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Blockhaus an der Wolga

Max Barthel: Blockhaus an der Wolga - Kapitel 9
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pfad/barthel/blockhau/blockhau.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleBlockhaus an der Wolga
publisherDer Freidenker
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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ACHTES KAPITEL

Anfang und Ende

Immer wieder muß ich an Moskau und den Roten Platz denken. Ja, auf diesem Roten Platz stampften die Jahrhunderte der Geschichte und hinterließen ihre Spuren. Fünfzehn Kapellen standen früher einmal hier, die zum Andenken an die vielen tausend Menschen erbaut waren, welche die gekrönten Henker hatten hinrichten lassen. Der Russe ist durch Tränenbäche und Blutsümpfe gewatet. Nur aus seiner schrecklichen Vergangenheit ist seine Gleichgültigkeit dem eigenen, und dem fremden Leben gegenüber zu erklären, nur so wird sein Fanatismus und seine Grausamkeit im Bürgerkrieg verständlich.

Fünfzehn Kapellen standen auf dem Roten Platz, der Gott, dem sie dienten, war ein grausamer Gott. Er ließ alle Verbrechen auf der Welt zu, seine Pfaffen salbten die Zaren und segneten die Mordwaffen, unter deren Schlägen das Blut spritzte. Auf dem Roten Platz erinnert eine umgitterte Tribüne, die »Schädelstätte« heißt, an das Mittelalter. Die Tribüne heißt Schädelstätte, weil man bei ihrem Bau viele Menschenschädel gefunden hat. Und auf dem merkwürdigen Platz stand auch einmal ein Schauspielhaus. Es stand nicht weit von jener Stelle, an der die Köpfe der Hingerichteten von eisernen Pfählen starrten. Und so war alles ganz dicht beieinander: der. funkelnde Kreml, die vielen Kapellen, die ausgebluteten Opfer, die burlesken Spaße der Schauspieler, die Gebete, die Flüche, die Seufzer, die Urteile, und über allem thronte irgendwo in einem sagenhaften Himmel unausdenkbar ein sagenhafter Gott.

Von diesen Dingen wußten wir damals wenig und lebten der Zeit.

Wir ließen uns von der Schönheit des Kremls blenden oder gaben die Krone der Schönheit weiter an Wassili Blashenny, die wohl das sonderbarste Baudenkmal der Welt ist. Wie in Rußland viele Völker zusammen wohnen, treffen sich in dieser mittelalterlichen Kirche fast alle uns bekannten Architekturen. Die Gotik verschwistert sich mit der Renaissance und trifft auf orientalische Kuppeln und Zierate. Wie verworren muß die damalige Welt gewesen sein, um diese Kirche zu errichten! Jeder Turm ist anders in Farbe, Form und Größe. Der eine rundet sich als gleißende Spirale empor, der andere windet sich als gigantische Zwiebel, der dritte baut sich als Pyramide auf, der vierte wölbt sich als Oval und der fünfte ist mit stachligen Schuppen bedeckt, die ein Fabeltier auf der Flucht verlören hat.

Ja, wir waren wieder in Moskau und spazierten durch diese großartige Stadt und fanden Schmutz und Schönheit, Neuzeit und Mittelalter. In den Kinderheimen stimmten die Kinder bei unseren Besuchen die »Internationale« an, aber es gab auch viele Kinder, die zerlumpt und hungernd durch die Straßen und über die Plätze strichen.

Viele Ausländer waren in ihre Länder zurückgekehrt.

In Baku hatten sich die Delegierten der östlichen Gebiete zu einem Kongreß der farbigen Völker zusammengefunden. Auch von Baku aus wurde der Aufstand im Osten mit vorbereitet. Der Hauptredner war ein Inder, der im Weltkrieg mit deutschen Agenten Waffengeschäfte abschloß. Das Schiff wurde von den Engländern gekapert, der Inder mußte fliehen, um den ganzen Erdball fliehen und lauerte dann an der turkestanischen Grenze auf neue Möglichkeiten. Das Gefüge der alten Welt krachte in allen Fugen.

Der Sommer glühte immer noch, aber die Nächte waren schon kühl. In den nahen Wäldern schlug der September seine goldenen Becken leise donnernd zusammen.

Als wir am Schwarzen Meere waren, erkrankte in Moskau der Amerikaner John Freeman. Er bekam Typhus und starb in wenigen Wochen. Kein Mensch hatte sich um ihn gekümmert, Njura wußte nichts von der Krankheit, aber als er tot war, besannen sich die Russen auf seine Verdienste und bereiteten für ihn ein Grab an der Kremlmauer vor.

Dann kam Njura aus Petrograd.

