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Blockhaus an der Wolga

Max Barthel: Blockhaus an der Wolga - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/barthel/blockhau/blockhau.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleBlockhaus an der Wolga
publisherDer Freidenker
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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FÜNFTES KAPITEL

Moskau

In Moskau sieht man noch das Gesicht Europas, aber in Moskau funkelt Asien aus schiefgestellten Augenschlitzen. Über der weitgebauten Stadt, die an ihren Rändern wie ein großes Dorf ist, erheben sich viele hundert Kapellen und Kirchen, eine bizarrer und phantastischer als die andere. Von Moskau war ich begeistert. Mit Maartens bewohnte ich im Hotel ein großes Zimmer. Wir bummelten viel durch die Stadt, und einmal spazierte ich auch mit Katja durch den Alexandrowski-Park am Kreml.

Sie war zwanzig Jahre alt und in TifIis geboren. Wir hatten uns im Hotel gesehen und wie alte Freunde begrüßt. Dann spazierten wir durch Kitai-Gorod, die Chinesenstadt und kamen auf der breiten Warwanka zum Roten Platz, der viele Kostbarkeiten auf seinem geduldigen Hügel trägt.

Katja begann mit einem politischen Gespräch. Ich erzählte von Deutschland und dem Novemberumsturz. Sie war sehr wißbegierig, erkundigte sich nach den Parteiverhältnissen und nach bestimmten Führern, ich sagte alles, was ich wußte, weil ich eben noch nicht wüßte, wer das Mädchen war und für wem sie arbeitete. Ich habe erst viel später erfahren, warum sie sich für mich interessierte. Ich war kein Delegierter zum Kongreß, und die politische Polizei interessierte sich für den Revolutionsbummler. Aber das wußte ich alles noch nicht. Ich war ja ein Kind. Ich schwätze drauflos.

Im Alexandrowski-Garten spazierten viele junge Leute. Ich fragte nach Nowikoff. Sie sagte, er sei noch in Petrograd. Alle Schwermut von damals war vergangen: ich hielt ein schönes Mädchen in meinem Arm, ich atmete den Duft ihres Haares ein, ich hörte ihr helles Lachen. Am Abend trennten wir uns und verabredeten eine Zusammenkunft für den nächsten Tag. Aber sie ließ mich vergeblich warten und war auch in den kommenden Wochen unsichtbar.

Von Ruhla hatte ich noch keine Antwort.

Wie seltsam und wie schön ist doch Moskau! Am seltsamsten und schönsten aber ist doch der Rote Platz. Auf diesem Platz wurde Geschichte gemacht. Im vergangenen Jahrhundert trafen sich hier die Handelsstraßen aus der ganzen Welt. In der nahen Chinesenstadt häuften sich die Schätze aus allen Erdteilen. Über diesen Roten Platz strömte auch Blut. Da lag nun der Kreml, diese mauernumwehrte Stadt der Kirchen und Paläste! Über den Toren starrten noch die alten, doppelköpfigen Adler des Kaiserreichs. Vor dem gleißenden Prunk der Kirchen flatterten die Fahnen der Revolution.

Am Iberischen Tor stand die Kapelle der Iberischen Madonna, ein berühmtes Muttergottesbild, um das sich die Leute drängten. Der Kapelle gegenüber, an der Wand eines Hauses, war eine Losung von Karl Marx zu lesen: Religion ist Opium für das Volk. Zwischen den Manifestationen von gestern und heute marschierten die Aufzüge der Moskauer nach dem Roten Platz. Die Armee formierte sich da oben und leistete mit gefälltem Bajonett den Fahnenschwur, Trotzki hielt dabei seine berühmten, weithinschallenden Ansprachen.

Ja, in der Kapelle dröhnten die dunklen Bässe der Popen, vom Kreml klingelte in den ergebenen Gesang das Glockenspiel die »Internationale«. Im Alexandrowski-Garten spazierten die Liebesleute. An der Kremlmauer lagen die Toten des großen Aufstands begraben.

