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Bob Singleton

Daniel Defoe: Bob Singleton - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleLeben und Abenteuer des weltbekannten Seeräubers Bob Singleton
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
editorJoseph Grabisch
firstpub1720
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleBob Singleton
pages1-425
created20060713
sendergerd.bouillon
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Wir lagen wegen dieser verschiedenen einfältigen Mißhelligkeiten beinahe fünf Monate fest, worauf ich gegen Ende März mit dem großen Schiffe unter Segel ging, welches vierundzwanzig Kanonen und vierhundert Mann faßte, sowie mit der Schaluppe, die achtzig Mann zählte. Wir hielten uns mehr an der afrikanischen Küste, wo wir wechselnden Wind hatten, bis wir den Äquator passierten. Von da segelten wir nach den Malediven, einer berühmten, allen Seefahrern, welche in diese Weltgegend kommen, wohl bekannten Inselgruppe, und umschifften die Insel Ceylon. Hier lagen wir eine Weile, um auf Beute zu lauern, wir erblickten dort drei große englisch-ostindische Schiffe, welche von Bengalen aus sich auf dem Heimwege nach England befanden oder vielmehr nach Bombay und Surate begriffen waren, wo sie zuvor noch Geschäfte abzumachen hatten.

Wir näherten uns, hißten eine große englische Flagge samt dem Wimpel auf und legten vor ihnen bei, als beabsichtigten wir sie anzugreifen. Sie wußten geraume Zeit nicht, was sie von uns denken sollten, obgleich sie unsere Farben sahen, und ich glaube, daß sie uns im Anfange für Franzosen hielten, als sie aber näher kamen, gaben wir ihnen bald zu erkennen, wer wir waren, denn wir ließen an der Spitze unserer Hauptmarsstange eine schwarze Fahne mit zwei gekreuzten Dolchen wehen, woraus sie sehen konnten, was sie von uns zu erwarten hätten.

Wir entdeckten bald die Wirkung hiervon, denn sie breiteten ihre Flaggen aus und segelten in gerader Linie auf uns zu, als ob sie uns bekämpfen wollten, wobei sie den Wind vom Lande her hatten, der sie uns stark entgegentrieb. Als sie aber sahen, wie stark wir waren, und als sie an uns Kreuzfahrer ganz anderer Art fanden, so machten sie sich mit vollen Segeln wieder auf den Weg. Wären sie herangekommen, so würden wir ihnen einen unerwarteten Willkommengruß gegeben haben, aber so wie die Sache jetzt stand, hatten wir keine Lust sie zu verfolgen und ließen sie daher aus den Gründen, die ich schon früher erwähnte, weiter ziehen.

Aber wenn wir diese auch gehen ließen, so lag es doch nicht in unserm Plan, andere ebenso leichten Kaufs davonkommen zu lassen. Gleich am nächsten Morgen sahen wir ein Schiff, das um das Kap Komorin herumfuhr und in derselben Richtung mit uns steuerte. Wir wußten anfänglich nicht, was wir aus ihm machen sollten, weil es das Ufer auf der linken Seite hatte und, wenn wir förmlich Jagd darauf machen wollten, leicht zu irgendeinen Hafen oder eine Bucht einlaufen und uns entwischen konnte. Um nun dies zu verhindern, entsandten wir die Schaluppe, die sich zwischen das Schiff und das Land stellen sollte. Sobald das Schiff dies merkte, machte es sich immer näher ans Land, und als die Schaluppe ihm entgegenfuhr, segelte es mit der größtmöglichen Eile gerade auf das Ufer zu. Die Schaluppe rückte indes immer näher, griff es an und fand, daß es ein Fahrzeug von zehn Kanonen war, von Portugiesen erbaut, aber in den Händen holländischer Handelsleute und mit Holländern bemannt, die von dem persischen Meerbusen nach Batavia entsandt worden waren, um Spezereien und andere Güter von dort zu holen. Die Mannschaft der Schaluppe nahm es und hatte es bereits durchsucht, noch ehe wir dazu kamen. Es führte einige europäische Waren mit sich, dazu eine gute Summe Geldes und etliche Perlen, so daß, obgleich wir nicht der Perlen wegen in den Golf gingen, die Perlen aus dem Golf zu uns kamen, und wir einen hübschen Schatz hoben. Es war dies ein reiches Schiff, und die Waren hatten, abgesehen von dem Geld und den Perlen, einen sehr bedeutenden Wert.

Wir hielten eine lange Beratung, was wir mit der Mannschaft anfangen sollten, denn wenn wir ihr das Schiff zurückgegeben und erlaubt hätten, ihre Fahrt nach Java fortzusetzen, so würden sie die dortige holländische Faktorei, welche bei weitem die stärkste in Indien ist, aufgeschreckt und es uns unmöglich gemacht haben diesen Weg zu nehmen. Wir beabsichtigten nämlich, diesen Teil der Welt auf unserer Fahrt zu besuchen, waren aber nicht willens, an der großen Bucht von Bengalen nur vorbeizugehen, wo wir vielmehr einen schönen Fang zu machen hofften, und deshalb wäre es uns höchst ungelegen gewesen, wenn man uns den Weg dahin versperrt hätte. Wir mußten durch die Meerenge von Malaga oder von Sunda, und diese beiden Wege konnten uns sehr leicht abgeschnitten werden.

Während wir uns in der großen Kajüte hierüber berieten, besprach unsere Mannschaft dieselbe Sache vor dem Mast, und die Mehrzahl war, wie es schien, dafür die armen Holländer unter die Heringe einzupökeln, das heißt sie alle miteinander in die See zu werfen. Der arme Quäker William geriet darüber in große Not, kam auf mich zu, und sagte zu mir: Höre einmal, was willst du mit diesen Holländern anfangen, die du an Bord hast?

Ich weiß kein anderes Mittel als sie über Bord zu setzen, sagte ich ihm, du weißt, ein Holländer schwimmt wie ein Fisch, und alle unsere Leute hier sind derselben Meinung.

Ich war zwar entschlossen dies nicht geschehen zu lassen, wollte aber doch hören, was William dazu sagen würde.

Gibt es denn keinen andern Ausweg, fragte er, als sie zu ermorden? Ich bin überzeugt, das kann nicht dein Ernst sein.