Sie weinte und klagte.

»Er wollte im Herbst nach Amerika zurückfahren«, sagte sie leise. »Wir wollten heiraten, und ich sollte mit ihm gehen. Ich bin schuld an seinem Tode... Ich war in Karelien auf Urlaub, als er krank wurde. Ich bin schuld. Armer, lieber John;«

»Aber Njura«, antwortete Maartens feierlich, als könne seine gedämpfte Stimme Trost geben für das verzweifelte Mädchen. »Aber Njura, er ist doch auch für uns gestorben. Wir alle haben schuld.«

»Unsinn«, sagte sie, »ihr habt keine Schuld. Er ist an der Schlamperei in unseren Krankenhäusern zugrunde gegangen. Wenn ich hier gewesen wäre, ich hätte ihn schon durchgebracht. Warum hat man ihn nicht in das Kremlkrankenhaus gebracht? John, John... Ich habe ihn so sehr geliebt!«

Sie weinte wieder.

»Still sein, Njura«, sagte Merkel. »Alles geht ja vorbei. Ganz still sein, kleine Frau... Alle sterben, die wir lieben, alle leben, die wir hassen«, setzte er philosophisch hinzu.

Njura machte ein wildes, verächtliches Gesicht. Sie weinte nicht mehr.

Die Ehrenkompanie hatte ihren Salut über das Grab geschossen, die Redner hatten das Gelöbnis unerbittlichen Kampfes erneuert, aber war das ein Trost für eine klagende Frau? Aus den Wäldern kamen die kreischenden Krähen. Njura reiste am Abend nach Petrograd zurück.

Das Leben ging weiter.

Das Leben ging weiter, und endlich bekam ich Post aus Deutschland. Ruhla hatte geschrieben und klagte über meine Schweigsamkeit. Ich hatte ihr viele Briefe geschickt, kein Brief war angekommen. Ich wollte heimfahren, aber die Abreise verzögerte sich von Tag zu Tag, die Grenzen waren ja noch gesperrt, und meine Reisepapiere wurden nicht fertig. Ich schrieb noch einmal an Ruhla und bat, sie soll Ende Oktober kommen, wenn ich noch nicht in Berlin wäre.

Mit Merkel lief ich noch vielemal durch die Stadt.

Wir besahen uns Fabriken und Kinderheime, Arbeiterklubs und Museen, waren auch vielemal auf der Sucharewka und hatten uns ausbalanciert, das heißt, wir näherten uns dem Leben und sahen die Bedingungen des Lebens. Das Leben war schwer. An der polnischen Front gingen erbitterte Kämpfe.

Auf der Sucharewka traf ich mit Katja zusammen.

Ich besah mir sibirische Pelze und die glühenden chinesischen Porzellane.

Da legte sich eine Hand auf meinen Arm.

Ich drehte mich um. Katja stand vor mir!

»Was machst du auf dem Markt, du kleiner Spekulant?« fragte sie. Das Blut schoß mir ins Herz.

»Katja. Katja!« sagte ich. »Ich bin ein großer Spekulant! Ich habe immer darauf spekuliert, dich einmal wiederzusehen.«

Sie lachte.

»Ich habe dich gesehen, in Charkow, aber du warst ein großer Herr und übersahst die kleinen Menschen«, sagte sie.

»In Charkow?« fragte ich verwundert.

»Nun ja, ich war auch in Charkow, als ihr dort waret. Ihr fuhret nach Odessa, und ich mußte wieder nach Moskau zurück. War es schon? Gibt es hübsche Mädchen am Schwarzen Meer?«

»Ja«, sagte ich, »aber keine ist so schön wie du!«

»So schön wie ich? Kleiner Deutscher! Ich will keine Schmeicheleien hören, das ist doch kleinbürgerlich und beinahe konterrevolutionär. Man hat mir die Geschichte von Solani und seiner Sängerin erzählt, ich habe so sehr gelacht! Er hat sich aber sehr schnell getröstet, hat man mir erzählt. Ihr tröstet euch immer schnell, ihr Genossen Ausländer!«

»Katja«, sagte ich und nahm ihren Arm, »Katja, ich war untröstlich, als du an jenem versprochenen Morgen nicht kamst. Ich habe so auf dich gewartet, ich habe dich in der ganzen Stadt gesucht Weißt du, um manchen Menschen ist eine Atmosphäre, aus der Blitze kommen können. Katja, als ich dich in Pieter zum erstenmal sah, da hat ein Blitz in mein Herz eingeschlagen! Wo ist Nowikoff, der Matrose?«

»In Petrograd. Er macht Blitzableiter, kleiner Deutscher«, lachte sie. »Soll er dir einen schenken?«

»Katja, du lachst, und ich liebe dich doch!« sagte ich.