Auch in Moskau wehte noch das Flügelrauschen des Sieges, aber geisterhaft dröhnten von der polnischen Front die Trommelschläge der Geschütze. Vor dem Kreml waren einige Tage lang die Beutestücke von den vielen Fronten aufgestapelt: Kanonen und Tanks, Flugzeuge und Maschinengewehre. Die Idee marschierte nicht mehr mit nackten Füßen, sie hatte Eisenschuhe an und trug Handgranaten im Gürtel.

Die Grundakkorde des Weltkongresses hatte Lenin in Petrograd schon angetönt, nämlich: früher waren wir nur Agitatoren, jetzt sind alle Arbeiter für uns und auch die farbigen Völker rühren sich. Jetzt, in diesem Augenblick, ist der Entscheidungskampf zwischen der alten und der neuen Welt da!

Der Kongreß tagte drei Wochen im vergoldeten Saal des Alexanderpalastes.

Die Eingänge zum Kreml sperrte eine doppelte Postenkette ab.

Nur Auserwählte durften sie passieren.

Ich war unter den Auserwählten.

In dem kahlen Raum neben dem Thronsaal, im Rauchzimmer, hing eine große Karte, auf der die Front mit bunten Fähnchen abgesteckt war. Wie oft standen wir vor jener Karte und verfolgten den Vormarsch der Armee! Damals wußte ich noch nicht, daß ich sechs Wochen später auch an die Front fahren würde, um mit einer geschlagenen Armee eine Stadt zu räumen.

Über den Kongreß selbst will ich nichts berichten, seine Auswirkungen sind ja in Rußland und in der Welt gespürt worden, nur das sei gesagt, daß die Russen, berauscht von ihrer Macht, gegen jede Opposition geschlossen auftraten und auch ihren Freunden und Verbündeten die Bedingungen der Kämpfe und die Methoden ihrer Arbeit vorschrieben. Ich war für die Russen, aber ich kannte auch den Westen gut genug und gab in vielen Fragen der Opposition recht. Ich war noch wankend und schwankend und wußte noch nicht, daß heute noch nicht die Gerechtigkeit siegt, sondern die Macht, und daß der herzlose Mensch am leichtesten gewinnt, der Mensch, der mit seinem Gehirn die Herzen lenkt, verwirrt, mitreißt und zum Siege führt. Ich hörte viele Reden und viele Redner: Lenin, Bucharin, Rakowski, Trotzki und auch Radek. Ich schrieb meine Berichte, die weiter nichts als Hymnen waren.

Das Kongreßpräsidium thronte auf einer Balustrade. Hinter ihr wölbte sich ein purpurner Baldachin, der die goldnen Throne des Zaren und seiner Familie verdeckte. Einmal sah ich Lenin krumm und gedankenvoll am Baldachin hin und her gehen. Ich faßte mir ein Herz und sprach ihn an.

»Oh«, sagte ich verlegen, »ich wollte Ihnen nur noch einmal die Hand drücken«.

»Das haben Sie ja schon in Petrograd getan«, sagte er lächelnd. »Sie sind doch der junge Mensch, der für uns die Berichte schreibt?«

»Ja, das bin ich, aber ich möchte gern einmal mit Ihnen ausführlich sprechen«, antwortete ich.

»Jetzt nicht, vielleicht später einmal«, sagte er und begann das plötzlich russisch zu sprechen. Ich verstand sehr wenig russisch und sagte es. Da lächelte Lenin, aber sein Lächeln war nicht mehr freundlich.

»Sie verstehen nicht russisch und schreiben Berichte?« sagte er mürrisch. »Fahren Sie an die Wolga zu den Deutschen. Reden Sie dort mit den Leuten, hören Sie gut zu, was gesagt wird, beobachten Sie das Leben in der Stadt und auf dem Dorfe, und wenn Sie alles gesehen, gehört und geprüft haben, dann sollen Sie sich hinsetzen und Berichte schreiben!«

Als er mein bestürztes Gesicht sah, lachte er laut und stieg auf die Balustrade ins Präsidium.

Bald darauf wurde die Sitzung unterbrochen.

