Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Daniel Defoe >

Bob Singleton

Daniel Defoe: Bob Singleton - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleLeben und Abenteuer des weltbekannten Seeräubers Bob Singleton
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
editorJoseph Grabisch
firstpub1720
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleBob Singleton
pages1-425
created20060713
sendergerd.bouillon
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Am folgenden Tage gingen vier von uns, je zwei in verschiedener Richtung, landeinwärts, um die Gegend näher zu untersuchen. Wir fanden bald, daß sie einen sehr angenehmen Aufenthalt versprach.

Das Land hatte Überfluß an Vieh und Früchten, aber wir wußten nicht, ob wir nehmen durften, was wir fanden, und ob wir gleich notgedrungen waren auf Nahrung auszugehen, so scheuten wir uns doch, uns ein ganzes Volk Teufel auf einmal auf den Hals zu laden. Deswegen machten einige den Vorschlag, eine Verständigung mit den Eingeborenen zu versuchen, um zu sehen, wie wir uns gegen sie zu verhalten hätten. Elf Mann wurden mit dieser Sendung beauftragt. Sie versahen sich gut mit Waffen und waren zu jeder Verteidigung gerüstet. Bei ihrer Rückkehr berichteten sie, daß sie einige Eingeborene gesehen hätten, und daß diese sehr höflich, aber beim Anblick ihrer Flinten gewaltig erschrocken gewesen wären, denn sie hätten offenbar gewußt, was es damit für eine Bewandtnis hätte. Sie hätten den Wilden durch Zeichen zu erkennen gegeben, daß sie Nahrungsmittel zu erhalten wünschten; hierauf hätten sich diese entfernt und Wurzeln, Kräuter und etwas Milch gebracht, aber es läge am Tage, daß sie es nicht wegzuschenken sondern zu verkaufen gesonnen waren, indem sie durch Zeichen fragten, was man ihnen dafür geben wollte.

Die unsrigen kamen in Verlegenheit, denn sie hatten nichts bei sich, was sie austauschen könnten. Indessen zog einer von ihnen ein Messer hervor und zeigte es den Wilden. Sie betrachteten es mit einer Gier, als wollten sie den kleinen Finger darum geben, und feilschten lange genug um den Gegenstand ihrer Bewunderung. Einige boten Wurzeln, andere Milch, endlich einer eine Ziege, für welche denn auch die Ware losgeschlagen wurde. Darauf wies ein anderer von unsern Leuten ein zweites Messer vor, aber die Eingeborenen hatten nichts mehr dagegen auszutauschen, was kostbar genug gewesen wäre. Nun gab einer durch Zeichen zu verstehen, daß er etwas holen wollte. Drei Stunden lang warteten unsere Leute auf seine Rückkehr. Endlich brachte er eine kleine und kurze, aber sehr fette Kuh und gab sie gegen das Messer hin.

Das war ein guter Handel, aber zum Unglück hatten wir keine weiteren Tauschwaren, denn unsere Messer waren uns ebenso notwendig als ihnen angenehm, und hätten wir nicht um jeden Preis Nahrungsmittel haben müssen, so hätten sich unsere Leute auch jener beiden nicht entäußert.

Bald fanden wir jedoch, daß die Wälder mit Tieren angefüllt waren, die wir töten konnten. Täglich gingen wir auf die Jagd und kehrten niemals leer zurück. Das war um so nötiger, als wir nichts mehr wegzugeben hatten, denn was das Geld anbelangte, so würde unser ganzer Vorrat nicht weit gereicht haben. Dessenungeachtet hielten wir eine Versammlung, um unsere Schätze zu zählen, die dann, um desto besser damit haushalten zu können, in eine gemeinschaftliche Kasse geworfen wurden. Als die Reihe an mich kam, zog ich mein Goldstück und die beiden Dollar aus der Tasche, von denen ich eben gesprochen habe. Ich gab das Goldstück deswegen her, damit mich meine Gefährten wegen der Geringfügigkeit meines Beitrages zur Kasse nicht hintenansetzen oder gar durchsuchen möchten, worauf sie sich denn auch in dem Wahne, ich sei gewissenhaft genug gewesen ihnen nichts vorzuenthalten, sehr höflich gegen mich benahmen.

Doch unser Geld nützte nicht viel, denn die Eingeborenen kannten weder den Wert noch den Gebrauch desselben, auch wußten sie keinen Unterschied zwischen Gold und Silber zu machen, so daß unser Vorrat davon uns wenig geholfen hätte, wenn wir dafür hätten Lebensmittel kaufen wollen.

Die vorhin erwähnten Beratungen liefen am Ende darauf hinaus, daß wir die Kunst unserer beiden Zimmerleute, die beinahe mit aller Art von Werkzeugen versehen waren, zu benutzen und ein Boot zu bauen beschlossen, um damit in die See zu gehen und vielleicht nach Goa zurückzukehren oder an irgendeiner Stelle zu landen, von der wir leichter fortkommen könnten.

Gegen den Bau eines Bootes war nichts einzuwenden, und man ging sogleich ans Werk, stieß aber bald auf große Schwierigkeiten, wie Mangel an Sägen, um Bretter zu schneiden, an Nägeln und Klammern, um die Balken zu befestigen, an Hanf, Pech und Teer, um die Spalten zu verstopfen usw. Endlich machte einer den Vorschlag, anstatt einer Barke oder Schaluppe, oder wie sie das Boot nun nennen wollten, lieber einen großen Kahn zu bauen, was mit Leichtigkeit auszuführen wäre. Dagegen wurde sofort eingewandt, einen Kahn könne man nicht groß und stark genug machen, um damit in die offene See zu gehen, die wir doch befahren müßten, um die Küste von Malabar zu erreichen, ein Kahn sei auch für die Ladung zu schwach, wir seien nicht nur siebenundzwanzig Mann, sondern hätten auch eine Menge Gepäck und müßten zu unserer Nahrung noch weit größere Vorräte mitnehmen.

