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Blockhaus an der Wolga

Max Barthel: Blockhaus an der Wolga - Kapitel 5
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typefiction
authorMax Barthel
titleBlockhaus an der Wolga
publisherDer Freidenker
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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VIERTES KAPITEL

Flügelrauschen des Sieges

Am hellen Tag sah Petrograd ganz anders ans als in jener weißen Nacht Die Newa strömte auch am hellen Tag um die vielen Inseln, sie speiste die Kanäle, die wie feuchte Rinnen in den vermauerten Quartieren liefen, aber man sah am klaren Tag die vielen Wunden, die der Krieg und die Revolution geschlagen hatten. In den Vorstädten standen halbzerfallene, ausgeraubte Holzhäuser. Die Straßen auch in der Innenstadt waren in Unordnung. An vielen Stellen hatten die Einwohner das Holzpflaster aufgerissen und verfeuert. Jetzt wußte ich, warum auf dem Platz bewaffnete Posten saßen. Der Winter mit seinen furchtbaren Stürmen mußte schrecklich sein.

Ich streifte durch viele Bezirke und fand auch die dunklen Wohnhöhlen, aus denen damals das Volk zum Sturme aufgebrochen war. In Rußland war immer noch Krieg. Die Regimenter standen an der Front gegen Polen. In der Krim saß der General Wrangel. Blockade würgte das ganze Land. Für den polnischen Krieg warben von allen Wänden und Mauern gewalttätige Plakate. Straßenbahnen ratterten auf verschmutzten Schienen und waren bewegliche Rednertribünen, von denen gegen Polen gesprochen und musiziert wurde. Aber dieser Alarm erschien mir, der ich den Krieg hinter mir hatte, wie der Lärm in einem viel zu großen Gehäuse zu sein. Ich haßte den Krieg.

Petrograd war trotz der pompösen Paläste eine geschlagene Stadt. Sie stand mit taumelnden Füßen auf den Inseln und zwischen den Sümpfen. Anderthalb Millionen ihrer Einwohner waren geflohen, hatten sich über das weite Land verstreut, um der Kälte und dem Hunger zu entgehen; sie waren mit der Regierung nach Moskau gefahren, kämpften an den Fronten oder waren verhungert, gefallen, gestorben, ausgelöscht. Die jungen Mädchen in den billigen Sommerkleidchen lachten, aber ihr Lachen war viel zu schwach, um diese arme Stadt mit Echo auszufüllen.

Jeden Tag kamen neue Delegierte aus dem Westen. Der Kongreß der dritten Internationale zog sie an. Die Stadt rüstete sich zu einem grandiosen Empfang. Triumphbogen wuchsen aus der Erde, aus den Steinen. Überall wehten die roten Fahnen, grüßten die Inschriften, leuchteten die bunten Plakate. Es war, als solle ein großer Sieg gefeiert werden. Und wir wanderten durch die Straßen, die Herzen voller Rausch und Herrengefühl.

Wir besuchten auch den Smolny, das ehemalige Institut für adlige Fräuleins. Jetzt gab es keine adligen Fräuleins im Smolny mehr. Vor dem Palast stand das Denkmal von Karl Marx. In den kühlen Korridoren stampften Arbeiter und Soldaten. In den hellen, großen Zimmern wurden Befehle und dröhnende Manifeste entworfen und diskutiert.

Vom Smolny fuhren wir nach dem Taurischen Palais, in dem der neugewählte Sowjet eröffnet wurde. In diesem Hause hatte früher die Duma getagt. Hier war auch die Provisorische Versammlung auseinandergejagt worden. Der Sowjet wurde zu achtzig Prozent von den Kommunisten beherrscht. Die anderen politischen Parteien waren in der Gluthitze der Kämpfe zu kleinen Oppositionsgruppen zusammengeschmolzen oder unter die Erde gejagt worden.

Sinowjew, der wie ein Schauspieler aussieht, leitete die Sitzung.

Nach ihm sprach Maxim Gorki, der große Dichter. Er wurde mit Zurufen der Liebe und Verehrung begrüßt.

Später hatte Fridtjof Nansen das Wort.

Dann sprach ein linker Sozialrevolutionär.

Der Redner war ein schöner, schwarzhaariger Mann mit blitzenden Augen und leidenschaftlichen Gebärden. Aber die Schönheit galt nichts in dieser Versammlung. Als Gorki und Nansen sprachen, wurde jedes Wort wie ein Geschenk entgegengenommen, der Sozialrevolutionär wurde mit verächtlichem Schweigen angehört und wild unterbrochen. Sein Gesicht wurde ganz grau. Er winkte müde mit der Hand und trat ab.

