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Bob Singleton

Daniel Defoe: Bob Singleton - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleLeben und Abenteuer des weltbekannten Seeräubers Bob Singleton
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
editorJoseph Grabisch
firstpub1720
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleBob Singleton
pages1-425
created20060713
sendergerd.bouillon
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Von hier aus ging es wieder fünfzehn Tage lang weiter, bis wir zu einer hohen und fürchterlich anzusehenden Bergkette, die erste derartige auf unserm Marsche, gelangten, welche wir übersteigen mußten, und da wir keinen andern Wegweiser als unsern kleinen Taschenkompaß hatten, so gebrach es uns ganz und gar an Andeutungen über den geeigneten Weg, weshalb wir in die Notwendigkeit versetzt waren, uns durchzuschlagen so gut es eben ging. Ehe wir zu diesen Bergen kamen, stießen wir auf mehrere wilde nackte Völkerstämme, die wir jedoch viel umgänglicher und gefälliger fanden als diejenigen, welche wir zu bekämpfen genötigt gewesen waren. Obgleich wir wenig von ihnen erfahren konnten, so war doch aus ihren Gebärden zu entnehmen, daß sich jenseits des Gebirges eine Wüste befände, wo es viele Löwen und Leoparden gäbe, auch bedeuteten sie uns, daß wir Wasser mit uns nehmen müßten. Bei dem letzten dieser Volksstämme versahen wir uns mit so viel Proviant, als wir nur mit uns führen konnten, natürlich ohne zu ahnen, was wir durchzumachen oder wie weit wir zu gehen hätten. Um uns jedoch soviel wie möglich über den besten Weg Gewißheit zu verschaffen, schlug ich vor, bei den letzten Eingeborenen, denen wir begegneten, einige Gefangene zu machen, die uns als Wegweiser durch die Wüste, zum Tragen unseres Mundvorrats und vielleicht auch als Hilfskräfte zur Herbeischaffung neuer Lebensmittel dienen sollten. Der Rat war für uns von zu wesentlichem Nutzen, als daß er verschmäht werden konnte, und als wir von den Bewohnern der Gegend durch Zeichensprache herausgebracht hatten, daß sich auch jenseits des Gebirges, noch ehe wir in die Wüste eintreten würden, Menschen fänden, so beschlossen wir, uns um jeden Preis Wegweiser zu verschaffen.

Nachdem wir mit unsäglicher Mühe die Berge erstiegen hatten, gewannen wir einen Blick in die jenseitige Landschaft, der allerdings hinreichend war, das kühnste Herz zaghaft zu machen. In unabsehbarer Ferne kein Baum, kein Fluß, kein Strauch, so weit das Auge reichte, nichts als glühender Sand, der, wenn der Wind blies, in so mächtigen Wolken trieb, daß sie wohl imstande waren Menschen und Vieh zu überwältigen, nirgends ein Ende, weder vor uns, noch rechts oder links, so daß unsern Leuten der Mut entsank und bereits vom Umkehren die Rede war, denn man durfte in der Tat kaum daran denken, sich über einen so schrecklichen Ort zu wagen, in dem uns nichts als der Tod vor Augen stand.

Der Anblick wirkte auf mich ebenso niederschlagend wie auf die übrigen, trotzdem war mir der Gedanke an eine Umkehr unerträglich. Ich sagte daher den übrigen, wir hätten bereits siebenhundert Meilen zurückgelegt, und eine Rückkehr wäre schlimmer als der Tod, wenn sie daher glaubten, die Wüste wäre nicht zu bewältigen, so wollten wir lieber unsere Richtung ändern und den Weg nach Süden einschlagen, um das Kap der guten Hoffnung zu erreichen, oder nordwärts gehen, bis wir in das Nilgebiet kämen, wo wir vielleicht auf die eine oder die andere Weise Gelegenheit finden würden zu dem westlichen Meere zu gelangen, da sicherlich doch nicht ganz Afrika Wüste wäre.

Unser Geschützmeister, der, was die Ortslage betraf, unsere Autorität war, meinte, er wisse nicht, was er zu einer Kapreise sagen solle, denn es sei entsetzlich weit bis zu diesem Vorgebirge, der Weg könne von hier an nicht weniger als 1500 Meilen betragen, und seiner Berechnung nach hätten wir jetzt den dritten Teil des Marsches nach der Küste von Angola zurückgelegt, wo wir den westlichen Ozean und somit auch Wege genug finden würden, um wieder nach Hause zu kommen. Sein Vorschlag ging also dahin, es mit dieser Wüste zu versuchen, die vielleicht nicht so breit sei als wir fürchteten, wir sollten uns daher gehörig mit Proviant und besonders mit Wasser versehen, wir könnten dann den Versuch so lange fortsetzen, bis die Hälfte unseres Wassers verbraucht wäre, so daß wir dann immer, wenn wir kein Ende absähen, wieder umkehren könnten.

Dieser Rat war so vernünftig, daß ihm alle beistimmten. Wir berechneten daher, daß wir für zweiundvierzig Tage Speise, aber für nicht mehr als zwanzig Tage Wasser mit uns führen konnten, obgleich wir auch voraussetzen mußten, daß es noch vor Ablauf dieser Zeit ungenießbar werden würde. Und so entschlossen wir uns, daß wir wieder umkehren wollten, wenn wir im Verlaufe von zehn Tagen zu keinem Wasser kämen, andernfalls aber gedachten wir noch elf Tage länger auszuhalten und erst nach Ablauf dieser Zeit an die Rückkehr zu denken, wenn sich inzwischen kein Ende der Wüste absehen ließe.

Wir versahen uns nun mit Fleisch und verschiedenartigen Wurzeln, die uns statt des Brotes dienten, nahmen so viel Wasser ein, daß wir für zwanzig Tage reichen konnten, und traten so beladen, alle in guter Gesundheit und frischen Mutes, den mühsamen Weg an. Freilich waren nicht alle der Anstrengung gleich gewachsen, und den Mangel an Wegweisern empfanden wir am schmerzlichsten.

Aber gleich beim Eintritt in die Wüste sank unser Mut beträchtlich, denn der Sand war so tief und sengte unsere Füße so sehr, daß wir nach einem Marsche oder vielmehr einem Waten von ungefähr sechs oder acht Meilen ganz erschöpft waren, selbst unsere Neger legten sich nieder und keuchten wie Tiere, die über ihre Kräfte angestrengt waren.