Nein, in der Tat nicht, William, sagte ich, es ist nicht mein Ernst, aber soviel bleibt gewiß, sie dürfen nicht nach Java kommen und ebensowenig nach Ceylon.

Während William und ich so sprachen, wurden die armen Holländer von der ganzen Schiffsmannschaft zum Tode verurteilt, und die Leute wurden darüber so hitzig, daß sie einen gewaltigen Lärm erhoben, ja sie als hörten, daß William dagegen wäre, schworen einige von ihnen, die Holländer müßten dennoch sterben, und wenn William es nicht zugeben wolle, so würde man ihn mitsamt jenen in die See werfen.

Ich fand, daß es an der Zeit sei meine Macht zu zeigen, bevor sich ihre Blutgier tätlich äußerte. Ich rief daher die Holländer zu mir und sprach ein wenig mit ihnen. Zuerst fragte ich sie, ob sie geneigt wären mit uns zu ziehen. Zwei von ihnen sagten ja, die übrigen vierzehn lehnten ab. Nun gut, sagte ich, wohin wollt ihr sonst?

Sie wünschten nach Ceylon zu gehen. Ich sagte ihnen, ich könnte nicht zugeben, daß sie in eine holländische Faktorei gelangten, und setzte ihnen ganz offen meine Gründe auseinander, deren Triftigkeit sie auch nicht bestreiten konnten. Ich ließ sie auch die grausamen blutigen Pläne unserer Mannschaft wissen, bemerkte aber, daß ich entschlossen sei sie womöglich zu retten, und daher sagte ich ihnen, ich wollte sie in irgendeiner englischen Faktorei in Bengalen ans Land setzen oder einem englischen Schiffe mitgeben, dem ich begegnen würde, aber erst, nachdem ich die Meerenge von Sunda oder Malaga passiert hätte, denn ich würde mir sonst bei meiner Wiederkehr hierher die ganze holländische Macht von Batavia auf den Hals hetzen, ich könnte also durchaus nicht wünschen, daß die Nachricht von dem geschehenen vor mir dorthin gelangte, weil sonst alle ihre Handelsschiffe uns aus dem Wege gehen würden.

Es kam nun zunächst in Betracht, was wir mit dem Schiffe anfangen sollten. Hierüber bedurfte es jedoch keiner langen Beratung, denn es war nur zweierlei möglich: entweder man verbrannte es oder man ließ es auf den Strand laufen, wir wählten das letztere. Wir banden also das Focksegel mit einer Leine an den Katzenkopf, befestigten das Ruder ein wenig an den Steuerbord, damit es dem Hauptsegel entsprach, und ließen es, ohne daß ein Hund oder eine Katze darin gewesen wäre, laufen. Es stand nicht länger als zwei Stunden an, so sahen wir es gerade an der Küste, ein wenig unter dem Kap Komorin, auf den Strand laufen, worauf wir Ceylon umschifften und auf die Küste von Koromandel lossegelten.

In der Bucht selbst stießen wir auf eine große Dschonke, welche zum Hofe des Moguls gehörte, mit sehr vielen Leuten darauf, die wir für Reisende hielten. Wie es schien wollten sie in den Ganges fahren und kamen von Sumatra. Das war ein Fang, um welchen man sich wohl einige Mühe geben konnte, denn wir bekamen hier außer anderen Waren, womit wir uns nicht einmal befassen mochten, und worunter namentlich Pfeffer war, so viel Gold, daß es beinahe unserer Kreuzfahrt ein Ende bereitet hätte, denn fast alle meine Leute sagten, wir wären nun reich genug und wollten wieder nach Madagaskar zurückkehren, allein ich führte noch andere Dinge im Schilde, und als ich mit ihnen sprach und Freund William ebenfalls, so setzten wir ihnen solche goldenen Hoffnungen in den Kopf, daß sie sich bald weiter dazu verstanden mit uns zu ziehen.

Wir steuerten nach Nordnordost und kamen in das Große oder Stille Meer oder die Südsee, wo man sagen kann, daß sie sich mit dem Indischen Ozean vereinige.

Als wir unter vollem nördlichen Kurse in diese Meere kamen, erreichten wir die größte der philippinischen Inseln, wo unser Geschäft seinen Anfang nahm, denn in einiger Entfernung von Manila nahmen wir drei japanische Schiffe weg. Zwei von ihnen hatten ihren Markt gemacht und segelten mit Muskatnüssen, Gewürznelken, Zimt und allen möglichen europäischen Waren, welche die spanischen Schiffe von Acapulco gebracht hatten, heimwärts. Sie hatten zusammen achtunddreißig Tonnen Gewürznelken, fünf oder sechs Tonnen Muskatnüsse und ebensoviel Zimt. Wir nahmen die Spezereien weg, befaßten uns aber wenig mit den europäischen Gütern, da wir sie unserer Beachtung nicht für wert hielten. Aber bald darauf bereuten wir es sehr und wurden für künftige Fälle klüger.

Das dritte japanische Schiff war unser bester Fang, denn es führte Geld und eine große Menge ungeprägten Goldes an Bord, um solche obenerwähnten Waren einzukaufen. Wir machten es um sein Geld leichter, taten ihm aber sonst kein Leid an; und da wir nicht im Sinne hatten uns lange hier aufzuhalten, so segelten wir in der Richtung nach China weiter.