Dann kletterte Nowikoff, der Matrose der weißen Nacht, auf die Tribüne. Er begann sofort zu sprechen.

»Unser Schiff hat die besten Leute an der Front gelassen«, rief er laut in den Saal. »Unser Schiff ist empört darüber, daß im dritten Jahre der Revolution in Pieter noch Arbeiter sind, die für die Sozialdemokraten und für die Sozialrevolutionäre stimmen. Nicht im Sowjet soll der Platz dieser Herrschaften sein, ihr Platz sei vielmehr im Himmel, wo sie die noch freien Sekretärposten beim General Koltschak besetzen können.«

Die Delegierten lachten.

Njura, eine Sekretärin aus dem Kreml übersetzte mir diese Rede. Ich verstand Nowikoffs Haß nicht. In jener Nacht hatte er wie ein Dichter gesprochen, als wir am Winterpalast standen. Ich wußte nicht, daß dieser Haß Empörung gegen die ganze Welt war, Haß gegen die Blockade, die das Land erdrosselte, wilder Haß, der aus den Qualen der vereinsamten Jahre entsprang.

»Die Weltbourgeoisie will unseren Kopf!« rief Nowikoff, als sich das Gelächter gelegt hatte. »Nun wohlan, wir wollen unseren Kopf um so stolzer tragen! Nieder mit dem weißen Polen!«

Beifall donnerte auf.

Katja war nicht im Sowjet.

Als ich Njura nach Katja befragte, lächelte sie und sagte:

»Lieber Freund, woher kennen Sie Katja? Sie sollten sich nicht zu sehr nach dieser Bekanntschaft drängen.«

»Warum?« fragte ich. »Darum!« sagte Njura und schwieg.

Ich lachte sie aus und verließ den Sowjet.

Auf dem Newski besah ich mir das Leben und Treiben. Fast alle Kaufläden waren geschlossen. Nur der Staat hatte das Recht auf den Handel. Aber er hatte keine Waren, mit denen er handeln konnte. An den Kirchen standen Bettler und verneigten sich vor den Passanten. Halbwüchsige, zerlumpte Kinder verkauften Tabak, Zigaretten oder Süßigkeiten. Auch verschrumpelte Äpfel waren zu haben. Ja, die Stadt hungerte.

Im Hotel bekamen wir mittags und abends dicken Hirsebrei, schwarzes Brot und gefärbtes heißes Wasser, von dem nur Optimisten behaupteten, es wäre Tee. Einmal hatte ich mit Njura im Smolny gegessen. Dieser Tisch war reichlich und gut versorgt. Fast alle Ausländer, die im Hotel wohnten, erkrankten in den ersten Tagen. Sie wurden matt und elend. Ihr Magen rebellierte. Aber es wurden auch Witze gemacht.

»Pieter?« antwortete Njura auf eine Frage, wie es in der Stadt gehe. »In Pieter geht es gut! In Petrograd, mein lieber Freund, ist es ausgezeichnet. Wir leben wie im Paradies!«

»Wie im Paradies?« staunte Maartens.

»Natürlich«, antwortete das Mädchen, das sich in allen europäischen Hauptsprachen verständigen konnte. »Wie im Paradies. Wir haben nämlich nichts anzuziehen und nähren uns von Äpfeln.«

Mit dieser Njura, sie war Lettin und hatte ein geistreiches Gesicht mit einem großen, männlichen Mund, besuchte ich und Maartens auch die Inseln. Sie lagen jenseits der großen Newa und wurden von vielen Wasserläufen umspült. In den schönen Villen waren Erholungsheime eingerichtet. Von den Heimen spazierten wir nach dem Sommertheater, das nahe am Wasser aufgebaut war und eine Freiluftkühne mit heiteren Spielen erfüllte.

Zwischen der Bühne und den Zuschauern – zweitausend Menschen hatten Platz – floß ein dunkler Kanal. Die Bühne war beinahe ohne jede Kulisse. Die Hauptkulissen bestanden in grünen Gärten und dem vollen Wuchs der Gebüsche und Bäume. Njura übersetzte uns den Text der Handlung, aber das Spiel war so offen und einfach, daß es auch die Menschen begreifen konnten, die der russischen Sprache wenig oder gar nicht mächtig waren.

Und dennoch bewegten sich diese Spiele in großen Maßstäben. Die Blockade und die Barrikade, der Bürger und der Arbeiter, Noske und Spartakus, England und Rußland: das waren die Themen und Gegensätze, zwischen denen die Handlung abrollte. Natürlich war es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn der Arbeiter den Bürger und Rußland das reiche England besiegte.

Wir kamen gerade zur rechten Zeit.

Ein neues Spiel hatte begonnen.

