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Bob Singleton

Daniel Defoe: Bob Singleton - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleLeben und Abenteuer des weltbekannten Seeräubers Bob Singleton
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
editorJoseph Grabisch
firstpub1720
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleBob Singleton
pages1-425
created20060713
sendergerd.bouillon
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Endlich kamen wir in eine sehr große Bai, in welche mehrere Flüsse mündeten. Wir nahmen keinen Anstand in den ersten besten einzufahren, und da wir einige Hütten und Eingeborene am Ufer sahen, so brachten wir unser Fahrzeug in eine kleine Bucht am Nordufer und hoben eine lange Stange mit einem weißen Stück Tuch als Friedenszeichen in die Höhe. Wir fanden, daß wir sogleich verstanden wurden, denn alsbald kamen Männer, Weiber und Kinder, meist ganz nackt, scharenweise auf uns zu. Das erste, was wir sodann taten, bestand darin, daß wir die Hände an den Mund hielten, um ihnen zu bedeuten, daß wir Wasser zu haben wünschten. Auch das begriffen sie, denn drei von den Weibern und zwei Knaben eilten landeinwärts und kamen ungefähr nach einer halben Viertelstunde mit mehreren ganz artig geformten tönernen Töpfen zurück, die sie, wie es schien, in der Sonne getrocknet hatten. Sie waren mit Wasser angefüllt und wurden am Ufer niedergesetzt, worauf diejenigen, welche sie gebracht hatten, etwas zurückgingen, damit wir sie holen möchten, was wir auch taten.

Eine Weile darauf brachten sie uns Wurzeln, Kräuter und Früchte, deren ich mich nicht mehr recht erinnere. Unser Schmied setzte sich nunmehr wieder in Tätigkeit, und da wir einiges Eisen von dem Wrack des Schiffes gerettet hatten, so machte er eine Menge Spielzeug, Vögel, Hunde, Stecknadeln, Haken und Ringe, während wir ihm beim Feilen an die Hand gingen und die verarbeiteten Gegenstände polierten. Als wir ihnen einiges von diesen Waren anboten, brachten sie Vorräte aller Art, wie sie ihnen zu Gebote standen, Ziegen, Schweine, Kühe und dergleichen, so daß wir an Lebensmitteln keinen Mangel mehr hatten.

Wir befanden uns also auf dem Festlande von Afrika, aber in dem verödetsten, einsamsten und unwirtbarsten Teile der Welt, selbst Grönland und Novaja Semlja nicht ausgenommen, nur mit dem Unterschiede, daß selbst dieser armselige Landstrich bewohnt war, obgleich es, dem Charakter einiger der Bewohner nach zu schließen, für uns besser gewesen wäre, wenn letzterer Umstand sich anders verhalten hätte.

Und hier faßten wir trotz der Unheimlichkeit der Gegend den verwegenen und verzweifelten Entschluß, einen Marsch von der Küste von Mozambique an bis zur Küste von Angola oder Guinea am westlichen oder atlantischen Meere, mitten durch Afrika hindurch, eine Strecke von wenigstens 1800 Meilen, zu Lande zu machen. Die Glutsonne der heißen Zone, ganz in der unmittelbaren Nähe des Äquators, im höchsten Grade verwilderte Volksstämme, die uns begegnen mußten, Durst und Hunger, kurz alle Schrecken drängten sich zusammen, die sogar das kühnste Herz, das je von Fleisch und Blut umschlossen war, hätten zum Verzagen bringen können.

Dessenungeachtet entschlossen wir uns, furchtlos das Wagestück zu bestehen und trafen danach unsere Vorbereitungen, wie sie die Umstände gestatteten und unsere geringe Kenntnis von dem Lande zu fordern schien.

Wir verkehrten mit einigen Eingeborenen, die sich ziemlich freundlich gegen uns benahmen, doch kann ich nicht sagen, welcher Sprache sie sich bedienten. Wir teilten ihnen, soweit wir uns ihnen verständlich machen konnten, nicht nur unsere Bedürfnisse sondern auch unser Vorhaben mit und fragten sie nach der Beschaffenheit des im Westen liegenden Landes. Wir erfuhren jedoch wenig für unsern Zweck Brauchbares und glaubten nur daraus entnehmen zu können, daß es dort viele große Ströme und viele Löwen, Tiger, Elefanten, wilde Katzen, womit sie, wie wir später fanden, die Zibetkatze meinten, und sonstige Tiere gäbe.

Als wir fragten, ob Leute von ihnen diesen Weg schon gemacht hätten, bejahten sie es und bedeuteten uns, daß einige schon hingegangen wären, wo die Sonne schliefe, sie wüßten aber nicht, wo man sie finden könnte. Auf unsere Aufforderung, uns Führer mitzugeben, zuckten sie die Achsel wie die Franzosen, wenn sie sich scheuen etwas zu unternehmen. Auf unsere Frage hinsichtlich der Löwen und anderer wilden Tiere lachten sie und meinten, die würden uns nichts zuleide tun, wenn wir nur fleißig Feuer anmachten und so die Bestien verscheuchten, was wir auch in der Tat später als richtig befanden.