Ich hatte mir vorgenommen, bei den allgemeinen Beratung nichts drein zu reden, aber da ich sah, daß meine Kameraden mit ihrem Verstand am Ende waren, so sagte ich: allerdings dürften sie niemals darauf rechnen, in einem Kahne, der, wenn er auch alle aufnehmen und die hohe See aushalten könnte, doch unsere Mundvorräte und namentlich das erforderliche Wasser nicht fassen würde, nach Goa oder an die Küste von Malabar zu gelangen – sie würden mit Gewalt in ihr Verderben rennen, wenn sie auf die Ausführung dieses Wagestücks beständen, dessenungeachtet aber stimmte ich für den Bau eines Kahns.

Sie erwiderten mir hierauf, sie sähen recht wohl die Wahrheit dessen, was ich gesagt hätte, ein, könnten jedoch nicht begreifen, wie ich von der Gefahr und Unmöglichkeit, auf einem Kahne fortzukommen, sprechen und doch zum Bau eines solchen raten könnte.

Ich gab hierauf meine Meinung dahin ab, es handle sich gar nicht darum, unser Entkommen auf einem Kahn zu versuchen, aber es führen wohl noch mehr Schiffe außer dem unsrigen auf der See, da wohl kaum ein Volk an der Meeresküste auf einer so niederen Kulturstufe stände, das nicht auf irgendeiner Art von Fahrzeug auf die See ginge, es wäre daher unsere Aufgabe an der Küste der Insel, die sehr lang war, zu kreuzen und das nächste Boot, das wir finden könnten, wegzunehmen, falls es besser sei als das unsrige, und so fort von einem zum andern, bis wir vielleicht endlich ein Schiff bekämen, mit welchem wir steuern könnten, wohin wir wollten.

Ein vortrefflicher Rat, sagte einer von ihnen, ein bewundernswürdiger Rat, rief ein anderer.

Ja, ja, sagte der Geschützmeister, der englische Hund hats nicht übel im Sinn, nur schade, daß er uns geradenwegs an den Galgen führt, der Schurke hat uns in der Tat einen wahren Teufelsrat gegeben! Auf Raub auszugehen, bis wir von einem kleinen zu einem großen Schiffe kämen! Auf diese Art wären wir nichts anderes als Seeräuber, und das Ende von allem wäre der Strick.

Das mag sein, sagte ein anderer, und wenn wir in die unrechten Hände geraten, so würden wir wohl als Seeräuber behandelt werden, aber danach frage ich nicht. Ich will lieber ein Seeräuber oder sonst etwas Beliebiges sein als hier verhungern, und darum meine ich, der Vorschlag ist gut.

Nun riefen alle: laßt uns einen Kahn bauen! Der Geschützmeister wurde überstimmt und gab sich zufrieden. Aber als die Versammlung aufgehoben war, trat er auf mich zu und sagte, indem er meine Hand nahm und die innere Fläche derselben und mein Gesicht mit einem prüfenden Blicke betrachtete, in sehr ernstem Tone: Bursche, du wardst dazu geboren, eine Welt voll Unheil anzurichten. Du beginnst sehr jung als Seeräuber, aber hüte dich vor dem Galgen, junger Mensch! Hüte dich, sage ich!

Ich erwiderte lachend, ich wüßte zwar nicht, was noch aus mir werden sollte, aber wie die Sachen jetzt stünden, so machte ich mir kein Gewissen daraus, das nächste beste Schiff wegzunehmen, um unsere Freiheit zu erlangen. Ich wollte nur, es wäre gleich eins da, um Jagd darauf machen zu können. Während wir noch so sprachen, sagte auf einmal einer unserer Leute, der an der Tür unserer Hütte stand, der Zimmermann rufe von einer nahegelegenen Höhe: ein Segel! ein Segel!

Wir sahen uns alle sogleich um, allein so hell das Wetter war, konnten wir doch nichts entdecken. Aber da der Zimmermann unaufhörlich: ein Segel! ein Segel! rief, so eilten wir nach der Anhöhe und sahen nun deutlich ein Schiff auf der hohen See, das übrigens zu weit entfernt war, als daß man sich ihm durch Zeichen hätte verständlich machen können. Dessenungeachtet zündeten wir alles Holz, das wir zusammenbringen konnten, auf dem Hügel an und machten einen möglichst starken Rauch. Die Luft war beinahe ganz ruhig, aber die Segel waren voll, wie wir durch ein Fernrohr bemerkten, das der Geschützmeister bei sich hatte, und es steuerte, ohne auf unser Signal zu achten, mit dem Winde nordostwärts dem Kap der guten Hoffnung zu, während es uns die Hoffnung nahm.

Da wir nun keine andere Aussicht hatten, machten wir uns alsbald an den Bau des Kahns. Wir wählten uns einen sehr großen Baum dazu aus und fingen an, ihn mit unseren guten Äxten zu bearbeiten, deren wir im ganzen drei hatten, aber so fleißig wir auch waren, so dauerte es doch vier Tage, bis wir mit unserer Arbeit zustande kamen. Ich erinnere mich nicht mehr, was für eine Holzart es war, oder wieviel Fuß, Zoll und Linien der Kahn maß, aber daß er sehr groß war, und daß wir, als er bei der Probefahrt die Wellen so ruhig durchschnitt, eine Freude hatten, als stünde uns ein gutes Linienschiff zu Gebote.