Der Schauplatz war die Welt.

Auf der einen Seite stand das meerebeherrschende England. Die Bühne sollte russische Erde sein, das schwarze Gewässer der Ozean. Und nun schickte England seine Geschwader gegen Rußland aus. Das Geschwader wurde durch einen wackligen Kahn dargestellt, der bald in dem linden Sturm, der die Wellen kräuselte, elend zerschellen und scheitern mußte. Ja, das arme Schiff versackte. Seine Besatzung patschte wild und aufgeregt in der schwarzen Flut. Über ihnen brüllte und tobte das Triumphgeschrei der Zuschauer.

Auch wir lachten und freuten uns.

Ein Engländer aber rettete sich an das feste Land und spitzelte sich durch die grünen Büsche auf die Bühne, die Rußland darstellte. Atemlos verfolgten die Leute den Weg des Spions. Die Spieler auf der Bühne merkten nichts oder wollten nichts merken. Der Spitzel erkletterte einen Baum, um besser sehen zu können. Auf dem Baum, in einer Astgabelung, zog er ein mächtiges Fernrohr aus der Tasche, putzte es bedächtig und nickte mit dem Kopfe. Dann sah er durch das blanke Rohr in ein imaginäres Land und war fröhlich.

Nun begann das Mitspiel der Zuschauer.

Viele Hände flogen empor, viele Gesichter verzerrten sich. Viele Schreie flatterten empor und nach der Bühne: »Ein Spion! Ein Spion!« Aber die Spieler auf der Bühne waren taub; sie hörten nichts, sie sahen nichts, sie stellten sich dümmer, als sie waren. Die Masse raste vor Verzweiflung. Immer lauter brüllten sie: »Ein Spion! Ein Spion!«

Die Schauspieler erwachten endlich, hielten die Hände an die Ohren, sahen neugierig um sich und rannten hin und her. Und endlich entdeckten sie hoch oben auf dem Baum den englischen Spion.

Wie Panther sprangen sie nach dem Baum und rüttelten und schüttelten ihn so lange, bis der englische Mann zuerst das Fernrohr und dann sich selbst fallen ließ. Unter dem erlösten und rauschenden Beifall der Menge stürzte er in das dunkle Wasser, panschte umher und rettete sich auf das treibende Wrack des englischen Geschwaders. Spott und Gelächter verfolgten ihn noch lange. Dann verlief sich die Menge.

»Wie hat es euch gefallen?« fragte uns Njura. »Bei uns werden in dem letzten Jahr oft solche Spiele aufgeführt. Die Schauspieler sind alles Leute aus den Fabriken. Gibt es das bei euch auch?«

»Nein«, sagte ich und war noch ganz erregt von der heiteren Einfalt der Szenen. »Nein, so etwas haben wir noch nicht, Njura. Es war schön, es war sehr schön!«

»In den nächsten Tagen wird ein neues Spiel gezeigt werden. An der Börse. Fünftausend Menschen spielen da mit. Das müßt ihr sehen! Petrograd spielt für euch das neue Spiel«, erzählte die Lettin.

»Fünftausend?« staunte Maartens. »Wenn es gut geht, haben wir in ganz Holland anderthalbtausend Leute in der Partei.«

Njura lächelte stolz.

Wir fuhren in die Stadt zurück.

Am nächsten Tage, ich hatte Katja nicht mehr gesehen, erzählte ich Merkel auf dem Wege zur Peter-Paul-Festung von jenem Nachmittag auf den Inseln. Er war in Kronstadt auf den Spuren der Revolution gewesen und hätte lieber diese politischen Spiele gesehen. Wir gingen über die Rastwenstwabrücke. Die Newa strömte und glühte. Ich erzählte Merkel auch von dem geplanten neuen Spiel der Fünftausend an der Börse.

»Fünftausend sollen mitspielen?« fragte er und machte ein unglückliches Gesicht. Dann hob er ganz schnell seinen großen Kopf aus den verwachsenen Schultern und sagte: »Was ist da schon groß dabei: fünftausend! Das Kolosseum im alten Rom, weißt du, faßte siebzigtausend Menschen.«

»Das Kolosseum? Ich kenne das Kolosseum, aber Menschenskind, was hat das Kolosseum mit Petrograd zu tun?« fragte ich.

»Die römischen Kaiser kannten zwei Arten, das Volk zu beruhigen und zu unterhalten«, murrte er verdrießlich. »Hast du noch nichts von Brot und von Spielen gehört? Die verstanden schon das Geschäft. Hier sehe ich nur die Spiele. Das Brot ist schwarz und bitter.«

»Und du bist verbittert«, gab ich zur Antwort. »Erst freutest du dich über die Erzählung von den Spielen auf den Inseln, und nun meckerst du. Mensch, warum bist du überhaupt nach Rußland gekommen?«

Er zog den Kopf wieder ein.