Wir lernten bald die Nachteile eines Aufenthaltes in der Wüste kennen, denn wir waren gewöhnt gewesen, alle Nächte Hütten aufzuschlagen, unter denen wir schliefen, um uns gegen die ungesunde Nachtluft dieses heißen Himmelsstriches zu schützen, aber hier fanden wir keinen Schutz, kein Unterkommen nach dem beschwerlichen Marsche, da weder Baum noch Strauch weit und breit zu sehen war.

Wir stellten jetzt Betrachtungen über unsere Unklugheit an, daß wir nicht wenigstens Pfähle mit uns genommen hatten, mit denen wir uns des Nachts hätten einigermaßen verpalisadieren und so unsern Schlaf vor etwaigen Störungen hätten schützen können.

Der schwarze Häuptling sagte uns daher am nächsten Morgen, wir würden alle auf diesem Zuge durch die Wüste umkommen, wenn wir uns nicht in der Nacht zu schützen vermöchten. Er riet uns, zu diesem Zwecke nach dem Bache zurückzukehren, wo wir das letztemal Nachtquartier gemacht hatten, und dort so lange zu bleiben, bis wir uns Häuser, wie er es nannte, verfertigt hätten, die wir mit uns führen und in denen wir die Nacht zubringen könnten. Da er unsere Sprache ein wenig zu verstehen anfing, und wir recht wohl seine Zeichen begriffen, so entzifferten wir leicht, daß er damit Matten meinte, um so mehr da wir an besagtem Orte viel Schilf und Röhricht gesehen hatten, aus denen die Eingeborenen solche Gewebe bereiten. Mit solchen großen Matten wollten wir dann unsere Hütten oder Zelte, die wir des Nachts als Schlafstellen aufschlugen, bedecken.

Da dieser Rat nicht zu verachten war, so stimmten wir alle dafür und entschlossen uns auf der Stelle umzukehren und einen Teil unseres Proviantgepäcks mit Matten, die uns als Schutz für die Nacht dienen sollten, zu vertauschen. Einige der behendesten unter uns legten diese Tagereise mit weit größerer Leichtigkeit zurück, als sie Tags zuvor bei der Herreise hatten blicken lassen, und da wir nicht gerade zu eilen hatten, so blieben die übrigen noch einmal in der Wüste über Nacht und langten erst am andern Tage an unserm früheren Rastplatze an.

Auf diesem Rückwege stieß den Säumigeren unter uns etwas ungemein Überraschendes zu, was ihnen Anlaß gab, in Zukunft nicht so leicht wieder an eine Trennung zu denken. Am Morgen des zweiten Tages, als sie noch keine Meile gegangen waren, gewahrten sie beim Zurücksehen eine ungeheure Sand- oder Staubwolke, welche sich erhob, wie wir es zuweilen an heißen staubigen Sommertagen auf der Landstraße sehen können, wenn größere Viehherden einherziehen, nur viel größer, und man konnte deutlich bemerken, daß die Wolke mit einer Geschwindigkeit, welche die ihrige bei weitem überbot, hinter ihnen herkam. Sie war so groß, daß unsere Leute nicht sehen konnten, wodurch sie verursacht wurde, und vermuteten daher anfangs, es wäre eine Armee von Feinden, welche ihnen nachsetzte. Einer der Neger, welcher flinker als die übrigen war, ging ein wenig darauf zu, kam aber so schnell als der tiefe Sand zuließ, wieder zurück und gab durch Zeichen zu verstehen, daß es eine Herde ungeheurer Elefanten wäre.

Es waren riesige Tiere, zwanzig bis dreißig an der Zahl, und obgleich ihnen unsere Leute oft zeigten, daß sie nicht unbemerkt geblieben seien, so bogen sie doch nicht von ihrer Richtung ab und nahmen keine andere Notiz von ihnen, als daß sie ein wenig nach ihnen hinsahen.

Wir, die wir bereits tags zuvor den Bach erreicht hatten, sahen die Staubwolke gleichfalls, achteten jedoch wenig darauf, weil wir glaubten, sie rühre von unsern Gefährten her, aber da sich die Richtung derselben um einen oder zwei Striche des Kompasses nach Südosten hinzog, während wir genau nach Osten gegangen waren, so kam sie in ziemlicher Entfernung an uns vorbei, ohne daß wir etwas von den Bestien sahen, wie wir denn auch erst gegen Abend von unsern Nachzüglern erfuhren, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Jedenfalls diente uns dieser Vorfall als eine Lehre für unser Verhalten bei unserm Wüstenzuge, wie wir später hören werden.

Wir gingen nun an unsere Arbeit, die der schwarze Häuptling, der selbst ein vortrefflicher Mattenmacher war, leitete. Da alle seine Leute sich gleichfalls auf diese Kunst verstanden, so hatten wir bald an hundert Matten beisammen. Jeder Neger nahm eine solche noch zu seinem Gepäck, weshalb wir nicht nötig hatten, die Mundvorratbagage auch nur um eine Unze zu schmälern. Desto schwerer hielt es mit der Fortschaffung von sechs langen Stangen und einigen kürzeren Pfählen, aber die Neger wußten auch hierfür Rat, indem sie ihr Gepäck um das Gewicht der Stangen verminderten, es an diese festbanden und paarweise je zwei Stangen auf den Schultern trugen. Sobald wir dies sahen, zogen wir sofort einen kleinen Vorteil daraus, denn da wir drei Schläuche mehr hatten, als sie sonst tragen konnten, legten wir jedem Paar Stangenmänner einen derselben mit Wasser gefüllt dazu und gewannen dadurch für eine weitere Tagereise Wasser.

Als wir so unsere Arbeit zustandegebracht, nämlich die Matten angefertigt, unsere Vorräte wieder ergänzt und eine Masse kleiner Stricke aus Schilf für den gelegentlichen Gebrauch angefertigt hatten, setzten wir uns nach der achttägigen Unterbrechung unserer Reise wieder in Bewegung. Zu unserm großen Troste fiel die Nacht vor unserm Aufbruche ein tüchtiger Regen, dessen wohltätige Wirkung wir gar bald im Sande verspürten. Zwar reichte ein einziger Tag hin ihn wieder zu trocknen, der Grund blieb aber doch härter und fester, auch wurden unsere Füße weniger versengt, so daß wir an demselben Tage statt der früheren sieben Meilen mit weit größerer Leichtigkeit vierzehn zurücklegten.