Die Delegierten strömten ins Rauchzimmer oder nach dem kalten Büfett, ich blieb allein im Thronsaal und lüpfte den Purpur, der die Throne verdeckte. Auf diesen goldnen Sitzen hatten schon viele Ausländer den Rausch flüchtiger Minuten ausprobiert. Auch ich huschte hinter den Purpur und setzte mich auf einen Thron. Aber bald erschien mir das Spiel dumm und einfältig. In der Revolution waren die Throne über das Straßenpflaster gerollt: wir stießen mit unseren Füßen nach ihnen, und nun probierte ich diese Sessel aus!

Plötzlich bewegte sich der Baldachin. Merkel zeigte sich. Auch er wollte sich auf einem Thron ausruhen. Als er mich sah, wurde er rot und verlegen.

»Herauf, Volksbeauftragter«, sagte ich. »Ich bin der Kaiser und du der Thronfolger.«

Dann wandten wir uns ruhigeren Gefilden zu und besuchten das Büfett. Wir kamen durch eine Reihe kostbar ausgestatteter Räume. In einem Zimmer stand das breite Bett, in dem die Kaiserin Katharina geschlafen haben soll. Auch dieses Bett wurde von den Ausländern angestaunt. Die ganz kühnen Männer streichelten es oder setzten sich behutsam auf den weichen Rand. Ja, die Welt hatte sich gedreht! Und wenn die Delegierten wieder in die Dunkelheit ihrer Arbeit zurückkehrten, da konnten sie vertrauten Freunden von jenen Abenteuern erzählen: auf dem Zarenthrone habe ich gesessen! Im Bett der Kaiserin hätte ich beinahe geschlafen!

In jenem Palast gab es noch ein anderes, kühles und abseitiges Ziel.

Viele Delegierte wanderten in den Pausen nach den stillen Räumen, auf die auch der Zar allein gehen mußte. Nun waren sie dem Präsidium vorbehalten. Die Ausländer mußten sich, wenn sie mal mußten, in die untere Etage bemühen. Aber sie bemühten sich nicht gern nach unten, sie blieben gern in der Höhe, und es waren richtige Prozessionen aus dem Sturm in die Stille. Da wurden nun die großen und kleinen Wünsche erledigt.

Der Kongreß tagte weiter.

Ich setzte mich an den Pressetisch und ging dann auf den schönen Balkon hinaus. Im wühlenden Dunst schimmerte Moskau wie ein Blumenbeet. Die Mosqua wand sich in vielen Schleifen und Kurven da unten, die Sperlingsberge, jene heiteren Hügel, funkelten. Die Welt war schön!

Die Stadt schlief schon und wiegte sich in ihren Träumen, als wir den Kreml verließen und durch die warme Nacht wanderten. Die Warwanka lag verlassen vor uns. Aus ihren kurzen Seitenstraßen, die nach der Mosqua abfielen, stieg in schweren Wolken übler Geruch auf. In den Kellern einiger Häuser sammelte sich in stinkenden Kloaken der Unrat des ganzen Viertels.

Am anderen Tag spazierte ich mit Merkel durch Moskau. Vor uns lag der Kreml, das steinerne Wunder, indem italienische Architektur ganz scharf mit asiatischen Flächen und Kuppen zusammentrifft.

Merkel war melancholisch.

»Zuviel Jubel«, sagte er. »Zuviel Tamtam! Ich war gestern in einer Vorstadt und habe gesehen, wie die Arbeiter leben. Sie leben viel schlechter als wir im Westen. Sie haben nur schwarzes Brot, und das nicht jeden Tag, und trinken heißes Wasser als Tee. Uns füttert man im Hotel immer noch mit Weißbrot, Butter und Kaviar ... Ich habe da einen Maurer getroffen, Otto, der hat mir ganz kühl erklärt, unter dem Zarismus hätte das Volk besser gelebt ... Natürlich, hier war der Bürgerkrieg, aber man sollte doch mehr auf das hören, was die Arbeiter sagen und nicht nur die Referate im Kreml beklatschen. Hinter dem vielen Hurrageschrei kann man, wenn man nur will, ganz deutlich das Wort Hunger hören, lieber Otto.« Natürlich hatte Merkel recht.

Nach der vielen Begeisterung kam auch mir die Ernüchterung.