Das Nachen war groß genug, um nicht nur sämtliche Mannschaft, sondern auch noch zwei bis drei Tonnen Ladung aufzunehmen, und wir beratschlagten deshalb, ob wir darauf nicht geradenwegs nach Goa fahren sollten, aber bei näherer Betrachtung kamen wir doch bald wieder von diesem Gedanken ab. Hatten wir doch Mangel an Lebensmitteln, keine Fässer zum Trinkwasser, keinen Kompaß zur Bestimmung der Richtung, kein Schutzdach gegen überschlagende Wogen und die Glut der Sonne usw. Wir kehrten daher zu meinem Vorschlage zurück, an unserer Küste zu kreuzen und zu sehen, was sich uns bieten würde.

Wir hatten uns ungefähr eine halbe Meile vom Ufer entfernt, die See ging ziemlich hoch, obgleich es beinahe völlig windstill war, und unser Fahrzeug wälzte sich auf den Wellen, als wollte es sich zuletzt ganz überwälzen. Wir strengten uns alle an, um der Küste näher zu kommen, bis der Kahn wieder ruhiger dahinglitt und wir so glücklich waren, nach harter Mühe das Land wieder zu erreichen.

Bald darauf kamen wir in große Verlegenheit. Die Eingeborenen waren ziemlich höflich und besuchten uns öfters. Eines Tages hatten sie einen Menschen bei sich, den sie als König zu verehren schienen, und pflanzten zwischen sich und uns eine lange Stange auf, die etwas über der Mitte mit einer großen Quaste von Haaren, mit allerlei Kettchen, Muscheln und kleinen Stücken Metall und dergleichen verziert war. Wir erfuhren später, daß dies das Zeichen von Freundschaft und Wohlwollen sein sollte. Sie boten uns bei dieser Gelegenheit eine Menge Lebensmittel, Vieh, Vögel, Kräuter und Wurzeln an, brachten uns aber dadurch in die größte Verlegenheit, denn wir hatten nichts zu verkaufen oder auszutauschen, und ihre Sachen wegzuschenken kam ihnen nicht in den Sinn. Unser Geld hatte nicht den mindesten Wert für sie, und so waren wir auf dem schönsten Wege zum Hungertode. Hätten wir einige Kinderspielsachen, metallene Kettchen, Puppen, Glasknöpfchen – mit einem Wort, Sachen, welche die Fracht nicht wert gewesen wären, bei uns gehabt, so würde dies uns Vieh und Lebensmittel genug, um eine Armee oder eine ganze Kriegsflotte damit versorgen zu können, verschafft haben, aber um Gold und Silber konnten wir nichts bekommen.

Wir wußten uns nicht zu helfen. Ich war damals noch ein junger Bursche und meinte daher, wir sollten mit unsern Flinten über sie herfallen und ihnen ihr Vieh mit Gewalt wegnehmen. Während wir nun beratschlagten, was wir beginnen sollten, sprang einer von uns, der ein Schmied gewesen war, plötzlich auf und fragte den Zimmermann, ob er unter seinem Handwerkszeuge nicht auch eine Feile hätte. Aber nur eine kleine, sagte der Zimmermann.

Je kleiner desto besser, sagte der Schmied, und ging sogleich an die Arbeit. Er machte sich einen alten zerbrochenen Meißel im Feuer heiß, nahm drei bis vier Dollarstücke und verarbeitete sie mit einem Hammer auf einem Steine, bis sie ganz breit und dünn geschlagen waren, schnitt sie dann zu Vögeln und allerlei Tieren aus, oder machte Arm- oder Halskettchen daraus und verarbeitete sie überhaupt in die mannigfaltigsten Formen, wie sie ihm gerade einfielen.

Als er in dieser Art von Arbeit ungefähr vierzehn Tage lang Kopf und Hände geübt hatte, versuchten wir die Wirkung seines Erfindungsgeistes und konnten bei einer andern Zusammenkunft mit den Wilden nicht genug über die Torheit des armen Volkes erstaunen. Für ein kleines Stück Silber, das in Gestalt eines Vogels ausgeschnitten war, bekamen wir zwei Kühe, und wäre es ein Stück Messing gewesen, so hätte es einen noch größeren Wert gehabt. Für ein Armkettchen erhielten wir soviel Lebensmittel aller Art, die uns in England sechzehn bis siebzehn Pfund gekostet hätten. Münzen, die nicht sechs Pence wert waren, galten in Spielwaren umgewandelt, hundertmal soviel und verschafften uns alles, was wir nur wünschten.

Auf diese Art brachten wir über ein Jahr zu, aber wir waren dieses Leben alle herzlich müde und beschlossen, die Insel so bald als möglich zu verlassen, mochte nun daraus werden, was da wollte. Wir besaßen jetzt nicht weniger als drei gute Kähne, und getrauten uns schon, auf die offene See zu halten. Aber wenn wir die Sache näher überlegten, so schreckte uns der Mangel an frischem Wasser immer wieder von neuem vor einem solchen Wagestück zurück, denn die Entfernung war ungeheuer, und kein Eingeborener war imstande, die lange Reise ohne Wasser auszuhalten.

Da uns unsere Vernunft von dieser Fahrt abriet, so standen uns nur zwei Wege offen: entweder westwärts auf das Kap der guten Hoffnung lossteuern, wo wir früher oder später irgendein Schiff aus unserm Vaterlande anzutreffen hoffen durften, oder wir konnten nach dem Festlande von Afrika rudern und entweder zu Lande weiterziehen, oder längs der Küste gegen das Rote Meer hinaufsegeln, wo wir über kurz oder lang irgendeinem Schiffe begegnen mußten, das uns an Bord nehmen konnte, oder was mir, beiläufig gesagt, nicht aus dem Sinn wollte, das wir nehmen konnten.