Am neunten Tage unseres Wüstenzuges erreichten wir einen großen See. Man kann sich denken, mit welcher Freude uns dies erfüllte, da wir außer dem für unsere Rückkehr, falls diese notwendig werden sollte, bestimmten Wasser selbst bei der spärlichsten Verteilung nur noch einen Vorrat für zwei oder drei Tage hatten. Wir waren damit allerdings weiter gekommen, als sich voraussehen ließ, denn unsere Stiere hatten einige Tage lang in der Wüste eine flache distelartige Pflanze, jedoch ohne Dornen, gefunden, die ihnen Hunger und Durst stillte, wodurch uns soviel Wasser erspart wurde, daß es wohl auf zwei Tage weiter gereicht hätte.

Eine Tagereise weit vom See, und die ganze Zeit, die wir seinem Ufer folgten, und auch noch sechs oder sieben Tagemärsche nachher war der Grund mit einer unglaublichen Anzahl von Elefantenzähnen besät, und obgleich manche davon wohl schon einige hundert Jahre dort liegen mochten, so zeigten sie doch so wenig Spuren einer Verwitterung, daß sie vielleicht bis ans Ende der Zeiten dort liegen werden. Einige davon waren von ungeheurem Umfang, auch kann ich den Leser versichern, daß mehrere von ihnen schwer genug waren, um der Kraft des Stärksten unter uns, der sie heben wollte, Trotz zu bieten. Da wir die Wüste über achtzig Meilen weit mit solchen Knochen besät sahen und dies vielleicht ebenso weit oder nicht viel weiter zur Rechten und zur Linken der Fall sein mochte, so wären wohl tausend der größten Schiffe der Welt nicht imstande gewesen sie fortzuschleppen. An einer Stelle trafen wir auf den Schädel eines Elefanten, in dem noch die Zähne steckten, die größten, die mir je zu Gesicht kamen. Das Fleisch und die übrigen Knochen mochten seit Jahrhunderten verwest sein, aber trotzdem waren drei unserer stärksten Leute nicht imstande, ihn von der Stelle zu rücken. Der größte Zahn mochte mindestens drei Zentner wiegen, und das Merkwürdigste dabei war, daß der Schädel, der im ganzen vielleicht sechs Zentner wog, sowohl aus Elfenbein bestand als die Zähne. Aus diesem Beispiel schloß ich, daß wohl die übrigen Knochen des Elefanten dasselbe Material liefern mochten.

Wir verweilten hier fünf Tage, während welcher Zeit wir so viele vergnügliche Abenteuer unter den wilden Tieren der Wüste erlebten, daß ich sie hier nicht alle erzählen kann. Besonders merkwürdig war die Jagd einer Löwin nach einer großen Antilope, und obgleich diese nach der Natur ihrer Gattung sehr schnell auf den Beinen war und wie der Wind an uns vorbeiflog, so gab ihr doch, trotz ihres Vorsprungs von etwa dreihundert Schritt, an Muskelkraft und Lungenausdauer ihre Feindin nichts nach. Sie kamen in einer Entfernung von ungefähr fünf Minuten an uns vorbei, und wir sahen ihnen lange nach, bis wir sie aus dem Gesicht verloren. Wie wurden wir aber überrascht, als sie nach einer Stunde kaum dreißig oder vierzig Schritte voneinander aus einer andern Richtung wieder auf uns zukamen. Beide strengten ihre Kräfte aufs äußerste an, als sich die Antilope plötzlich in den See stürzte und jetzt um ihr Leben schwamm, wie sie zuvor darum gelaufen war. Die Löwin jagte ihr nach, schwamm gleichfalls eine Weile und kehrte indes bald um. Aber als sie ans Land kam, erhob sie in der Wut, ihre Beute verloren zu haben, ein so schreckliches Gebrüll, wie ich in meinem Leben nie etwas ähnliches gehört habe.

Morgens und abends machten mir unsere Ausflüge, den übrigen Teil des Tages über blieben wir in unsern Zelten liegen. Eines Morgens waren wir Zeugen einer andern Jagd, die uns näher berührte als die vorige, denn unser Häuptling stieß auf einem Spaziergange an dem See auf ein ungeheures Krokodil, das aus dem Wasser heraus auf ihn zukam. Er war schnell auf den Beinen und flüchtete sich, so hurtig er konnte, in unsere Mitte. Aber jetzt wußten wir nicht was anfangen, denn wir hatten gehört, daß keine Kugel den festen Panzer einer solchen Bestie durchdringen konnte, was wir auch insofern bestätigt fanden, daß sich das Tier um drei oder vier Schüsse unserer Leute nicht im mindesten kümmerte. Unser Geschützmeister jedoch, ein kühner, waghalsiger Mann, bewahrte seine Geistesgegenwart, ging so nahe auf den Feind los, daß er ihm die Mündung seines Gewehrs in den Rachen stecken konnte, feuerte ab, und machte sich, indem er die Flinte fallen ließ, aus dem Staube. Das Untier wütete noch lange, ließ seinen Grimm an der Waffe aus, deren Lauf es mit seinen Zähnen zerdrückte, und wurde dann allmählich schwächer, bis es endlich verendete.

Unsere Neger streiften an den Ufern des Sees nach Wildpret, und es gelang ihnen auch drei Antilopen, eine große und zwei kleinere, zu erlegen. Wir erjagten auch zwei oder drei Zibetkatzen, ihr Fleisch war jedoch ungenießbar. Elefanten sahen wir häufig in der Ferne und wir fanden, daß sie sich immer in großer Gesellschaft zeigten und stets in einer schönen Reihe wie zur Schlacht einherzogen, was, wie wir hörten, die Art und Weise ist, wie sie sich gegen ihre Feinde verteidigen, indem sie sich, wenn sie von Löwen, Tigern und andern reißenden Tieren mit einem Angriff bedroht werden, oft in fünf bis sechs Meilen langen Linien aufpflanzen und alles, was ihnen in den Weg kommt, unter ihre Füße treten oder mit ihren Rüsseln in die Luft schleudern. Wenn daher hundert Löwen oder Tiger daherkämen und auf eine Herde von Elefanten stießen, so müßten sie zurückweichen und sehen, wie sie rechts oder links um ihre Flanke kämen, da sie sonst unmöglich entrinnen könnten, denn obgleich der Elefant ein schwerfälliges Geschöpf ist, so ist er doch mit seinem Rüssel so schnell und gewandt, daß er nicht leicht verfehlt den schwersten Löwen damit aufzuheben, denselben in die Luft oder über seinen Rücken zu werfen und ihn dann mit seinen Füßen tot zu treten.

