Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Barthel >

Blockhaus an der Wolga

Max Barthel: Blockhaus an der Wolga - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/barthel/blockhau/blockhau.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleBlockhaus an der Wolga
publisherDer Freidenker
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
Schließen

Navigation:

SECHSTES KAPITEL

Nach dem Schwarzen Meer

Unsere Reisegesellschaft setzte sich aus Italienern, Deutschen, Tschechen und einigen Franzosen und Bulgaren zusammen. Die französische Delegation bestand aus dem Dichter Raimond Lefebre, dem Metallarbeiter Lepetit und dem Sekretär Verguet. Diese drei Männer sind später auf der Heimreise ertrunken. Von Lefebre wurde berichtet, daß er schon auf der Herreise, auf der Ostsee, entsetzliche Angst vor dem Wasser hatte und geträumt haben soll, er werde einmal im Meer ertrinken.

Die Landschaft um Moskau erinnert an die Landschaft rings um Berlin. Weite Sandflächen dehnen sich endlos, von Birken, dunklen Kiefern und Sümpfen unterbrochen. Aber dann kommen die Blockhäuser der weithingestreuten Bauerndörfer, die gedrehten Kirchenkuppeln tauchen auf und sagen: hier ist Rußland und nicht Deutschland. Auch die einfachen Bahnstationen, auf denen sich das Volk sammelt, auf die Eisenbahn wartet oder kleine Geschäfte macht, erinnern an die Fremde. Wir starrten in die Landschaft Dann kam die Nacht, und am frühen Morgen erwachten wir in der Stadt Kursk.

Wir verließen den weiß getünchten und verwitterten Bahnhof und bummelten nach der Stadt, nach dem großen Bauernmarkt. Zum erstenmal sah ich – Jamburg sei nicht gerechnet – eine russische Kleinstadt mit schmutzigen Straßen, bunten Kirchen und vielen Holzhäusern, über denen ein feiner Hauch von Müdigkeit und Zerfall schwebte. Das schmale und tiefe Tal der Kur trennt diese Stadt und stellt sie auf zwei Hügel und läßt sie sich gegenseitig belauern. Der Markt war trotz allem Morast lieblich anzusehen, hier waren große Schätze aufgestapelt: Obst, Weißbrot, Geflügel, Milch, Fleisch und Gemüse. Obst war fünfmal so billig wie in Moskau. Auf diesem Markt wandelte sich Wirtschaftstheorie in lebendiges Leben: die Hungersnot in den großen Städten war sehr oft nur das Problem der Transportfrage.

Auch um diesen Markt schwärmten viele Bettler.

Sie gingen demütig von Stand zu Stand, riefen Gott und alle Heiligen an, verbeugten sich tief in den Staub und stimmten in den fruchttragenden Gassen die Litaneien der armen Leute an. Auch zerlumpte Kinder waren zu sehen, die hungernd die satten Bauern umschwärmten.

Als wir zurückkamen, war der Bahnhof von vielen Leuten umlagert. Sie wollten die Ausländer sehen. Wir wurden begrüßt und mußten sprechen. Fahnen und Musik wie früher schon in Jamburg, Petrograd und Moskau: die Italiener donnerten ihre pathetischen Ansprachen, und dann reisten wir weiter, der schwarzen Erde und dem Schwarzen Meere zu.

Wir kamen über Belgorod und erreichten am späten Abend Charkow. Dort wurden wir an der Station von Offiziersschülern begrüßt, die sich als starre Reihe vor uns aufbauten und in uns die neuen Herren sahen. Was waren die neuen Herren früher gewesen? Metallarbeiter, Studenten, Laufburschen, Redakteure, Mechaniker, und nun wurden ihre Herzen von dem allzu grellen Licht der Empfänge verwirrt Mit geschmückten Autos fuhren wir nach der früheren Rennbahn. Dort warteten vierzigtausend Menschen auf uns.

Von sechs Tribünen schallten die Ansprachen. Auch Bauern waren da.

Bauernmädchen in bunten, fröhlichen Kleidern, die wie Blumen blühten, winkten uns zu.

Die Photographen hatten viel zu tun. Wir stellten einige Heldenreihen auf. Dieses Meeting beschloß eine wilde Attacke der Kosaken, die ihre blitzenden Säbel emporrissen, als sie an uns vorüberjagten. Hinter ihnen kam die Artillerie mit ihren langrohrigen Geschützen. Die Italiener waren wie kleine Kinder, und die gründlichen Deutschen besprachen die Möglichkeit eines Bündnisses mit der Roten Armee, wenn sie in ihrem Lande die Macht hätten.

Die Ukraine war in den vergangenen Jahren das Aufmarschgebiet der Gegenrevolution gewesen. Wir waren die ersten Fremden, die nach dem Kriege und dem Bürgerkrieg das Gebiet bereisten. Überall sahen wir noch die Blutspuren der schweren Zeit. Um unsere Ankunft schwebte mystische Hoffnung.