Diesen Vorschlag machte unser erfinderischer Schmied, den wir nachher nur den Silbermeister nannten, aber der Geschützmeister sagte uns, er sei einmal in einer Schaluppe von Malabar auf dem Roten Meer gewesen und wisse, daß wir entweder von den wilden Arabern getötet oder von den Türken gefangengenommen und zu Sklaven gemacht werden würden, er stimme deswegen gegen den gemachten Vorschlag.

Darauf ergriff ich wieder das Wort und sagte: Wie können wir nur davon sprechen, daß uns die Araber töten und die Türken gefangennehmen werden? Sind wir nicht beinahe jedem Schiffe gewachsen, das uns in diesen Gewässern begegnen könnte? Sind wir nicht imstande, anstatt genommen werden, es selbst zu nehmen?

Wohl gesprochen, Seeräuber, sagte der Büchsenmeister, deine Gedanken haben doch immer dieselbe Richtung, aber mir sagt mein Gewissen, wir haben nur einen einzigen Weg vor uns.

Sprecht mir jetzt nicht von Seeräubern und Gewissen, entgegnete ich, denn wir müssen Seeräuber oder sonst irgend etwas werden, um auf gute Manier von diesem verwünschten Orte wegzukommen.

Mit einem Wort, mein Vorschlag wurde angenommen. Wir beschlossen zu kreuzen und auf alles zu lauern, was wir treffen könnten. Zuerst handelt es sich jetzt darum, sagte ich, ausfindig zu machen, wieweit die Bewohner dieser Insel in der Schiffahrt sind, und welcher Art von Booten sie sich bedienen, und wenn sie irgendein besseres oder stärkeres Fahrzeug haben als wir, so wollen wir es wegnehmen.

Unser Dichten und Trachten ging nun vor allem dahin, womöglich ein Boot mit einem Verdeck und einem Segel zu bekommen, denn ohne dieses konnten wir unsere Mundvorräte nicht aufbewahren.

Zum großen Glück hatten wir einen Matrosen bei uns, der beim Koch Gehilfe gewesen war. Er gab uns ein Mittel an, unser Rindfleisch ohne Faß und Salz eßbar zu erhalten. Er rieb es nämlich in der Sonne mit Salpeter ein, an welchem Überfluß war. Auf diese Art hatten wir, noch ehe wir unsere Abfahrt ins Werk setzten, bald das getrocknete Fleisch von sechs bis sieben Rindern und zehn bis zwölf Ziegen zusammen, und es war so schmackhaft, daß wir uns gar nicht mehr die Mühe gaben es zu sieden, sondern es entweder brieten oder trocken aßen, aber immer noch blieb die große Schwierigkeit mit dem Wasser übrig, denn wir hatten keinen Behälter, noch weniger Fässer für die Seereise.

Doch da unser erstes Unternehmen nur eine Küstenfahrt sein sollte, so beschlossen wir es auf jede Gefahr hin zu wagen, und um soviel als möglich Trinkwasser einnehmen zu können, machte unser Zimmermann einen besonderen Trog quer über die Mitte unseres Kahns und verschloß ihn oben mit einem Deckel, auf dem wir hin- und hergehen konnten. Ich kann von diesem Kasten, der nahezu ein Oxhoft Wasser enthielt, keine bessere Beschreibung geben, als wenn ich ihn mit jenen Fischbehältern vergleiche, die man auf den kleinen Fischerbooten in England sieht, nur mit dem Unterschiede, daß jene Löcher haben, um das Salzwasser durchzulassen, und dieser ganz verschlossen war, um es abzuhalten. Es war dies wohl die erste Erfindung dieser Art zu einem solchen Gebrauche, doch die Not macht erfinderisch.

Nun bedurfte es nur noch einer kurzen Beratung über unsern Reiseplan. Vorerst wollten wir also die Insel umfahren, um irgendein Fahrzeug zu erhalten, auf dem wir uns einschiffen könnten, und dann eine Gelegenheit abzupassen, in die offene See zu steuern. Darum beschlossen wir, uns nach der Westküste der Insel zu wenden, wo sich das Land wenigstens an einer Stelle weit nach Nordwesten erstreckt und dadurch den Weg nach der afrikanischen Küste beträchtlich verkürzt. Wir nahmen also unsern sämtlichen Mundvorrat und Kriegsbedarf, Sack und Pack an Bord und stachen in die See. Unsere zwei großen Kähne waren mit Mast und Segel versehen, den dritten ruderten wir so gut es ging; wenn sich ein frischer Wind erhob, nahmen wir ihn ins Schlepptau.

Zwölf Tage lang steuerten wir nordwärts hart an der Küste hinauf, und da wir Ost- und Ostsüdostwind hatten, so ging es rasch vorwärts. Städte sahen wir nicht an der Küste, wohl aber Hütten auf den Felsen und überall eine Menge Neugieriger in ihrer Nähe, welche zusammenliefen, um uns nachzugaffen.

Es war eine seltsame Fahrt, wie nur je eine von Menschen ausgeführt wurde. Wir hatten eine Flotte von drei Schiffen und eine Armee von siebenundzwanzig verwegenen Gesellen, und hätten die Eingeborenen gewußt, wer wir waren, sie würden alles Mögliche daran gegeben haben, um uns loszuwerden. Auf der andern Seite waren wir so bedauernswert, als man nur sein kann: durch einen Ozean von den Ländern der Zivilisation getrennt und ohne irgendwelche geeigneten Mittel sie zu erreichen. Wir steuerten immer nordwärts, und je weiter wir vordrangen, desto größer wurde die Hitze. Wir waren auf dem Wasser ohne Schutz gegen Sonne und Regen, und die Glut wurde immer unerträglicher.