Auf diese Ermutigungen hin entschlossen wir uns zur Reise. Es leitete uns dabei auch noch manche andere Rücksicht. Einmal waren wir aller Mittel beraubt unsere Erlösung auf einem andern Wege zu bewerkstelligen, denn wir befanden uns an einer außer allem europäischen Verkehr gelegenen Küste, weshalb wir nicht daran denken durften, in diesem fernen Erdteile je von unsern Landsleuten Beistand zu erhalten. Hätten wir sodann das Wagnis unternommen, längs der Küste von Mozambique und weiter oben im Norden des verödeten Gestades von Afrika hinzu segeln, bis wir das Rote Meer erreichten, so bestand unsere ganze Aussicht darin, von den Arabern gefangen und an die Türken als Sklaven verkauft zu werden, ein Los, das uns weniger wünschenswert als der Tod erschien. Ein Schiff, das uns über das große Arabische Meer nach Indien geführt hätte, konnten wir nicht bauen, und ebensowenig vermochten wir das Kap der guten Hoffnung zu erreichen, da das Meer in diesem Breitengrade stürmisch ist, so daß wir auf keinen glücklichen Erfolg hätten hoffen können. Zudem wußten wir alle, wenn wir den Landweg einschlügen, daß wir einen der großen Flüsse, die ins Atlantische Meer strömen, treffen konnten, an dessen Ufern sich wohl Kähne zimmern ließen, um uns vielleicht auf Tausende von Meilen den Weg zu erleichtern. Auch konnte es uns wohl nicht an Lebensmitteln gebrechen, solange wir Flinten hatten, um Wild damit zu schießen, und endlich konnte es, abgesehen von der Hoffnung auf Erlösung, gar leicht der Fall sein, daß jeder von uns eine Menge Gold davontrüge, das uns, wenn wir glücklich nach Hause kämen, für alle unsere Mühen bezahlte.

Ich kann nicht sagen, daß ich mich bei allen früheren Beratungen sonderlich um den Wert und die Bedeutung eines Unternehmens gekümmert hätte, bis das gegenwärtige zur Sprache kam. Ein Marsch von zwei- oder dreitausend Meilen zu Fuß durch Wüsten, die von Löwen und Tigern bevölkert waren, machte jedoch, wie ich frei bekenne, mein Blut erstarren, und ich bot alles auf, um meine Kameraden für meine Ansicht zu gewinnen, die, wie ich meinte, sehr gut war und darauf hinauslief, nach dem Arabischen Golf oder der Ausmündung des Roten Meeres zu fahren, daselbst auf ein Schiff zu warten, deren es dort eine Menge geben mußte, und das erste beste mit Gewalt zu nehmen, wobei wir uns nicht nur die Ladung zueignen sondern auch die Mittel sichern konnten, jeden Ort der Welt, wohin wir nur wollten, zu erreichen.

Alle waren jedoch bereits fest entschlossen, als daß meine Beredsamkeit noch etwas bewirkt hätte, und so fügte ich mich denn mit der Erklärung, daß ich mich unserm Gesetze, das die Stimmenmehrheit als herrschend anerkannte, unterwerfen wolle. Es blieb demnach bei der Landreise. Zuerst stellten wir nun Beobachtungen an, um herauszufinden, an welchem Punkte der Erde wir wären, und vergewisserten uns, daß wir uns 12° 35' südlicher Breite befänden. Dann sahen wir auf unsere Karten, um den Punkt aufzusuchen, der das Ziel unseres Marsches sein sollte, und entschieden uns für die Küste von Angola, die unserer Karte nach mit uns so ziemlich in gleicher Breite lag und auf einem genau westlichen Wege zu erreichen war. Da man uns außerdem versichert hatte, daß auf unserm Wege Flüsse lägen, so zweifelten wir nicht, daß uns die Reise dadurch sehr erleichtert würde, besonders wenn wir Mittel fänden, über den großen See oder das Binnenmeer zu kommen, das die Eingeborenen Koalmukoa nannten, und aus welchem der Sage nach der Nil entspringt. Aber wir machten die Rechnung ohne den Wirt, wie man im Verlaufe dieser Erzählung bald sehen wird.

Nun fragte sichs aber auch, wie unser Gepäck weiterzuschaffen wäre, ohne das wir unter keinen Umständen die Reise antreten konnten, da von demselben nicht nur die Sicherung gegen Hunger sondern auch der Schutz gegen wilde Menschen und Tiere abhing. Dieser Punkt war um so wesentlicher, als sogar unser Pulvervorrat eine zu schwere Last für uns war in einer Gegend, wo die Sonne so heiß brannte, daß wir schon an uns selbst genug zu tragen hatten.

Wir hielten Nachfrage und fanden zu unserm großen Leidwesen, daß die Eingeborenen von Lasttieren: Pferden, Maultieren, Eseln oder Kamelen nichts wußten; das einzige Geschöpf, dessen sie sich zu diesem Zwecke bedienten, war eine Art Büffel oder zahmer Stier, wie wir auf der oben erwähnten Insel einen erlegt hatten. Aber wir wußten einen solchen Stier weder zu behandeln noch zu leiten.

Endlich brachte ich eine Methode in Vorschlag, welche nach einiger Überlegung für gut befunden wurde. Sie bestand darin, mit einigen Eingeborenen Streit anzufangen, zehn oder zwölf zu Gefangenen zu machen, sie als Sklaven zu binden, zur Mitreise zu zwingen und ihnen unser Gepäck aufzuladen, wodurch wir außerdem noch den doppelten Vorteil hatten, Wegweiser und Dolmetscher für unsern Verkehr mit den übrigen Bewohnern des Landes bei uns zu haben.