In manchen Gebieten hatte die Regierung siebzehnmal gewechselt. Die Ukraine war erschöpft und seufzte nach Frieden. Nun sollte das Land aufgebaut werden. Die Hauptprobleme waren die Militarisierung der Arbeit und die Naturalisierung des Arbeitslohnes. Hinter diesen Theorien stand der große Versuch, das Geld abzuschaffen. Aber das Geld ließ sich nicht abschaffen. Die neue Macht stand auf schwachen Füßen. In Charkow weigerten sich viele Arbeiter, in die den Bürgern enteigneten schönen Wohnungen zu ziehen. Sie blieben lieber in ihren dumpfen Löchern in den Vorstädten.

In Charkow löste eine Begrüßung die andere ab.

Die große Festlichkeit im Theater zeigte ein hübsches Spiel.

Auf der Bühne stellten sich zwanzig Männer auf, die als Inder, Chinesen, Neger und Westeuropäer verkleidet waren. Sie stellten durch Gesang und Sprachchor die Idee der Internationale dar. Und dann erschien groß und strahlend eine schöne Frau, die Freiheit, und vor ihr beugten sich bis auf den Boden die weißen, gelben und schwarzen Menschen. Als die Freiheit verschwand und die Neger und Chinesen wieder gute Ukrainer waren, stand auf derselben Stelle ein Mann in europäischer Kleidung. Am Tage hatte ich diesen Mann in der Uniform eines kommandierenden Generals gesehen, jetzt war er kein General mehr. Jetzt sang er mit schallender Stimme:

»Auf, in den Kampf, Toreros!«

Die Italiener, die sich auf dem Kongreß so eisern bekämpft hatten, konzentrierten sich auf dieser Reise zum größten Teil auf die Versöhnung und umschwärmten die beiden Krankenschwestern, die unseren Zug begleiteten. Die Liebe zur schwarzen Nastja schwächte den jungen Solani so sehr, daß er mitten in einer Rede haltlos zusammenklappte. Die beiden Krankenschwestern sprangen hinzu und trugen das blasse Opfer ihrer Liebe und Anstrengung in das barmherzige Dunkel des Waggons zurück.

Auch Merkel reiste mit nach dem Schwarzen Meer, und er war es oft, der mich auf die feste Erde stellte, wenn ich zu sehr nach den Sternen blickte. Wir waren mit Lebensmitteln gut versorgt, auf den Stationen aber wurden an unseren Speisewagen die Vorhänge heruntergelassen. Auf den Stationen nämlich wartete das hungernde Volk.

Charkow lag bald hinter uns.

Wir kamen nach Poltawa.

Auch an diesem Bahnhof und in dieser Stadt war großer Aufruhr um unsere Ankunft. Wir fuhren mit alten Autos und kleinen Wagen nach der Stadt; die wie eine mittelalterliche Festung sich auf einem kleinen Hügel erhebt und das weite Land beherrscht. Auf dem Lande aber war noch Bürgerkrieg. Dort ritten noch die Kosaken durch die Steppen und Dörfer. Die Soldaten des Anarchisten Machno – sie führten schwarze Fahnen mit sich – kämpften gegen die Sowjets. Was wußten wir von jenen Kämpfen, was wußten wir von den Ursachen der Kämpfe! Wir hörten nur das, was uns unsere russischen Freunde berichteten. Und sie haben uns nicht immer die Wahrheit gesagt.

Im Theater von Poltawa wurden wir von Karlenko, unserm ukrainischen Reiseführer, wie funkelnde Steine in das Licht großartiger Betrachtungen gehoben. Das Theater war von Soldaten abgeriegelt. Die Riegel wurden zerbrochen. Merkel zerbrach diese Riegel, er drängte sich durch die Soldaten und hielt eine Rede an das abgesperrte Volk. Er hatte keinen Übersetzer bei sich und wurde nicht verstanden, aber das war nicht so wichtig, wichtig und schön war, daß er überhaupt sprach.

Spät in der Nacht fuhren wir durch die Stadt, die an eine toskanische Landstadt erinnerte. Wir fuhren nach dem Bahnhof zurück. Neben uns ritten Kosaken, der Galopp der Pferde donnerte, Fahnen wehten, neben uns war Soldatengeschrei, über uns standen die Sterne, und aus der Steppe kam Wohlgeruch. Wollust und Freiheitsgefühl füllten mein Herz aus.

Auf den nackten Steinfliesen des Bahnhofes, im Wartesaal und auf den Bahnsteigen lagen Bauern und Arbeiter im tiefen Schlaf. Sie warteten auf den Morgen, auf den ersten Zug. Wir mußten über die Schläfer steigen. Und dann reisten wir weiter.

Der frühe Morgen zeigte silbrige Landschaft im rosigen Licht. Wir sahen endlose Felder und pflügende Bauern. Vor den Pflügen trotteten im Vier- und Sechsgespann starke Ochsen. Der Weizen war schon geerntet. Einmal sahen wir, wie das Korn durch den Huf schlag galoppierender Pferde ausgedroschen wurde.