Wir wurden geehrt und begrüßt, als seien wir Führer und Helden. Überall wurden wir als Retter gefeiert. Was wußte das breite Volk vom Westen? Was wußten sie von Deutschland? Zwei Namen waren heilig: Liebknecht und Luxemburg, aber das war doch nicht Deutschland! Die Russen waren so naiv, den Willen zum Umsturz mit dem Siege gleich zu setzen. Wir fühlten auch die Wellen des Antisemitismus, der durch das Land schwemmte und sich in Verwünschungen oder Witzen verspritzte.

Damals hörte ich folgende Geschichte:

Ein junger Agitator kommt in die ukrainischen Gebiete, aus denen kurz vorher die Polen vertrieben waren, und erklärte den Bauern und Kleinstädtern die weltpolitische Situation. Er kommt frisch von Moskau und läßt ein Meeting einberufen.

Aus den Dörfern kommen viele Bauern.

»Genossen«, sagte der Agitator, »heute weht die rote Fahne über Moskau, Odessa und Kiew, unsere Armee marschiert und siegt. Und bald wird auch wehen die rote Fahne über Warschau!«

Einer von den Bauern aber rief:

»Das glaube ich nicht!«

Der Redner ließ sich nicht stören und donnerte weiter:

»Und wenn wird wehen die rote Fahne über Warschau, dann wird sie auch wehen bald über Budapest. Sie wird wehen über Wien und Prag und ganz hoch wird sie steigen über der Stadt Berlin!«

Zum zweiten Male rief der Bauer:

»Das glaube ich nicht!«

Die Versammlung wurde unruhig.

Einige Leute lachten.

Der Agitator wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging endlich auf die Zwischenrufe ein. Er war sehr zornig und brüllte den kleinen Bauern an:

»Und warum glaubst du nicht an den Sieg der roten Fahne? Ich sage dir, dir sage ich ganz allein: wenn wird wehen unsre Fahne hoch über der schönen und großen Stadt Berlin, dann wird sie auch wehen bald über der Stadt Paris und über der Stadt London!«

Zum dritten Male krähte das Bäuerlein:

»Das glaube ich nicht.«

Alles lachte.

»Und warum, glaubst du Konterrevolutionär und Hundesohn nicht, daß die rote Fahne wird wehen zuerst über Budapest, Wien und Prag, dann über Berlin und später über London und Paris?« brüllte der Agitator. »Jetzt sage mir, warum glaubst du das nicht?«

Die Wände bekamen Ohren.

Der Bauer sagte langsam und bedächtig:

»Wo wollt ihr die vielen Juden hernehmen, die in die fremden Länder reisen und ihre Reden halten, damit ...« und er ahmte die singende Stimme des jungen Juden nach, »damit werden wehen die Fahnen über Budapest, Wien, Prag, Berlin, London und der großen Stadt Paris?«

Nun begann ein Höllengelächter.

Der junge Mensch verzog sich rasch.

Er probierte sein Glück in einer anderen Stadt.

Die Juden waren nicht beliebt.

Die Revolution hatte sie aus den engen Wohnbezirken im Süden gerissen und über das weite Land verstreut. Sie waren überall und oft wurzellos. Das wußten die führenden Russen selbst. Der einzige Jude an sichtbarer Stelle war Leo Trotzki. Einer von der Trotzkirasse war auch der kleine Mandel, den ich in Moskau kennenlernte. Er war aus Warschau geflohen, um der Revolution zu dienen und sah diese Stadt als roter Soldat wieder. Warschau grüßte ihn mit Kugelschüssen. Eine Kugel im linken Fuß, hatte er sich wieder freiwillig an die Front gemeldet. Manchmal besuchte er uns im Hotel.

Die großen Plätze lagen grell in der Sonne und sahen ganz italienisch aus. Eines Tages brannten die großen Torflager und verfinsterten mit ihrem Qualm auch Moskau. Die Russen sprachen von Brandstiftung und erzählten von den immer noch bestehenden Geheimorganisationen der Gegenrevolution. Als Beispiel führten sie an: Denikin stand vor Tula. In allen Moskauer Apotheken verschwanden auf einen Schlag alle Medikamente. Als der General geschlagen war, tauchten die Arzneien und Heilmittel wieder auf.