Dies veranlaßte uns wieder an Land zu gehen und unsere Zelte an einem günstigen Ort aufzuschlagen, bis die größte Hitze vorüber wäre. Wir waren jedoch bereits an jene Stelle gekommen, wo sich die Küste nordostwärts zog und unsern Weg nach dem afrikanischen Festlande noch weit mehr abzukürzen versprach, als wir erwartet hatten. Doch war noch immer Grund genug vorhanden, ihn auf ungefähr hundertundzwanzig Seemeilen anzuschlagen.

Aber nicht allein die Hitze trieb uns ans Land, auch unsere Mundvorräte gingen auf die Neige, und wir hatten nur noch für wenige Tage zu leben. Als wir nun eines Morgens früh auf die Küste lossteuerten, um frisches Wasser einzunehmen, hielten wir Rat, wo wir unser Lager aufschlagen sollten, aber nach verschiedenen Betrachtungen, die ich hier nicht wiederholen will, beschlossen wir, noch einige Tage weiterzufahren, weil uns die Gegend nicht gefiel.

Nachdem wir mit einem frischen Südostwind ungefähr sechs Tage lang in der Richtung nach Nordwestnord gefahren waren, bemerkten wir in weiter Entfernung ein großes Vorgebirge, welches weit in die See vorsprang, und da wir außerordentlich begierig waren, wie es wohl jenseits dieser Landspitze aussehen möchte, so beschlossen wir sie zu umfahren, ehe wir uns auf der Küste niederließen. Wir setzten also unsere Reise fort, und obgleich wir immer noch denselben Wind hatten, brauchten wir doch noch vier Tage, bis wir das Kap erreichten. Allein der Kleinmut und die Niedergeschlagenheit, die sich unser jetzt bemächtigte, ist nicht zu beschreiben, denn als wir an die Spitze des Vorgebirges kamen, machten wir die schreckliche Entdeckung, daß die Küste auf der anderen Seite ebensoweit, ja noch viel weiter zurücktrat, als sie auf der entgegengesetzten vorsprang, und daß wir, wenn wir nach Afrika wollten, von hier aus abfahren müßten, denn je weiter wir nach derselben Richtung fuhren, desto breiter wurde die See, und wieweit diese Breitezunahme noch gehen würde, konnten wir nicht ermessen.

Während wir über diese Entdeckung nachdachten, wurden wir von Gewittern überrascht, die etwas ungewöhnlich Furchtbares für uns hatten und von heftigen Regengüssen begleitet waren. Wir eilten auf die Küste zu, gelangten in eine kleine Bucht, deren Ufer mit Bäumen überwachsen waren, und eilten, von der Hitze, vom Donnerwetter und Regen gleich erschöpft, so schnell wie möglich alle ans Land, wo wir ganz durchnäßt ankamen. Unser Zustand war wirklich höchst bedauernswert, und unser Tausendkünstler pflanzte auf einer Anhöhe, eine Meile von der äußersten Spitze des Kaps, ein großes hölzernes Kreuz auf, in das er in portugiesischer Sprache die Worte eingrub: Kap der Verzweiflung! Christus erbarme Dich! Alsbald fingen wir an uns Hütten zu bauen, um unsere Kleider trocknen zu können, und nie werde ich die kleine Stadt vergessen, die wir errichteten, denn so konnte man sie wohl nennen.

Ungefähr vier Monate lang blieben wir in unserm Lager. Die Sonne hatte den südlichen Wendekreis zurückgelegt und ging wieder rückwärts dem Tagundnachtgleichepunkt zu. Wir überlegten, was nun weiter zu tun sei. Soweit wir uns den Eingeborenen verständlich machen konnten, sprachen wir mit ihnen, aber alles, was wir von ihnen erfahren konnten, war, daß jenseits des Meeres ein großes Land voller Löwen wäre, und daß noch ein weiter Weg bis dorthin sei. Soviel wußten wir auch, daß es weit sei, aber wie weit, darüber wichen unsere Ansichten sehr voneinander ab: einige sagten hundertundzwanzig, andere nicht über hundert Seemeilen. Einer von uns, der eine geographische Karte bei sich hatte, zeigte uns an dem Maßstabe derselben, daß die Entfernung nicht über achtzig Seemeilen betragen könne. Einige meinten, wir würden allenthalben auf Inseln stoßen, andere, wir würden gar keine zu Gesicht bekommen. Ich für meinen Teil wußte weder das eine noch das andere und hörte gleichgültig zu, denn ich bekümmerte mich nicht darum, ob die Entfernung groß oder klein sei. Endlich hielten wir eine allgemeine Versammlung, aber die Debatten waren zu langweilig, um ihrer besonders zu gedenken, und ich bemerke nur soviel, als die Umfrage an den Kapitän Bob kam – so nämlich nannten sie mich, nachdem ich mit dem früher erwähnten Rat unter ihnen aufgetreten war – sprach ich mich für gar keine Ansicht aus und sagte nur, es könne mir gänzlich gleichgültig sein, ob wir gingen oder blieben, denn ich hätte keine Heimat, und die ganze Welt sei mir gleich lieb, weshalb ich die Sache ganz in ihren Willen stellte.

Soviel sahen alle ein, daß ohne ein Schiff nicht fortzukommen war und daß wir, wenn wir das Essen und Trinken zum Zweck hatten, keinen besseren, aber wenn wir in unser Vaterland zurückkehren wollten, keinen schlimmeren Ort auf der Welt finden konnten.