Auf der Station Romandan, sie ist finster wie eine Festung oder wie ein Gefängnis, warteten die Panzerzüge eines internationalen Regiments. Die Soldaten waren abgerissen. Mancher von ihnen trug den blanken Mauer ohne Futteral im Gürtel. Zwei Bilder blickten auf die Panzerzüge herab: das Bild des ukrainischen Dichters Schewtschenko und das Bild von Karl Marx.

Wir fuhren weiter.

Bald ratterte auch vor unserm Zuge ein Panzerwagen.

Auf der Lokomotive war ein Maschinengewehr montiert, auf dem letzten Wagen starrten bewaffnete Soldaten in die Landschaft. Wir reisten durch das Aufstandsgebiet, das Machno unsicher machte. Wir sahen viele Spuren des Bürgerkrieges: gesprengte Brücken, verbrannte Eisenbahnwagen, ruinierte Lokomotiven. Die Skelette vollkommen ausgebrannter Züge trauerten in dem schönen Tag. Aber das Leben ging weiter. Und das Leben war auch hier der Bauer, das Dorf mit den strohgedeckten Hütten. Viele Windmühlen mahlten. Auf den Feldern standen noch Hirse, Flachs, Mais, Sonnenblumen. Die Felder dufteten nach Brot, Mohn blühte. Die Sonne rollte über der Welt.

Die Sonne stand auch über der Stadt Mirgorod.

Das ist jene Stadt, in der Nikolai Gogol geboren wurde, der große Dichter, der hier zum erstenmal das goldene Licht sah, jenes Licht, das auch aus seinen Büchern strahl!

Wir näherten uns nicht nur dem Schwarzen Meer, wir näherten uns auch der Frontlinie, der Front gegen Polen. Und nun war der Krieg nicht mehr Lärm in einem vielzugroßen Gehäuse, wie ich damals in Petrograd dachte. Neue Panzerzüge rollten, und ich erinnerte mich an den stampfenden Eisenrhythmus im heißen Sommer vom letzten Kriege her, jener klirrenden Ballade vom Leben und vom Tode.

Wir hielten.

Von der Stadt war nichts zu sehen, aber an der Station stand das Denkmal des Dichters. Um den Bahnhof wimmelten viele Soldaten aus neuen Transportzügen, die auf ihre Lokomotiven warteten. An die Station schloß sich ein kleiner Garten an, auf dem sich wahrscheinlich, ich weiß es nicht, der Markt abspielte. Mit Merkel spazierte ich nach dem kleinen Garten. Im Sonnenlicht standen die Bäume atemlos da. In jenem Garten lärmte nicht nur das Leben, unter den hohen Bäumen lag der Tod. Dort lag nämlich ein junger Soldat, der nicht mit in den Krieg ziehen wollte, den vor einer Stunde bei einem blinden Alarm eine Handgranate das Lebenslicht ausgelöscht hatte. Ein dunkler Donner, ein Spritzer vom irrsinnigen Feuer, ein Schwarm wilder Splitter, ein Seufzer und ein blutiger Schrei, und alles war aus und verstummte, das Licht, das Leben, der Krieg und die Heimkehr.

Die große Heimkehr war da.

Da lag nun der junge Mensch, der Iwan oder Wladimir, lang ausgestreckt auf einer schmalen Bank. Er war nicht verstümmelt. Nur das Blut rann und rieselte über das ganze Gesicht, in dem nichts als das große Schweigen sichtbar war. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn auch jetzt noch vor mir liegen.

Sein Mund war dünn und rosafarben wie der eines Kindes. Die Stirn schimmerte wie Eis. Die Augen waren geschlossen. Man sah nur die Halbmonde der Lider und die schwarzen Strahlen der Wimpern. Über der Brust lagen die gekreuzten Hände mit den schmalen, langen Fingern. Im Sommerwind wehte ein wenig das dunkle Haar, als wolle es sich entfernen und ewig leben. Der Tote war auch schon gewaschen. Die Uniform triefte, das Wasser rann zur Erde in den weißen Staub und vermischte sich mit dem roten Blut. Und drei Schritte von dem Toten entfernt wurde ein Hammel geschlachtet. Das Tierblut mischte sich mit dem Menschenblut. Es war wie eine tragische Handlung, in der sich Blut mit Wasser und Erde unter der Sonne verband: Blut und Wasser und Staub, unsterbliches Leben noch im Tode.

Das alles sehe ich jetzt noch vor mir.

Und drei Schritte vorwärts, dann stand man im Licht, in der ungedämpften Heiterkeit des Sommers. Drei Schritte von dem toten Soldaten, dem toten Tier und drei Schritte von dem toten Dichter loderte das Leben. Auf der heißen Erde im weißen Staub hockten einige Bauernweiber in bunten Kleidern und verkauften Milch, Eier, Tomaten, Melonen und Sonnenblumenkerne.