Eines Abends wurden wir sehr überrascht. Die meisten von uns waren bereits unter ihre Matten gekrochen, als unsere Schildwache herbeieilte, erschreckt von dem plötzlichen Brüllen mehrerer Löwen ganz in ihrer Nähe, welche sie der Dunkelheit wegen nicht eher gesehen hatte, bis sie sich dicht neben ihr befanden. Es war, wie sich herausstellte, ein alter Löwe von ungeheurer Größe mit seiner ganzen Familie, der Löwin und drei ziemlich herangewachsenen Jungen. Eines der Jungen stürzte unversehens auf einen wachestehenden Neger los, worüber dieser ungemein erschrak, laut aufschrie und in das Zelt eilte. Die andere Schildwache, die ein Gewehr besaß, hatte nicht Geistesgegenwart genug Feuer zu geben, sondern schlug mit dem Gewehr auf das Tier los, worauf es ein wenig winselte und sodann fürchterlich zu heulen begann. Der Mann flüchtete sich hierauf ins Zelt und brachte alles in Bewegung. Drei von den unsrigen nahmen ihre Gewehre auf und eilten nach der Tür, wo sie den alten Löwen an den Feuerrädern seiner Augen erkannten. Sie schossen, verfehlten jedoch das Tier oder trafen es mindestens nicht so, daß es getötet wurde, denn die Bestien liefen alle davon und erhoben dabei ein gräßliches Brüllen, als riefen sie um Hilfe, so daß sich eine große Anzahl von Löwen und anderen wilden Tieren, die wir nicht zu unterscheiden vermochten, um sie sammelte. Von allen Seiten vernahmen wir aber eine so entsetzliche Musik, als ob alle Ungetüme der Wüste unsern Lagerplatz umgäben, um uns zu verschlingen,

Wir fragten den Häuptling, wie wir mit denselben zurechtkommen könnten. Er nahm zwei oder drei von unsern schlechtesten Matten, hing sie auf einen Pfahl und zündete sie, nachdem er sich von einem unserer Leute hatte Feuer geben lassen, an, daß sie lustig aufloderten und eine Weile fortbrannten – ein Anblick, bei dem das Raubgesindel die Flucht ergriff, wie wir aus dem sich immer mehr entfernenden Brüllen, Heulen und Bellen entnahmen. Nun, wenns das tut, sagte unser Geschützmeister, so haben wir nicht nötig, die Matten, die uns als Betten und Zeltdecken dienen, zu verbrennen. Ich will da eine gehörig wirksame Vorkehrung treffen. Er kam in unser Zelt zurück und begann einiges künstliches Feuerwerk anzufertigen, womit er unsere Schildwachen versah, um gelegentlich Gebrauch davon machen zu können. Dann heftete er auch noch ein Feuerrad an den Pfahl, an dem die Matten verbrannt worden waren, und zündete es an, worauf es so lange fortsprühte, bis von den Tieren der Wildnis nichts mehr zu sehen und zu hören war.

Eine solche Nachbarschaft kam uns indes etwas unheimlich vor, und um sie möglichst bald los zu werden, brachen wir um zwei Tage früher auf als wir beabsichtigt hatten. Wir fanden nunmehr, obgleich die Wüste kein Ende nehmen wollte, daß sich die Erde mit vielen grünen Gewächsen bedeckte, und unser Vieh daher keinen Mangel litt, auch stießen wir auf mehrere kleine Flüsse, die sich in den See ergossen, so daß es uns in der Niederung nicht an Wasser gebrach. Dies kam unserer Reise ungemein zustatten, und wir wanderten weitere sechzehn Tage. Jetzt begann die Ebene etwas anzusteigen, und da wir nun gewahrten, daß das Wasser aufhören würde, so füllten wir, das schlimmste befürchtend, unsere Schläuche wieder. Die leichte Ansteigung des Bodens dauerte drei Tage ohne Unterlaß fort, bis wir plötzlich inne wurden, daß wir uns auf dem Kamme einer hohen Bergkette – freilich nicht so hoch wie die an dem andern Ende der Wüste – befanden, die wir ganz allmählich, und ohne daß wir es wahrgenommen hatten, hinangestiegen waren. Als wir auf die andere Seite des Gebirges hinabsahen, bemerkten wir zu unserer aller großen Freude, daß die Wüste ein Ende hatte. Die Gegend war mit anmutigem Grün bekleidet, und wir zweifelten keinen Augenblick, daß wir auch auf Menschen und Vieh treffen würden. Unser Geschützmeister berechnete, daß wir in den vierunddreißig Tagen, die wir uns in diesem Wohnsitze des Schreckens aufgehalten, etwa vierhundert Meilen zurückgelegt hatten, so daß also unser ganzer Landmarsch ungefähr elfhundert Meilen betragen haben mochte.

Nach einem dreitägigen Marsche kamen wir zu einem Flusse, den wir bereits von dem Gebirge aus gesehen hatten. Sein Lauf war gegen Norden gerichtet, was wir bisher noch bei keinem andern Strome bemerkt hatten. Die Strömung war äußerst rasch, und unser Geschützmeister versicherte mich, indem er seine Landkarte herausnahm, daß es entweder der Nil oder ein Fluß sei, der seinen Weg in den großen See nähme, aus dem der Sage nach der Nil entspringt. Er erläuterte dies mittels einer Karte, die ich jetzt, da ich seinen Unterricht fleißig genutzt hatte, besser zu verstehen anfing, und bewies mir die Richtigkeit seiner Ansicht mit so einleuchtenden Gründen, daß ich ganz seiner Meinung wurde.

Freilich waren es mehr die materiellen als die theoretischen Gründe, die bei mir Anklang fanden, denn im Verlaufe seiner Beweisführung folgerte er: und wenn dies wirklich der Nil ist, was hindert uns, einige Baumkähne zu zimmern und darin stromabwärts zu fahren, was doch jedenfalls besser ist, als daß wir uns aufs neue den Wüsten und ihrem sengenden Sande aussetzen, um eine Küste zu erreichen, von wo aus die Wahrscheinlichkeit einer glücklichen Nachhausekunft ebenso zweifelhaft ist als von Madagaskar aus?