Mir gefiel die Gegend außerordentlich und ich spürte damals einen seltsamen Drang in mir, später zurückzukehren, um hier zu wohnen. Ich sagte daher oft zu meinen Gefährten: Hätte ich nur ein Schiff von zwanzig Kanonen und eine Schaluppe, beide wohl bemannt, so wollte ich mir keinen besseren Ort auf der Welt wünschen, um so reich zu werden wie ein König!

Doch um auf unsere Beratungen zurückzukommen, so liefen sie darauf hinaus, daß wir gehen sollten. Wir beschlossen auf das feste Land zuzusteuern und fuhren ziemlich leicht vor dem Winde hin. Den kleinsten Kahn nahmen wir ins Schlepptau und steuerten mit vollen Segeln der Küste zu. Es war eine gefährliche Fahrt, und hätte sich der leichteste Gegenwind erhoben, so wären wir alle verloren gewesen, denn unsere Kähne waren nicht in dem Zustande eine hohe See auszuhalten.

Im ganzen dauerte die Fahrt elf Tage. Wir hatten schon den größten Teil unseres Mundvorrats und bereits den letzten Tropfen Wasser aufgebraucht, als wir zu unserer unbeschreiblichen Freude Land erblickten, aber da uns der Wind entgegen kam, so dauerte es noch zwei Tage, bis wir die Küste erreichten. Wir hatten während dieser ganzen Zeit eine übermäßige Hitze auszustehen und keinen Tropfen Wasser mehr. Es war dies aber nur der Vorgeschmack dessen, was wir erlebt hätten, wenn wir die Fahrt bei allzu schwachem Winde und unsicherem Wetter unternommen hätten; und das schreckte uns von unserm Plane, die offene See zu befahren, wenigstens so lange ab, bis wir bessere Fahrzeuge haben würden. Wir stiegen also wieder an Land, schlugen wie zuvor ein befestigtes Lager auf und richteten uns wieder so gut wie möglich ein. Wir hatten indes kaum einen Überfall zu befürchten, denn die Eingeborenen waren ausnehmend höflich, und obgleich wir weder ihre Sprache noch sie die unsrige verstanden, so fanden wir doch Mittel, ihnen begreiflich zu machen, daß wir Seefahrer und Fremdlinge seien und großen Mangel an Lebensmitteln hätten.

Der erste Beweis ihrer freundschaftlichen Gesinnung war, daß einer von ihren Häuptlingen oder Königen, sobald sie uns ans Land steigen und unsere Wohnungen aufschlagen sahen, mit fünf oder sechs Männern und einigen Weibern zu uns kam und uns fünf Ziegen und zwei junge fette Stiere brachte, welche er uns ohne Bezahlung überließ. Wir boten ihnen etwas dafür an, aber der Häuptling verbot ihnen, dieses oder irgend etwas anderes von uns anzunehmen. Ungefähr zwei Stunden später kam ein Häuptling mit vierzig oder fünfzig Mann in seinem Gefolge. Wir erschraken und legten die Hand an unsere Waffen. Als er dies bemerkte, schickte er zwei Männer vor sich her, welche zwei lange Stangen in den Händen trugen und sie so hoch wie möglich emporhielten. Wir begriffen im Augenblick, daß dies ein Friedenszeichen sein sollte. Die beiden Stangen wurden dann aufgepflanzt und in den Boden gesteckt, und als der Häuptling und seine Begleiter ankamen, steckten sie alle ihre Lanzen neben den Stangen in den Boden, warfen ihre Bogen und Pfeile ab und schritten unbewaffnet auf uns zu.

Dies überzeugte uns, daß sie als Freunde kamen, worüber wir uns nicht wenig freuten, denn wir hatten nicht im Sinn uns in Feindseligkeiten einzulassen, wenn wir es verhindern konnten. Als der Häuptling sah, daß etliche von unsern Leuten Hütten aufschlugen und unbeholfen dabei zu Werke gingen, befahl er einigen von seinen Leuten, uns an die Hand zu gehen. Alsbald mischten sich fünfzehn oder sechzehn von ihnen unter unsere Leute, um für uns zu arbeiten, und sie waren wirklich bessere Baumeister als wir, denn in einem Augenblicke hatten sie drei oder vier Hütten für uns errichtet, die weit schöner als die unsrigen waren.

Hierauf gaben sie uns Milch, Pisang, Kürbisse und eine Menge Wurzeln und Gartengewächse, welche sehr gut schmeckten. Endlich nahmen sie Abschied und weigerten sich irgend etwas von uns anzunehmen. Einer von uns bot dem Häuptlinge dieser Leute einen Trunk, den er mit Freude annahm und sodann seine Hand nach einem zweiten ausstreckte. Von nun an verfehlte er niemals zwei- bis dreimal in der Woche zu kommen, und jedesmal brachte er dieses oder jenes mit. Eines Tages schickte er uns sieben Stück schwarzes Rindvieh, von denen wir einiges schlachteten und das Fleisch wie früher einsalzten und dörrten.

Hier kann ich nicht umhin eines Umstandes zu gedenken, welcher uns nachher sehr zu statten kam, nämlich daß das Fleisch der Ziegen sowie des Rindviehs, besonders aber das erstere, wenn es getrocknet und eingesalzen war, rot aussah und so hart und fest wurde wie das getrocknete Rindfleisch in Holland. Es war für sie ein solcher Leckerbissen, daß sie es uns einige Zeit nachher abhandeln wollten, ohne zu wissen oder zu ahnen, was es wäre, so daß sie uns für zehn bis zwölf Pfund geräucherten und getrockneten Rindfleisches ein ganzes Rind oder eine Kuh, oder was wir nur immer wünschten, geben wollten.