Der Vorschlag fand anfangs keinen Beifall, aber die Eingeborenen gaben uns bald selbst einen Grund und eine Gelegenheit ihn auszuführen. Denn obgleich unser kleiner Handel mit ihnen anfangs nur auf der Grundlage ihrer Gefälligkeit gegen uns beruhte, so fanden wir doch zuletzt, daß auch Spitzbüberei mit unterlief. Bei Gelegenheit eines Vieheinkaufs wurde einer unserer Leute, da er mit seinen Kunden nicht recht einig werden konnte, übermütig von ihnen behandelt, auch behielten sie das Spielzeug aus der Werkstätte unseres Künstlers, welches sie als Kaufschilling bereits hingenommen hatten, ließen durch ihre Landsleute das Vieh vor seinen Augen wieder forttreiben und lachten ihn aus. Der getäuschte Käufer schrie über Gewalttätigkeit und rief einige von uns, die in der Nähe waren, um Hilfe, weil ihm der Neger mit der Lanze zusetzte und auch wirklich einen so gut gezielten Stoß nach ihm führte, daß er wohl auf dem Platze geblieben wäre, hätte er nicht rasch einen Seitensprung gemacht und die Waffe mit der Hand abgewehrt. Er wurde dabei am Arm verwundet und geriet so in Zorn, daß er nach seinem Gewehr griff und den Neger auf der Stelle niederschoß.

Die in der Nähe stehenden Schwarzen gerieten in ein solches Entsetzen, daß sie anfangs wie versteinert dastanden. Sobald sie aber wieder ein wenig zu sich kamen, hob einer, der ziemlich entfernt stand, ein mörderisches Geschrei an, das ein Kriegsruf zu sein schien, denn alle übrigen stimmten ein und rannten nach dem Platze, an dem er stand, während wir, da wir die Bedeutung dieser Bewegung nicht kannten, ruhig blieben und uns wie ein Häuflein Blödsinniger gegenseitig ansahen.

Wir wurden jedoch bald unserer Ungewißheit entrissen, denn ehe drei Minuten verstrichen, hörten wir dasselbe Geschrei rasch von einem Orte zum andern durch alle die kleinen Dörfer sich verbreiten, ja es erschallte sogar von der andern Seite des Flusses herüber, und ehe wir uns versahen, gewahrten wir eine Menge nackter Wilder, die von allen Seiten der Stelle zuströmten, woher der erste Schreier das Signal gegeben hatte. In weniger als einer Stunde war nahezu eine Masse von fünfhundert Mann beisammen, deren einige Bogen und Pfeile, die meisten aber Lanzen trugen. Wir bildeten eine Linie und rückten beherzt auf unsere Feinde los, während die Eingeborenen, wahrscheinlich in der Meinung, uns mit ihren Lanzen leicht vernichten zu können, sich anschickten uns entgegenzugehen. Wir machten Halt, rückten weiter auseinander, um unsere Schlachtreihe zu verlängern, und begrüßten sie mit kräftigen Schrotladungen, so daß sechzehn unserer Gegner auf der Stelle niederstürzten und weitere drei sich nur zwanzig bis dreißig Schritte weit fortzuschleppen vermochten, die dann ebenfalls fielen. Wieviele leichter verwundet wurden, konnten wir natürlich nicht wissen.

Nachdem wir Feuer gegeben hatten, verhielten wir uns ganz ruhig, bis unsere Gewehre wieder geladen waren, und als wir bemerkten, daß sich die Feinde nicht von der Stelle rührten, schickten wir ihnen abermals eine Salve. Es stürzten neun Mann, denn da sie nicht mehr in so dichten Haufen standen, so gaben nicht alle unsere Leute Feuer sondern sieben hatten Weisung erhalten, ihre Ladung nicht zu verbrauchen sondern, sobald die andern ihre Gewehre abgeschossen hätten, vorzurücken, damit diese Zeit gewännen aufs neue zu laden.

Nach unserm zweiten Feuer schrien wir, so laut wir konnten, und sobald die vorhin erwähnten sieben Mann dem Feinde um etwa zwanzig Schritte näher gerückt waren, schossen sie gleichfalls ihre Gewehre ab. Die hinteren, die sich inzwischen schußfertig gemacht hatten, folgten in aller Behendigkeit, und sobald die Eingeborenen sahen, daß wir furchtlos auf sie zugingen, ergriffen sie wie behext mit wildem Geschrei die Flucht.

Als wir auf dem Wahlplatze anlangten, sahen wir eine große Anzahl Körper auf dem Boden liegen, mehr als wir möglicherweise getötet oder verwundet haben konnten, ja sogar mehr als wir Schrotkugeln in unsern Flinten hatten, und wir wußten nicht, was wir daraus machen sollten. Endlich fanden wir jedoch, daß der Schreck sie aller Besinnung beraubt, und wie ich glaube, einige sogar, ohne eine Wunde auf der ganzen Haut, getötet hatte.

