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Blockhaus an der Wolga

Max Barthel: Blockhaus an der Wolga - Kapitel 12
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pfad/barthel/blockhau/blockhau.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleBlockhaus an der Wolga
publisherDer Freidenker
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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ELFTES KAPITEL

Nach dem Ural

Im Dezember liegt Moskau, die goldene Stadt unter weißem Schnee begraben. Die Anlagen und Boulevards sind verödet, aus den schwarzen Wäldern kommen die Flatterwolken der schreienden Krähenschwärme, die Leute gehen eilig und in schweren Pelzen auf den Straßen: die Sommerheiterkeit ist dahin, der Frost knallt mit seinen Peitschen.

An einem schönen Abend, in dem die schwarzen Kronen der Kiefern wie japanische Schattenrisse gegen den leuchtenden Himmel standen, verließen wir Moskau. Am nächsten Morgen überquerten wir die Wolga bei der alten Stadt Jaroslawl. Dann am hellen Tage sahen wir das nördlich weite und unendliche Land mit Schnee und Wäldern, Sumpf und freien Feldern, verstreuten Dörfern und vielen Windmühlen, die unter dem hohen Himmel mit ihren sechs Flügeln mahlten.

Dann kamen wir nach Wologda, besahen uns die kleine Stadt mit den grünen, blauen und goldenen Kirchen, rasten auf flachen Schlitten in die verschneiten Wälder hinaus und waren berauscht von der klaren kalten Luft. Sie schmeckte wie herber Wein. In den Wäldern gab es noch Bären und Wölfe. Ruhla sah eifrig nach ihnen aus, vergeblich natürlich, und als wir an einem Blockhaus vorbeihetzten, auf dem ein verwaschenes rotes Fähnchen im Winde flatterte, sagte sie.

»Das ist herrlich! Wald und Schnee, ein Blockhaus mit der roten Fahne, schön und grausam ist das, die ganze Hoffnungslosigkeit des Beginnens starrt uns entgegen.«

Merkel riß die Augen auf, er kannte die Aussprüche Ruhlas noch nicht und warf mir einen bedeutsamen Blick zu, als zeichne ich für sie verantwortlich. Ich freute mich und lachte.

Noch vielemal sahen wir auf dieser Reise die Hoffnungslosigkeit des Beginnens, in Wologda und auch in Wyatka. Auch in Wyatka standen die glatten und gedrehten Kirchenkuppeln blau, grün und golden gegen das matte Blei des Winterhimmels. Auch durch Wyatka fuhren wir mit den flachen Schlitten. Die sibirischen Pferde dampften. Von den Kirchen begann das Sturmgeläut der unzähligen Glocken, ein wildes, brausendes und irrsinniges Geläut begann, in dem sich Asien und Byzanz verschwisterten, und verfolgte uns bis in die stillen Zimmer unseres Hotels.

Die Kameraden von damals brauche ich nicht mit Namen vorzustellen, sie sind in ihre Länder zurückgekehrt, der Amerikaner, der Türke, der Koreaner, und viele von ihnen schwören jetzt dem Rauschen anderer Fahnen zu und haben vielleicht alles vergessen. Ich will nur die beiden jungen Leute aus Uruguay vorstellen: den Studenten und den Arbeiter.

Sie waren sehr jung.

Carlos, so hieß der Tischler, war vierundzwanzig Jahre alt und von seiner Organisation nach Moskau geschickt worden. Er hatte schwarze Brombeeraugen und ein gutmütiges Gesicht.

Sein Freund hieß José.

José war Student und zeigte das hochmütige Blatternarbengesicht eines spanischen Granden. Er war knapp zwanzig Jahre alt und führte meistens für Carlos das Wort. Wer die Geschichte dieser Delegation nicht kannte, mußte annehmen, José sei der offizielle Beauftragte und Carlos sein zweifelhafter Schatten. Ein Tischler und ein Student. Im ersten Augenblick entschlossen wir uns für den Studenten. Ruhla war in ihn verliebt.

»Ist er nicht herrlich?« flüsterte sie. »Er ist ein Spanier. Edle Rasse. Schön, kalt und grausam.«

Ich wollte auch schön, kalt und grausam sein, aber sie lachte mich nur aus. Viel eher glich ich schon Carlos, mit dem wir uns nur über José verständigen konnten. José sprach auch Französisch und lernte soviel Russisch, um seine donnernden Ansprachen mit einigen russischen Sätzen beenden zu können. Von Uruguay erfuhren wir wenig, nur soviel sagte José, daß Montevideo noch schöner sei als das goldgetürmte Moskau und daß die kleine südamerikanische Republik in der Fahne fünf weiße und vier blaue, waagerechte Streifen habe und am Flaggenstock ein weißes Feld mit goldener Sonne führe. Ruhla war nun plötzlich für das weiße Feld mit der goldenen Sonne.