Ich beabsichtigte nach der Insel Formosa zu fahren, wo ich Gelegenheit finden könnte, unsere Spezereien und europäischen Waren in bares Geld zu verwandeln, und dann wollte ich nach Süden umwenden, da die nördlichen Passatwinde sich um diese Zeit wieder einstellen. Sie billigten alle meinen Plan und fuhren bereitwillig weiter, denn abgesehen von den Winden, welche uns vor dem Oktober nicht gestatteten nach dem Süden zu gehen, hatten wir jetzt ein sehr schweres Schiff, welches gegen zweihundert Tonnen Waren, worunter einige sehr wertvolle waren, an Bord führte. Die Schaluppe war ebenfalls ziemlich stark beladen. Wir zogen nun vergnügt weiter und kamen an die Küste von China. Hier befanden wir uns ein wenig in Verlegenheit, denn die englischen Faktoreien waren nicht weit, und wenn wir mit ihnen in Berührung kamen, so konnten wir leicht genötigt werden mit einigen ihrer Schiffe zu kämpfen, was wir, ob wir uns gleich stark genug dazu fühlten, aus mehreren Gründen nicht wünschten, besonders aber, weil es durchaus nicht für unsern Zweck paßte bekannt werden zu lassen, wer wir wären, oder daß man überhaupt Leute unseres Schlages an der Küste gesehen hätte. Gleichwohl waren wir genötigt, uns gegen Norden zu halten und so gut die offene See zu behaupten, als es bei der Nähe der Küste von China möglich war. Wir waren noch nicht lange gefahren, als wir eine kleine chinesische Dschonke auftrieben. Diese nahmen wir weg und fanden, daß sie nach der Insel Formosa bestimmt war, aber außer einigem Reis und einem kleinen Quantum Tee keine Waren an Bord hatte. Dagegen befanden sich drei chinesische Kaufleute darauf, und diese sagten uns, sie führen einem großen Schiffe ihres Landes entgegen, welches, von Tonking zurückgekommen, in einem Flusse auf der Insel Formosa läge. Sie wären im Begriffe mit Seidenstoffen, Musselin, Kattunen und sonstigen chinesischen Erzeugnissen und einigem Gold nach den Philippinen zu segeln und hätten den Auftrag, die Ladung daselbst zu verkaufen und dagegen Spezereien und europäische Güter einzuhandeln.

Dies paßte sehr gut in unsern Plan, zumal da wir entschlossen waren, das Seeräuberhandwerk aufzugeben und Kaufleute zu werden. Wir teilten ihnen daher mit, welche Waren wir an Bord hätten, und daß wir, wenn sie die Ladung, welche sie umzusetzen wünschten, oder ihre Kaufleute auf unser Schiff brächten, Geschäfte mit ihnen machen wollten. Sie erklärten sich nicht abgeneigt mit uns zu handeln, obgleich sie äußerst eingeschüchtert und mißtrauisch waren, was ihnen auch nicht übelzunehmen war, denn wir hatten sie ja bereits ausgeplündert. Auf der andern Seite waren wir ebenso mißtrauisch wie sie und höchst unschlüssig, was wir tun sollten, aber William der Quäker brachte eine Art Tauschhandel zustande. Er kam zu mir und sagte, er glaube, daß die Kaufleute wie ehrliche Menschen aussähen, welche es redlich meinten, und außerdem, fügte er hinzu, ist es ihr eigener Vorteil jetzt ehrlich zu sein, denn da sie wissen, auf welche Weise wir zu den Waren gekommen sind, die wir an sie vertauschen wollen, so wissen sie auch, daß sie auf schöne Prozente rechnen dürften. Überdies erspare es ihnen die ganze Reise, denn da die südlichen Passatwinde noch immer andauerten, so könnten sie, wenn sie mit uns gehandelt hätten, mit ihrer Fracht sogleich nach China zurückkehren.

Wir erfuhren zwar nachher, daß sie nach Japan gehen wollten, aber dies war ganz gleich, denn auf diese Art ersparten sie sich eine Reise von wenigstens acht Monaten.

Aus diesen Gründen nun, meinte William, dürften wir ihnen wohl trauen, denn, ich will mich ebenso gern einem Manne anvertrauen, den sein Vorteil zur Ehrlichkeit gegen mich verbindet, als einem Manne, den seine Grundsätze dazu verpflichten.

Übrigens schlug William vor, wir sollten zwei von den Kaufleuten als Geiseln an Bord behalten, einen Teil unserer Waren auf ihr Fahrzeug laden und den dritten mit denselben in den Hafen gehen lassen, wo ihr Schiff lag. Wenn er dann die Spezereien abgesetzt hätte, so sollte er solche Dinge, über deren Austausch man sich geeinigt hätte, dagegen zurückbringen. Dies wurde beschlossen, und William wagte es mit den Chinesen zu gehen – ein Unterfangen, zu dem ich selbst nicht den Mut gehabt hätte, auch wollte ich es ihm ausreden, allein er blieb fest bei seinem Satze: es sei ihr eigenes Interesse ihn redlich zu behandeln.

Mittlerweile ankerten wir an einer kleinen Insel und begannen für unsern Freund William schon besorgt zu werden, denn sie hatten versprochen in vier Tagen zurückzukommen.

Endlich sahen wir nach Ablauf dieser Zeit drei Schiffe auf uns zukommen. Anfangs waren wir sehr überrascht, da wir nicht wußten, was sie im Schilde führten, und fingen bereits an uns in den Verteidigungszustand zu setzen; als sie aber näher kamen, waren wir bald beruhigt, denn auf dem ersten Schiffe, worauf William fuhr, wehte eine Friedensflagge. In wenigen Stunden ankerten sie, und William kam auf einem kleinen Boote zu uns in Begleitung des chinesischen Kaufmanns und zweier anderer Kaufleute, welche eine Art Unterhändler für die übrigen zu sein schienen.

Er erzählte uns nun, wie höflich man ihm begegnet wäre, wie sie ihn mit aller erdenklichen Freundschaft und Offenheit behandelt und ihm nicht nur den Wert seiner Spezereien und übrigen Waren ausbezahlt sondern auch das Schiff wieder mit solchen Waren beladen hätten, die wir, wie er wisse, einzutauschen wünschten. Nachher hätten sie sich entschlossen, mit dem großen Schiffe den Hafen zu verlassen und bei uns anzulegen, so daß wir mit ihnen Geschäfte machen könnten, welche wir wollten. Er habe ihnen übrigens, fügte William hinzu, in unserm Namen versprochen, daß wir keine Gewalt gegen sie gebrauchen und keines ihrer Schiffe zurückbehalten würden, wenn wir unsere Geschäfte mit ihnen abgeschlossen hätten. Ich erwiderte ihm hierauf, wir wollten uns bemühen, sie an Höflichkeit zu überbieten und die von ihm eingegangenen Verbindlichkeiten aufs strengste zu erfüllen. Zum Beweise dafür ließ ich nun sogleich ebenfalls eine weiße Flagge auf dem Hinterteile unseres großen Schiffes aufpflanzen, welches das verabredete Signal war. Das dritte Fahrzeug, das mit ihnen kam, war eine Art Barke, wie sie in diesen Gegenden gebräuchlich sind. Sie war auf die Nachricht von unsern Handelsabsichten gekommen, um mit uns Geschäfte zu machen, sie enthielt eine Menge Gold und einige Vorräte an Lebensmitteln die uns sehr erwünscht kamen.