Als etliche von diesen armen Wichten wieder zu sich kamen, krochen sie auf uns zu und beteten uns auf den Knien oder mit dem ganzen Leibe auf der Erde hingestreckt an, unter tausenderlei seltsamen Gebärden, die alle ihre Unterwürfigkeit ausdrücken sollten, denn sie schienen uns für Götter oder für Teufel zu halten. Es war uns indes gleichgültig, welcher von diesen Vorstellungen wir dieses Benehmen zu danken hatten, und ich kam sogleich auf den Gedanken Vorteil daraus zu ziehen, indem wir vermöge des Kriegsrechts nach Belieben Gefangene machen und sie zwingen konnten mit uns zu gehen und unser Gepäck zu tragen. Alles billigte diesen Vorschlag einstimmig, und wir griffen sechzig rüstige junge Burschen auf, denen wir kundtaten, daß sie uns folgen müßten, worein sie sich bereitwillig zu fügen schienen.

Ehe ich weiter erzähle, muß ich dem Leser bemerken, daß ich von dieser Zeit an den Stand unserer Verhältnisse von einem ernsteren Gesichtspunkte aus zu betrachten und mich mehr um unsere Angelegenheiten zu bekümmern begann, denn obgleich ich der jüngste in der Gesellschaft war, so hatte ich mich doch nachgerade überzeugt, daß es meinen Kameraden gänzlich an Entschlossenheit und Geistesgegenwart gebrach, wenn es sich um die Ausführung einer Sache handelte. Den ersten Anlaß zu dieser Überzeugung gab der letzte Kampf mit den Eingeborenen, denn obgleich sie sich rasch für den Angriff und den Gebrauch der Schießgewehre entschieden hatten, so begann doch ihr Mut zu sinken, als sie die Neger nicht gleich nach den ersten Schüssen fliehen sahen, und ich bin überzeugt, sie würden alle augenblicklich die Flucht ergriffen haben, wenn sie die Schaluppe zur Hand gehabt hätten.

Bei dieser Gelegenheit nahm ich es auf mich sie zu ermutigen und zu einer zweiten Salve aufzufordern, indem ich ihnen die Versicherung gab, wir würden die Neger bald genug zum Fortlaufen bringen, wenn sie meinen Weisungen Folge leisteten. Sie wurden nun beherzter, und so geschah es denn auf mein Geheiß, daß bei dem zweiten Feuer einige ihre Ladungen in der Reserve behielten, wie oben schon erwähnt wurde.

Nach der zweiten Salve sah ich mich in der Tat genötigt, durch ein eigentliches Kommando die weiteren Schritte zu leiten. Nun, meine Herren, sagte ich, laßt uns einen Schlachtruf erheben, und brüllte dann so kräftig los, wie es unsere englischen Matrosen bei ähnlichen Gelegenheiten zu tun pflegen. Und nun folgt mir zu den sieben, die noch nicht gefeuert haben, fuhr ich fort, ich stehe euch dafür, wir werden kurze Arbeit haben. So erwies es sich auch in der Tat, denn sobald uns die Neger anrücken sahen, nahmen sie reißaus.

Von diesem Tage an wollten sie mich nur noch Herr Kapitän nennen, aber ich verbat mir das Herr. Wohlan denn, sagte der Geschützmeister, der gut englisch sprach, so sollst du Kapitän Bob heißen, und mit diesem Titel wurde ich später immer angeredet.

Nichts ist für die Portugiesen, mag man das ganze Volk oder die einzelnen nehmen, bezeichnender als dieser Vorfall. Wenn sie jemand ermutigt und ihnen mit gutem Beispiel vorangeht, so benehmen sie sich ziemlich gut, wenn sie aber für sich selbst handeln sollen, so verzagen sie gar bald. Diese Männer wären sicherlich vor einer Bande nackter Wilder geflohen, obwohl die Flucht ihr Leben nicht hätte retten können, wenn ich nicht ein Hallo angefangen und dadurch eine Veränderung der Sachlage herbeigeführt hätte, die weit mehr geeignet war ihren Mut zu beseelen als das Getümmel des Kampfes.

Wir hatten indes auch zwei oder drei unermüdlich tätige Leute in unserer Gesellschaft, die durch ihren Mut und ihre Unverdrossenheit alle übrigen aufrecht erhielten und wirklich auch von Anfang an das Übergewicht behauptet hatten. Dies waren der Geschützmeister und der Schmied, den wir auch den Künstler nannten, der dritte, einer der Zimmerleute, ging auch noch an, obgleich er den beiden vorgenannten weit nachstand. Diese waren in der Tat die Seele und das Leben aller übrigen, und nur ihnen war es zu danken, daß die andern einige Entschlossenheit zeigten. Als jene daher sahen, daß ich anfing mich nützlich zu erweisen, wie dies bei dem eben genannten Anlaß der Fall war, umarmten sie mich und behandelten mich nachher stets mit besonderer Liebe.

Der Geschützmeister hatte eine gute Schule genossen und war nicht weniger ein trefflicher Mathematiker als ein guter Seemann. Dem vertraulichen Verkehr mit ihm verdanke ich die Grundlage zu dem Wissen, das ich mir später in allen für das Seewesen nützlichen Kenntnissen, besonders aber in der Geographie erwarb.

Meine Lernbegierde und leichte Fassungsgabe sprach ihn an, und so brachte er mir die ersten richtigen Begriffe von der Gestalt der Erde und des Meeres, der Lage der Landesteile, dem Lauf der Ströme und der Bewegung der Himmelskörper bei und gab mir dabei einen gewissermaßen systematischen Unterricht in der Astronomie, den ich später als sehr praktisch kennen lernte.