Lebte man überhaupt noch auf dieser Welt?

Manchmal war es, als lebe man auf einem anderen Stern.

Deutschland war fern und verschollen, Deutschland, das war ja Europa, unerreichbar und strahlend. Hier war immer noch Revolte und Umsturz. Die Stadt hungerte. Sie war von der Front abhängig. In der letzten Woche gab es auf den Kopf der Bevölkerung nur 300 Gramm Brot. Tee und Zucker waren brennende Wunschträume. Die Spekulation blühte.

Auf den Märkten gab es alles zu kaufen.

Die Bauern kamen mit ihren kleinen Wagen vom Lande herein nach dem Hauptmarkt am Sucharewturm. Dort gab es Obst und Gemüse, Milch und Butter, Fleisch und weißes Brot, Eier und Hühner. Alles gab es dort zu kaufen. Die Verführungen der alten Welt zeigten sich den Hungernden und machten nur satt, wenn der Hungernde genug Tausendrubelscheine des wahnsinnig entwerteten Geldes vorweisen konnte.

Alles konnte mit Geld gekauft werden in dieser Revolution, die das Geld abschaffen wollte: junge Schweine und Brillanten, chinesisches Porzellan und turkestanische Teppiche, kleine Öfen und Pelze, Schuhe und Heiligenbilder, Tabak und Salz, Gurken und Süßigkeiten. Alles konnte man kaufen. Die großen und die kleinen Spekulanten und Händler verramschten die Konkursmasse des ehemaligen Reichtums.

Das Leben diktierte seine Bedingungen und hob selbst alle Dekrete auf. Manchmal kam Miliz und säuberte diesen Markt, aber in der nächsten halben Stunde wimmelten schon wieder die Käufer und Verkäufer herum. Ja, alles konnte man kaufen: alte Bücher und junge, schöne Mädchen.

Ich war oft auf der Sucharewka.

Auf diesem weiten Platze standen auch, eine schmale Gasse, die Damen und Herren aus der alten Zeit, bedrückte Figuren, die mit erschreckten Gesichtern – der Staat gab ihnen keine Lebensmittel – goldne Ringe, Brillanten, Silber und Spitzen anboten. Inmitten des robusten Volkes standen sie wie zerbrechliche Puppen da. Manche Gesichter waren nichts als eisige Abwehr, wo sie doch freundliche Bitte sein sollten.

Hinter den Pelzen und Porzellan dampften die offenen Küchen, in denen fette Suppen und gute Pasteten verkauft wurden. Um diese Küchen drängten sich viele Bettler, junge und alte, und einmal sah ich einen mageren, beinahe durchsichtigen Chinesen, der schweigend an den Freßorgien vorüberging und mit seinem Finger die Brosamen auftupfte, die von den gesunden und satten Bürgern liegen geblieben waren.

Im Hotel war viel Betrieb.

Bis spät in die Nacht lärmten und schallten die Korridore von Geschrei und Gesang der Ausländer. Die letzte Flasche Kognak wurde getrunken, die letzte Büchse mit Tee oder Kakao angebrochen. Die Herzen der Stubenmädchen und Krankenschwester waren im Sturm genommen. Die Italiener führten den kühnsten Stoßtrupp an. Auch der kühle Holländer entflammte und kam zwei Nächte nicht in sein Zimmer. Als er zurückkam, war er immer noch erhitzt.

Der Franzose hatte seinen Auftrag erledigt.

Er bekam einen Beutel Edelsteine und reiste nach dem Westen zurück. Paul begleitete ihn. Der Edelsteinäugige kam niemals nach Paris. Er unterschlug die Brillanten und flüchtete mit Paul nach der Schweiz.

Durch Maartens kam ich, als er wieder abgekühlt war, mit den Delegierten aus dem fernen Osten zusammen, mit fanatischen Indern, sanften Malayen, undurchdringlichen Chinesen, höflichen und lächelnden Japanern. Ich lernte auch Sinaida kennen, ein junges Mädchen aus Turkestan, die sich aber bald von mir abwandte weil ich zu sehr für Katja schwärmte. Sinaida näherte sich einem finnischen Delegierten, sah mich nicht mehr an und war zwei Wochen seine Frau. Der Finne wurde später mit einigen Kameraden in seiner Heimat geheimnisvoll ermordet.