»Soll ich deswegen weinen? Soll ich weinen, weil du mich liebst? Heulen die deutschen Gretchen, wenn sie verliebt sind? Und die Liebe, was ist schon die Liebe! Weißt du, was wir sagen? Nun, ein Glas Wasser in der heißen Nacht, schön und erquickend.«

»Ich habe Durst. Laß mich trinken!« sagte ich.

Sie wurde ernst.

»Das Wasser bei uns ist gefährlich«, warnte sie; »viele Leute sind schon gestorben, weil sie zu viel und zu hastig getrunken haben. Oder weil sie des Wassers überdrüssig waren und nach Wein oder Wodka verlangten. Nein, ich kann dich nicht trinken lassen.«

»Und Nowikoff?« fragte ich eifersüchtig.

»Nowikoff ist in Pieter, und ich bin in Moskau«, sagte sie gleichgültig. »Er trinkt dort, wenn er Durst hat.«

»Ich habe auch Durst«, murrte ich.

Sie lachte wieder und führte mich nach einer Teestube.

Wir saßen in dem dunklen, einfachen Keller.

Katja bestellte Tee.

Als der Tee kam, sagte sie:

»Trink, mein Freund, das ist gut für den Durst.«

Sie blickte mich zärtlich an, ihre Augen verrieten mehr als ihr Mund. Da ließ ich den Tee und küßte ihren Mund. Sie ließ sich küssen. Dann schlang sie die Arme um mich und küßte wieder. Ich vergaß Moskau und Nowikoff, ich vergaß Ruhla und Deutschland, den dunklen Keller und alles Elend der Welt, ich war glücklich. Nach einer halben Stunde verließen wir den Keller. Den Tee hatten wir nicht angerührt.

Von jener Zeit an trafen wir uns jeden Tag.

Maartens warnte mich einmal und sagte:

»Otto, nimm dich vor dem Mädel in acht, ich habe da allerhand über sie gehört. Und dann, weißt du, es ist das Fräulein, das damals... nun, ich habe dir doch in Odessa davon erzählt.«

Ich lachte den Holländer aus und ließ ihn stehen.

In jener Nacht, als sie mich zum erstenmal im Hotel besuchte, gestand sie, Agentin der Tscheka zu sein. Das Geständnis zwischen zwei Küssen erschütterte mich nicht. Und wenn sie die Tochter eines Teufels gewesen wäre, ich hätte sie doch geliebt. Was wußte ich von der Tscheka! Ich fragte nur:

»Schickt dich die politische Polizei zu mir ins Bett?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Dann ist es gut«, sagte ich. »Hast du mich lieb?«

Sie nickte mit dem Kopf.

Wir sprachen kein Wort mehr davon.

Katja kam vielemal, und in ihren Armen verlor die Zeit ihr schweres Gewicht. Einmal wollte sie politisch mit mir sprechen und erkundigte sich angelegentlich nach Hans Merkel und seiner Rolle in Deutschland, ich antwortete mit Küssen und Liebesgeständnissen.

Wir tranken in jenen Nächten kein Wasser.

Wir tranken Feuer.

Dann verschwand Katja für zehn Tage, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Ich war unglücklich und wollte nach Deutschland zurück. Auch Merkel wollte reisen, aber wir mußten noch warten. Und dann tauchte sie ebenso plötzlich, wie sie verschwunden war, wieder auf.

Sie besuchte mich im Hotel, und auf alle Fragen sagte sie nur:

»Ich erzähle dir's später. Wir wollen nach dem Falkengehölz. Bitte, komm mit.«

Sie sah blaß und müde aus. Unter ihren Augen lagen schwarze Schatten. Sie war auf dem Wege nach dem Falkengehölz schweigsam, aber dann erzählte sie langsam und zögernd von der plötzlichen Abreise und ihrer Arbeit. Zum ersten Male sah ich hinter die Kulissen und Fassaden der großen Revolution, zum erstenmal hörte ich etwas von dem großen Kampf im Dunkel um den Bestand der Republik.