Diese Vermutung wäre wohl richtig gewesen, hätten sich ihr nicht Einwürfe entgegengestellt, denen keiner von uns zu begegnen wußte. Man hielt nämlich den ganzen Vorschlag aus mehreren Gründen für unausführbar, und einen Hauptgegner fand derselbe in unserm Wundarzte, der, obgleich er nichts von dem Seewesen verstand, eine gute Schule genossen hatte und sehr belesen war. Er sagte unter anderm, soviel ich mich noch erinnere, einmal, daß die Länge des Weges infolge der Krümmungen des Flusses mindestens tausend Meilen betragen müsse, was der Geschützmeister zugab; dann, daß wir kaum hoffen dürften, der Menge von Krokodilen, welche im Nil lebten, zu entrinnen, ferner machte er auf die schrecklichen Wüsten, die wir durchziehen müßten, aufmerksam, und endlich deutete er auf die herannahende Regenzeit als weiteren Grund der Bedenklichkeit hin, in welcher die Wasser des Nils so gewaltig anschwöllen und die umliegende Gegend so weit überschwemmten, daß wir in keinem Falle mehr unterscheiden könnten, ob wir auf dem eigentlichen Bett des Flusses führen oder nicht, unsere Fahrzeuge müßten daher notwendig sich verirren, umgeworfen werden oder so oft auf den Grund laufen, daß es schlechterdings unmöglich wäre auf einem so überaus gefahrvollen Fluß vorwärts zu kommen.

Den letzten Grund wußte er uns so einleuchtend zu machen, daß jeder seine Triftigkeit zu würdigen begann. Wir gaben daher diesen Gedanken auf und beschlossen, unsere Richtung, wie bisher, nach Westen zu behalten. Dessenungeachtet zögerten wir aber, als schieden wir nur ungern von der Stelle, noch zwei Tage an dem Flusse, um uns von unsern Strapazen zu erholen. Während dieser Zeit erging sich unser Häuptling gern in Streifzügen durch die Umgegend und brachte uns eines Abends einige kleine Stückchen von einem Mineral, das er nicht kannte, mit; er hatte indes gefunden, daß es schwer von Gewicht sei und blank aussähe, weshalb er es mir als eine Rarität zeigen wollte. Ich tat, als ob ich seinem Funde keine besondere Aufmerksamkeit schenkte, begab mich aber sogleich auf die Seite, rief den Geschützmeister zu mir und teilte ihm meine Ansicht darüber mit, ich glaubte nämlich zuverlässig, daß das Mineral Gold wäre. Er stimmte mir bei, und so kamen wir überein, am andern Tage den Häuptling mitzunehmen und uns die Stelle, wo er es gefunden, zeigen zu lassen, denn wir hatten im Sinne, den übrigen nur in dem Falle eine Mitteilung davon zu machen, wenn sich dasselbe in Menge vorfände, wäre jedoch nur wenig vorhanden, so gedachten wir das Geheimnis für uns zu behalten und es in unserm eigenen Interesse auszubeuten.

Wir vergaßen jedoch den Häuptling mit ins Interesse zu ziehen, der in seiner Einfalt soviel gegen unsere Gefährten ausplauderte, daß sie wohl erraten konnten, worum es sich handelte, und zu uns kamen, um unsern Fund in Augenschein zu nehmen. Als wir nun sahen, daß die Sache verraten war, mußten wir ernstlich Bedacht darauf nehmen, ihren Argwohn, als hätten wir eine Unterschlagung beabsichtigt, zu beseitigen, und erklärten ihnen daher offen unsere Ansicht, indem wir zugleich unsern Künstler zu Rate zogen, der das Material ebenfalls auf der Stelle für Gold erklärte. Ich machte jetzt den Vorschlag, daß wir gemeinschaftlich nach dem Fundorte gehen, und wenn sich noch mehr Gold fände, eine Weile an dem Flusse liegen bleiben und sehen wollten, wieviel wohl auszubeuten wäre.

Dieser Verabredung zufolge traten wir alle den Weg an, denn niemand wollte bei einer solchen Entdeckung zurückbleiben. Der Häuptling führte uns an eine Stelle auf der Westseite des Flusses, wo ein anderes Wasser, das von Westen kam, in den Hauptstrom einmündete. Wir wühlten in dem Sande herum, und selten nahmen wir eine Handvoll auf, ohne einige Körner von der Größe eines Stecknadelkopfes, hin und wieder auch so groß wie Traubenkerne, nach der Wäsche in den Händen zu behalten. Nach einer Arbeit von zwei bis drei Stunden hatte jeder ein mäßiges Häuflein zusammengebracht, und wir beschlossen nun das Geschäft aufzugeben und zu unserm Mittagstisch zurückzukehren. Während des Essens kam mir der Gedanke, ob nicht vielleicht gerade das Gold, um dessentwillen wir uns jetzt so sehr abmühten, früher oder später Anlaß geben könnte, daß unsere Gesetze vernachlässigt, das gute Einvernehmen gestört, und vielleicht eine Trennung der Gesellschaft, wo nicht gar etwas noch Schlimmeres herbeigeführt würde, da bekanntermaßen gerade dieses Metall der größte Störenfried in der Welt ist. Ich sagte deshalb meinen Gefährten, daß ich zwar der jüngste in der Gesellschaft sei, sie hätten mir indes bei allen Angelegenheiten immer eine Stimme zugestanden, und bisweilen auch für gut befunden meinem Rate zu folgen, so daß ich mir wohl die Freiheit nehmen dürfte, ihnen einen Vorschlag zu machen, den ich als förderlich für das Gesamtwohl erachtete, und der sicherlich auch den Beifall der Gesellschaft finden würde. Nach dieser Einleitung sagte ich ihnen, wir wären nun in einem Lande, wo es Gold in Menge gäbe, und wohin bekanntermaßen die ganze Welt Schiffe schicke, um es zu holen, freilich wüßten wir aber den Fundort nicht und könnten daher auch nicht vorausbestimmen, ob wir viel oder wenig bekommen würden, sie möchten daher in Erwägung ziehen, ob es nicht besser und für die Erhaltung der Eintracht, die bisher unter uns geherrscht und von der allein unsere Sicherheit abhinge, geeigneter wäre, das aufgefundene zusammenzulegen und am Ende zu gleichen Teilen zu verteilen, als uns den Gefahren von Zwistigkeiten auszusetzen, die leicht daraus erwachsen könnten, wenn der eine auf eine reichere Ausbeute als der andere stieße. Weiter stellte ich ihnen vor, daß wir alle bei gleicher Verteilung des Besitzes uns auch mit gleichem Eifer der Arbeit widmen würden, wie wir dann auch außerdem noch unsere Neger für uns in Bewegung setzen und ebenso gut die Früchte ihrer wie unserer eigenen Bemühungen genießen könnten, auf diese Weise ließe sich jeder Anlaß zu Neid und Hader unter uns vermeiden.