Besonders aber erfüllte er meinen Geist mit hochstrebenden Gedanken und dem eifrigen Verlangen, alles wissenswerte zu erlernen, indem er mir bewies, daß es keine bessere Vorbereitung für große Unternehmungen gäbe als eine über die gewöhnlichen Kenntnisse des Seemanns gehende Bildungsstufe, und daß Unwissenheit dem Menschen immer nur eine niedrige Stellung anweise, während Wissenschaft die erste Sprosse zur Leiter des Ruhmes bilde. Er schmeichelte mir stets mit meinen Anlagen, und obgleich das auch meiner Eigenliebe wohltat, so verfehlte es doch nicht, da ich Ehrgeiz besaß, der eben in dieser Zeit in meiner Seele aufzukeimen begann, einen unersättlichen Durst nach Wissen in mir zu wecken, so daß ich fest entschlossen war, wenn ich je nach Europa zurückkäme und mir die Mittel dazu verschaffte, all das von Grund aus zu lernen, um mich zu einem vollkommenen Seemann zu machen. Doch was sind die Pläne des Menschen! Auch der meinige wurde nicht ausgeführt, obgleich sich mir später Gelegenheit dazu bot.

Doch kehren wir wieder zu dem Gange unserer Erzählung zurück. Als der Geschützmeister sah, welchen wesentlichen Dienst ich in dem Treffen geleistet hatte, und von meinem Vorschlage, eine Anzahl Gefangener zu machen und sie zum Marsche zu verwenden, hörte, pflichtete er mir in Gegenwart aller andern bei: Bob, sagte er, ich denke, du mußt unser Anführer sein, denn den ganzen Erfolg dieses Unternehmens haben wir dir zu danken.

Nein, nein, entgegnete ich. Ihr macht mir da ein Kompliment. Seid Ihr meinetwegen Kapitän oder General, ich bin zu jung dazu. Mit einem Worte, wir alle kamen überein, ihn zu unserm Anführer zu wählen. Er wollte jedoch diese Ehre nur unter der Bedingung annehmen, daß ich sie mit ihm teilte, und da die übrigen seinen Wunsch unterstützten, mußte ich mich fügen.

Das erste Geschäft, welches mir in meinem neuen Kommando zufiel, war so schwierig als es sich nur denken läßt, nämlich die Behandlung der Gefangenen. Unter den Gefangenen befand sich ein großer schöner Jüngling, dem die übrigen große Verehrung zollten und der, wie wir später erfuhren, der Sohn eines ihrer Häuptlinge war. Sein Vater war, wie es schien, bei unserer ersten Salve gefallen, und er selbst hatte einen Schuß in den Arm und einen in die Hüfte erhalten. Die Hüftwunde ging tief ins Fleisch, so daß er stark blutete und infolge des Blutverlustes halbtot dalag. Der Armschuß hatte ihm das Ellenbogengelenk zersplittert, und er war durch diese beiden Wunden in einem so bedenklichen Zustande, daß wir schon im Begriffe standen ihn fortzuschaffen und dem Tode zu überlassen, den er sicherlich auch in wenigen Tagen erlitten haben würde. Als ich jedoch bemerkte, daß ihm die übrigen Ehrfurcht erwiesen, so kam mir auf einmal der Gedanke, er könnte uns dadurch nützlich werden, daß wir ihn gewissermaßen zum Befehlshaber über die übrigen machten. Ich übergab ihn daher den Händen unseres Wundarztes und bedeutete dem armen Teufel, so gut es durch Zeichen ging, daß wir ihn wieder gesund machen wollten.

Als ich ihn dem Wundarzt übergeben hatte, fand dieser, daß die Hüftwunde bloß von einem etwas tiefergehenden Streifschusse herrührte, so daß sie bald geheilt werden könnte. An dem Arme war jedoch ein Knochen in der Nähe des Ellenbogengelenks zerbrochen. Er renkte denselben ein, versah den Bruch mit Schienen und einer Schlinge, die er dem Neger um den Hals hing und bedeutete ihm durch Zeichen, daß er den Arm nicht bewegen dürfe, was er denn auch so treulich befolgte, daß er sich niedersetzte und sich nicht rührte, bis ihm der Wundarzt die Erlaubnis dazu gab.

Ich hatte viele Mühe dem Neger begreiflich zu machen, was wir vorhätten und wie wir seine Leute zu benützen beabsichtigten. Besonders schwer hielt es, ihn die Bedeutung einiger unserer Worte, zum Beispiel des Ja und Nein, zu lehren und ihn überhaupt etwas mit unserer Sprache bekannt zu machen. Er war indes sehr willig und gab sich alle Mühe meinem Unterricht Ehre zu machen.

Leichter begriff er unsere Absicht, Mundvorrat mit uns zu nehmen, er bedeutete uns durch Zeichen, dies wäre unnötig, da wir vierzig Tagereisen weit überall auf unserm Wege hinreichend Lebensmittel finden würden.

Dann zeigten wir ihm unser Gepäck, welches sehr schwer war, besonders unser Pulver, Blei, Eisen, das Zimmermannsgerät, die Seemannsinstrumente und dergleichen. Er nahm einige von diesen Gegenständen in die Hand, um das Gewicht zu prüfen, schüttelte aber den Kopf darüber. Ich sagte daher unsern Leuten, sie müßten sich entschließen das ihrige in kleinere Päckchen zu verteilen, um es tragbarer zu machen, was denn auch geschah und uns nötigte, elf unserer Koffer zurückzulassen.