»Ja«, sagte Katja, »ich mußte schnell verschwinden und konnte dir keine Nachricht geben. Ich durfte dir auch keine Nachricht geben. Ich hatte einen neuen Auftrag bekommen. Vielleicht darf ich dir auch nichts erzählen, aber ich habe dich lieb, und du sollst es nun wissen. Ich muß es dir erzählen, damit du weißt, wer ich bin und was ich zu tun habe. Höre gut zu! Aber du darfst mich nicht verachten.«

»Katja«, sagte ich, »ich werde dich nicht verachten. Ich habe dich doch lieb!«

»Nun gut. Freeman ist an Typhus gestorben, das weißt du ja, aber das wirst du nicht wissen, daß es eine große Statistik darüber gibt, daß mehr Parteileute an Typhus sterben als Parteilose. Die Ziffern haben wir aus dem Krankenhause, in dem auch Freeman gestorben ist Lange tappten wir im Dunkeln, dann ließen wir Siebenhaar aus dem Ural kommen.« »Wer ist Siebenhaar?« fragte ich. »Ein Deutscher wie du. Ein ehemaliger Kriegsgefangener, der uns gute Dienste leistete, ein Spezialist in mysteriösen Fällen ... Ich mußte ihm helfen und wurde für eine Woche in das Krankenhaus als Schwester abkommandiert. Siebenhaar bekam die Mappe mit der Statistik und begann mit der Arbeit. Er besuchte zuerst die Kriegsgefangenensammelpunkte und erkundigte sich nach Leuten, die an Typhus litten. Er bekam drei Adressen. Unter ihnen war auch jenes Krankenhaus. Siebenhaar ließ sich eine Leutnantsuniform machen, aus der Garderobe der Tscheka bekam er alles, auch ein Monokel, dann hing er sich einen alten Mantel um und besuchte das Lazarett.

Dort fragte er nach dem Kriegsgefangenen Spreitmeyer.

Das Lazarett war sauber und in guter Ordnung, das hatte ich schon selbst gesehen. Der Chefarzt hatte in Deutschland studiert und war erst vor einem Jahre aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Aus Deutschland.

Die Schwester Olga führte Siebenhaar zu Spreitmeyer und ließ die beiden allein. Unser Mann trat als Offizier auf, die Schwester hatte sich von dem Monokel blenden lassen und mit ihm kokettiert. Besser konnte es gar nicht gehen. Siebenhaar lächelte zurück und verschob galante Geschichten auf später. Spreitmeyer war jetzt wichtiger.

Das war ein armer Teufel, der noch niemals Besuch bekommen hatte und erstaunt war, einen fremden Gast zu sehen. Hundert Zigaretten machten ihn noch zutraulicher. Ja, das Essen sei erträglich, sagte er, und die Behandlung gut. Siebenhaar erkundigte sich nach Olga, und da sagte der Kranke, sie sei immer sehr nett, aber wahrscheinlich Kokainistin. Das hatte ich auch schon herausgefunden. Siebenhaar verabschiedete sich, versprach, bald wiederzukommen, und hatte schon einen Plan. Er wußte, wo er angreifen mußte. Über ein Bett führte der Weg zur Lösung der mystischen Geschichte.«

Der Ausdruck »über das Bett« verletzte mich sonderbarerweise, und ich hatte ein unbehagliches Gefühl, aber Katja merkte nichts und erzählte ruhig weiter.

»Nach zwei Tagen kam er wieder.

Ich hatte ihm vorher meine Beobachtungen mitgeteilt.

Olga hatte sich bei mir nach dem jungen deutschen Leutnant erkundigt.

Sie erwartete ihn schon, reichte gern die Hand, senkte die Augen und erkundigte sich nach seinem Befinden. Er bedankte sich höflich, dann klagte er über allzu große Einsamkeit. Olga war zu gut erzogen, um mit etwas anderem als ihren schönen Augen zu antworten.«

Katja schwieg und schlug dann zu mir ihre schönen Augen auf. Ich erschrak, weil ja auch Olga so gefragt hatte, lächelte zaghaft und hörte weiter zu:

»Nun gut, Siebenhaar lud Olga für einen der nächsten Abende zum Besuch der Oper ein. Sie nahm dankend an. Dann ging er wieder zu Spreitmeyer, brachte Zigaretten, unterhielt sich mit ihm und entfernte sich bald. Auf dem Flur gab er mir einen Zettel mit Verhaltungsvorschriften. Ich sollte mich mit Olga befreunden und mit dem Chefarzt gut stellen. Olga war vertrauensselig. Der Chefarzt blieb verschlossen. Ich hatte gute Papiere und mich schnell eingearbeitet, aber irgendwie mußte ich dem Doktor Ssuwarin nicht gefallen. Vielleicht war er mißtrauisch oder hellseherisch, ich weiß es nicht.

Der Opernabend kam.