Hier beobachteten wir zwei Dinge, welche von wesentlichem Nutzen für uns waren. Erstens fanden wir, daß sie eine Menge irdenen Geschirrs besaßen, welches sie zu mancherlei Zwecken gebrauchten, besonders aber hatten sie lange, tiefe irdene Töpfe, welche sie in die Erde zu graben pflegten, um das Trinkwasser frisch und kalt zu erhalten, das zweite war, daß sie sich größerer Kähne bedienten als ihre Nachbarn.

Das brachte uns auf den Gedanken, nachzusehen, ob sie nicht noch größere Fahrzeuge hätten, als wir bisher sahen, oder ob nicht bei den übrigen Inselbewohnern solche zu finden wären. Sie deuteten uns durch Zeichen an, daß sie keine größeren Boote als die uns bereits gezeigten hätten, daß dagegen Fahrzeuge mit Deck und großen Segeln auf der anderen Seite der Insel zu finden wären. Dies veranlaßte uns, eine Küstenfahrt um die ganze Insel zu machen, weshalb wir sogleich die Vorkehrungen dazu trafen, unsern Kahn mit Lebensmitteln befrachteten und uns zum dritten Male der See anvertrauten.

Wir brauchten vier bis sechs Wochen zu dieser Fahrt, währenddessen wir mehrere Male landeten, um Wasser und Mundvorrat einzunehmen, wobei wir die Inselbewohner immer freigebig und höflich fanden. Eines Morgens früh, als wir eben an der nördlichsten Spitze der Insel Halt gemacht hatten, wurden wir nicht wenig durch den Ruf einer unserer Leute überrascht, der ein Segel verkündete, und unmittelbar darauf entdeckten wir auch ein großes, ziemlich weit entferntes Schiff auf offener See. Als wir jedoch mit unseren Fernrohren danach sahen und ausfindig zu machen versuchten, welcher Nation es wohl angehören möchte, wußten wir nicht, was wir davon denken sollten, denn es hatte eine ganz ungewöhnliche Bauart, die wir nie zuvor gesehen hatten. Nur das wurde uns klar, daß es sich von uns entfernte und seewärts steuerte. Wir verloren es bald aus dem Gesicht, da wir nicht in der Lage waren, Jagd darauf zu machen, und sahen es nicht wieder. Unsere späteren Erfahrungen belehrten uns, daß es wohl ein arabisches Schiff gewesen sein müsse, welches Güter nach der Küste von Mozambique führte.

Ich kann mich nicht erinnern, daß unter den Einwohnern der Insel, auf welcher wir uns befanden, ein besonderer Unterschied bemerkbar gewesen wäre, sowohl hinsichtlich ihres Äußern als ihrer Sitten und Waffengattungen. Auch schienen sie keinen gegenseitigen Verkehr zu unterhalten, obgleich ich mich recht gut entsinne, daß wir auf dieser Seite nicht minder gut als auf der andern aufgenommen wurden.

Wir setzten unsere Fahrt noch einige Wochen nach Süden unter gelegentlichen durch Wasser- und Provisionsmangel verursachten Unterbrechungen fort. Eines Tages wurden wir, als wir die ungefähr eine Stunde weit in die See hineinragende Landspitze umschifften, durch einen Anblick überrascht, der ohne Zweifel den dabei Beteiligten ebenso unerfreulich gewesen war, als wir dadurch entzückt wurden. Wir trafen nämlich auf das Wrack eines europäischen Schiffes, das an den Felsen, die hier weit ins Meer hineinliefen, gestrandet war.

Wir konnten zur Zeit der Ebbe einen großen Teil des Wracks trocken liegen sehen, und selbst der höchste Wasserstand vermochte es nicht ganz zu verdecken, auch lag es nur etwa eine Stunde vom Gestade ab. Man kann sich denken, daß uns unsere Neugierde veranlaßte, das günstige Wetter zu benutzen und darauf loszusteuern, was denn auch durchaus keine Schwierigkeit hatte. Wir überzeugten uns, daß das Schiff holländischer Bauart war und sich noch nicht sehr lange in diesem Zustande befinden konnte, denn der obere Teil des Spiegels war noch fest und der Basanmast aufrecht. Der Spiegel schien sich zwischen dem Riff eingeklemmt und so Schutz gefunden zu haben, während alle andern Teile zertrümmert waren.

Wir konnten an dem Wrack nichts gewahren, das mitzunehmen sich der Mühe gelohnt hätte, und so entschlossen wir uns zu landen und eine Weile in der Gegend zu bleiben, um zu sehen, ob wir nichts über die Geschichte des Fahrzeuges erfahren könnten, indem wir hofften, nicht nur Nachricht über die Mannschaft einzuziehen, sondern auch die Überbleibsel derselben, die vielleicht mit uns in gleicher Lage wären, und daher ein erwünschter Zuwachs für uns werden könnten, an der Küste ausfindig zu machen.

Es war ein erfreulicher Anblick, am Gestade die Spuren eines Zimmerplatzes, z. B. einen Nagelblock, Gerüste, Ablaufplanken und andere Überbleibsel eines Schiffsbaus anzutreffen, lauter Dinge, die uns zu einem gleichen Werk einluden. Wir entnahmen daraus, daß die Mannschaft des gestrandeten Schiffes, vielleicht in einem Boote sich ans Ufer gerettet, hier eine Barke oder Schaluppe gebaut und sich wieder auf die See begeben hatte. Auf unsere Nachfrage bei den Eingeborenen, welchen Weg sie eingeschlagen hätten, deutete man die Richtung Süd und Südwest an, woraus wir folgerten, sie wären dem Kap der guten Hoffnung zugesteuert.