Die neuen Lokomotiven rollten heran, die Soldaten strömten nach den Waggons. Der Tote blieb in Mirgorod. Der erste Zug klirrte über die Schienen nach der Front und hämmerte die alte Ballade vom Tod und vom Leben. Wir warfen noch einen Blick auf den Garten, und man sah die Welt, ein Bild der Welt, vielleicht auch das Bild der Welt: ein toter Soldat, ein toter Dichter, ein totes Tier, der flammende Schein der Steppe, drei Frauen im weißen Staub und in der Ferne Krieg und Frieden.

Wir reisten weiter.

Merkel hatte sich zu Angelika Platonowa, der guten Freundin der Italiener, gesetzt und erzählte von dem Toten. Dann erklärte er, die Meetings seien ja ganz schön, aber drei oder viermal am Tage feierlichen Empfang mit Musik und Ansprachen, das sei doch zu viel der Liebe, und so große Helden seien wir doch nicht, daß wir wie Könige gefeiert werden mußten. Auch ich stimmte Merkel bei und hörte folgende Antwort:

»Es ist schon recht, was Merkel meint«, sagte sie, »aber nun seid ihr schon auf der Reise, und da muß auch Propaganda gemacht werden. Die Propaganda in Rußland ist anders als die im Westen. Wir fahren durch Gebiete, in denen noch sechzig Prozent Leute leben, die nicht lesen und schreiben können. Unser Land ist wie eine belagerte Festung, die von allen Seiten berannt wird. Der Stern über der Festung ist der Glaube an die Weltrevolution. Und die Weltrevolution, lieber Freund, das ist für unsere Leute kein theoretischer Begriff, Weltrevolution, das ist vielmehr Hoffnung auf ein besseres Leben, Hoffnung auf ein Paar neue Schuhe, auf ein Hemd, auf Zucker, Tee, Salz, Manufaktur und elektrisches Licht. Kurz und gut: Hoffnung auf Frieden! Nun wird seit drei Jahren verkündet, die Not könne durch den Aufstand im Westen beseitigt werden! Gut, und nun kommt ihr als die sichtbarsten Zeichen des Weltaufstandes und werdet durch die Ukraine geführt. Werden Ihnen nun die Meetings klarer, lieber Genosse?«

»Ja«, sagte Merkel. »Aber bitte sagen Sie noch, warum werden wir wie seltene Tiere in den Theatern gezeigt und vorgeführt?«

»Wie wilde Tiere?« fragte die Frau und antwortete: »Nein, Sie tapferer Löwe, aber es ist doch so: die Gegenrevolution hat in vielen Städten noch nicht auf ihren Sieg verzichtet. Sie arbeitet gut und verkündet nun: alles Schwindel, Bürger, was man euch sagt und zeigt, die Ausländer sind gar keine Ausländer, es sind verkleidete Juden.« »Und das wird geglaubt?« fragte Merkel. »Ja, das wird noch geglaubt. Und die Juden sind nicht allzusehr beliebt bei uns... Also, wir müssen euch nun auf den Meetings als Ausländer so vorstellen, daß es alle Leute merken. Die Italiener müssen italienisch, die Deutschen deutsch und die Franzosen französisch sprechen! Karlenko muß euch theatralisch vorstellen, und ihr müßt durch euer Auftreten und durch die Art und Verschiedenheit eures Wesens beweisen, daß ihr keine Juden seid! Ganz recht, wir machen mit euch Propaganda, weil wir zu wenig Schuhe, zu wenig Manufaktur für unsere Leute haben. Verstehen Sie uns nun?« »Ja«, sagte Merkel, »ich habe alles verstanden.« Eine Stunde später begann Karlenko diplomatisch und meinte, in Krementschug sei wahrscheinlich keine Versammlung, aber als wir nach der Stadt kamen, mußten wir doch wieder sprechen. Auch Merkel sprach auf dieser Versammlung. In der Nacht wurde der Dnjepr überquert. Ich konnte nicht schlafen. Aus dem blauen Plüsch des Abteils krochen die Wanzen und gierten nach unserm süßen Blut. Die Nacht war weich und warm. Durch die Finsternis spritzte der Feuerregen der Lokomotive, die mit Holz geheizt wurde. Plötzlich hielt der Zug. Musik und Hochrufe stürzten uns entgegen. Ein neues Meeting begann.

Ich habe viele hundert Meetings mitgemacht, in vielen war nur Technik, und kühle Regie zu sehen, aber diese nächtliche Versammlung war weit entfernt von aller Regie und Technik. Sie war nichts als erschauernd. Auf einem wackligen Tische stand ein alter Mann. Sein weißer Bart wehte. Der Mann sprach. In seiner Rede waren Tod und Leben verschwistert.

»Reißt mir das Herz aus der Brust!« schrie er uns an. »Reißt mir das Herz aus der Brust, wenn ich lüge. Ich bin zweiundsechzig Jahre alt, habe viel gesehen und erlebt, meine Haare sind wie Schnee geworden, ich werde nicht mehr lange leben, aber ich segne diese Stunde, da ich euch, liebe Brüder, gesehen habe. In den nächsten Tagen gehen unsere Männer an die Front gegen die Polen, wir gehen gern, alles ist vergessen, Hunger und Krankheit, ihr habt unser Schreien um Hilfe gehört! Ihr seid gekommen!«

Er warf das Gesicht in den Nacken und weinte.