Olga verabschiedete sich von mir. Sie vertraute mir ihre Zuneigung für den Leutnant an. Siebenhaar erzählte mir von jenem Abend. Die Musik spielte zärtlich, Olga schmiegte sich an ihn, dann kam, was kommen mußte. Nach der Vorstellung führte er sie in das Hotel. Das Nachtessen war schon gerichtet. Auch für Blumen war gesorgt. Sie zierte sich zuerst, er bettelte und brachte eine Flasche Muskateller, der durch seinen Anblick schon das Herz erwärmte. Ja, und dann ergab sie sich.«

Katja seufzte und zögerte noch einmal, sie war ja zur Schweigsamkeit verpflichtet, aber vielleicht verwirrte ihr die Liebe das Herz, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß sie ihren Arm in den meinen legte und ihre Stimme dämpfte. Vielleicht wollte sie mich mitschuldig machen, ich weiß nicht.

»Siebenhaar bot ihr dann eine Prise Kokain an«, fuhr sie fort, »und er sah die schnelle Verwandlung durch das reizvolle Gift, Ihre Augen leuchteten, die Finger zuckten wie elektrisiert und sie hatte, wie mir Siebenhaar erzählte, Temperament genug, ihren Gegenspieler schwach nachfühlen zu lassen, was sie erlebte. Er beschloß, in stiller Stunde das Kokainexperiment einmal an sich selbst auszuprobieren. Olga schlief bald ein. Als sie erwachte, war er kalt genug, ihre Wünsche zu erfüllen. Dann schlief sie wieder ein.

Sie erwachte dann um Mitternacht.

Siebenhaar bereitete Kaffee.

Olga war ganz munter.

Sie hat mir am nächsten Tage selbst ihre Erlebnisse erzählt. Ich habe also Bericht von beiden Seiten. Warum machst du so ein böses Gesicht?« fragte sie und sah mich an. »Wie gefällt dir die Geschichte?«

»Nicht gut«, sagte ich. »Aber erzähle bitte weiter.«

Sie erzählte weiter:

»Siebenhaar begann, als sie beim Kaffee saßen, mit einem freundlichen Verhör. Darin ist er Meister.

›Wie gefällt Ihnen die Arbeit im Spital?‹ fragte er Olga.

›Sehr gut‹, sagte sie und lobte den Chefarzt, sie lobte ihn vielleicht zu sehr, denn zu seiner großen Überraschung spürte Siebenhaar, wie er mir sagte, einen Augenblick lang Eifersucht.

Dann fragte er weiter und klagte:

›Ach, die armen Kranken! Der schreckliche Typhus! Haben Sie viel Typhuskranke im Lazarett? Das ist ja furchtbar. Man hört jetzt so viel vom Flecktyphus. Da soll vor einiger Zeit ein junger Amerikaner bei euch gestorben sein, ist das wahr?‹

Olga nickte.

Sie schien eine gute Krankenschwester zu sein und gab erschöpfende Auskünfte über die vielen Todesfälle. Sie beschrieb auch dem aufmerksamen Zuhörer ausführlich den Verlauf der Krankheit.

›Das ist entsetzlich, Olga‹, sagte Siebenhaar. ›Ganz entsetzlich ist das! Ist es denn der Wissenschaft bis heute noch nicht gelungen, ein Mittel gegen die hohe Sterblichkeit zu finden?‹

Er lauerte wie ein Luchs auf die Antwort.

Olga sagte:

›Ja, unser Doktor Ssuwarin...‹ und schwieg erschrocken, als hätte sie schon zuviel gesagt.

›Wie beliebt?‹ fragte er gleichgültig. ›Ich habe kein Wort verstanden!‹

›Oh, nichts‹, antwortete Olga und glitt aus der Schlinge, ›ich sagte nur, unser Doktor Ssuwarin bedauert jeden Tag, daß es noch kein wirksames Mittel gegen den Flecktyphus gibt.‹

›Gebe Gott, daß bald ein Mittel gefunden wird‹, sagte Siebenhaar fromm, und um auch die leiseste Spur eines Verdachtes zu zerstreuen, wurde er wieder zärtlich und lud sie zu einem neuen Besuche ein. Sie sagte zu, und am Morgen brachte er sie nach dem Lazarett.

Am nächsten Tage schickte Siebenhaar durch einen Mittelsmann dem Doktor Ssuwarin zwei Karten zur Aufführung einer italienischen Oper. Die Plätze waren so ausgesucht, daß sie mitten in einem Kreis aufmerksamer Leute von uns lagen. Wir wollten sehen, mit wem der Doktor die Oper besuchte. An diesem Abend lud mich Olga zur Oper ein.

Ich war neugierig und ging gern mit.