Unsere Exkursion war eine politische Reise.

Wir haben viele Städte und Fabriken besucht, um uns war, wie auf der Reise nach dem Schwarzen Meere, viel Festlichkeit und auch viel Not. Wir erlebten beides, und nach einem großen Meeting sagte Ruhla einmal zu mir:

»Wenn ich Berichte schreiben könnte, würde ich auch so schreiben, wie du sie im Sommer geschrieben hast. Es geht nicht anders. Unsere Idee darf nicht beschmutzt werden.«

Wyatka ist eine russische Provinzstadt, groß und verschwenderisch in die Breite gebaut, die Häuser sind Blockhäuser, Holzhäuser, die Kirchen wie funkelnde Verheißungen nach einer anderen Welt. Die Wälder rückten an die Holzhäuser heran, alles in allem: ein phantastisches Dorf, in dem die steinernen Verwaltungsgebäude wie Fremdkörper standen. Aus den entfernten kleinen Dörfern waren viele Bauern gekommen, der große Basar lag wie ein erdrosselter Leichnam auf einem weiten Platz, aber der Schleichhandel gedieh und bekam rote Backen und ein Doppelkinn.

Unser Hotel war ein alter Kasten mit riesenhaften Öfen, für den Winter gebaut. Die Treppen knarrten, die Zimmer waren nicht still, wie wir anfangs glaubten, sie waren überfüllt. Das Hotel hieß »Eremitage«. Es war ein Jahrmarkt und kein Ort der Stille. Und doch erblühte aus dem großen Lärm der unfreundlichen Zimmer ein Wunder. Carlos verliebte sich nämlich in ein junges Mädchen, das in Soldatenkleidern herumlief. Sie war erst vor einigen Tagen von der Front, aus der Krim, zurückgekommen.

Sie hieß Nina, trug kurze Haare, hatte ein blankes Knabengesicht, große, verschleierte Augen und einen kühlen Mund. Sie glich ganz den modernen Damen im Westen. Sie war ihnen ähnlich, aber sie war doch vollkommen anders. Sie war erfüllt von den Ideen einer bewegten Zeit und vermännlicht durch das Lagerleben an der Front und nicht aus Scham vor dem eigenen Geschlecht, wie man das heute im Westen in den lauten Städten beobachten kann. Merkel war erschrocken, als er sie sah und sagte:

»Mensch, Otto, sieh dir mal das Mädchen an! Sie ist ja die schönere und jüngere Schwester von Manja!«

»Wer ist denn Manja?« fragte ich.

»Das Mädchen in Kiew. Hast du sie schon vergessen?«

Ja, ich hatte sie vergessen.

Merkel hatte sie nicht vergessen.

Nina und Carlos war ein viel schöneres Paar als Manja und Hans Merkel. Nina und Carlos: Das war eine Liebe auf den ersten Blick. Wir erlebten mit großer Verwunderung, wie sich der träge Carlos plötzlich veränderte. Ja, ein Blitz hatte ihn gestreift und rebellisch gemacht. Seine weiche Stimme wurde metallen, seine Hände hart und aufrührerisch. Zum erstenmal, seit wir ihn kannten, machte er sich selbständig und war nicht mehr der fatale Schatten von José. Jetzt war Carlos nicht mehr der schwerfällige Tischler und jener der abenteuerliche Herr, Ruhla fühlte mit Nina und Carlos und erzählte mir so oft und so ausführlich von dieser Liebe, als sei auch sie daran beteiligt.

Wie sich Nina und Carlos in den ersten Tagen verständigt haben, weiß ich nicht. Natürlich weiß ich es ganz gut: durch die internationale Sprache der Augen, durch Händedrücke, selige Seufzer, die von allen jungen Menschen verstanden wurden. Carlos: Sein Lächeln war Geständnis der Liebe. Nina: Ihre streichelnde Hand war Liebkosung, Gegenliebe, Vertrauen. Und wenn sie stumm gewesen wären, sie hätten sich doch erklären können. Sie waren einfach füreinander bestimmt. Weltmeere waren zwischen ihnen gewesen, Berge, Wälder, Steppen, Flüsse und viele Grenzen, aber als sie sich sahen, da erkannten sie sich, da liebten sie sich. Ihre Blicke verschmolzen in dem vergehenden Schöpfungsblick, an dem sich immer und immer wieder das Leben herrlich entzündet.