Dann wollte er weiter sprechen, aber er fand keine Worte. Und da brüllte er plötzlich auf und schleuderte die Arme empor. Er sprang auf dem Tisch in die Höhe wie ein junges Pferd. Er mußte springen und aufstampfen, so unruhig war sein Herz.

»Wie vor sechs Jahren!« flüsterte mir Merkel leise zu. »Ganz genau wie vor sechs Jahren, Otto.«

»Was war vor sechs Jahren?« fragte ich.

»Der August 1914. Hast du das vergessen? Da haben die Menschen auch noch in der Nacht geschrien. Es war erschütternd und grausig. Krieg oder Bürgerkrieg, Glarus, sind doch im Grunde ein und dasselbe.«

Aber ich wollte jetzt keine Vergleiche hören.

Mit einem Italiener drängte ich mich an den Tisch, und dann nahmen wir den alten Mann auf unsere Schultern und trugen ihn auf dem Bahnsteig hin und her. Diese Rede des alten Mannes in der kleinen Stadt Snamenka hat mir oft den Mund verriegelt, wenn ich in Deutschland reden solle.

Ein junger Offizier riß sich das Abzeichen seines Regiments von der Brust und schenkte es mir. Die Fackeln flammten. Es war wie eine Verschwörung, eine Verbrüderung. Wir waren alle wie betrunken. Auch Merkel vergaß den August 1914 und brüllte.

Der Offizier schrie laut:

»Wir geben die Waffen nicht aus den Händen!«

»Wir geben die Waffen nicht aus den Händen!« wiederholte die Versammlung.

Dann setzte sich der Eisenbahnzug in Bewegung, klirrend und funkenspeiend. Neben dem Zuge rannten junge Leute und alte Männer, viele Zurufe knallten empor und gipfelten immer wieder in dem Schrei und Gelöbnis:

»Nein, wir geben die Waffen nicht aus den Händen! Niemals!«

Ein Gewehr war damals so viel wert wie ein Waggon Brot, und ein Patronengurt war kostbar wie eine Herde Vieh. Brot und Vieh, das alles konnte mit den Waffen verteidigt oder erobert werden. Eine ganze Welt war zu gewinnen. Der Schrei in der Nacht sollte kein Lippenbekenntnis bleiben: Wir waren kaum eine halbe Stunde fort, da brachen die Machnoleute in Snamenka ein. Sie wollten uns fangen.

Machno operierte in der Ukraine und bekämpfte zuerst die Gegenrevolution. Einmal schickte er auch von seiner Beute Brot fürs hungernde Moskau. Er kämpfte mit den Sowjets und der Roten Armee, aber als er seine Kommunen und seine Truppen nicht auflösen wollte, kämpfte die Rote Armee gegen ihn. Machno unternahm den ersten Versuch, auf anarchistischer Grundlage einen klassenlosen Staat aufzubauen. Seine Truppen waren berühmt und gefürchtet. An manchen Tagen legten sie über hundert Kilometer zurück. Die besten Reiter der Welt waren bei Machno. Wenn er umzingelt war, verwandelten sich seine Kosaken in friedliche Bauern. Die Waffen wurden vergraben und die Verfolger rasten, voll von falschen Auskünften nach dem Osten oder Westen, in die Steppe oder nach den fernen Wäldern.

Die südliche Ukraine war von Menschenblut überschwemmt.

Machnos Armee zählte in manchen Monaten bis zu zwanzigtausend Mann. Als der General Wrangel geschlagen war, wurde auch Machnos Armee zermalmt. Er selbst mußte fliehen. Als wir uns damals bei den Russen nach Machno erkundigten, sagten sie, er sei ein Bandit und Räuberhauptmann. Sie erzählten zum Beweis folgende Geschichte:

Machno hatte dreihundert unbewaffnete Soldaten gefangen. Die Offiziere wurden erschossen. Mit den Soldaten aber veranstaltete der Anarchist ein Meeting und trat selbst als Redner auf.

»Wo sind eure Waffen?« brüllte er die Gefangenen an. »Heute hat jeder Mann ein Gewehr und kämpft gegen die Polen, gegen Wrangel oder gegen die Bolschewiki. Wo sind eure Gewehre, ihr Feiglinge? Kämpft gegen die Polen oder kämpft gegen mich, das ist alles gleich, aber kämpfen müßt ihr!«

Dann jagte er sie mit Spott und Hohn davon.

Das erzählte uns Karlenko, und auf der Fahrt nach Kiew las er einen interessanten Bericht aus einer Provinzzeitung vor, der den seelischen Umsturz durch die große Revolution erklärte und uns die Augen viel besser öffnete als jede Parade oder Versammlung.

