnen und seufzte: »Ich möchte nur wissen, wo ich den hübschen Bengel schon einmal gesehen habe.«

Ernüchtert, todmüde, unendlich niedergedrückt und beschämt kam Bob nach Hause und konnte sich gerade noch die Hände waschen, als auch schon Herr Holgerman nach Hause kam und das Abendessen aufgetragen wurde.

Bob zog es jedoch vor, den Eltern nichts von den Erlebnissen des heutigen Tages zu erzählen.

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