Unsere Leute waren unruhig und suchten Ssuwarin. Ich lächelte, ich wußte, wo er saß. Er hatte schlechte Augen und einen Platz ganz vorn im Parkett genommen. In der Pause machte ich Siebenhaar darauf aufmerksam. Olga ging mit dem Doktor ans Büfett. Sie wurden umstellt, aber man konnte kein Wort von dem verstehen, was gesprochen wurde.

Am Schluß der Vorstellung entschuldigte sich Olga bei mir und ging mit dem Doktor fort. Siebenhaar folgte ihnen. Sie verschwanden in der Wohnung des Doktors. Im ersten Stock wurden die Lichter angezündet, und der Liebhaber von gestern sah an den hellen Fenstern, wie der Doktor Olga umarmte. Siebenhaar aber behauptete mir gegenüber, er wäre nicht eifersüchtig gewesen, er hätte dem Paar eine vergnügte Nacht gewünscht. Das glaube ich nicht. Glaubst du das, mein lieber Freund?«

»Nein«, sagte ich, »aber was folgt nun, Katja?«

»Höre: Siebenhaar ließ mich kommen und besprach mit mir alles. Ich sollte ihm die Bekanntschaft mit Ssuwarin vermitteln; aber das konnte ich ja gar nicht. Da erinnerte ich mich des Doktors Watzlaff. Das war ein Österreicher, vielleicht konnte er das übernehmen. Der Vorschlag wurde abgelehnt Wir kannten Watzlaff zu wenig, und er stand auch kurz vor seiner Abreise.

›Und was sind deine Beobachtungen, Katja?‹ fragte mich Siebenhaar.

Ich erzählte sie.

›Das wollte ich wissen und bestätigt haben‹, sagte er.

Mir war aufgefallen, daß Ssuwarin zweierlei Behandlungsmethoden anwandte.

›Paß auf‹, fuhr er fort, ›Katja, die Geschichte wird sehr schnell liquidiert.‹

Er kam am anderen Tage wieder ins Lazarett und stieß auf dem Flur mit Olga und dem Doktor zusammen. Olga machte die Herren miteinander bekannt. Ssuwarin war erfreut einen Deutschen kennenzulernen, der falsche Leutnant tat begeistert und lud den Doktor und die Schwester zum Tee ein.

Sie sagten zu.

Der Abend kam.

Ich hatte Siebenhaar mit Watzlaff bekannt gemacht und war auch eingeladen. Watzlaff sprach wenig russisch, aber er war wichtig als Fachmann. Ich sollte übersetzen, wenn sich die Ärzte unterhielten. Zuerst war Ssuwarin erstaunt, als er mich sah, aber ich wurde als Freundin von Doktor Watzlaff vorgestellt, und bald ging die Unterhaltung lebhaft hin und her. Auch Siebenhaar mischte sich in das medizinische Gespräch, wußte klug zu fragen und brachte die Rede auf den Flecktyphus.

Der Tisch war gut gerichtet.

Es gab allerlei Spezialitäten, Weißbrot, Lachs, Kaviar, Wodka, Butter, süßen Wein.«

»Weißbrot, Kaviar, Wodka und süßen Wein?« fragte ich erstaunt. »In der Stadt ist doch Hungersnot.«

»Wir sind arm wie Bettler und reich wie Bojaren«, antwortete Katja, »und an diesem Abend wurde ein großes Spiel gespielt... Für die Männer stand Wodka auf dem Tisch, für uns süßer Wein. Wir saßen in weichen Sesseln, der Samowar summte und vermischte seinen Wasserdampf mit den süßen Wolken des guten Tabaks. Es war ein vergnügter Abend.«

»Eine Minute, Katja«, unterbrach ich sie. »Fiel es denn dem Doktor nicht auf? In der Stadt ist Hungersnot!«

»Wer Geld hat, kann sich alles kaufen«, antwortete sie gleichmütig, »und Siebenhaar hatte sich als reicher Mann eingeführt. Auch Watzlaff hatte Geld und war froh, einen Kollegen zu treffen, und hat die gutgedeckte Tafel vielleicht gar nicht bemerkt. Das Gespräch ging halb deutsch und halb russisch, und Siebenhaar saß neben Olga und war ein aufmerksamer Wirt. Die Gäste ließen sich nicht nötigen, es wurde ein echt russisches Gastmahl wie früher, und der Wodka und der Wein strömten. Olga war leicht betrunken und lehnte sich an Siebenhaar. Der spielte fabelhaft, stand über allen Dingen, lachte mit Olga und hörte gleichzeitig aufmerksam zu, wenn Ssuwarin sprach.

Die beiden Ärzte führten ein Fachgespräch.