»Weil hier die Zukunft sein kann. In zwanzig Jahren. In hundert Jahren. Ich weiß nicht, wann. Und warum ich meckere? Weißt du, es ist für einen Krüppel verdammt schwer, das Lachen gutgewachsener Menschen zu hören. Aber das kannst du doch nicht kapieren!«

»Ich verstehe schon, Hans«, sagte ich. »Aber hier lacht doch kein Mensch über dich! Wir alle tragen doch einen unsichtbaren Buckel mit uns herum. Jeder hat seine Kriegskasse zu schleppen und muß für alles und für jede Kleinigkeit zahlen.« Aber er ließ sich nicht trösten und sagte: »Kann schon sein, Otto, aber mein Buckel, der ist nicht unsichtbar. Meinen Buckel sieht man auf den ersten Blick. Na, laß man, wir wollen darüber kein Wort mehr verlieren.«

Wir hatten die Brücke bald überschritten und sahen vor uns die gewölbte und sanft glühende Architektur der Moschee. Sie war geschlossen. Die mohammedanischen Menschen waren aus dem kalten Norden in ihre Sonnenländer geflohen. Die Festung stieß mauernumwehrt bis in die Newa vor. Wir ließen die Moschee, wir bogen zur Festung ein, passierten eine kleine Brücke und die Wache und standen bald in einem kühlen, großen Hof.

Der Festungskommandant erschien.

Er hatte in seiner grünen Jugend selbst in einem der Kerker gesessen. Nun brachte er uns als freier Mann durch viele Höfe und an der Kaserne vorbei nach dem berüchtigten Gefängnis. Die Kerker lagen jenseits der grünen Gärten an der Newa. Eiserne Türen öffneten sich kreischend. Wir traten in das Gefängnis ein.

Zuerst besuchten wir die unter dem Wasserspiegel der Newa liegenden Zellen. Dort saßen früher die politischen Gefangenen. Wir sahen eine trostlose Flucht geräumiger Kerker, Katakomben des Grauens, auch heute noch in ihrer Leere. Die Schritte hallten und schallten auf den steinernen Fliesen. Wieviel Leid war über diesen dunklen Flur getaumelt!

Der Kommandant ließ eine Zelle öffnen.

»Hier hat einmal die Wera Figner gesessen, ehe sie nach der Schlüsselburg kam«, sagte er leise. »Ihr wißt ja, Wera Figner, Attentat auf den Zaren. Sie war dafür zweiundzwanzig Jahre lebendig begraben.«

Zweiundzwanzig Jahre!

Der Schmerz kann nicht in Tage oder Monaten berechnet werden. Es gibt ja Stunden, die wiegen schwerer als Jahre, und es gibt auch Jahre, die sind leicht wie die Stunden. Aber zweiundzwanzig Jahre sind trotzdem elfhundertvierundvierzig Wochen! Ja, eine Lawine voller Qual und Grauen rollte durch das steinerne und dunkle Gefängnis.

»Und wo saß Krapotkin?« fragte Merkel.

»In der übernächsten Zelle. Dort hat er sein Fürstentum zu Boden geworfen, um die Freiheit, um sein Menschentum zu gewinnen.«

Merkel liebte Krapotkin und trat behutsam in seine Zelle. Mit scheuen Fingern strich er über den kahlen Tisch und über das harte Bett. Er atmete schwer.

Alle diese Kerker waren kühle und gutfundierte Grüfte.

Wir sahen durch die Gitter die Newa fluten. Aus diesen Zellen führte der Weg selten in die Freiheit zurück.

Der Weg aus den Grüften führte meistens in die Verbannung oder an den Galgen.

Wir sahen noch viele Kerker, wir hörten berühmte Namen: Bakunin, Trotzki, Parvus und Leo Deutsch. Dann wurden uns die berüchtigten Dunkelzellen gezeigt, die jeden Lichtstrahl durch doppelte Türen und vermauerte Fenster absperrten. In diesen Zellen gingen das Wehegeschrei der Gefolterten und der brüllende Wahnsinn der Gepeinigten lautlos unter.

Wir liefen wie an vielen Gräbern vorbei.

»Nun will ich euch etwas zeigen, was nur in Rußland möglich war«, sagte unser Führer und führte uns aus der Tiefe nach der oberen Etage.

Auch da oben lagen viele Zellen, aber sie unterschieden sich wie der Tag von der Nacht, wie das Leben von dem Tode. Diese Zellen nämlich waren hell und freundlich, wenn überhaupt eine Zelle hell und freundlich sein kann. In dieser Etage saßen früher die kriminellen Sträflinge. Kampf für die Freiheit: das war lebendiges Begrabensein. Diebstahl und Betrug war erträgliches Wohnen!