Nina und Carlos erfüllten das Gesetz.

Wir blieben vier Tage in Wyatka und besuchten Fabriken, Mustergüter, Kinderheime und Bibliotheken. Wir waren der Zeit hingegeben, dem Tag und der Gegenwart. Carlos blieb bei seinem Mädchen und ließ die Bibliotheken. Er fand in den Umarmungen Ninas alle Weisheit und Süßigkeit der Welt. Ruhla schloß sich damals immer fester an mich. Die große Liebe zwischen dem Mann aus Uruguay und dem Mädchen aus Rußland brachte auch für uns viel Glück. Auch José veränderte sich.

Seine rebellischen Reden wurden immer wilder, sein blatternarbiges Gesicht immer finsterer. Er ließ Carlos links liegen, wie man zu sagen pflegt, und schloß eine dicke Freundschaft mit dem Koreaner Wang, einem Professor der Philosophie, der nach Rußland gekommen war, um in einem verrückten Englisch für die Freiheit seines Landes zu werben, das die Japaner besetzt hielten. In jenen Tagen waren die beiden Männer immer zusammen, der Koreaner Wang mit dem sanften Mongolengesicht und den kultivierten Händen und der Student José aus Uruguay mit dem kalten Munde und dem trommelnden Alarm einer immer sprungbereiten Rede.

Nina wurde anders.

Es schien, als löse jeder zärtliche Blick von Carlos, jedes werbende Wort aus seinem Munde sie immer mehr aus ihrer soldatischen Verkleidung. Ihr knabenhafter Mund blühte auf und wurde wollüstig. Ihre grauen Augen waren nur noch Brunnen der Freude. Dann legte sie auch die Uniform ab, und wir erkannten im ersten Augenblick in der jungen Frau mit der hohen, vollen Brust die Soldatin Nina nicht wieder. An der Front wurde sie vermännlicht und geschlechtslos, im Kampf der Geschlechter siegte sie und wurde Frau.

Endlich mußten wir weiter.

Die Fabriken waren besucht, die Reden verklungen, die Begrüßungen vorüber. Wir wurden in Perm erwartet. Carlos wollte zuerst nicht mit uns fahren, da war es José, der ihm eine wütende Rede hielt und mit fortnahm. Von der Rede hatten wir kein Wort verstanden, wir sahen nur, daß Carlos in sich zusammensank, als sein Freund sprach. Und als Nina begriffen hatte, daß nun alles zu Ende sei, wurde sie grau und veräschert.

Der letzte Abend brachte ein kleines Bankett. Unsere russischen Freunde waren wieder uferlos wie die Ströme im Frühling. Als Nina und Carlos nach dem Bahnhof kamen, waren Ruhla und ich schon in unserem Abteil. Wir hörten nun, ob wir es wollten oder nicht ihren verzweifelten Abschied.

Die Bahnhofsglocke läutete zum drittenmal.

Der Eisenbahnzug setzte sich langsam in Bewegung.

Wir hörten noch verklingende Hochrufe, und ein weißes Tüchlein winkte Abschied. Wir fuhren und fuhren, die Schienen klirrten, große Wälder blieben zurück, neue Wälder zeigten sich, es fiel Schnee, und am zweiten Tag kamen wir in der Stadt Perm an.

In Perm gab es viel zu sehen und zu hören. Der Bürgerkrieg hatte auch diese Stadt gelähmt und geschlagen. Die Meetings und Versammlungen ließen mich Nina und Carlos vergessen. Die beiden Männer aus Uruguay schienen sich ausgesöhnt zu haben. Der Koreaner Wang war wieder einsam, und auf einer Fabrikversammlung verbrüderte er sich mit den Arbeitern.