Kurz, wir handelten mit diesen Leuten auf der offenen See und boten wirklich einen sehr guten Markt, indem wir ihnen auch die Diebsprozente bewilligten. Wir verkauften hier mehr als sechzig Tonnen Spezereien, hauptsächlich Gewürznelken und Muskatnüsse, und über zweihundert Ballen europäischer Waren, wie Leinwand und Wollsachen. Da indes eine Zeit kommen konnte, wo wir selbst solche Artikel benötigen würden, so behielten wir eine gute Menge englischer Stoffe, Tücher usw. für uns zurück. Doch um mich kurz zu fassen, es genügt zu bemerken, daß sich die Summe, die wir in diesem glänzenden Geschäft erhielten, auf mehr als fünfzigtausend Unzen guten Gewichts belief.

Als wir unsern Tauschhandel beendigt hatten, gaben wir die Geiseln zurück und schenkten den drei Kaufleuten zur Entschädigung für das, was wir ihnen genommen, etwa zwölf Zentner Muskatnüsse und ebensoviel Gewürznelken nebst einem hübschen Geschenk an europäischer Leinwand und anderem Zeug, so daß sie äußerst vergnügt von uns Abschied nahmen. Jetzt erzählte mir William, er habe an Bord des japanischen Schiffes einen japanesischen Priester getroffen, der einige englische Worte mit ihm gesprochen und auf seine Fragen, wo er diese Worte gelernt, ihm die Antwort gegeben habe, es seien in seinem Lande dreizehn Engländer, es könne über ihre Abkunft kein Irrtum sein, da sie sich gegen ihn selbst als Angehörige dieses Landes ausgegeben hätten. Dem Berichte des Priesters zufolge wären sie die einzigen Überreste von zweiunddreißig Mann, welche sich, nachdem ihr Schiff in einer Sturmnacht auf einem großen Felsen gestrandet sei, auf der nördlichen Seite von Japan ans Land gerettet hätten, die übrigen wären alle ertrunken. Man habe sie sehr freundlich aufgenommen, Häuser für sie gebaut, ihnen Land gegeben, damit sie es bepflanzten, und jetzt lebten sie unter ihnen.

Er sagte, er gehe häufig zu ihnen, um sie zu überreden, den Gott der Japaner anzubeten, vermutlich einen Götzen, den sie selbst gemacht, was sie aber undankbar verweigerten.

Ich fragte William, warum er sich nicht erkundigt hätte, woher sie gekommen wären. Ich tat es, entgegnete er, denn wie konnte ich es anders als höchst auffallend finden, ihn von Engländern auf der nördlichen Seite von Japan sprechen zu hören?

Gut, sagte ich, und welche Auskunft gab er dir darüber?

Eine Antwort, versetzte William, welche dich und alle Welt nach dir, die es zu hören bekommt, in Erstaunen setzen wird und mich zu dem Wunsche veranlaßt, du möchtest nach Japan segeln und sie aufsuchen. Hier, sagte er weiter, indem er ein kleines Buch herauszog, worin auf einem Stückchen Papier von englischer Hand deutliche englische Worte geschrieben standen, hier, ich habe es so bekommen: »Wir kamen von Grönland und vom Nordpol«.

Dies setzte uns wirklich alle in das höchste Erstaunen und besonders diejenigen von unsern Matrosen, welche von den endlosen Versuchen wußten, die von Europa aus, sowohl von Engländern als von Holländern, gemacht worden sind, um eine Straße von dort aus in jene Weltgegend zu entdecken. Da nun William ernstlich darauf drang die Nordküste zu besuchen, um diese armen Leute zu befreien, so gelang es ihm auch die Schiffsmannschaft für seinen Plan zu gewinnen, und wir faßten einstimmig den Beschluß, in Formosa ans Land zu gehen, um diesen Priester aufzusuchen und über die weiteren Umstände Nachrichten einzuziehen. Daraufhin segelte die Schaluppe sogleich fort, aber als sie dahin kam, waren die Schiffe schon wieder abgefahren. Dies machte unsern Nachforschungen ein Ende und brachte die Menschheit vielleicht um eine der größten Entdeckungen, welche jemals in der Welt zum Besten des ganzen Menschengeschlechts gemacht worden sind oder noch gemacht werden können.

William war so verdrießlich über die Vereitelung dieses Planes, daß er ernstlich in uns drang, nach Japan zu segeln, um diese Leute ausfindig zu machen. Er sagte uns, wenn es sich auch um weiter nichts handelte als dreizehn arme ehrliche Teufel aus einer Gefangenschaft zu befreien, aus der sie sonst keine Erlösung zu erwarten hätten, und wo sie vielleicht früher oder später von den barbarischen Einwohnern im Interesse ihres Götzendienstes ermordet würden, so wäre dies schon eine lohnende Mühe, und wir könnten dadurch einigermaßen das Unheil wieder gut machen, das wir in der Welt angerichtet hätten. Allein wir, denen unsere Missetaten durchaus nicht schwer auf dem Herzen lasteten, ließen es uns noch weniger einfallen, zur Sühnung derselben etwas Gutes tun zu wollen, und er fand, daß Redensarten dieser Art bei uns sehr wenig fruchteten. Sodann drang er aufs ernstlichste in uns, wir möchten ihm die Schaluppe überlassen, damit er selbst hinfahren könne, worauf ich ihm erklärte, daß ich ihm nicht im Wege sein wolle; als er aber auf die Schaluppe zu sprechen kam, wollte niemand von der Mannschaft mit ihm gehen. Dies war auch ganz natürlich, sie hatten ihren Anteil an den Gütern auf dem großen Schiffe sowohl als an denen in der Schaluppe, und der Wert derselben war so groß, daß sie unter keinen Umständen das Schiff verlassen wollten, und so sah sich denn der arme William zu seinem großen Schmerze genötigt seinen Plan aufzugeben.