Leben auf einem anderen Stern?

Neue Zeit?

Mittelalter?

Der kleine Mandel mußte wieder an die Front.

Er traf mich nicht mehr und hinterließ einen Brief.

In diesem Brief stand ein Gedicht.

Der ganze Brief war eine einzige Hymne.

Mandel schrieb:

»Wenn du nach Hause kommst und den Brüdern von unserem Kampfe erzählst, dann sage, gewaltig war dieser Kampf! Das Blut des Löwen strömte aus vielen Wunden. Sein Fell war zerrissen. Kaum war der Löwe noch als Löwe zu erkennen, so zerfetzt und blutig war er. Aber seine Stimme war die dröhnende Stimme des Löwen, und sein Sprung und Prankenschlag der Sprung und Prankenschlag des Löwen.

Als ich seine Wunden verbinden und seine Schmerzen lindern wollte, da lächelte der Löwe und sprach: Laß strömen das Blut! Siehe, der Feind keucht schon am Boden! Sein Weltrachen geifert nur Gift. Ich wäre kein Löwe, wenn ich Fell und Blut schonen würde. Wenn der Feind besiegt ist, will ich meinen Leib mit Salben schmieren. Sage dem proletarischen Löwen in Deutschland, dem älteren, schlafenden Bruder, wenn er seine Stimme endlich erhöbe, wenn sein Donner an mein Ohr schlüge, dann brauchte ich keinen Balsam. Sein Erwachen wäre für mich Balsam genug. Ich würde aufstehen, geheilt vom starken Ruf seiner Stimme.«

Den kleinen Mandel habe ich nicht wieder gesehen.

Später hörte ich, daß er an der Front, in der Krim, gefallen sei.

Viele Soldaten sind damals gefallen.

Die Welt ist ein Totenacker, und wir nähren uns von den Träumen von gestern und morgen.

Viele Bekannte von damals sind gefallen oder verschollen, viele Parolen und Thesen sind vergessen, viele Geschichten und Episoden von damals sind vom Flugsand der Zeit bedeckt, der wie der Stürm in Astrachan von Wüste zu Wüste stürzt. Aus diesem grauen Sande will ich einige Episoden ausgraben, die mehr als persönliches Interesse haben.

Auf der Twerskaja, der Moskauer Hauptstraße, kam ich mit einem Soldaten ins Gespräch, der mich nach meinen Eindrücken befragte. Als er hörte, daß ich erst vier Wochen in Rußland sei und vieles gut fand, da lächelte er und sagte:

»Vier Wochen erst! Ja, wenn Sie vier Monate oder vier Jahre hier wären! Was ist das für ein Land! Nicht Europa und nicht Asien: nein, eben Rußland ... In der Zeitung liest man – Sie kennen doch den Witz: in der ›Prawda‹ ist keine ›Istwestja‹ und in der ›Istwestja‹ ist keine ›Prawda‹ – also in der Zeitung liest man schon seit drei Jahren, daß auch bei euch die Revolution und die proletarische Diktatur kommt. Ist das nun prawda oder istwestja?«

Ich verstand das Wortspiel nicht, bis der Mann erklärte: in der Zeitung »Prawda« (Wahrheit) ist keine »Istwestja« (Nachricht), in der Zeitung »Istwestja« (Nachricht) ist keine »Prawda« (Wahrheit). Und als ich es widerwillig begriffen hatte, sagte ich:

»Es ist prawda! Wer lebt, wird sehen. Lenin...«

»Lenin ist ein großer Mann«, unterbrach mich der Soldat, »aber er sperrt sich in den Kreml ein, und wir sehen ihn kaum. Sie haben doch die Geschichte von dem Attentat der Frau Kaplan auf ihn. gehört? Die Sozialisten und Agitatoren haben eine große politische Schiebung daraus gemacht. In Wirklichkeit verhält sich die Sache so, daß die Frau Kaplan Lenins Geliebte war. Er hat sie sitzenlassen, und da hat sie eben aus verschmähter Liebe auf ihn geschossen. Das ist die Wahrheit, Bürger, so war es und nicht anders.«