»Korea ist die Wiege der asiatischen Kultur«, schrie er in den kalten, dunstigen Saal, »Korea hat auch China erleuchtet Die Japaner sind wie Affen. Sie machen alles nach! Laßt euch von Japan nicht betrügen!« Dann zog er ein seidenes Tuch aus der Tasche, zerfetzte es und sagte mit fanatischem Götzengesicht: »Seht, so wie ich dieses Tuch zerreiße, so wird einmal Korea die japanische Herrschaft zerfetzen!«

Von Perm ans fuhren wir weiter durch das Waldgebirge des Urals, kamen durch sanfte Hügellandschaft und ewige Wälder. In breiten Talern sahen wir die vielen Fabriken liegen, die mächtige Wälder aufgefressen hatten. Die ganze Industrie baute sich in der Hauptsache auf Holzkohle und Holzverfeuerung auf. Auch unsere Lokomotive wurde mit Holz geheizt. Wir sahen also die breiten Spuren der Vernichtung und die stumpenübersäten, steinigen Berghänge. Der Ural ist eine Schatzkammer für Rußland. Man findet Gold, Platin, Eisen, Asbest, Kupfer, Nickel, Kohle und Edelsteine in den Bergen und Tälern.

Wir suchten kein Gold und keine Edelsteine, wir starrten in den Winterschnee, in den Funkenfall der Lokomotive und hatten ganz vergessen, daß es ja auch einmal Weihnachten sein müßte. Wir rechneten nach: Weihnachten, das war auf der Fahrt zwischen Wyatka und Perm vergessen worden.

Wir kamen nach Jekaterinenburg, dem heutigen Swerdlowsk.

Hier sahen wir seltsame Dinge: das Haus, in dem der Zar erschossen wurde, einen siebenundsiebzigjährigen Menschen, der noch als Leibeigener gedient hatte, und ein Eisenwerk, das sich der Wasserkraft eines flachen Sees bediente. Auch mit Siebenhaar kam ich zusammen.

Mit Carlos aber war es zu Ende.

Er war fertig.

Sein Gesicht war gelb, die Brombeeraugen trübe, er wollte nicht mehr reden: Die ganze Welt schien ihm verhaßt zu sein, jetzt war er, wie schon früher, Joses Schatten und gehorsames Echo. Eines Tages, als wir von der Platinfabrik zurückkehrten, lag der Tischler aus Uruguay mit Fieber im Waggon. Der Doktor wurde geholt. Er machte ein bedenkliches Gesicht und schickte den Kranken mit José nach Moskau zurück. Sie fuhren nicht nach Moskau.

Sie fuhren nach Wyatka.

Auf der Reise bekam Carlos Typhus.

Halb sterbend kam er nach Wyatka.

Er phantasierte, und José hat uns später berichtet, daß seine Gedanken nur um Nina, um das russische Mädchen kreisten.

Nach der Abreise unserer Delegation hatte Nina wieder Soldatenkleider angezogen. Aber sie war ein schlechter Soldat. Und als sie hörte, Carlos sei da und krank, war sie erledigt. Carlos lag im Krankenhaus, und als ihn das Mädchen zum erstenmal besuchte – die Ärzte machten große Schwierigkeiten – da fiel sie an seinem Bett zusammen, wimmerte, streckte sich und verlor das Bewußtsein. Carlos erkannte sie nicht mehr. Er phantasierte und schrie:

»Nina! Ninuschka!«

Als sie zusammenbrach, verlor auch José den Verstand. Er schrie und holte den Arzt. Der Doktor kam. Nina wurde fortgetragen. Sie erwachte erst am übernächsten Tag. Ihr erstes Wort war: »Carlos!« Aber es gab keinen Carlos mehr. Er war schon gestorben.

Das alles erfuhren wir erst später nach unserer Rückkehr in Moskau.

Da wurden uns viele Zusammenhänge klar.

José hatte in Wyatka seinen Freund gehaßt, weil auch er in das Mädchen verliebt war. Sein Stolz wurde getroffen: Nina bevorzugte einen Tischler und verschmähte einen Studenten! Aber nun war aller Haß vorüber. Er half Nina, wo er nur konnte. Er machte sie auch vom Soldatendienst frei und erzählte ihr rührende Geschichten von Carlos und erfand kleine Episoden, um sie zu trösten. Er nahm sie nach Moskau mit. Als wir ankamen, war sie schon seine Frau geworden. Sie ist mit ihm dann über das große Wasser nach Uruguay gefahren. Das alles erschien mir damals so irrsinnig, daß ich mit Ruhla und Merkel sprechen mußte. Merkel stand auch vor einem Rätsel.