Wir waren jetzt am Ende unserer Kreuzfahrten und hatten so bedeutende Schätze erobert, daß selbst das habgierigste, unersättlichste Gemüt von der Welt sich damit zufrieden geben konnte, wie denn auch unsere Leute erklärten, daß sie jetzt nichts weiter wünschten. Wir hatten daher für nichts mehr zu sorgen, als den Rückzug anzutreten und zwar eine solche Richtung zu nehmen, daß von den Holländern in der Meerenge von Sunda kein Angriff zu besorgen stand.

Wir nahmen unsere Richtung nach Süden, jedoch dabei etwas westlich, bis wir den südlichen Wendekreis passierten, wo wir die Winde wechselnd fanden, und nun segelten wir geradezu gen Westen und fuhren so gegen zwanzig Tage fort, bis wir gerade vor uns und auf der Backbordseite Land entdeckten. Wir steuerten auf das Ufer los, da wir im Sinne hatten, jetzt alle Gelegenheiten zu ergreifen, um uns mit frischen Mundvorräten und Wasser zu versehen, denn wir wußten, daß wir jetzt in den unermeßlichen unbekannten Indischen Ozean gerieten.

Wir fanden hier eine gute Rheede und einige Leute am Ufer, als wir aber landeten, flohen sie ins Innere und wollten durchaus nicht in Verkehr mit uns treten oder uns näher kommen, sondern schossen bloß mehrmals nach uns mit Pfeilen, so lang wie Lanzen. Wir pflanzten als Friedenszeichen weiße Flaggen auf, aber entweder verstanden sie uns nicht oder wollten uns nicht verstehen, denn sie schossen im Gegenteil mehrmals mit ihren Pfeilen auf unsere Friedensflagge, so daß wir ihnen nicht näher kamen.

Es ist wahr, sie kamen uns nicht nahe genug, daß wir sie hätten angreifen können, wenigstens nicht offen, doch näherten sie sich so weit, daß wir sie sahen und mit Hilfe unserer Gläser auch merkten, daß sie bekleidet und bewaffnet waren, daß aber ihre Kleider nur die unteren und mittleren Teile des Körpers bedeckten, ferner daß sie lange Lanzen wie Halbpiken in ihren Händen hatten und überdies Bogen und Pfeile, endlich daß sie auf ihren Köpfen sehr hohe Aufsätze trugen, die unserer Ansicht nach aus Federn bestanden und beinahe aussahen wie die Kolpacke[hohe Pelzmützen] unserer Grenadiere in England.

Da sie so scheu waren und sich durchaus nicht nähern wollten, begannen unsere Leute auf der Insel nach Rindvieh, nach irgendeiner indischen Niederlassung, nach Früchten oder Pflanzen zu suchen; sie lernten aber bald einsehen, daß sie vorsichtiger zu Werke gehen müßten, und daß es notwendig sei, jeden Busch und jeden Baum zu untersuchen, ehe sie sich weiter ins Land wagten. Auf ihrem Rückwege kamen sie an dem ungeheuren Stamme eines alten Baumes vorbei – was für ein Baum es gewesen, konnten sie nicht angeben, aber er stand da wie eine alte verwitterte Eiche in einem Park, hinter der die Jäger in England gern auf die Hirsche lauern. Außerdem befand er sich gerade unter der steilen Seite eines großen Felsens oder Hügels, so daß unsere Leute nicht wissen konnten, was noch mehr in der Nähe war.

Als sie an diesem Baume vorbeikamen, wurden ihnen auf einmal vom Gipfel desselben herab sieben Pfeile und drei Lanzen nachgeschossen, die zu unserm großen Leidwesen zwei von unsern Leuten töteten und drei andere verwundeten. Die unsrigen waren um so mehr überrascht, weil sie ganz schutzlos und so nahe an den Bäumen waren, daß sie jeden Augenblick noch mehr Lanzen und Pfeile erwarten konnten, die Flucht hätte ihnen also hier nichts geholfen, da die Insulaner gute Schützen zu sein schienen. In dieser äußersten Not hatten sie glücklicherweise die Geistesgegenwart, sich unmittelbar unter den Baum zu begeben und sich dicht unter denselben zu stellen, so daß die Leute oben sie nicht erreichen oder deutlich genug sehen konnten, um ihre Lanzen nach ihnen zu werfen. Dies wirkte und gab ihnen Zeit zu überlegen, was sie zu tun hätten. Sie wußten, daß ihre Feinde und Mörder oben waren, sie hörten sie sprechen, und denen auf dem Gipfel war ihre Anwesenheit gleichfalls nicht verborgen, weshalb die unten befindlichen, um nicht von den Lanzen getroffen zu werden, sich dicht am Stamme halten mußten. Endlich glaubte einer von unsern Leuten, der sich etwas genauer umsah als die übrigen, den Kopf eines Indianers auf einem abgestorbenen Ast des Baumes, auf welchem er zu sitzen schien, zu entdecken. Sogleich feuerte einer hinauf und zielte so richtig, daß der Schuß dem Burschen durch den Kopf ging, und er urplötzlich vom Baume herabstürzte und zwar wegen der ungeheuren Höhe mit solcher Gewalt, daß er gewiß zerschmettert worden wäre, wenn ihn nicht schon der Schuß getötet hätte.

Dies erschreckte sie dermaßen, daß unsere Leute außer dem garstigen heulenden Getöse auf dem Baume noch ein sonderbares Geräusch im Innern demselben vernahmen, woraus sie schlossen, daß der Baum hohl war, und die Insulaner sich in demselben versteckt hatten. In diesem Falle konnten sie sicher vor unsern Leuten sein, denn unmöglich hätte einer von außen am Baume hinaufsteigen können, da keine Äste da waren, um ihn zu erklimmen. Eine Beschießung des Baumes führte gleichfalls zu nichts, denn einige Versuche belehrten sie, daß der Holzkörper noch zu dick war, um eine Kugel durchdringen zu lassen. Indes zweifelten sie nicht daran, daß sie ihre Feinde in einer Falle hätten, und daß sie durch eine kleine Belagerung dieselben entweder herabholen oder aushungern könnten. Sie beschlossen daher, ihren Posten zu behaupten und uns um Hilfe anzugehen. In dieser Absicht kamen zwei von ihnen zu uns und drückten besonders den Wunsch aus, daß einige von unsern Zimmerleuten mit ihren Werkzeugen kommen möchten, um ihnen den Baum umhauen zu helfen oder wenigstens soviel Holz zu fällen, daß sie ihn anzünden könnten, denn dies müßte sie unfehlbar herausbringen.