Dann gab er uns durch Zeichen zu verstehen, daß er uns einige Büffel oder junge Stiere zum Tragen unserer Habe verschaffen wolle, indem er uns zugleich andeutete, daß sie auch uns tragen könnten, wenn wir müde wären. Doch dies schlugen wir nicht hoch an, obgleich uns sein Vorschlag wenigstens deshalb sehr einleuchtete, weil wir die Tiere in der Not schlachten konnten, wenn sie nicht mehr imstande wären uns als Lastvieh zu dienen.

Wir hatten die Gefangenen in einem engen Raume, der mit Pfählen wie mit Pallisaden umschlossen war, verwahrt und sie mit den aus Matten gedrehten Stricken gebunden. Wir führten den Häuptlingsohn zu ihnen und forderten ihn auf sie zu fragen, ob sie gutwillig mit uns ins Land der Löwen gehen wollten. Er hielt nun eine lange Rede an sie, aus der wir jedoch nichts weiter entnehmen konnten, als daß er ihnen erklärte, sie müßten uns willig begleiten. Sie schlugen darauf die Hände zusammen und blickten zur Sonne auf, ein Eid der Treue, wie uns der Häuptling erklärte. Dann hielt einer von ihnen eine lange Rede, die er mit wunderlichen Gebärden begleitete und damit anzudeuten schien, daß sie von uns wünschten, wir sollten gleichfalls die Hände gegen die Sonne zusammenschlagen, das heißt schwören, daß wir sie nicht töten, daß wir ihnen, damit sie nicht Hungers stürben, Chiaruck, nämlich Brot, zu essen geben, und daß wir sie nicht von den Löwen fressen lassen wollten. Als ich seinem Wunsche willfahrte, warfen sich die Gefangenen allesamt zur Erde, standen wieder auf und ließen ein so wildes und abscheuliches Freudengeschrei erschallen, wie ich es nie vorher gehört hatte.

Wir begannen nun zu überlegen, wie wir große Säcke, ungefähr nach Art der Militärtornister, verfertigen könnten, damit unsere Gefangenen das Gepäck leichter fortzuschaffen imstande wären. Zu diesem Zwecke ließ ich die Felle der geschlachteten Ziegen in der Sonne ausspannen, wodurch sie in zwei Tagen so trocken wurden, als wir nur wünschen konnten, und wir ein Material erhielten, das sich leicht in die für unsere bewegliche Habe erforderlichen Tornister umarbeiten ließ. Als der schwarze Anführer sah, wozu sie dienen sollten, und wie bequem sie zu tragen wären, lächelte er und schickte den oben erwähnten Neger wieder fort, um Häute zu holen. Dieser kam auch mit zwei Eingeborenen zurück, alle drei schwer mit Fellen beladen, die weit besser als die unsrigen hielten, und auch von andern Tierarten, denen wir keinen Namen zu geben wußten, genommen waren.

Die beiden Begleiter des Boten brachten ihrem schwarzen Anführer auch zwei Lanzen, wie sie die Eingeborenen im Kampfe zu brauchen pflegen, aber schöner als die gewöhnlichen, von einem glänzend schwarzen Holze, ähnlich unserm Ebenholz, und an der Spitze mit dem daumdicken Zahne eines uns unbekannten Tieres versehen, der so fest aufgesetzt, so stark und am Ende so scharf war, daß wir in keinem Teile der Welt wieder etwas ähnliches zu Gesicht bekamen.

Als wir nun für unsern Marsch vorbereitet waren, kam der Häuptling zu mir, deutete nach den verschiedenen Himmelsgegenden und befragte mich in seiner Zeichensprache, welchen Weg wir einzuschlagen gedächten. Als ich hierauf nach Westen zeigte, tat er mir kund, es gäbe nicht weit im Norden einen großen Fluß, der unsere Schaluppe viele Stunden weit genau in westlicher Richtung ins Innere des Landes zu tragen vermöchte. Ich griff den Wink sogleich auf und fragte nach der Mündung dieses Flusses, den er mir als eine Tagereise entfernt angab, was, wie wir später fanden, unserer Schätzung nach ungefähr sieben Stunden betrug. Ich vermute, daß es derselbe Fluß war, den man auf der Karte an dem nördlichsten Teile der Küste von Mozambique unter dem Namen Onilloa verzeichnet findet.

Wir berieten uns über diese Andeutung und kamen zu dem Entschlusse, den Häuptling und so viele der Gefangenen, als sich unterbringen ließen, in unsere Schaluppe zu nehmen und nach dem genannten Flusse zu segeln, während acht von uns wohl bewaffnet den Landweg einschlagen und an dem Flusse wieder mit uns zusammentreffen sollten, denn der Häuptling hatte uns den Strom von einer Anhöhe aus, wie er sich durch das Land hinzog, ganz deutlich gezeigt, da er in der nächsten Richtung nicht über sechs Meilen entfernt lag.

Die Aufgabe, den Landweg zu nehmen und die ganze Karawane anzuführen, ward mir zuteil. Ich hatte acht Mann der unsrigen und siebenunddreißig Gefangene bei mir, alle ohne Gepäck, denn unsere gesamte Habe befand sich an Bord der Schaluppe. Wir trieben auch die Stiere vor uns her, die wir ungemein zahm und willig fanden, denn von den Negern setzten sich gleich vier zusammen auf ihren Rücken, ohne daß es ihnen beschwerlich wurde, auch fraßen sie uns aus der Hand, leckten uns die Füße und benahmen sich so zahm wie Hunde.