Ruhla löste das Rätsel und sagte:

»Wie seid ihr Männer doch schwerfällig! Das ist doch kein Rätsel! Hört zu. Männer: Die Nina liebt ihren Carlos ewig in seinem Freunde José. Darum hat sie ihn geheiratet, und nur deshalb ist sie mit ihm nach Uruguay gefahren.«

Merkel sagte:

»Du bist ein gescheites Frauenzimmer, Ruhla!«

Aber das war alles zwei Monate später, als wir die große Reise beendet hatten. In jenen Dezembertagen nun besuchten wir das Haus Ipatjew, in dem der Zar erschossen wurde. Wir sahen in dem langen Kellerraum noch die Kugelspuren der Erschießung. Das Haus ist ein Haus, wie es viele in Rußland gibt: ein weißgetünchtes Steinhaus mit hohen Zimmern. Es lag am Grunde einer tiefen Straße und war nur dann unheimlich, wenn man seine Geschichte kannte.

In einer Julinacht des Jahres 1918 wurden in jenem Keller der Zar, seine Familie und der letzte Rest eines kleinen Hofstaates erschossen. Die Schüsse waren verhallt, aber das Grausen war geblieben. Wir wurden sehr still, als ein Russe die Schränke von jener Mauer rückte, die einmal die Standrechtmauer war. Ruhla klammerte sich an meinen Arm, Merkel riß die Augen auf, und eine Übersetzerin, sie war erst vor kurzem aus Amerika gekommen, stellte sich wie eine schlechte Schauspielerin an die Wand und bettelte den Kommandanten des Hauses um ein Andenken an den Zaren an.

Der Russe machte ein verächtliches Gesicht und antwortete mürrisch:

»Wir haben keine Andenken zu verschenken.«

Die Übersetzerin blieb an der Wand stehen, ließ sich die gute Laune nicht verderben, wollte retten, was zu retten war, und begann mit der »Internationale«. Aber sie sang in eine Wüste hinein. Wir blieben stumm und verließen das tödliche Zimmer.

»Wo liegt der Zar begraben?« wollte Merkel wissen, als wir wieder im hellen Lichte standen.

»Das wollen wir nicht verraten«, sagte der Russe. »Aber das darf ich sagen: Wir haben ihn unter einem Feldweg begraben, über den jeden Tag die Bauern gehen und fahren.«

Es gab viele Feldwege ringsum.

In der Nacht träumte ich von jenem Haus. Dieser Traum war nur der schreckliche Vorbote von vielen Träumen, denn ich wurde nach einigen Tagen sehr krank. Ich träumte also, der Zar lebe noch und sei Herr über das weite Land. Aber nein, so war es nicht, im Traum vermischen sich ja wie in einem verschliffenen Spiegel die vergangenen und die gegenwärtigen Dinge. Aber so war es: Der Zar lebte noch und gab an jenem Abend ein großes Fest. Zu diesem Fest waren viele Leute geladen, auch Ruhla und ich.

Die Straßen waren unheimlich leer, kein Mensch war zu sehen. Das Haus Ipatjew schimmerte durch die Dunkelheit. Ein Lakai führte uns nach dem kleinen Festsaal. Ruhla sah wunderschön aus. Von der Großmutter her rollte in ihren Adern Blut aus einem alten Adelsgeschlecht, wir haben in Berlin viele Male darüber gelacht, aber an jenem Abend stellte ich sie mit ihrem adligen Namen vor. Der Zar lächelte, und ich war darüber glücklich.

Aber plötzlich lächelte er nicht mehr.

Er sah sehr alt und sehr müde aus.

Sein Bart war verwüstet, und von der grünen Uniform hingen silberne Spinnweben. Das alles sehe ich jetzt erst richtig, jetzt nach drei Jahren. Damals sah ich es nicht.

Dann kam eine Prinzessin angeschwebt. Einige Prinzessinnen kamen. Sie waren noch schöner als Ruhla. Die Prinzessin Tatjana kam auf mich zu. Und plötzlich war Ruhla von meiner Seite verschwunden. Es war, als hätte sie ein blitzender Spiegel verschlungen. Tatjana stand ganz nahe bei mir, sah mich an und legte ihren Arm um meine Schultern.

»Es ist gut, daß du gekommen bist, Lieber«, sagte sie. »Lieb Seelchen, weißt du keinen sicheren Weg nach dem Westen? Wir haben mit den Bolschewiki die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht.«

Ich wiederhole Wort für Wort:

»Wir haben mit den Bolschewiki die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht.«

Das alles war so grotesk. Natürlich hatten sie die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht, sie waren ja erschossen worden, und ich selber war Bolschewik, aber in jenem Traumaugenblick dachte ich plötzlich an den Thronsaal im Alexanderpalast. Da hatte ich auf einem goldnen Throne gesessen, und nun überlegte ich mir fieberhaft schnell die Möglichkeiten eines sicheren Weges nach dem Westen.