Unsere Leute machten sich daher wie eine kleine Armee auf den Weg und trafen gewaltige Vorbereitungen zu einer förmlichen Belagerung des Baumes. Als sie indes ankamen, fanden sie die Aufgabe schwierig genug, denn der alte Stamm war wirklich sehr dick, wenigstens zweiundzwanzig Fuß hoch, und in der Krone standen nach allen Seiten sieben alte Äste heraus, die jedoch abgestorben waren und nur sehr wenig Laub hatten.

William der Quäker, den seine Neugierde veranlaßte das Belagerungsheer zu begleiten, schlug vor, sie sollten eine Leiter machen, mittels derselben die Krone besteigen und griechisches Feuer in den Baum werfen, um die Wilden durch Rauch zu ersticken. Andere meinten, man sollte zurückgehen und eine große Kanone aus dem Schiffe holen, welche mit ihren eisernen Kugeln den Baum in Stücke zertrümmern würde, wieder andere waren der Meinung, man sollte Holz hauen, dasselbe um den Baum herum aufschichten, sodann anzünden und den Baum samt den darin befindlichen Eingeborenen verbrennen.

Diese Beratungen hielten unsere Leute nicht weniger als zwei oder drei Tage auf, in welcher ganzen Zeit sie von der vermeintlichen Garnison in dieser hölzernen Festung nicht das mindeste Geräusch oder Lebenszeichen hörten. Williams Vorschlag wurde zuerst versucht und eine große starke Leiter gemacht, um den hölzernen Thron zu ersteigen. Zwei oder drei Stunden wären für das ganze Werk ausreichend gewesen, aber auf einmal ließ sich das Getöse der Insulaner im Innern des Baumes wieder vernehmen, und bald darauf erschienen mehrere derselben in der Krone und warfen einige Lanzen auf unsere Leute herab, die eine traf einen unserer Matrosen gerade auf die Schulter und versetzte ihm eine so gefährliche Wunde, daß unsere Chirurgen nicht nur große Mühe hatten ihn wieder herzustellen, sondern der arme Mann auch so schreckliche Schmerzen aushalten mußte, daß wir alle wünschten, er wäre gleich tot gewesen. Gleichwohl wurde er dennoch wieder hergestellt, erhielt aber nie mehr den vollkommenen Gebrauch seines Armes, da die Lanze ihm einige obere Sehnen nahe an der Schulter abgeschnitten hatte, von denen wahrscheinlich die Bewegung dieses Gliedes abhing, so daß der unglückliche Mann auf Lebenszeit ein Krüppel war. Um jedoch zu den verzweifelten Schuften im Baume zurückzukehren, so schossen unsere Leute auf sie, konnten aber nicht bemerken, daß irgendeiner von ihnen getroffen wurde, denn sobald wir hinaufgeschossen hatten, hörten wir, wie sie wieder in den Stamm des Baumes hinabrutschten, und darin waren sie gewiß sicher.

Diese Erfahrungen sprachen gegen Williams Plan mit der Leiter, denn wenn er auch zur Ausführung kommen sollte, wer hätte sich wohl unter einen solchen Haufen Burschen gewagt, die, wie man sich denken konnte, durch ihre Lage zur Verzweiflung gebracht waren. Da vollends immer nur ein Mann nach dem andern hinaufgehen konnte, so zweifelten wir mehr und mehr an der Ausführbarkeit dieses Planen und ich selbst, denn ich war um diese Zeit ebenfalls herbeigekommen, war der Meinung, das Hinaufsteigen auf der Leiter würde zu nichts führen, außer wenn ein Mann sich gerade auf den Gipfel hinaufbegäbe, einiges Feuerwerk in den Baum würfe und dann wieder herabkäme. Dies taten wir auch zwei oder dreimal, verspürten aber keine Wirkung. Endlich machte einer unserer Kanoniere einen Stinktopf, der bloß raucht, ohne zu flammen oder zu brennen, dessen Rauch aber so dick und dessen Geruch so unerträglich ekelhaft ist, daß man es unmöglich dabei aushalten kann. Er warf ihn selbst in den Baum, und wir warteten auf den Erfolg, hörten oder sahen aber diese ganze Nacht sowie am folgenden Tage nichts. Wir glaubten daher schon, die Leute müßten alle erstickt sein, als wir sie auf einmal in der nächsten Nacht wieder auf dem Gipfel des Baumes wie Wahnsinnige schreien hörten.

Wir hielten dies, wie wohl jedermann gedacht hätte, für einen Notruf und beschlossen die Belagerung fortzusetzen, denn wir waren wütend, uns von einigen Wilden, die wir ganz sicher in unsern Klauen zu haben glaubten, dermaßen geneckt zu sehen, und wirklich kamen so viele Umstände zusammen, um uns zu täuschen. Gleichwohl beschlossen wir es in der nächsten Nacht mit einem zweiten Stinktopf zu versuchen, und unser Ingenieur hatte ihn bereits fertig gemacht, als wir auf der Spitze des Baumes und im Innern desselben ein neues Getöse des Feindes hörten, weswegen ich nicht willens war, den Kanonier die Leiter hinaufsteigen zu lassen, weil ich meinte, er würde ganz gewiß gemordet werden. Indes fand er ein Hilfsmittel, nämlich er wollte nur wenige Sprossen hinaufgehen und mit einem langen Haken in der Hand den Stinktopf auf den Gipfel des Baumes werfen. Als aber der Kanonier mit seiner Maschine an dem Ende seines Hakens, von drei Mann begleitet, die ihm helfen sollten, zu dem Baume kam, siehe da war die Leiter, die sonst immer an dem Stamme lehnte, verschwunden.

Dies brachte uns gänzlich aus der Fassung, und wir vermuteten jetzt, die Insulaner hätten diese Fahrlässigkeit benutzt und wären sämtlich an der Leiter herabgeklettert und mit derselben auf und davon gegangen. Ich verlachte daher recht herzlich meinen Freund William, der, wie gesagt, die Leitung der Belagerung übernommen hatte und eine Leiter angelegt hatte, damit die Garnison des Baumes daran herabsteigen und entlaufen könnte. Als indes der Tag anbrach, wurden wir besser berichtet, denn wir sahen jetzt unsere Leiter auf dem Gipfel des Baumes, so daß ungefähr die Hälfte davon in der Höhlung stak, die andere Hälfte aber aufrecht in die Luft hinausragte. Jetzt fingen wir an über die Torheit der Insulaner zu lachen, die ebensoleicht an der Leiter hätten herabsteigen und auf diese Art entfliehen können, als dieselbe mit so großer Kraftanstrengung auf den Baum hinaufzuziehen.