Dieser Vorschlag fand allgemeine Billigung, alle gaben einander die Hände und taten den gemeinschaftlichen Schwur, auch nicht das kleinste Goldkorn vor den übrigen geheim zu halten: im Falle einer nur der geringsten Verhehlung überwiesen würde, sollte ihm allgemeiner Übereinkunft zufolge alles, was auf seinen Teil käme, entzogen und auf die übrigen umgelegt werden. Von unserm Geschützmeister wurde noch der in jeder Hinsicht zweckmäßige und billige Punkt hinzugefügt, daß jeder, der während unserer Reise, bis wir nach Portugal gelangten, durch Spiel, Wetten und dergleichen von einem anderen Gold, Geld oder Geldeswert gewänne, zum Wiederersatze desselben verpflichtet sei unter Androhung der Entwaffnung, des Ausschlusses aus der Gesellschaft und der Versagung jeglichen Beistandes von unserer Seite. Dies sollte dem Wetten und den Glücksspielen vorbeugen, mit denen sich unsere Leute gar gern unterhielten, obgleich sie weder Würfel noch Karten hatten.

Nachdem wir diesen heilsamen Vertrag geschlossen hatten, gingen wir mit Heiterkeit ans Werk und wiesen unsern Negern ihre neue Beschäftigung an. Wir selber suchten in dem einmündenden Flusse aufwärts an beiden Ufern wie auch auf dem seichten Grunde desselben und brachten auf diese Weise drei Wochen mit Wasserwaten zu. Je weiter wir kamen, desto mehr Gold trafen wir, bis wir endlich an der Seite eines Hügels wahrnahmen, daß dieses Metall plötzlich aufhörte und jenseits dieser Stelle auch nicht ein Korn mehr zu finden war. Augenblicklich kam mir hier der Gedanke, daß das Gold von der Seite dieses kleinen Hügels den Fluß abwärts getrieben würde.

Wir kehrten daher nach demselben zurück und begannen unsere Nachforschungen. Die Erde war locker und von gelblicher Lehmfarbe, auch trafen wir hin und wieder auf ein weißes, hartes Gestein, welches von den Gelehrten, denen ich es später beschrieb, als Spat erkannt wurde, der den Mantel der Goldminen bildet. Wäre aber auch alles dieses Gold gewesen, so fehlte es uns doch an Werkzeugen, es herauszuarbeiten, weshalb wir uns nicht viel damit abgaben, sondern das Wühlen in der lockeren Erde vorzogen. Wir kamen bei dieser Gelegenheit zu einer Stelle, wo sich die Erde bei der leichtesten Berührung in eine Masse von zwei Scheffeln und darüber abbröckeln ließ, und zu unserer aller Verwunderung fanden wir in derselben einen sehr ergiebigen Goldgehalt. Wir wuschen den Sand daher sorgfältig aus, wobei uns das Gold in den Händen blieb, und machten endlich, als wir mit dem Erdhaufen zu Ende waren und an den Felsen oder das harte Gestein kamen, die merkwürdige Entdeckung, daß auch nicht eine Spur von Gold weiter aufzufinden war.

Des Abends setzten wir uns zusammen, um zu sehen, wieviel wir erbeutet hatten, und es stellte sich heraus, daß dieser einzige Erdhaufen an fünfzig Pfund Goldsand geliefert hatte. Weitere dreiundvierzig Pfund hatten wir unsern übrigen Arbeiten in dem Flusse zu danken.

Es war eine glückliche Art von Mißgeschick für uns, daß hier unserm Goldsuchen Halt geboten wurde, denn ich weiß nicht, ob wir es aufgegeben haben würden, solange sich noch eine Spur vorgefunden hätte. Da wir aber nun diesen Platz durchwühlt hatten und nichts mehr fanden, die aufgelockerte Erde ausgenommen, so gingen wir in dem kleinen Fluß wieder ganz hinunter, suchten und suchten, solange es sich auch nur im mindesten verlohnte, und erzielten durch diese Nachlese weitere sechs oder sieben Pfund.

Als wir nun alles gefundene Gold zusammen hatten, ergab sich auf der Wage und den Gewichten, welche unser Künstler aufs Geratewohl angefertigt hatte, daß jedem drei und ein halbes Pfund zufiel – eine Angabe, welche der besagte Künstler, der nur aus dem Gedächtnis gearbeitet, eher für zu niedrig als zu hoch hielt, was sich denn auch später bei einer Vergleichung mit justierten Gewichten als richtig herausstellte, da jedes Pfund fast vier Lot mehr wog. Außerdem waren noch sieben oder acht Pfund Überschuß vorhanden, die wir dem Künstler mit der Weisung überließen, Spielereien aus demselben anzufertigen, von denen wir dachten, sie könnten uns Mundvorrat und Freundschaft von den Volksstämmen erkaufen, mit denen wir in Berührung kämen. Auch dem Häuptling schenkten wir ein Pfund, der sich nun von unserm Schmied einige Werkzeuge borgte und seinen Schatz mit eigener Hand unermüdlich zu etwas unregelmäßigen Kügelchen hämmerte und Löcher hineinbohrte, vorauf er sie an eine Schnur reihte und um seinen schwarzen Hals hing. Er sah in der Tat recht stattlich darin aus, die Arbeit hatte ihn aber auch viel Zeit und Mühe gekostet. So endete unsere erste Gold-Expedition. Wir begannen aber nun zu entdecken, daß wir uns nicht allzuviele Gedanken über unsere Zukunft gemacht hatten, und daß wir nun eine geraume Zeit unsere Reise unterbrechen müßten. Die Jahreszeit fing an zu wechseln und es begann zu regnen. Wir hielten daher eine allgemeine Beratung, in welcher wir über unsere gegenwärtige Lage und vornehmlich über die Frage ratschlagten, ob wir unsern Marsch fortsetzen oder ein passendes Plätzchen an den Ufern des Goldflusses, der uns schon soviel Glück gebracht hatte, zum Winterquartier aussuchen sollten.

Das Ergebnis lief darauf hinaus, daß wir bleiben wollten, wo wir waren, und es war ein Glück für uns, daß wir uns hierzu entschlossen, wie sich bald zeigen wird.