Von der polnischen Front kam ein verwundeter Soldat in seine kleine Stadt zurück. Er hatte einen Knieschuß verpaßt, war Kommunist und erfuhr, daß ein Parteigenosse von ihm ein bürgerliches Mädchen geheiratet hatte. Im Ohr das Brüllen der Geschütze, vor den Augen den Blutberg der Gefallenen und im Herzen die Wunschbilder einer neuen Zeit, schrieb er an das Parteikomitee einen Brief und fragte an, ob ein Revolutionär mitten im Krieg gegen die Weltbourgeoisie ein Bürgermädchen heiraten darf, ein »klassenfeindliches Element«, wie er es formulierte. Das Parteigericht trat zusammen und in einer Sitzung, in der Kläger und Angeklagter zum Worte kommen, wurde beschlossen, den Mann, der mitten im Bürgerkrieg eine Bürgerliche geheiratet hatte, aus der Partei auszustoßen.

Über diese Episode entspann sich eine große Debatte. Die Franzosen waren gegen diesen Beschluß. Die Tschechen sagten: »Das Komitee hat recht«. Die Bulgaren lachten nur. Die Italiener waren für Freiheit in der Liebe.

»So eine Narrheit«, sagte Maartens. »Das Mädchen kann doch nichts für seine Herkunft. So ein Blödsinn. Der Mann kann sie ja mit seinen Ideen bekanntmachen.«

»Das sagen unsere Burschen in der Jugendgruppe auch«, spottete ein Russe. »Sie wollen auch lieber unpolitische Mädchen nehmen als Genossinnen. Die Genossin versteht wohl die Parteigeschichte und sie kennt auch alle Thesen und Beschlüsse, aber von diesen Thesen und Beschlüssen allein, sagen unsere jungen Leute, kann man nicht kochen, waschen, nähen und einen Haushalt führen. Unsere Jugend meint wie der Holländer: ›Laßt nur, Brüder, wir werden Marusja schon aufklären.‹ Was sagen Sie dazu, Genossin?«, wandte er sich höflich an eine deutsche Delegierte, die uns begleitete.

»Ich finde das ganz richtig«, sagte sie schnell. »Ein Genosse soll kein bürgerliches Mädchen heiraten.«

»Unsere Freundin meint«, erklärte Merkel und lächelte, »die Liebe soll in der Familie bleiben.«

Wir lachten laut und lange, denn unsere Freundin hatte keinen Freund.

»Glarus, was meinst du«, fragte Merkel. »Gibt es nun eine weiße und eine rote Liebe?«

»So ein Blödsinn«, knurrte ich und ließ ihn im Unklaren, ob ich seine Frage oder die Episode meinte.

Die Landschaft war schön und fruchtbar; ihr war es gleichgültig, ob das Parteigericht recht oder unrecht hatte. Die Landschaft zeigte uns in heiterer Unschuld kleine Hügel und stille Wäldchen. Die Bauernhütten trugen auf ihrem Dache phantastischen Aufputz aus Stroh. Bis nach Kiew war es nicht mehr weit. Wir diskutierten immer noch über die weiße und rote Liebe, als wir in den Bahnhof einrollten.

Aus Kiew waren die Polen nach vielen Sprengungen erst vor acht Wochen abgezogen.

Natürlich wurden wir auch hier festlich begrüßt. Als das vorüber war, besahen wir uns diese schöne, alte Stadt, in der goldner Schimmer des Mittelalters gegen das heftige Rot der Neuzeit und gegen die Brandmauern gesprengter Häuser und Brücken stieß. Wir schwammen auch mit einem Schiff auf dem Dnjepr, nachdem wir eine Parade der Matrosen abgenommen hatten. Was war das für ein tragischer Unsinn! Merkel machte ein finsteres Gesicht, er war niemals Soldat gewesen. Ich lag vierzig Monate an der westlichen Front und hatte genug von allen Paraden. Der kleine Goldenberg aber freute sich und warf sich gewaltig in die Hühnerbrust vor den athletisch gebauten Soldaten und Matrosen. Goldenberg war ja noch ein Kind gewesen, als der große Krieg in Europa begann.

Die Revolution hatte alle Menschen gerüttelt und geschüttelt, und es war gut zu verstehen, daß sie voller Erlebnisse und Geschichten waren. Auch das war begreiflich, daß sie uns, den Fremden, von ihren Erlebnissen berichteten. Auf dem Schiff erzählte ein Matrose:

Als Petljura Herr über Kiew war, wurden an einem Tage zweihundert Revolutionäre verhaftet und in das berühmte Kloster Lawra gesperrt. Aber schon rückte die Rote Armee an. Das Gerücht von ihrem Vormarsch ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und fraß sich auch durch die Mauern des Klosters. Die Verhafteten faßten Mut, rebellierten und überwältigten die Wache. Dann holten sie die Popen und wollten die versteckten Waffen haben. »Es gibt bei uns keine anderen Waffen als das doppelte Kreuz«, sagten die Popen. Das wurde nicht geglaubt. Drei Popen wurden als Geiseln festgesetzt, und nach einer Viertelstunde tauchten Gewehre auf, japanische, deutsche und russische. Aber es fehlte an Munition. Neue Geiseln genügten, um die Munition aus dem Boden zaubern zu lassen. Vom Kloster aus brachen die Gefangenen dann auf und marschierten der Roten Armee entgegen. Diese Geschichte erzählte uns der Matrose und schloß mit der lächelnden Mahnung, wir sollten bei unserer Revolution besonders gut auf die reaktionären Klöster aufpassen.