Diese beiden Kerkerreihen in der Peter-Paul-Festung waren ein grausamer Anschauungsunterricht und machten viele unverständliche Dinge verständlich! Der Russe sagte kein Wort. Er ließ die Tatsachen sprechen. Wir verließen bedrückt die Festung.

Im Sonnenlicht aber dachte ich daran, daß in jenen elenden Kerkern die Nihilisten, Terroristen, die Sozialrevolutionäre, die Sozialdemokraten und die Kommunisten zusammen gesessen hatten, die Väter und Kameraden jener Männer, die sich jetzt im Siege erbarmungslos bekämpften, mit allen Mitteln, mit dem Kerker, mit der Verbannung, mit dem Tod.

Im Hotel fand ich Nachricht von Njura vor, die zu einer Unterredung im Hotel »Astoria« ersuchte. Ich ging hinüber. In der Hotelhalle starrte die Mündung eines Maschinengewehrs jedem Besucher entgegen. Njura händigte mir eine russische Pressekarte aus. Ich ging wieder in die Stadt. Auf dem Newski kam ich mit einem jungen Menschen ins Gespräch. Ein Wort gab das andere, und ich fragte:

»Was sagt ihr nun, die ihr mitten in der Arbeit lebt? Wie stellen Sie sich zu dem neuen Rußland?«

»Oh«, sagte der junge Mensch und machte ein undurchdringliches Gesicht. »Man sieht und schweigt.«

»Ihr schweigt?«

»Ja, wir schweigen. Was sollen wir auch tun? Wir haben nichts zu sagen. Sie kommen aus dem Westen«, sagte er, »und der Osten ist für Sie eine neue Welt. Sie glauben, Neues zu sehen, und was ist das Neue? Es ist doch meistens nur das Unbekannte.«

Ich protestierte und meinte:

»Vielleicht haben Sie recht, aber man sieht doch auch wirklich Neues in Rußland! Wir waren zum Beispiel auf den Inseln. Dort haben wir die Heime gesehen. Das Theater war wirklich neu und schön. Wir haben auch einmal einen ›Samstag‹ beobachten können; da waren junge Leute dabei, die lachten bei der Arbeit. Soll das gar nichts sein?«

»Wir haben früher selbst auf den Inseln gelebt«, sagte der junge Mensch nachlässig. »Aber das sei alles vergessen. Warum sollen nicht einmal andere Leute schöne Wohnungen haben? Aber – auf den Samstagen, Bürger, bekommt jeder Teilnehmer ein Pfund Brot und einige Bonbons extra. Und das ist in der gegenwärtigen schweren Zeit nicht zu verachten.«

»Brot und einige Bonbons?« fragte ich. »Sie meinen, es würde nur deshalb gearbeitet?«

»Nein, nein«, protestierte er. »Nicht nur deswegen, aber auch deshalb. Ich für meine Person wäre lieber in Berlin oder Paris. Und so denken viele Leute. Aber man läßt uns ja nicht aus dem Lande heraus. Warten Sie, Bürger, bis die Feste vorüber sind, da werden Sie das wirklich russische Leben beobachten können. Es ist viel Not und Elend bei uns.«

»Schön«, sagte ich, »ich werde den Alltag abwarten«, und ging weiter. Ich wußte schon, daß in unsere Begeisterung nicht alle Leute einstimmten; sie hatten ja gelitten und alles verloren. Es gab viele Menschen, die der neuen Ordnung feindlich waren und schwiegen. Sie lästerten oder kämpften auch dagegen an. Ich haßte alle Gegner. In der Peter-Paul-Festung hatte ich einen Spruch gelesen, der mich an jenen Tagen ganz ausfüllte: »Wer die alte Welt nicht gehaßt hat, Kann die neue Ordnung nicht lieben.« Es gab damals viele Inschriften und Losungen, die heute von der Geschichte selbst von den Wänden gerissen sind, aber in allen Parolen war eine strenge Gesetzmäßigkeit, war eiserne Unerbittlichkeit und manchmal auch Hochmut und Grausamkeit, die den einzelnen und sein Glück zermalmt, um neue Aufgaben, neue Ziele und vielleicht auch ein neues Glück zu bringen.

»Die Freiheit ist ein bürgerliches Vorurteil«, hatte Lenin verkündet.