Zuerst wurden nun unsere Neger in Tätigkeit gebracht, welche uns Hütten bauen mußten, was sie auch mit großer Geschicklichkeit ausführten. Die Quartiere hatten das Aussehen einer kleinen Stadt, in der unsere Hütten den Mittelraum einnahmen. Dieser hatte im Mittelpunkt ein großes Zelt, nach welchem unsere Hütten ihren Ausgang hatten, so daß keiner von uns anders als durch dieses Zelt, dem gemeinschaftlichen Sammelorte für Mahlzeiten, Beratungen und gesellige Unterhaltungen, in seine Wohnung gelangen konnte. Außerdem verfertigten uns unsere Zimmerleute noch Tische, Stühle und Bänke, soviel wir nur brauchten. Dann gingen sie ans Werk, da es keineswegs an Holz fehlte, unser Lager ringsherum mit langen Pfählen zu umgeben. Dies geschah indes in etwas unregelmäßiger Weise, denn die Pfähle, deren einige höher, andere niedriger, aber alle scharf zugespitzt waren und höchstens einen Fuß voneinander entfernt standen, bildeten einen zwei Ellen breiten Gürtel, so daß ein Tier, wenn es nicht gänzlich darüber hinwegsprang, was nicht gut möglich war, sich notwendig auf den Holzzacken aufspießen mußte.

Der Eingang in unsere Festung hatte dickere Pfähle, die so voreinandergesetzt waren, daß sie drei oder vier Windungen bildeten, welche kurz genug waren, um kein vierfüßiges Tier, größer als ein Hund, durchzulassen. Damit wir außerdem nicht durch einen Haufen auf einmal angegriffen und so in unserm Schlafe gestört würden, wie es schon einmal der Fall gewesen, so zündeten wir zur Ersparnis unseres Pulvervorrates jede Nacht vor dem Eingange unserer Umzäunung ein großes Feuer an und erbauten für unsere Schildwachen nahe dabei, jedoch noch innerhalb des Palisadenwerkes, eine Hütte, in der sie gegen den Regen geschützt waren.

Einmal in einer stürmischen Nacht, die auf einen sehr regnerischen Tag folgte, war eine solche Unzahl dieser abscheulichen Bestien unterwegs, daß unsere Wache in der Tat glaubte, sie führten einen Überfall im Schilde. Sie zeigten sich nicht auf der Seite, wo das Feuer war, und ob wir uns gleich nach allen Richtungen hin geschützt glaubten, so machten wir uns doch alle auf die Beine und griffen zu den Waffen. Es war beinahe Vollmond, aber der Himmel hing voller jagender Wolken und ein fürchterlicher Sturm erhöhte die Schrecken der Nacht. Als ich nach unserm Lager zurücksah, kam es mir so vor, als sähe ich eines der Untiere in dem Innenraume unserer Befestigung. Und so war es auch, aber nur nicht ganz; wahrscheinlich hatte es mit einem tüchtigen Sprunge über unsere Palisaden weggesetzt, war aber von dem letzten Pfahle, der höher als die übrigen war, gefaßt worden: seine Schwere trieb dann die Pfahlspitze durch seinen Hinterschenkel, und da hing es heulend, vor Wut das Holz zerbeißend. Ich nahm einem in meiner Nähe stehenden Neger die Lanze weg und stieß sie dem Ungetüm ein paarmal in den Leib, worauf es verendete. Ich war nämlich nicht willens es zu erschießen, da ich im Sinne hatte, die übrigen, welche so dicht standen, wie Ochsen auf einem Viehmarkt, mit einer vollen Salve zu begrüßen. Ich zeigte nun unsern Leuten die Stelle, wo die Bestien am dichtesten standen, und alle feuerten ihre Flinten dahin ab, die meist mit zwei oder drei Kugeln geladen waren. Dieses wirkte, sie nahmen Reißaus, nur taten es einige, die durch das Knallen und das Feuer weniger erschreckt waren, soviel wir bemerken konnten, mit mehr Würde und Majestät, etliche blieben im Todeskampfe auf dem Platz liegen, aber wir durften es nicht wagen auf das Schlachtfeld hinauszugehen.

Die Ungetüme waren zwar geflohen, aber wir hörten doch von dem Platze aus, wo sie standen, die ganze Nacht ein fürchterliches Geheul, das, wie wir vermuteten, von einigen verwundeten Tieren herrühren mochte. Sobald der Tag graute, verließen wir unser Lager, um den Kampfplatz zu besichtigen, und fanden auch in der Tat drei getötete Tiger und zwei Hyänen, das Tier, das ich in der Umzäunung erlegt hatte und das ein Mittelding zwischen Tiger und Leopard zu sein schien, nicht mitgerechnet. Außer diesen trafen wir auch noch einen lebenden edlen alten Löwen, dem die Vordertatzen durchschossen waren, so daß er sich nicht von der Stelle rühren konnte. Er hatte sich die ganze Nacht durch fast bis auf den Tod abgemüht, und wir überzeugten uns nun, daß dieser verwundete Held es gewesen war, der uns die ganze Nacht über mit seinem Geheul beunruhigt hatte. Unser Wundarzt sah ihn lächelnd an und sagte, wenn er überzeugt wäre, daß dieser Löwe gegen ihn so dankbar sein würde, wie einer von Sr. Majestät Vorfahren gegen den römischen Sklaven Androklus war, so wollte er ihm wohl seine Beine einrenken und ihn kurieren. Ich hatte noch nichts von der Geschichte des Androklus gehört, weshalb mir sie der Wundarzt der Länge nach erzählte; aber als wir ihm sagten, man könne so etwas unmöglich vorauswissen, weswegen er zuerst mit der Kur anfangen und auf das Ehrgefühl Sr. Majestät bauen sollte, da hatte er doch keinen rechten Glauben daran. Er schoß daher das Tier, um seine Qual zu verkürzen, durch den Kopf, daß es alsbald tot umsank, und diesem Umstände verdankte der Wundarzt für die Folge den Namen »Königsmörder«.

Das Wetter begann sich nach und nach aufzuklären, der Regen ließ nach, das Wasser zog sich in das Flußbett zurück, und als die Sonne wieder ihren höchsten Punkt erreicht hatte und sich gegen Süden wandte, da traten wir unsern Weitermarsch wieder an.