Wir entschlossen uns nunmehr zum Feuer, um der Sache mit einem Male ein Ende zu machen, und wollten den Baum samt seinen Inwohnern verbrennen. Zu diesem Ende machten wir uns an das Geschäft Holz zu hauen, und glaubten nach wenigen Stunden genug zu haben. Wir schichteten es um die Wurzeln des Baumes herum, zündeten es an und warteten in einiger Entfernung, um zu sehen, ob die Herren, denen ihr Quartier bald zu heiß werden mußte, auf den Gipfel heraufkommen würden, um zu fliehen. Aber wir verwunderten uns höchlich, als wir auf einmal das ganze Feuer durch eine große Menge Wasser, welches herabgeschüttet wurde, ausgelöscht sahen. Jetzt dachten wir, der Teufel selbst müsse in diesen Burschen stecken. William sagte: Das ist gewiß das schlaueste Stückchen von Ingenieurkunst, wovon man jemals gehört hat, und wenn man keine Hexerei oder Gemeinschaft mit dem Teufel annehmen will, woran ich jedoch kein Wort glaube, so ist es ein künstlicher Baum, oder ein natürlicher Baum, den man auf künstliche Weise bis in den Boden hinab durch die Wurzeln hindurch inwendig hohl gemacht hat, diese Leute müssen eine künstliche Höhlung unter der Erde haben, ganz bis in den Hügel hinein, oder einen Weg, auf welchem sie den Hügel hindurch und unter demselben hin nach irgendeinem andern Platze gehen können; wo aber dieser Platz ist, wissen wir freilich nicht, übrigens wird es nur unsere eigene Schuld sein, wenn wir nicht, bevor wir zwei Tage älter geworden, denselben ausfindig gemacht haben und ihnen bis ins Innere gefolgt sind.

Sodann rief er den Zimmerleuten zu und fragte sie, ob sie einige große Sägen hätten, um den Baum zu durchsägen, worauf sie erwiderten, daß sie mit keiner versehen wären, welche die erforderliche Länge hätte, auch würde man an dem ungeheuren alten Stamme die Arbeit nicht lange fortsetzen können, sie wollten es aber mit ihren Äxten versuchen, ob sie ihn in zwei Tagen niederhauen und dann in zwei andern Tagen die Wurzel ausroden könnten. William war indes für einen andern Versuch, der sich weit besser bewährte als all dies, denn es verlangte eine geräuschlose Arbeit, um womöglich einiger dieser Burschen im Baume selbst habhaft zu werden. Er beauftragte daher zwölf Mann, mit langen Bohrern große Löcher von der Seite in den Baum zu bohren. Diese Löcher wurden ohne Geräusch gebohrt, und als sie fertig waren, füllte er sie mit Pulver, stopfte starke Stöpsel und Querstangen hinein, bohrte sodann ein schiefes Loch von kleinerem Umfang in das größere, füllte alle mit Pulver aus und zündete die Zündröhrchen gleichzeitig an. Dies verursachte einen solchen Knall und zerriß und zersplitterte den Baum an so vielen Stellen, daß wir deutlich einsahen, ein zweiter Blitzschlag dieser Art würde ihn gänzlich zertrümmern. Wir machten uns daher sogleich aufs neue ans Werk. Das zweitemal konnten wir an zwei oder drei Stellen die Hände hineinlegen und entdeckten den ganzen Betrug: durch den Boden des hohlen Baumes war nämlich ein Loch in die Erde gegraben, das die Verbindung mit einer natürlichen Erdhöhle vermittelte, in welcher wir mehrere von diesen Wilden sprechen und sich zurufen hörten.

Als wir soweit waren, hatten wir große Lust sie anzugreifen, und William wünschte, man möchte ihm drei Mann mit Handgranaten geben, indem er sich anheischig machte zuerst hinabzusteigen, was er auch kühnen Mutes ausführte, denn man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er das Herz eines Löwen besaß.

Wie sie aber zuvor den Insulanern mit ihren Stinktöpfen selbst eine Lehre gegeben hatten, so zahlten jetzt die Insulaner ihnen dieselbe nach ihrer eigenen Weise wieder heim, denn sie ließen aus dem Eingange der Höhle einen solchen Rauch hervorqualmen, daß William und seine drei Mann froh waren wieder aus dem Baume herauszukommen, da sie kaum mehr zu atmen vermochten und bei dieser unfreundlichen Begrüßung beinahe erstickt wären.

Nie wurde eine Festung besser verteidigt, oder die Belagerer auf mannigfaltigere Art zurückgeschlagen, weshalb wir willens waren den Plan aufzugeben. Ich rief William beiseite und sagte ihm, man könne sich nichts Lächerlicheres denken, als daß wir unsere Zeit hier für nichts und wieder nichts vergeudeten, denn ich sähe durchaus nicht ein, was wir hier zu schaffen hätten; so viel läge auf der Hand, daß die Schurken in der Höhle im äußersten Grade verschlagen wären, und es wäre ein höchst widerwärtiger Gedanke, sich von ein paar nackten unwissenden Burschen auf diese Art geneckt zu sehen, jedenfalls wäre es nicht der Mühe wert die Sache weiter zu treiben, ich wüßte wenigstens nicht, was uns die Eroberung, wenn wir sie auch wirklich machten, helfen sollte, es wäre daher gewiß an der Zeit die Belagerung aufzugeben.