Von Kiew wäre noch viel zu erzählen.

Ich will nur ganz kurz noch vom Klub der ukrainischen Jugend etwas berichten. In diesem Klub blühten die Myrten und Rosen vom Lybanon, schöne jüdische Mädchen und zarte Jünglinge, in deren Rassegesichtern Hunger und Gläubigkeit eingezeichnet waren. Da lernte ich die kleine Rose kennen, die Neunzehnjährige, die unter der Gegenrevolution gearbeitet hatte. Neben ihr stand die wunderschöne blonde Elena in ukrainischer Tracht. Sie war so schön wie ein Ährenfeld mit rotem Mohn. Es wurde gesungen, getanzt und erzählt. Am frühen Morgen brachten uns die Mädchen nach dem Bahnhof.

Der letzte Abend in Kiew brachte den Hochmut und die Melancholie von Hans Merkel zu Fall.

Wir lernten eine junge Frau kennen, die aus Amerika gekommen war und an der Front gekämpft hatte. Und weil es an der Front keine Frauenkleider gab, zog sie eine Männeruniform an, schnitt sich das schwarzblaue Haar ganz kurz, ritt im Männersattel und lebte mit den Männern zusammen. Jetzt aber diente sie in einem Lazarett als politischer Kommissar. Sie war ebenmäßig gewachsen, und wenn sie sich dehnte, wölbten sich unter der grauen Soldatenbluse die beiden Halbkugeln ihrer jungen Brüste.

Die beiden Halbkugeln wuchsen für den melancholischen Merkel zur vollkommenen Welt zusammen. Die junge Frau erzählte von ihrer Arbeit und der großen Schwierigkeit, die Bauern aufzuklären, die Ruhe und Frieden haben wollten. Auch der kleine Merkel wollte endlich Ruhe und Frieden.

Als wir am späten Abend abfuhren, fehlte Merkel. Er war bei seiner kühnen Amazone geblieben. Erst in der Stadt Fastow erreichte er uns. Sein Gesicht war glücklich. Er pfiff den ganzen Tag vor sich hin, trotzdem wir grauenvolle Dinge sahen und hörten.

Fastow hat wie keine andere ukrainische Stadt unter den Pogromen gelitten. Von den achtzehntausend Einwohnern wurden sechstausend ermordet. Cholera und Typhus holten sich achttausend Opfer. In den Trümmern der Stadt lebten damals nur noch fünfzehnhundert Leute. Und wie lebten sie! An ihrem Jammer konnte der Berg der Leiden abgeschätzt werden, der über das ganze Land stürzte und es beinahe verschüttete.

Lautenspieler war hier geboren und wuchs hier auf, und ich verstand auch seine beharrlichen Erzählungen, die um das Pogrom kreisten. Schon in Minsk erzählte er mir davon. Als wir nach Fastow kamen, war er nicht mehr da. Das Entsetzen hatte ihn verjagt.

Die Kosaken kamen im September 1919 und erpreßten zuerst nur Geld. Und wer sich nicht mit Geld und Gut freikaufen konnte, mußte mit Blut und Tränen bezahlen. Die ersten Monate waren schwer, aber die Juden, von der Geschichte zum Erdulden verurteilt, ertrugen diese Monate und kauften sich frei, bis sie nichts mehr besaßen als Tränen und Klagen. Auch in der ersten Zeit wurden einige Leute erschlagen, aber das große Morden kam erst im Januar 1920. Lautenspieler hatte damals im Blockhaus die Wahrheit erzählt.

Die Einwohner wurden auf freiem Marktplatz zusammengetrieben. Dann holten sich betrunkene Soldaten die halbwüchsigen Mädchen und vergewaltigten sie vor den Augen ihrer Eltern. Wahnsinniger Klageschrei stieg in den kalten, götterlosen Himmel. Die geschändeten Mädchen wimmerten. Die Kosaken keuchten und brüllten. Dann knallten Schüsse. Flüche bellten. Die Stadt wurde angezündet; an allen Ecken schlugen die Feuersbrünste empor. Und dann schossen die Kosaken auf die auf dem Markt zusammengetriebenen Menschen.

Aus dieser Raserei retteten sich einige Opfer und flohen in das Lazarett. Auch das Lazarett wurde von den Kosaken gestürmt. Alle Verwundeten wurden getötet. Es gab kein Pardon, Dreihundert Menschen trieb man am selben Tage, ein brüllender Haufen des Entsetzens, in ein großes Haus. Das Haus wurde angezündet. Dreihundert Menschen kamen in den Flammen um. Nur die beiden Kirchen blieben unversehrt. Die Kosaken glaubten an Gott.