Der Landweg nach dem Flusse hin wurde uns nicht sauer, wir brauchten keinen Tag dazu, während die Schaluppe erst am fünften Tage anlangte, da sie in der Bai widrigen Wind und der vielen Krümmungen des Stromes wegen einen Weg von mehr als fünfzig Meilen auf demselben zurückzulegen hatte.

Der Fluß hatte ein schönes Fahrwasser, ungefähr von der Breite der Themse unterhalb Gravesend, eine starke Ebbe und Flut, die sich bis auf sechzig Meilen landeinwärts erstreckte, und da das Bett sehr tief war, so gebrach es uns lange Zeit nicht an Wasser. Kurz es ging lustig mit der Flut und einem frischen Ost- und Ostnordostwinde aufwärts, und wir kamen auch während der Ebbe wacker fort, da der Strom fortwährend breit und tief blieb. Als wir indes aus dem Bereiche der Ebbe und Flut kamen, und es bloß mit der Eigenströmung des Flusses zu tun hatten, fanden wir diese zu stark uns entgegenwirkend und wir dachten schon daran, unsere Schaluppe zu verlassen. Aber der Häuptling war nicht dieser Ansicht, denn er fand, daß wir eine ziemliche Anzahl von Tauen an Bord hatten, so forderte er alle am Ufer befindlichen Gefangenen auf, heranzukommen und das Fahrzeug vom Lande aus ins Schlepptau zu nehmen. Da wir außerdem unsere Segel aufhißten, um ihnen das Geschäft zu erleichtern, so brachten sie uns sehr schnell vorwärts.

In dieser Weise kamen wir nach unserer Berechnung fast zweihundert Meilen stromaufwärts, aber nun verengte sich der Fluß schnell und schmolz ungefähr zu der gewöhnlichen Breite der Themse zusammen. Den darauffolgenden Tag gelangten wir zu einem Wasserfalle, der ansehnlich genug war, um uns Schrecken einzuflößen, denn die ganze Wassermasse fiel, glaube ich, mit einem Male senkrecht über einen Absturz von ungefähr sechzig Fuß Höhe hinab und verursachte ein so wildes betäubendes Getöse, daß wir es schon zehn Meilen weit hören konnten.

Wir mußten nun alle unsere Reise zu Lande fortsetzen, denn die Schaluppe ließ sich auf dem Flusse nicht weiterbringen und war zu schwer, um sie um den Wasserfall herumtragen zu können. Wir beratschlagten uns zwar mit den Zimmerleuten, ob sich aus unserm Fahrzeug nicht drei oder vier Boote machen ließen, um in ihnen unsere Fahrt auf dem Flusse fortzusetzen, sie erklärten jedoch, daß dies jedenfalls viel Zeit erfordern würde, abgesehen davon daß es an Pech und Teer, um sie wasserdicht zu machen, wie auch an Nägeln zur Befestigung der Planken fehlte. Einer von ihnen meinte er könnte uns, wenn wir in der Nähe des Flusses einen großen Baum fänden, in viermal kürzerer Zeit einen oder zwei Kähne zimmern, die für unsern Zweck recht gut die Dienste eines Bootes versehen und außerdem an Wasserfällen eine oder zwei Meilen auf den Schultern fortgeschafft werden könnten.

Wir gaben daher den Gedanken unser Fahrzeug weiter zu benutzen auf, zogen es in eine kleine Bucht, oder vielmehr in die Mündung eines Baches, wo wir es zu Nutz und Frommen solcher, die etwa nach uns an diese Stelle kämen, befestigten und marschierten weiter. Die Verfügungen über das Gepäck, das wir unsern zahmen Büffeln und den Negern aufluden, nahmen jedoch noch zwei Tage in Anspruch, da wir besonders den Schießbedarf aufs sorgfältigste zu verwahren bedacht waren. Damit das Pulver nicht feucht würde, taten wir es in Säckchen aus getrockneten Fellen, deren Haare nach innen gekehrt waren, und legten sie sodann in größere Säcke von dicken und harten Büffelhäuten, hierbei die Haare nach außen, wodurch wir unsern Zweck so gut erreichten, daß sogar der heftigste Regen, wir hatten mehrere, die sehr lange andauerten, unser Pulver nicht zu verderben vermochte. Diese Säcke bildeten unser Hauptmagazin. Außer diesen führte noch jeder ein Viertelpfund Pulver und ein halbes Pfund Blei bei sich, was für den augenblicklichen Bedarf ausreichend war, denn wir wollten uns der Hitze wegen nicht mehr als unumgänglich notwendig war, belasten.

Nachdem wir uns mit Fleisch und Wurzeln, als wir füglicherweise fortschaffen konnten, vorgesehen hatten, verteilten wir diese Vorräte unter die Neger und wiesen jedem vierzig Pfund Last zu, was uns für eine so heiße Gegend hinreichend schien. Die Neger beschwerten sich auch nicht im geringsten darüber, vielmehr halfen sie einander, wenn der seltene Fall eintrat, daß einer müde wurde. Außerdem wurde ihr Gepäck auch, weil es vorzugsweise aus Mundvorrat bestand, wie Äsops Brotkorb mit jedem Tage leichter, bis wir wieder Gelegenheit fanden das verbrauchte zu ersetzen.