Aus allen Ländern aber, in denen der Kampf um die Freiheit ging, strömten die Delegierten nach Rußland. Chinesen kamen, Neger, Japaner, Italiener, Deutsche, Spanier, Franzosen und Koreaner. Alle Hautfarben und alle politischen Linksströmungen fanden sich hier zusammen, eine internationale Bruderschaft sammelte sich zum Kongreß der neuen Internationale.

Der zweite Kongreß der dritten Internationale wurde eröffnet.

Am Oktoberbahnhof, vor dem holzverschalten Denkmal Alexander III. sammelte sich das Volk. Endlich kam der Moskauer Zug. Viele Hochrufe, viele Lieder stiegen empor. Dieser Tag war ein Feiertag. Die Fahnen vor dem Bahnhof wurden wie goldbestickte Heiligenfahnen vorangetragen. Die ersten Ansprachen knallten in den schönen Tag. Geschmückte Straßenbahnen brachten uns nach dem Smolny. Ich war kein Delegierter, aber die russische Pressekarte machte alle Wege frei.

Vor dem Smolny sah ich die neuen Männer: Lenin, Bucharin, Kalinin, Radek, Gorki, die Balabanoff und viele andere. Wir wurden von Kalinin, dem Präsidenten des Reiches, in jenem Saale begrüßt, in dem Lenin seine Dekrete über den Frieden, über die Rote Armee und über die Landverteilung vorlegte. Als er das Dekret über die Landverteilung vorlegte, erzählte man mir, stürzte ein kleiner Bauer auf ihn zu und rief:

»Lenin, Lenin, du bist der neue Zar!« Im Taurischen Palais wurde der Kongreß eröffnet. Wir marschierten oder fuhren nach dem Palais. Sinowjew erklärte:

»Die Arbeiter der verschiedenen Länder vereinigen sich, um sich vom Joche der Reichen zu befreien. Was könnte zugleich erhabener sein? Genossen, hört ihr denn nicht das Flügelrauschen des Sieges?«

Wir hörten das Flügelrauschen des Sieges.

Dann sprach Kalinin, ein Mensch mit dem biederen Gesicht eines deutschen Handwerkers. Er war noch bei seiner Ansprache, als die Unruhe im Saale begann. Lenin erschien. Lenin betrat die Bühne. Und als der kleine, kahlköpfige Mann mit dem hohen Schädel und dem schlauen Tatarengesicht auf der Bühne stand, da riß uns mystische Gewalt aus den Sesseln. Raserei begann, in der selbst eisgraue Spötter umschmolzen.

Beifall krachte hoch und vermischte sich mit allen Sprachen der Erde. Fanatische Besessenheit hatte uns alle erfaßt, in uns war der Glauben gequälter Geschlechter an die Erlösung. Sinowjew und seine Beredsamkeit hatten wir vergessen. In unsere Raserei stürzten Trompetenstöße und bändigten endlich den großen, heftigen Sturm.

Noch einmal wollte sich der Beifall zu einer grünen Meereswoge wölben, aber da streckte der Mann mit dem Tatarengesicht die Hand weit aus wie über aufgewiegelte See. Er begann zu sprechen, und seine rauhe, bezwingende Stimme schaffte atemlose Ruhe.

Er sprach russisch.

Seine Rede war eine kühle Analyse der weltpolitischen Situation. Ich verstand kein Russisch; die Rede habe ich später gelesen und ein Bruchstück daraus im Astrachaner Kreml gefunden; aber das war ja ganz gleichgültig, ob ich Russisch verstand oder nicht. Die Tatsache, daß Lenin sprach, machte uns alle trunken.

Die weißen Feuer der Blitzlichtaufnahmen blendeten in diese Rede, rote Soldaten marschierten auf und hielten unter der geschmückten Balustrade erstarrte Wache. Und als Lenin plötzlich endete, da rollte die Woge der Liebe und der Gläubigkeit wieder durch das Taurische Palais. Die Russen brüllten russisch, die Deutschen deutsch, die Chinesen chinesisch: es war eine Sprachenverwirrung ohnegleichen, doch sie wurde geordnet und zusammengeballt in dem Schrei:

»Lenin!«

An diesem Tage stiegen noch einige Redner auf die Tribüne und donnerten ihre Manifeste in den Saal, Grüße an die Armee, Fluch gegen Polen; aber diese Reden waren wie Raketen, die aufsteigen, glühen, blühen und schnell versinken. Die großen Beschwörungen habe ich vergessen, geblieben ist die Erinnerung an die Stunde, in der Lenin sprach.

Vom Taurischen Palais zogen wir in bewegten Zügen nach dem Marsfeld, zu den Toten. Die Abgesandten der Welt huldigten den Opfern der Revolution. An den roten Granitblocks sah ich flüchtig Katja. Sie ging vorbei und sah mich nicht. Dann marschierten wir nach dem Winterpalast weiter. Überall stießen großen Massen aus der Stadt vor und sammelten sich vor dem Palast. Die Sonne flammte. Dieser Sommertag war ein einziges, berauschtes Fest.