Ssuwarin berichtete über Malaria. Watzlaff hatte selbst Malaria gehabt und erzählte von einem Kriegsgefangenen, bei dem er Skorbut im Ohr gefunden haben wollte. Der Russe berichtete dann von Kriegsgefangenen, die wegen Unterernährung plötzlich erblindeten und bei guter Kost ebenso schnell das Augenlicht wiederbekamen. Ich weiß nicht mehr, was sie alles erzählten. Dann beugte sich aber Olga zu mir, zeigte auf Siebenhaar und flüsterte:

›Er liebt mich, Alexandra, er liebt mich.‹

Ich hatte Papiere auf den Namen Alexandra.«

Im Falkengehölz sangen die Kinder.

Ein Flieger schraubte sich in den blauen Himmel.

Ich mußte plötzlich an die Nacht in Odessa denken, in der wir uns auch an Wein und Kognak erhitzten und Kasandroffs Geschichten hörten. Ich dachte an die kleine Griechin, deren Namen ich vergessen habe, und mit der ich die Sonne aufgehen sah. Nicht die vielen Paraden oder Versammlungen haben mir die Augen geöffnet, der Wein und der Rausch führten mich an das Herz der Dinge und schmolzen die Masken von den Gesichtern. Und der Rausch jener Nacht, von der Katja erzählte, riß nun für mich am hellen Tage die Schönheit vom Gesicht der Russin. Jetzt erst begriff ich, was es heißt, Agentin der politischen Polizei zu sein. Njura kam mir in den Sinn, die mich in Petrograd gewarnt hatte. Plötzlich liebte ich Katja nicht mehr.

Es ist sonderbar, wenn die Männer im Blute waten und schreckliche Dinge tun, wird ihr Wert sehr oft in den Augen der Frauen gesteigert, aber wenn sich Frauen mit Blut beflecken, sinkt für uns ihr Wert. Ich muß ein sehr verstörtes Gesicht gemacht haben, denn Katja sagte plötzlich:

»Aber du hörst ja gar nicht zu! Ich erzählte eben, daß Watzlaff das Wort ergriff.«

»Entschuldige, Katja«, sagte ich, »bitte, erzähle; Ich hatte meine Gedanken nicht beisammen. Was antwortete also Watzlaff?«

»Watzlaff sagte: ›Wir haben im Kriege viel gelernt, Herr Kollege. Was mich augenblicklich leidenschaftlich interessiert‹ (das Interesse hatte ihm Siebenhaar eingeblasen), was mich leidenschaftlich interessiert, ist der Flecktyphus. Sie haben ja viele Fälle in Behandlung, wie ich gehört habe. Besteht nun keine Hoffnung oder Möglichkeit, hier entscheidend einzugreifen?‹

›Es ist nun ein knappes Jahr her‹, begann Ssuwarin, ›daß ich mich, nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft, intensiv mit diesem Problem beschäftige. Ich habe viel experimentiert, ich habe viele Mittel ausprobiert und wieder verworfen, Herr Kollege, aber jetzt darf ich wohl sagen, daß ich mich auf dem richtigen Wege befinde. Ich will und kann mich darüber noch nicht endgültig auslassen, aber das eine darf ich sagen: ich bin bei der Fieberbekämpfung auf ein viel wirksameres Präparat als Chinin gestoßen. Ich habe schon die besten Heilerfolge erzielt... Meine Forschungen sind zwar noch nicht ganz abgeschlossen, ich stehe kurz davor, aber...‹

Siebenhaar blickte triumphierend zu mir herüber.

Watzlaff war sehr interessiert und wollte noch mehr von dem neuen Präparat wissen, aber Ssuwarin lehnte sich erschöpft im Sessel zurück und war ganz blaß. Der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er trommelte nervös auf der Tischplatte und machte ein Gesicht, als hätte er schon zuviel verraten. Vielleicht wußte er auch in diesem Augenblick, daß er verloren war.

Siebenhaar rettete die Situation, schenkte neuen Wein ein und erzählte den neuesten Witz von dem Bürger, der mit zwei Bildern nach Hause kommt, mit den Bildern von Lenin und Trotzki. Die Frau ist wütend und fragt: was soll der Mist? Der Bürger sagt: Beruhige dich, Liebe, den Trotzki stellen wir an die Wand und den Lenin hängen wir auf.

Alles lachte.

Die Typhuskranken waren vergessen. Olga setzte sich ans Klavier. Watzlaff nahm die Balalaika.

Wir waren sehr lustig und beschlossen dann, den letzten Akt von ›Toska‹ anzuhören. Wir tranken das letzte Glas Wein und fuhren dann nach der Oper.

Wir hörten den letzten Akt.

Die Sterbeszene erschütterte uns.

Lache nicht: ich weinte.