Die beiden Kirchen mit den bunten und goldenen Kuppeln standen inmitten der Verwüstungen grausig und ungeheuerlich im Licht.

Es war ein zärtlicher Sommermorgen, als wir Fastow besuchten. Unserem Zuge schlossen sich die Übriggebliebenen aus dem großen Massaker an, Männer, Frauen und Kinder. Verwilderte Hunde umschlichen uns. In den zertrümmerten Häusern lagen noch Tote. Und inmitten der Trümmer lebten die Lebendigen. An diesem Morgen begrüßte uns kein Jubel, kein Hochruf auf die Weltrevolution, keine Parade. An diesem Morgen wimmerte uns das Leid der Welt entgegen. Die armen Leute von Fastow flossen jetzt noch über von Grauen und Wehklagen. In ihren Reden und Gebärden saß noch das Entsetzen. Sie machten uns auf die Hunde aufmerksam, die damals nach dem Massenmord Menschenfleisch gefressen hatten. Sie zeigten auf die verwahrlosten Kinder, die keine Eltern mehr hatten, sie deuteten auf die Brandstätte, die einmal das Haus war, in dem die dreihundert verbrannt wurden, sie zeigten nach Osten und Westen, nach Süden und Norden, sie zeigten in die schöne Landschaft hinein wie in ein gigantisches Grab, in dem bei den großen Pogromen vierzehntausend Menschen umkamen.

Das war ein trauriger Marsch durch die zertrümmerte Stadt, und als wir dann bei dem Kommandanten saßen, kamen viele Leute zu uns, die nicht müde wurden, von jener Metzelei zu erzählen. Sie kamen nicht frei davon, wie auch Lautenspieler nicht frei davon kam. Ein alter Mann brachte mir die Totenbücher der Gemeinde und zeigte die endlose Namenreihe der Hingemordeten. Und inmitten der schwarzen Aschewolke der Trauer stand der kleine Merkel, war von allem Leid unberührt, hatte ein frohes Gesicht und pfiff leise vor sich hin.

Dann sprach die Platonowa. Ihre Rede war wie Donner, Blitz und Regenbogen. Nach diesem menschlichen Gewitter begann noch einmal das Wehklagen. Ja, die Toten und die Geschändeten schienen wach und lebendig zu werden und durch die Überlebenden zu uns zu sprechen. Ein junger stiller Mensch kam in das Haus und brachte einen Totenkopf, den er unter den Trümmern ausgegraben hatte.

Nein, in Fastow wehten keine Fahnen sichtbar durch den Tag.

Nur die schwarzen und weißen Fahnen uralter Trauer flatterten gespensterhaft über uns allen. Wir gingen schweigend nach dem Bahnhof zurück. Im Speisewagen War schon gedeckt, aber wir aßen an diesem Tage sehr wenig. Dann fuhren wir weiter. Wir kamen nach Winitza. Auch in dieser Stadt hatten der Tod und das Verderben gehaust.

Die Opfer Rußlands, die der Bürgerkrieg, die Seuchen und die Hungersnot gefordert haben, sind viel größer als die Opfer, die der große Krieg von diesem Lande zertrat. In Winitza starben an Cholera und Typhus allein fünftausend Menschen! In all den kleinen Städten und Dörfern war ja noch Mittelalter.

Aberglauben und Schmutz verbanden sich mit technischer Rückständigkeit. Es gab keine Kanalisation, keine Wasserleitung, kein Straßenpflaster. Das Wasser war sehr oft verseucht, die Eisenbahnen waren nichts weiter als bewegliche Krankheitsherde. Rußland ist eine unbegreifliche Welt, auch heute noch, und von Westeuropa durch Jahrhunderte der Entwicklung und der Gesinnung getrennt.

Wir näherten uns dem Schwarzen Meer.

Vor Shmerinka standen kilometerlang die Trümmer ausgebrannter Lokomotiven und Eisenbahnwaggons. Als wir in die Station einfuhren, schlug wieder eine Welle der Begrüßung über uns zusammen. Beim Abschied riß eine Ehrenkompanie roter Kosaken die blanken Säbel blitzend aus den Scheiden.

Die Landschaft behügelte sich. Die rumänische Grenze war nicht weit.

Dann sanken die Hügel in sich zusammen, das Land wurde schwarze Erde, wurde fruchtbar und feierlich. Wir näherten uns unserem Ziele. Wir waren durch unendlich weites Land gereist, hatten die Kornkammer Europas gesehen, wilde Steppen kamen uns nahe, wir hatten viele Städte begrüßt und Schicksale erfahren. Und nun versteinerte sich das Land noch einmal und wurde Steppe. Aus der Steppe wuchsen die weißen Blöcke einer großen Siedlung.

Wir fuhren in Odessa ein.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.