Dann standen wir auf den breiten Tribünen. Unter uns wogte das Volk und war wie ein unermüdlicher Überfall aus dem Dunkel in das Licht. Ein indischer Delegierter sprang auf die Balustrade, warf die langen Arme hoch und begann zu sprechen. Englische und hindustanische Worte mischten und verwirrten sich, stammelten, prophezeiten. Auch Maartens, der Holländer aus Java, sprach. Und Goldenberg ergriff das Wort und schrie sinnlose Sätze in die bewegte Versammlung zu unseren Füßen.

Musik begann zu brausen.

Die Matrosen der Baltischen Flotte spielten.

Eine Bauerndelegation begrüßte uns.

Dann wurde es ganz still.

Lenin erschien.

Zweihunderttausend Menschen gerieten in Raserei und Verzückung. Mütter rissen ihre Kinder hoch. Bärtige Bauern erhoben die erdigen Gesichter. Viele Fahnen schwenkten grüßend hin und her. Groß und drohend stieg aus der Menge das Lied der Revolution: die Internationale.

Plötzlich zerbrach alles und wurde totenstill. Gläserne Stille kam. Lenin begann zu sprechen.

Lenin sprach, und das Volk zeigte sein Gesicht, das hunderttausendfältige Gesicht der Leiden und der Hoffnungen. Die Leute unter uns warfen die Köpfe leicht in den Nacken. Sie tranken jedes Wort des Führers wie Verdurstende ein. Solche Liebe und Hingabe hatte ich noch niemals erlebt. In mir war nichts als Grausen und Bewunderung.

Lenin sprach.

Ich sah seine wundervoll gemeißelte Stirn, den schalkhaften Mund und die einfachen Gesten. Manchmal legte er, wenn er sprach, den Kopf auf die rechte Seite und stieß mit der Hand irgendeinen schlimmen Feind zu Boden. Seine Stimme klang unpathetisch, war viel eher die Stimme eines Konstrukteurs als eines Volksredners. Aber gerade darin lag ihre magische Gewalt. Plötzlich wurde es still.

Man hörte zweihunderttausend Menschen atmen.

Lenin hatte, ohne die Stimme zu senken oder zu heben, unvermittelt abgebrochen und war sofort verschwunden. Einige Sekunden lag noch das gläserne Schweigen über dem Platz: dann zerbrach das Schweigen und splitterte in tausendfachen Schreien auf.

»Lenin! Lenin! Lenin!« brüllte der weite Platz.

Dann flatterten, wie weiße Schmetterlinge, viel hundert beschriebene Zettel nach der Bühne, Fragen an Lenin. Sie wurden von einem Sekretär gesammelt. Der Führer blieb unsichtbar. Endlich beruhigte sich die Masse. Nur ab und zu grollte ein ergebener Donner gegen den Palast:

»Le–nin ... Le–nin ...«

Wie schwer und wie tief mußte ein Volk gelitten haben, wie jung mußte ein Volk sein, um nach all den blutigen und entsetzlichen Jahren diese Liebe und Gläubigkeit aufzubringen! Der alte Zar war gestürzt, der weiße Zar, ein neuer Zar war erstanden, der rote Zar. Die Masse muß einen Führer und entschlossenen Helden haben, den sie vergöttern darf.

»Otto, da ist Lenin!« flüsterte mir Maartens zu. Er war aufgeregt und riß mich mit sich fort. Er bekam einen roten Kopf und trat wie ein Schüler vor seinen Meister.

»Genosse Lenin«, sagte er und streckte die Hand aus. »Ich heiße Maartens und bin der Delegierte aus Java.«

»Freut mich«, antwortete Lenin auf deutsch. »Freut mich. Haben Sie gute Reise gehabt? Sie ... kommen als Vertreter der Javanesen?« Dabei blinzelte er den Holländer listig an.

»Ja, ich komme aus Java«, stotterte Maartens. Da stellte ich mich auch vor. »Glarus«, sagte ich. »Guten Tag, Genosse Lenin.« »Kommen Sie auch aus Java?« sagte er, gab mir die Hand, und der Spott zuckte um seinen Mund. »Nein. Ich komme aus Berlin.«

»Nun, darüber werden wir noch in Moskau zu sprechen haben«, sagte er und lief mit kleinen, schnellen Schritten davon.

Ich war sehr glücklich.

Ich habe Lenin noch viele Male gesehen und in Moskau auch noch einmal mit ihm gesprochen, aber am stolzesten bin ich doch auf die erste Begegnung vor dem Winterpalast in Petrograd.