William gab mir hierin recht und sagte, daß allerdings bei diesem Versuche nur unsere Neugierde eine Befriedigung zu erwarten hätte, und daß er, so gerne er der Sache näher auf den Grund gegangen wäre, doch nicht darauf bestehen wolle, worauf wir beschlossen aufzubrechen, was wir auch taten. Ehe wir jedoch gingen, sagte William, er wünschte wenigstens die Befriedigung zu haben, den Baum gänzlich zu verbrennen und den Eingang in die Höhle zu verstopfen. Während er damit beschäftigt war, erklärte ihm der Kanonier, er möchte sich auch gern an den Schuften rächen, er wolle daher eine Mine aus der Höhle machen, um zu sehen, auf welcher Seite sie sich Luft machen würde. Er holte zu diesem Ende zwei Tonnen Pulver aus den Schiffen, stellte sie innen in die Höhle hinein, soweit er es für gut fand sich vorzuwagen, füllte sodann die Mündung des Loches, wo der Baum gestanden hatte, aus, stampfte die Ladung gehörig fest, setzte eine Zündröhre ein, legte Feuer an und stellte sich in einige Entfernung, um zu beobachten, nach welcher Seite es wirken würde. Da sah er auf einmal die Gewalt des Pulvers sich unter einigen Büschen auf der andern Seite des schon erwähnten kleinen Hügels Luft machen, indem es daselbst wie aus der Mündung einer Kanone hervorkrachte. Wir eilten sogleich dahin und besahen die Wirkung des Pulvers.

Fürs erste entdeckten wir, daß hier die andere Mündung der Höhle war, welche das Pulver so zerrissen und geöffnet hatte, daß die lockere Erde wieder hineingefallen war und ihre Gestalt nicht deutlich erkannt werden konnte; wir gewahrten aber auch, was aus der Garnison geworden war, die uns alle diese Mühe gemacht hatte: die einen hatten keine Arme, die andern keine Beine, wieder andere keine Köpfe mehr, andere lagen halb begraben in dem Schutt der Mine, das heißt in der lockeren Erde, welche hineingefallen war. Kurz, wir hatten eine jammervolle Verheerung unter ihnen angerichtet und konnten mit gutem Grunde annehmen, daß kein einziger von ihnen, so viele sich auch darinnen befunden hatten, entronnen war, sondern daß sie alle aus der Mündung der Höhle wie eine Kugel aus einer Kanone herausgeschossen worden waren.

Wir hatten jetzt volle Rache an den Insulanern genommen, im ganzen aber doch nichts gewonnen, denn wir zählten drei Tote, ein Mann war ganz zum Krüppel geworden und fünf andere verwundet, wir hatten zwei Tonnen Pulver und elf Tage Zeit aufgewendet, und dies alles, bloß um zu erfahren, wie man in einem hohlen Baume garnisoniert. Und mit dieser teuer erkauften Aufklärung verfügten wir uns wieder auf unser Schiff, nachdem wir nötiges frisches Wasser eingenommen, jedoch keine frischen Lebensmittel bekommen hatten.

Wir überlegten nun, was wir zu tun hätten, um nach Madagaskar zurückzukommen. Wir waren etwa in der Breite des Kaps der guten Hoffnung, hatten aber einen langen Weg und konnten so wenig mit Bestimmtheit auf gute Winde oder auf einen Landungsplatz rechnen, daß wir nicht wußten, was wir anfangen sollten. William war auch in diesem Falle wieder unser einziger Ratgeber und setzte uns seine Meinung deutlich auseinander. Freund, sagte er zu mir: Warum willst du dich der Gefahr des Verhungerns aussetzen? Etwa um dann sagen zu können, du seiest in Gegenden gewesen, wohin vor dir noch niemand gekommen? Es gibt eine Menge Plätze, weit näher der Heimat, von denen du mit weniger Gefahr dasselbe sagen kannst. Ich sehe nicht ein, warum du dich noch länger südlich halten willst, als bis du dich versichert hast, daß du am westlichen Ende von Java und Sumatra bist; dann kannst du dich nördlich gegen Ceylon an die Küste von Koromandel oder Madras wenden, wo du sowohl frisches Wasser als auch frische Lebensmittel bekommen kannst – bis dahin werden wir wahrscheinlich mit unserm jetzigen Vorrat wohl ausreichen.

Dies war ein vernünftiger Rat, den man nicht von der Hand weisen durfte. Wir verproviantierten uns für unsere Fahrt und fuhren guter Dinge auf die Küste von Ceylon zu, wo wir anzuhalten gedachten, um wieder frisches Wasser und noch einigen andern Mundvorrat einzunehmen.

Wir legten an der südlichen Küste der Insel an, da wir mit den Holländern so wenig wie möglich in Berührung kommen wollten. Auf der Küste hatten wir auch ein kleines Scharmützel mit Insulanern, da etliche von unsern Leuten einige derselben mißhandelt hatten.

Ich konnte nicht genau von ihnen herausbringen, was sie eigentlich getan hatten, denn sie ließen einander bei ihren schlechten Streichen niemals im Stich, nur so viel merkte ich, daß sie irgend etwas Barbarisches ausgeführt haben mußten, was sie aber auch beinahe teuer gebüßt hätten, denn die Insulaner waren aufs höchste erbost und sammelten sich in solcher Anzahl um sie, daß es, wären nicht sechzehn der unsrigen in einem andern Boot gerade im rechten Augenblicke noch abgefahren, um jene, die nur elf an der Zahl waren, mit bewaffneter Hand zu befreien, offenbar um sie geschehen gewesen wäre. Es hatten sich nämlich nicht weniger als zwei- bis dreihundert Eingeborene gegen sie zusammengeschart, sämtlich mit Pfeilen und Lanzen, den gewöhnlichen Landeswaffen, in deren Führung sie eine beinahe unglaubliche Fertigkeit besaßen, ausgerüstet. Und wären unsere Leute stehen geblieben, um sie zu bekämpfen, wie einige von ihnen vorzuschlagen die Kühnheit besaßen, so würden sie alle überwältigt und getötet worden sein. Aber auch bei der günstigeren Wendung der Dinge wurden siebzehn von ihnen gefährlich verwundet. Gleichwohl war ihre Verletzung nicht so bedenklich als sie fürchteten. Auch hier war William unser Trost, denn als zwei von unsern Chirurgen, welche dieser Meinung waren, törichterweise zu den Leuten sagten, sie müßten alle sterben, machte sich William munter ans Werk und kurierte sie alle bis auf einen einzigen, der indes nicht sowohl an seiner Wunde starb, als vielmehr an einer übermäßigen Portion Arrakpunsch, wodurch er sich ein Fieber zugezogen hatte.

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