Man kann sich leicht denken, daß wir nicht so einfältig waren, uns diesen Wink nicht zunutze zu machen und für unsere Erlösung dieselbe Methode in Anwendung zu bringen. Wir entschlossen uns insgesamt zuvörderst den Versuch zu machen, auf die eine oder die andere Weise ein Boot zu bauen und uns dann dem Meere anzuvertrauen, mochte uns dann das Schicksal hinführen, wohin es wollte.

Unser erstes Geschäft war nun die Zimmerleute mit der Untersuchung des von den Holländern zurückgelassenen Materials zu beauftragen, damit sie das noch brauchbare aussuchten. Unter diesem fanden sie besonders etwas, was uns gar gut zustatten kam, nämlich einen Pechkessel mit etwas Pech.

Als wir jedoch ans Werk gingen, stellten sich uns viele Schwierigkeiten in den Weg, denn wir hatten nur wenige Werkzeuge, keine eisernen Nägel und Klammern, keine Taue und keine Segel, so daß wir bei unserm ganzen Bauwesen selber als Schneider, Seiler oder Segelmacher tätig sein mußten, lauter Gewerbe, von denen wir wenig oder gar nichts verstanden. Die Not ist jedoch eine gute Lehrmeisterin, und wir brachten vieles zustande, was wir früher in unserer Lage für unausführbar gehalten hätten.

Zu gleicher Zeit retteten wir auch eine ziemliche Menge Eisenwerk, wie Bolzen, Zapfen, Nägel und dergleichen, welches unser vorhin erwähnter Künstler, der sich nachgerade zu einem sehr tüchtigen Schmied heranbildete, zu Nägeln und Zapfen, wie wir sie brauchten, verarbeitete. Aber wir bedurften auch eines Ankers, und selbst wenn wir diesen gehabt hätten, so fehlte es an einem Ankertau. Wir drehten indes unter der Beihilfe der Eingeborenen aus dem Material, woraus diese ihre Matten bereiteten, Stricke, aus denen wir eine Art Leine machten, die stark genug war, unser Fahrzeug am Ufer zu befestigen, womit wir uns vor der Hand begnügen mußten. Einer der eingeborenen Neger zeigte uns einen Baum, dessen Holz, übers Feuer gehalten, eine klebrige Flüssigkeit ausschwitzte, die fast so zäh wie Teer war, und die wir durch Kochen in ein Material verwandelten, welches uns statt des Peches diente. Es entsprach unserm Zweck vollkommen, denn es machte das Fahrzeug so wasserdicht, daß wir des Teers sehr gut entbehren konnten. Dieses Geheimnis kam mir später in manchen derartigen Lagen gut zustatten.

Als unser Schiff soweit fertig war, versahen wir es mit einem sehr guten Mast, wozu wir den Basanmast des Wracks verwendeten, und brachten die Segel so gut als möglich an, dann fertigten wir das Steuer und alles andere, was unsere damalige Lage auszuführen gestattete, nahmen Mundvorrat und Wasser ein, von letzterem soviel, als wir ohne Fässer unterbringen konnten, und schifften uns mit dem ersten günstigen Winde ein.

Es galt jetzt, über den Weg, den wir einschlagen wollten, einig zu werden, aber nie zeigte unsere Mannschaft eine größere Unschlüssigkeit, denn einige waren der Ansicht, man solle nach Osten und der Küste von Malabar zusteuern, während andere, welche über die Länge dieser Fahrt ernstlicher nachgedacht, über diesen Vorschlag bedenklich den Kopf schüttelten, da sie wohl wußten, daß weder unser Mundvorrat, noch unser Wasser für eine Fahrt von zweitausend Meilen ausreichte.

Diese Leute waren die ganze Zeit unserer Reise über für eine Fahrt nach dem Festlande von Afrika gewesen, wo es uns wenigstens an Nahrung nicht gebrechen würde und wir darauf rechnen durften uns durchzuhelfen, mochten wir nun die Reise zu Wasser oder zu Lande machen.

Wie die Dinge aber einmal standen, so hatten wir keine sonderliche Wahl, denn für eine Fahrt nach Osten war die Jahreszeit die allerungünstigste, und wir hätten unser Vorhaben bis zum April oder Mai hinausschieben müssen. Wir entschlossen uns daher endlich, da wir Südost und Südsüdostwind hatten, und das Wetter günstig zu bleiben versprach, nach der Küste von Afrika zu steuern, ohne uns lange über die Küstenfahrt an der Insel zu streiten. Die Fahrt war in der Verzweiflung unternommen worden und wurde nicht mit sonderlicher Umsicht betrieben, denn wir wußten von unserm Kurse weiter nichts, als daß wir westlich steuern müßten, mit etwa zwei oder drei Punkten gegen Norden oder Süden, und da wir nur einen kleinen messingenen Kompaß hatten, so konnte unsere Richtung unmöglich eine genaue sein.

Der Himmel sandte uns indes fortwährend günstigen Wind, der aus Nordwestwest blies, und da eine Fahrt nach Südostost in unsern Plan paßte, so folgten wir getrost diesem Kurse.

Die Reise dauerte viel länger als wir erwartet hatten, denn unser Fahrzeug hatte keine Segel, die in einem Verhältnis zu seiner Größe standen, weshalb es sehr schwerfällig segelte und nur geringe Tagesstrecken zurücklegte. Es begegnete uns indes nichts Besonderes auf unserer Fahrt, da wir uns so ziemlich außer dem Bereich von allem befanden, was einen Wechsel hätte bieten können. Die See, in der wir fuhren, war kein Handelsweg, da die Bewohner Madagaskars nicht mehr als wir selber von Afrika wußten, nämlich daß es dort viele Löwen gäbe, und so stieß uns auch auf dem ganzen Wege kein Fahrzeug auf, das wir hätten anrufen können.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.