Der Winterpalast lag bald verlassen in der grellen Sonne.

Das Volk verströmte.

Wir spazierten nach den Hotels zurück.

An der Isaakkirche sah ich Katja. An ihrer Seite ging ein Engländer. Ich wurde eifersüchtig. Sie sah mich sofort, winkte mit der Hand, grüßte und lachte. Ich winkte eifrig zurück.

Am Abend fuhr ich mit einigen Freunden und mit Njura zur Börse und erlebte das Spiel der Fünftausend. Auf dieser Fahrt erzählte Njura eine bezeichnende Episode von Maxim Gorki. Gestern nämlich war eine Probe des Spiels gewesen, Gorki war auch dabei, und als die Kosaken vorüberrasten, stürzte ein Pferd. Es stürzte unglücklich und sollte erschossen werden. Dieses Gerücht ging über den steinernen Platz und erreichte auch den Dichter. Als er das hörte, sagte er. »Nein, es wird nicht erschossen, ich werde es schon retten«, und ging zu dem Pferd. Nach einigen Minuten kam er zurück, war fröhlich und sagte: »Es lebt. Es braucht nicht erschossen zu werden.«

An den Fronten starben viele Menschen, in den Städten hungerten die Kinder, es gab viel größere Dinge zu bemitleiden als ein gestürztes Pferd, aber mir wurde plötzlich klar, daß sich gerade in so kleinen menschlichen Angelegenheiten die Seele viel nackter zeigt als in den tragischen und heroischen Augenblicken.

Der Platz, auf dem die Börse steht, wird von der Newa umarmt.

Von der Tribüne kam der Amerikaner Freeman und begrüßte Njura herzlich. Er liebte das Mädchen. Sie liebte ihn. Auch der Edelsteinäugige kam und zeigte seine goldgesprenkelten Augen. Auch Maartens, Goldenberg und Merkel besahen sich das Spiel. Dunkelheit wogte heran. Die weißen Nächte waren nach dem hohen Norden gezogen. Lichter und Fackeln brannten.

Das Spiel begann.

Dieses Spiel, das sich bis in die Nacht hinein abrollte, war das Schauspiel des proletarischen Kampfes und Sieges. Der breite Platz vor der Börse donnerte. Das Spiel ging ohne viel Rede und Gegenrede über den freien Platz und über die Stufen der Freitreppe, über die früher die Bankiers geschritten waren. Auf der Freitreppe war die heutige Welt dargestellt, das tragische Unten und das erlöste Oben, durch einen Tanzboden deutlich gemacht, auf dem sich heiter und beschwingt schöne Damen und Herren verlustierten. Zu ihren Füßen schmachtete das Volk und wurde von Fronvögten zur Arbeit angetrieben.

In drei Akten nun entfaltete sich der Kampf des Volkes um seine Freiheit, gipfelte in der Pariser Kommune, dann im Tod der zweiten und im Sieg der dritten Internationale. Wir sahen in groben Umrissen, sehr oft für den Augenblick zurecht gemacht, die naive Geschichte der letzten Jahrzehnte. Frankreich, Deutschland und Rußland wurden gezeigt. Dazwischen lag Europa in Blut und Qual, Tränen und Hunger und der verzückten Hoffnung auf Erlösung. Das nächtliche Spiel bewegte sich in demselben glühenden Rahmen wie die Reden und Ansprachen im Taurischen Palais und vor dem gewaltigen Winterpalast.

Gegen Mitternacht gingen wir heim.

Wir spielten in den Gedanken noch einmal das Spiel durch und stellten Städte und Menschen unserer Heimat auf die Bühne der Geschichte und ließen sie den Kampf um die Entscheidung wagen. Die dunkle Newa flammte auf. Aus Kronstadt waren Kriegsschiffe gekommen und Schossen Salut. Lichtwirbel und Feuerräder kreiselten. Aus unsichtbaren Wolken fiel goldner Regen.

Ich dachte an die letzten Wochen.

Zu viel war auf mich eingestürzt.

In mir war Freude und Trauer.

Warum war ich traurig?

Ich wußte es nicht.

Warum war ich freudig?

Ich hörte das Flügelrauschen des Sieges.

Auf dem freien Platz vor der Kathedrale brannten immer noch die Feuer. Die Stadt schlief. In dem verwilderten Garten vor der Admiralität spazierte ein Matrose mit seinem Mädchen. Sie lachte golden durch die Dunkelheit. Schwermut kam. Würde ich mit Katja auch einmal durch die Dunkelheit Spazierengehen und ihr Lachen hören?

Am nächsten Tag reisten wir nach Moskau.

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