Ich staunte, wie sich in einfachen Köpfen das Bild des politischen Kampfes spiegelt, und als ich später Njura diese Episode erzählte, lachte Sie mich aus und sagte:

»Aber das war doch ein Radieschen, lieber Freund.«

»Ein Radieschen?« fragte ich. »Wieso Radieschen?«

»Innen weiß und außen rot«, sagte sie.

Damals besuchte ich auch viele Kinderheime.

Im Russen ist viel Fanatismus und Liebe.

Die Liebe findet man in den Kinderheimen.

Aber nicht alle Kinder wohnten in den Heimen, und nicht alle Heime waren gut und Inseln des Glücks. Nicht alle Kinder waren fröhlich und sorgenlos. Der Bürgerkrieg tötete viel Gelächter. Die Not warf der Herzlosigkeit ihre Schlingen zu und drosselte manches junge Leben. Viele Kinderheime waren gefürchtet.

Der General Denikin rückte in der Ukraine vor und wollte Moskau erobern. Er fand auf seinem Vormarsch aus dem Süden wenig Widerstand. Als er seine Regimenter aufstellte, kam er auf den schlauen Gedanken, Popen mit an die Front zu schicken. Die Popen gingen an die Front und nahmen die Kirchenfahnen und Heiligenbilder mit. In der Roten Armee kämpften damals schon viele Bauern. Und die Bauern waren rechtgläubige Christen. Sie wollten nicht auf die Soldaten schießen, die ihnen mit bestickten Heiligenbildern entgegenrückten.

Sie schossen nicht.

Sie flohen.

Da kamen die Revolutionäre auf den noch schlaueren Gedanken, Arbeiter in diese Regimenter einzureihen, Arbeiter aus Moskau und Petrograd, die auch mit wehenden Fahnen vorrückten. Auf diesen Fahnen waren die Bilder von Marx und Engels gemalt. Und nun zauderten die Weißen, nun wagten sie nicht zu schießen. Nun sagten sie:

»Schießt nicht, Brüder, seht, das sind ihre Heiligen!«

Das alles spielte sich ab beim Beginn des Bürgerkrieges in der Ukraine, später wurde auch auf die rotengoldgestickten Fahnen geschossen, und nun stand Denikin in der Nahe der Stadt Kursk. Da ging es blutig her. Es wurde kein Pardon gegeben.

Die Truppen kämpften erbittert, die Kämpfe waren sehr grausam.

Bei Kursk würde auch ein Bauerndorf eingeäschert.

In diesem Dorfe wurden vor den Augen eines Dreizehnjährigen Vater und Mutter erschossen.

Viele hunderttausend Menschen sind damals gefallen.

Die Bestie im Menschen triumphierte auf beiden Seiten.

Jenes Dorf nun wurde am selben Tag von den Roten wieder erobert.

Es wurden viele Gefangene gemacht.

Unter den Stürmenden befand sich auch ein Soldat, der aus diesem Dorfe stammte, und als er nach dem Kampf die Hütte seiner Eltern aufsuchen wollte, fand er nur Trümmer, und vor den Trümmern die Leichen seiner Eltern. Auch seinen Bruder fand der Soldat. Das war ein trauriges Wiedersehen. Die Brüder weinten und klagten.

Da wurden die Gefangenen vorübergeführt. Unter ihnen waren die Soldaten, die jene Hütte angezündet und jene Eltern erschossen hatten. Der Dreizehnjährige erkannte sie wieder.

»Da sind sie, die Mörder!« schrie er auf.

Der ältere Bruder nahm sein Gewehr.

Der Dreizehnjährige griff nach dem Gewehr.

»Willst du...?« fragte der Zwanzigjährige.

»Ich will!« sagte der Junge und schoß kühl die drei Soldaten nieder.

