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Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer: Bobbie oder die Liebe eines Knaben - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleBobbie oder die Liebe eines Knaben
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 11. bis 16. Tausend
year1926
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX. Kapitel

Bob macht sich selbständig

Bob hatte unterdessen ein Autobus bestiegen und war nach einem im Mittelpunkt der Stadt gelegenen Garten gefahren. Er hatte überlegt und sich gesagt: »Der alte Wächter in unserem Park wird nun aufpassen und das kann nicht schaden. Viel Zweck mag es aber auch nicht haben. Denn es ist nicht anzunehmen, daß der Schurke, der Gertie gestohlen hat, wieder in diesen Park gehen wird. Nein, wenn er andere Kinder rauben will, so wird er sich anderwärts umsehen. Also muß ich alle Gärten der Stadt absuchen.«

Im Stadtpark angelangt, schritt nun Bob bedächtig einher, sah jedem Menschen ins Gesicht und horchte hier- und dorthin. Auf dem Spielplatz blieb er stehen. Auch hier tollten Kinder umher, auch hier herrschte das lustige und aufgeregte Treiben, das immer dort entsteht, wo schulfreie Kinder zusammentreffen, um zu spielen, zu raufen oder auch nur herumzujagen. Bob wurde sehr nachdenklich. Da spielen nun Mädchen und Buben und wissen nicht oder haben es schon vergessen, daß wenige Meilen von ihnen entfernt ein anderes kleines Mädchen am hellen Tage geraubt wurde und jetzt wohl weint und jammert. Professor Brummel hat wohl recht, wenn er immer sagt, daß das Leben nicht heiter, sondern sehr ernst und oft auch sehr häßlich sei. Jäh wurde der Knabe aus seinen pessimistischen Gedanken gerissen. Der Ruf: »Gertie, Gertie, du kommst dran,« ließ ihn zusammenfahren. Das Herz klopfte ihm bis zum Halse hinauf und er schoß dorthin, von wo der Ruf erklungen war. Aber das Mädchen, das im Kreise von anderen ihren Ball schleudern sollte, war wahrhaftig nicht seine Gertie. Ein plumpes, dickes Kind von etwa acht Jahren stand da, machte dumme Glotzaugen und warf seinen Ball so ungeschickt, daß er ins Gras flog. Halb belustigt, halb ärgerlich musterte Bob sie vom Kopf bis zu den Füßen. Wirklich ein grotesker Anblick. Das kleine Mädchen drohte im eigenen Fett zu ersticken, und Bob stellte ingrimmig fest, daß ihre Waden ungefähr den Umfang von der Taille seiner Gertie hätten. Er war aber nicht der einzige, der das kleine Ungeheuer anstaunte. Neben ihm stand plötzlich ein rothaariger Bursche mit frechem Gesicht, schmutzig und schäbig anzusehen, und mit abscheulichen Tätowierungen, die an den Handknöcheln begannen, um sich wahrscheinlich bis zum Oberarm fortzusetzen. Der Bursche schielte noch dazu, und sein breiter Mund, der jetzt grinste, ließ abscheuliche schwarze Zahnstummel sehen. Er bemerkte, wie ihn Bob musterte, und sagte hämisch und breit lachend:

»Das wäre ein so übler Bissen nicht, das Mädel da! Fett genug ist sie, wie ein Ferkel vor der Schlachtung.«

Entsetzt hatte Bob die Worte gehört und ein Grauen beschlich ihn. Wie dieser Kerl von Menschen sprach! Wie roh und widerwärtig er lachte und grinste! Und plötzlich schoß ein furchtbarer Gedanke durch seinen Kopf: Wäre es möglich – Bob erinnerte sich, vor einiger Zeit einmal gesehen zu haben, daß irgendwo in einer Großstadt, in der der Hunger groß war, ein Kind vom Elternhaus fortgelockt und aller Wahrscheinlichkeit nach geschlachtet und gegessen worden war. Brechreiz und furchtbares Angstgefühl stieg in dem Knaben auf. Noch stand der Kerl neben ihm und sagte: »Donnerwetter, so ein Fettkloß, nein, so was!« Dann ging er pfeifend weiter, aber fast unbewußt folgte ihm Bob in einiger Entfernung.

Kreuz und quer schlenderte der Rothaarige durch die Stadt, Bob blieb hinter ihn. Nach einiger Zeit schien der Verfolgte zu fühlen, daß jemand ihm auf den Fersen sei, und sah sich um. Aber Bob war flink, er sprang rasch hinter einen vorbeifahrenden Milchwagen und wurde nicht gesehen. Nun nahm er mit größter Vorsicht die Verfolgung auf, immer bereit, in ein Haustor zu springen, falls der Rothaarige sich wieder umsehen sollte.

Nach etwa einer halben Gehstunde überquerte der Bursche wieder die Straße und nahm nun seinen Weg nach einem häßlichen, verwahrlosten Stadtviertel, von dessen Vorhandensein Bob bisher nichts geahnt hatte. Zerlumpte Kinder spielten auf offener Straße, aus den hohen Häusern drang ein entsetzlicher Geruch, überall hingen aus den Fenstern Wäschestücke, die angeblich, aber nicht ersichtlich gewaschen worden waren; die Frauen, die man hier sah, trugen keinen Hut, sondern Kopftücher, und Gestalten tauchten auf, noch häßlicher und schäbiger als der Rothaarige. Dieser verschwand nun in einem engen Haustor, das so finster war, daß es ihn förmlich verschluckte. Bob wartete atemlos einen Augenblick, dann folgte er. Im Haustor standen Burschen und Männer, die den feingekleideten, schönen Jungen neugierig musterten. Einer lachte derb und wollte Bob mit den Worten: »Na, kleiner Prinz, was machst du denn hier?« bei den Haaren ziehen. Aber Bob sah ihn nur groß an und sagte: »Kümmert Sie nichts«, und folgte den verhallenden Schritten des Rothaarigen. Der war aber nicht die vom finsteren Hausflur rechts aufwärts führende Treppe hinaufgegangen, sondern an ihr vorbei nach einem kleinen Hof, in dem es entsetzlich stank. Bob war ein mutiger kleiner Junge, aber trotzdem pochte sein Herz doch schrecklich und er mußte fest und innig an Gertie denken, um nicht auf und davon zu laufen, sondern dem Burschen nachzuschleichen. Der hatte eine kleine Türe mit einer Glasfüllung, die in den Hof mündete, aufgerissen und war pfeifend in einen Raum getreten.

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