Am dritten Tage nach dem Aufbruche von unserm letzten Rastorte verlangte unser erster Zimmermann, daß wir Halt machen und Hütten aufschlagen sollten, denn er hatte einige Bäume gefunden, die sich nach seiner Ansicht zur Anfertigung von Kähnen eigneten. Er war der Meinung, wir wären jetzt weit genug zu Fuße gegangen, und es käme ihm nicht in den Sinn, den Weg länger zu Lande fortzusetzen, als gerade unumgänglich notwendig wäre.

Wir entschlossen uns daher ein Lager aufzuschlagen und enthoben unsere Schwarzen ihrer Bürde, welche sich alsbald anschickten unsere Hütten zu bauen, ein Geschäft, das sie mit einer überraschenden Schnelligkeit zustande brachten. Wir benutzten sie zum Teil als Handlanger der Zimmerleute, wobei sie sich recht anstellig benahmen, während wir andere aussandten, um in der Nähe Lebensmittel aufzusuchen, aber statt deren mit fünf Lanzen und zwei Bogen nebst Pfeilen zurückkamen. Wir konnten nur mit Mühe aus ihren Erklärungen klug werden: sie hatten ein paar Negerweiber in Abwesenheit ihrer Männer in ihren Höhlen überrascht und dort die Lanzen gefunden und sie mitgenommen, weil die Weiber und Kinder bei ihrem Anblick entflohen wären. Wir zeigten ihnen zornige Gesichter und ließen ihnen durch ihren Anführer sagen, sie hätten wahrscheinlich die Weiber und Kinder umgebracht, und wenn jemand ums Leben gekommen wäre, so würden wir sie gleichfalls töten. Sie beteuerten indes, nichts dergleichen getan zu haben, und wir schenkten ihnen Glauben. Sie händigten uns sofort Lanzen, Bogen und Pfeile ein, erhielten sie jedoch mit der Weisung zurück, auszuziehen und zu sehen, ob sie nicht irgendein Wild erlegen könnten, indem wir ihnen zugleich das Recht der Waffen, das heißt die Erlaubnis erteilten, sich ihrer Wehr gegen jeden, der sie angriffe oder Gewalt gegen sie brauchte, zu bedienen, wogegen sie sich aber streng zu enthalten hätten, gegen friedliche Personen und gegen solche, welche die Waffen niedergelegt, oder gegen Weiber und Kinder Gebrauch davon zu machen. Dies war bei uns Kriegsregel.

Nach acht Tagen waren drei Kähne fertig, in denen wir die weiße Mannschaft, das Gepäck, unsern Häuptling und einige der Gefangenen einschifften. Es mußten indes auch immer einige von uns am Ufer sein, nicht nur um die Neger zu beaufsichtigen, sondern auch um sie gegen Feinde und wilde Tiere zu verteidigen.

Am achten Tage dieser zweiten Stromfahrt kamen wir zu einem Negerdorfe, in dessen Nähe eine reisartige Pflanze wuchs, deren Frucht sehr angenehm zu essen war. Wir handelten uns davon von den Eingeborenen genug ein und buken Kuchen auf der Erde, die wir zuerst erhitzt und dann das Feuer weggekehrt hatten. Soweit hatte es uns also nie an Nahrungsmitteln, wie wir sie nur wünschen konnten, gefehlt.

Da die Neger unsere Kähne an Stricken weiterzogen, kamen wir ziemlich schnell vorwärts. Nach einer Fahrt von weiteren vier Tagen begann der Geschützmeister, der zugleich auch unser Lotse war, zu bemerken, daß wir etwas von der Richtung, die wir uns vorgenommen, abkämen, da der Strom ein wenig gegen Norden biege, ein Umstand, auf den er uns aufmerksam machen zu müssen glaubte. Wir wollten indes den Vorteil einer Wasserfahrt nicht aufgeben, wenigstens solange nicht, bis wir dazu genötigt würden, und so fuhren wir denn in Gottesnamen noch an zweihundert Meilen weiter. Aber jetzt wurde das Bett sehr schmal und seicht, wir kamen an den Mündungen mehrerer Flüßchen und Bäche vorbei und hatten zuletzt nichts mehr als einen großen Bach vor uns.

Wir ließen uns so weit ziehen, als unsere Kähne nur immer schwimmen wollten. Dies ging noch ein paar Tage an, weil wir das Gepäck ausluden und auf die Rücken unserer Neger legten, so hatten wir es allerdings noch eine kleine Weile bequem. Aber am zwölften Tage unserer Reise in diesem oberen Teile des Flusses schmolz das Wasser so zusammen, daß nicht einmal eine Londoner Jolle hätte darin schwimmen können.

Wir mußten nun die Reise zu Lande fortsetzen, ohne auf eine weitere Wasserfahrt rechnen zu dürfen. Ja, wir dachten nicht einmal mehr daran und wären froh gewesen, wenn wir nur gewußt hätten, ob wir auch immer genug Wasser zum Trinken haben würden. Wir erkletterten daher jede Bergspitze, der wir nahe kamen, um uns die Gegend zu betrachten und daraus entnehmen zu können, welchen Weg wir einschlagen müßten, um immer Wasser in der Nähe zu haben.

Wir marschierten indes dreißig Tage lang durch eine üppige, reichlich mit Wasser, Flüssen und Bächen versehene Landschaft, und es ging uns dabei recht gut.

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