Noch viele Geschichten könnten erzählt werden, Greuelgeschichten und Heldengeschichten, die jeden Krieg umgeistern, aber dieses Buch soll kein heldisches, sondern ein menschliches Buch werden.

In der »Eremitage« in Moskau hörte ich auch den berühmten Schaljapin singen, ich sah die Gelzer tanzen, mit dem General Blücher wurde ich bekannt. Einmal fuhren wir mit dem früheren Zarenauto – es war gepanzert und geräumig wie eine Kutsche – fünfzig Kilometer weit ins Land nach einer Kommune. Wir besuchten auch Fabriken und Museen.

Der Kongreß näherte sich seinem Ende.

Viele Ausländer waren schon in ihre Länder abgereist.

Auch ich wollte heim, von Ruhla hatte ich immer noch keine Nachricht, aber da stellte der frühere französische Hauptmann Sadoul eine kleine Gesellschaft zusammen, die nach dem Schwarzen Meer fahren sollte, und lud auch mich zu dieser Reise ein.

Immer noch glühte der Sommer über der Stadt, und an so einem glühenden Sonnentag ging ich mit Maartens in den Kreml, um an einem der bekannten »Samstage« teilzunehmen. Diese Samstage hatten mit großem Elan begonnen. Die Russen erhofften von ihnen einen großen Aufschwung der zerrütteten Wirtschaft des Landes.

Im Kreml mußten wir warten.

Wir kamen zur angesetzten Zeit.

Aber das war nach den Begriffen von damals zwei Stunden zu früh.

Gegen diese Schlamperei mit der Zeit rebellierten auch die Russen. Sie gründeten einen Klub, der gegen die Zeitverschwendung auftreten sollte. Die erste Sitzung war auf neun Uhr abends festgesetzt. Um zehn Uhr erschienen die Einberufer. Die ersten Gäste kamen um elf Uhr. Die Sitzung selbst aber wurde erst gegen Mitternacht eröffnet.

Mit Maartens bummelte ich durch den Kreml. Wir sahen die Kasernen, das Arsenal, die Kavaliershäuser, die Kirchen und Paläste. Autos huschten vorüber, die ersten Jugendlichen kamen, es wurde gescherzt und gelacht, geraucht und gewartet. Der Holländer stieß mich an und machte mich auf ein barfüßiges Mädchen aufmerksam.

»Sieh das Mädchen an«, sagte er. »Das ist die Tochter von Trotzki.«

Endlich formierten wir uns zu einem großen Zuge, wir marschierten aus dem Kreml über den Roten Platz und über die Mosqua. Wir marschierten singend zur Arbeit. Wir marschierten in die grauen Vorstädte hinein, wo es keine prunkenden Paläste mehr gibt. Dann machten wir halt.

Auf der Mosqua lagen einige Barken mit Holz, die entladen werden sollten. Wir nahmen diese Schiffe wie im Sturm. In unschuldiger Eitelkeit prahlten wir mit unseren Kräften. Schweiß strömte. Auch Goldenberg hatte sich im Kreml dem Zuge angeschlossen, auf der Mosquabrücke aber traf er ein schönes Mädchen, das er kannte. Er folgte ihr. Er desertierte von der Arbeit, aber er hatte am Abend Phantasie genug, einen guten Aufsatz über den Schwung der »Samstage« zu schreiben.

Nach drei Stunden war unsere Arbeit getan. Jeder von uns hatte ein Pfund Brot und drei Bonbons bekommen.

Wir marschierten ab.

Auf den nun verlassenen Platz – das Holz wurde wie in Petrograd von bewaffneten Posten bewacht – stürzte die Dunkelheit. Das Plätschern der nahen Wellen musizierte und das Wehen der Winde begann. Wir marschierten, und bald blühten die Lichter Moskaus vor uns.

Am nächsten Abend, in dem die Goldkuppeln der Stadt nur matt schimmerten, verließen wir Moskau. Nach stundenlangem Warten, Rangieren und Abschiednehmen fuhren wir mit einem Sonderzug in die glühende Dämmerung hinaus. An Ruhla dachte ich nicht, auch nicht an Katja, das Abenteuer stand vor mir und lockte: die Reise nach Odessa am Schwarzen Meer.

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