Ich weinte um den Doktor Ssuwarin!

Er ahnte von nichts oder tat wenigstens so, er tröstete mich und war zum erstenmal liebenswürdig zu mir. Dann verabschiedete er sich und fuhr mit Olga nach Hause. Siebenhaar nickte mir zu und ging mit Doktor Watzlaff fort. Watzlaff war betrunken und wußte immer noch nicht, daß er heute einen russischen Kollegen mit überführt hatte.«

»Habt ihr den Doktor Ssuwarin überführt?« fragte ich.

»Ja«, sagte Katja. »Ich hatte ja auch schon Material gegen ihn gesammelt, am nächsten Tag wurde zugegriffen und festgestellt, daß er sein neues Präparat nur an Parteilosen und Bürgern, aber nicht an Kommunisten ausprobierte. Gestern wurde Doktor Ssuwarin und die Schwester Olga verhaftet.«

Sie schwieg sehr lange.

»Weiter«, sagte ich, »weiter, Katja, erzähle weiter!«

»Es gibt kein Weiter«, sagte sie. »Olga leugnete alles und wollte von nichts wissen. Aber sie war verdächtig, nun, da wurde sie eben für drei Jahre in kältere Zonen verschickt.«

»Wußte sie von dem neuen Präparat?« fragte ich. »Das weiß ich nicht, aber wahrscheinlich«, sagte sie. »Gut Und was geschah mit dem Doktor Ssuwarin?« Endlich sagte sie langsam:

»Der Doktor Ssuwarin wollte sein Heilmittel gegen Flecktyphus nicht verraten. Man bot ihm dafür eine Professur an. Er sagte: Nein. Man versuchte alles, um das neue Mittel zu bekommen, es gelang nicht. Da ließ man dem Doktor vierundzwanzig Stunden Zeit zur Überlegung, und als die Zeit vorbei war und er sich alles genau überlegt hatte, da sagte er immer noch: Nein. Wie muß er uns gehaßt haben! Und dabei war er doch in keiner Partei.«

Sie starrte nachdenklich die verfärbten Bäume an und schwieg wieder.

»Rede doch, Katja, rede doch«, drängte ich, als das Schweigen immer drückender wurde. »Rede doch! Nach vierundzwanzig Stunden sagte er immer noch: Nein. Was ist mit Ssuwarin geschehen?«

Sie sah mich müde an und sagte:

»Er wurde heute morgen erschossen.«

Wir verließen das Falkengehölz.

Wir hörten die Kinder singen.

Sie hatten immer gesungen, in die Erzählung Katjas, in meine Fragen, in ihre Antworten und auch in ihr Schweigen hinein. Was wußten sie Von der Welt und ihren brutalen Gesetzen? Ja, das war Rußland, und Rußland war doch ein Land auf einem anderen Stern und hatte mit dem Westen nichts zu tun. Und wir aus dem Westen bewegten uns in diesem Lande wie auf einem schwankenden Boden, auch dann noch, wenn wir glaubten, festzustehen.

Ich hatte Mitleid mit Katja.

Sie hatte um Ssuwarin geweint.

Aber ich liebte sie nicht mehr.

Wir kehrten nach der Stadt zurück.

Auf dem Heimweg haben wir fast kein Wort miteinander gesprochen. Sie sah elend aus und bereute sicher, mit mir über ihre Arbeit gesprochen zu haben. Sie fühlte auch, daß ich mich verschloß. Ich war ganz ruhig. Am Abend verschloß ich auch die Türe zu. meinem Zimmer. In der Nacht hörte ich Katja klopfen. Ich tat aber, als ob ich schlief.

Maartens war in Kasan gewesen und brachte tatarische Pantöffelchen und gestickte Mützen mit. Mir schenkte er ein leuchtendes Seidentuch aus Buchara. Das Tuch legte ich in einen Brief und schickte ihn Ruhla. Ich schrieb, daß ich in der nächsten Woche zurückkommen würde. Aber ich reiste nicht nach Deutschland.

Die Rote Armee stand und kämpfte vor Warschau.

Über die deutsche Grenze kamen viele Arbeiter und Abenteurer.

Hans Merkel wurde gefragt, ob er an die Grenze gehen wolle, um die hereinströmenden Deutschen zusammenzufassen und politisch zu organisieren. Sie sollten in eine internationale Brigade eingereiht werden. Er sagte zu und bat mich, als sein Gehilfe mitzufahren. Ich, fuhr mit. Und so wurde Merkel, der Mann, über den die Krankenschwester in Narwa am Fuße der Festung so herzlich gelacht hatte, politischer Kommissar.

Wir reisten nach Minsk.

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