Als wir diesen Fluß, der ebenfalls nach Norden strömte, im Rücken hatten, trafen wir auf unserm Wege eine große Bergkette, vor der sich ein schönes Flachland nach Norden und Süden ausdehnte. Wir waren jedoch nicht geneigt, unsere westliche Richtung um einiger Berge willen – vielleicht auf lange – zu unterbrechen und so gingen wir rüstig weiter. Aber man denke sich unsere Überraschung, als einer unserer Leute, der nebst zwei Negern uns vorausgeeilt war, ehe wir noch die Höhen erreicht hatten, plötzlich mit dem Ausrufe: das Meer! das Meer! zu hüpfen und zu tanzen anfing, um die Freude seines Herzens dadurch an den Tag zu legen.

Der Geschützmeister und ich waren am meisten überrascht, denn wir hatten erst denselben Morgen ausgerechnet, daß wir noch über tausend Meilen von der Küste entfernt wären und daher wenigstens noch eine Regenzeit auf dem afrikanischen Festlande zubringen müßten, weshalb denn auch der Geschützmeister unwillig wurde und den schreienden Burschen für toll erklärte.

Aber wie groß war erst unser Erstaunen, als wir den Gipfel des Berges erreichten, und obgleich derselbe sehr hoch war, doch nichts als Wasser erblickten – vor uns, nach rechts und nach links ein weites Meer, ohne eine andere Grenze als den Horizont!

Wir stiegen nicht wenig verwirrt talwärts und konnten gar nicht begreifen, wo wir wären und was für ein Meer das sein könnte, da wir nach unsern Karten noch weit vom Atlantischen Ozean entfernt waren.

Ein Weg von drei Meilen führte uns von dem Flusse des Gebirges nach dem Gestade dieser See, aber wie wurden wir hier aufs neue überrascht, als wir fanden, daß das Wasser frisch und angenehm zu trinken war. Wir wußten jetzt in der Tat nicht, welche Richtung wir einschlagen sollten, da uns dieses Meer, denn für ein solches hielten wir es, unserer westlichen Richtung Halt gebot. Die erste Frage war, ob wir uns nach rechts oder nach links wenden sollten, was indes bald ausgemacht war, denn da wir die Ausdehnung dieses Gewässers nicht kannten, so mußte der Weg nach Norden eingeschlagen werden, indem wir durch eine südliche Richtung immer weiter von dem vorgesteckten Ziele – der Heimat – abkamen. Nachdem wir daher einen großen Teil des Tages mit Verwunderung über diese Erscheinung und mit Beratungen verbracht hatten, setzten wir uns nach Norden in Bewegung.

Wir zogen volle dreiundzwanzig Tage an den Ufern dieses Sees entlang, ehe wir daraus klug werden konnten, was wir daraus machen sollten, bis endlich eines Morgens einer unserer Leute Land ansagte. Es war kein falscher Lärm, denn wir sahen in weiter Entfernung deutlich einige nach Westen hin liegende Bergspitzen jenseits des Wassers. Aber obgleich wir jetzt wußten, daß wir nicht den Ozean, sondern nur einen ungeheuren See oder ein Binnenmeer vor uns hatten, so konnten wir doch gegen Norden das Ende desselben nicht erblicken, sondern mußten noch weitere acht Tage, oder über eine Strecke von nahezu hundert Meilen wandern, ehe wir dessen oberen Rand erreichten, wo wir denn gewahr wurden, daß er in einen sehr großen Strom auslief, der wie der bereits früher erwähnte seine Richtung nach Norden oder nach Nordost nahm.

Mein Freund, der Geschützmeister, glaubte jetzt nach einer näheren Untersuchung der Sache, daß er sich früher geirrt hätte, und daß wohl jetzt der Nil vor uns läge, obgleich er nicht mehr daran dächte, eine Fahrt nach Ägypten vorzuschlagen. Wir entschlossen uns nun über den Fluß zu setzen, was übrigens nicht so leicht ging wie früher, denn das Wasser war sehr reißend und das Bett breit.

Zu einigem Troste gereichte es uns übrigens, daß wir während unseres ganzen Zuges an diesem Gestade von keinem Raubtier beunruhigt wurden, wogegen uns jedoch in den feuchten Gründen, welche in der Nähe des Sees lagen, eine häßliche giftige Schlange belästigte. Wenn wir nach ihr schlugen oder ihr mit Steinen zusetzten, so richtete sie sich auf und zischte so laut, daß man es weithin hören konnte. Das Aussehen und der Ton des Gewürms war abscheulich und unsere Leute hätten es sich nicht nehmen lassen, daß es der leibhaftige Teufel selber wäre, wenn sie sich nur halbwegs hätten erklären können, was Meister Satan wohl an einem Orte zu tun haben mochte, wo es keine Menschen gab.

Nachdem wir nicht ohne große Mühe den Fluß gekreuzt hatten, kamen wir in eine seltsam wilde Gegend, welche uns ein wenig Furcht einzuflößen begann, denn obgleich sie aus keiner dürren Sandwüste bestand, wie wir bereits eine zurückgelegt hatten, so mußten wir doch jetzt mit einer anderen Mühseligkeit, mit einem gebirgigen, unfruchtbaren Gelände kämpfen, das von reißenden Tieren wimmelte. Der Boden trug nichts als verkümmertes herbes Gras, hin und wieder einen Baum oder vielmehr einen Strauch. Auch trafen wir auf keine Bewohner und wir fingen an des Mundvorrats wegen besorgt zu werden, denn wir hatten seit langer Zeit kein Wild mehr erlegt, und auch die Fische und Wasservögel, die uns an dem Seeufer genährt hatten, gingen zu Ende. Wir waren daher in um so größerer Verlegenheit, als an ein Füllen unseres beweglichen Magazins nicht zu denken war, und da wir nicht wußten, wieweit es so gehen würde, so blieb uns kein anderer Ausweg als die Lebensmittel recht zu Rate zu halten und das Weitere dem Geschick anheim zu geben.

Unsere getrockneten Vögel und Fische konnten bei sparsamer Wirtschaft noch für fünf Tage ausreichen. Wir entschlossen uns solange noch auszuharren und wanderten rüstig weiter in der Hoffnung, nach Ablauf dieser Zeit in eine wirtlichere Gegend zu kommen. Aber diese ganze Zeit über trafen wir weder Fisch noch Vogel noch sonst irgendein genießbares Tier, und die Furcht verhungern zu müssen griff um sich. Den sechsten Tag brachten wir mit Fasten zu oder vielmehr wir genossen nichts weiter als die noch vorhandenen Brocken und legten uns des Abends ohne Nachtessen und mit schwerem Herzen auf unsere Matten.

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