Ich warf einen Blick in den festlichen Saal, in dem sich alte, goldbetreßte Offiziere und junge, halbentblößte Damen lässig bewegten. Jetzt fällt mir übrigens ein, daß keiner von den vielen Menschen auch nur ein Wort gesprochen hat. Nur Tatjana und ich redeten miteinander.

»Sage mir doch den Weg nach dem Westen, lieb Seelchen«, wiederholte sie und blickte mich verlockend an. Ich sah nicht ihre Augen, ich sah nur ihren Mund, der wie ein purpurner Schnitt im weißen Gesicht blutete, die wirkliche Tatjana war keine Schönheit, aber die Traumtatjana war von jener berauschenden Schönheit, die Verliebte und Trunkene zum Sterben bereit macht. Und ich muß wohl sehr berauscht oder verliebt gewesen sein, denn ich sagte leise:

»Ja, ich weiß einen sicheren Weg nach dem Westen. Ja, ich weiß den Weg. Ich will euch führen. Kommt mit, kommt alle mit!«

Sie klatschte in die Hände, und auf dieses Signal hin sammelten sich die stummen Gäste. Der Zar trat an die Spitze des Zuges, dann kam die Kaiserin mit dem Thronfolger, die Prinzessinnen schlossen sich an, und zuletzt ordneten sich die alten Offiziere und jungen Damen ein. Ich stand ganz dicht bei Tatjana.

Die Lichter verlöschten.

Nur der Mond war da, der helle, sibirische Wintermond, und legte sein Licht wie einen glasklaren Weg durch das Zimmer und zerbrach auch die dunklen Wände.

»Wo ist der Weg?« flüsterte Tatjana.

»Hier ist der Weg«, sagte ich leise und zeigte auf das gläserne Licht des Mondes.

Nun begann eine stille Prozession durch das stille Haus. Wir gingen leicht durch alle Mauern und Wände hindurch, wir waren frei und geisterhaft kühl, aber dann kam das Grausen. Dem Zaren fielen bei jedem Schritt zuerst die Kleider vom Leibe, dann löste sich auch das Fleisch von den Gebeinen und fiel vor unsere Füße. Ich klammerte mich an Tatjana, aber ich griff in die Luft. Sie war verschwunden, wie vorher Ruhla geheimnisvoll verschwunden war.

»Tatjana!« schrie ich auf mit der letzten Luft, die mir der Schrecken gelassen hatte, »Tatjana! Tatjana!« Das Echo meines Schreies polterte wie ein Donner. Ich blickte angstvoll hinter mich. Hinter mir gingen sieben oder acht beinerne Gerippe, deren Füße – klappklappklapp – auf den kalten Boden pochten. Und als ich mich wieder dem Zaren zuwandte, sah ich, daß er vor einer Grabkammer anhielt und mir und den Mitgerippen winkte.

Für einen Augenblick verschleierte sich das Bild. Ich sah einen Feldweg, über den russische Bauern mit einem Wagen fuhren. Sie bekreuzigten sich. Dann war wieder das Licht da, der Mond goß sein klarstes Licht auf den winkenden Zaren, auf die beinernen Gerippe, auf die grinsenden Totenschädel.

Das alles war so nah und so fern, war so grauenvoll klar wie die Kraterlandschaft des Mondes. Und da konnte ich nicht mehr stille sein, da mußte ich brüllen, und da habe ich gebrüllt, nach Ruhla gebrüllt und bin von meinem eignen Geschrei aufgewacht.

»Otto, Otto, warum schreist du so entsetzlich?« fragte Ruhla und zitterte.

»Der Zar muß noch einmal erschossen werden«, sagte ich atemlos. »Ruhla, bleibe bei mir, verlaß mich nicht.«

»Ich bin ja bei dir und bleibe bei dir«, sagte sie. »Was hast du geträumt?«

Ich erzählte den Traum.

»Ich bin von deiner Seite verschwunden? Das ist ja entsetzlich! Ich bleibe immer bei dir. Und ich weiß auch«, sagte sie, »warum du vom toten Zaren geträumt hast. Als du in dem Keller warst, hattest du einfach Angst. Du sahst Gespenster. Und die sind mit dir gegangen und haben dich diese Nacht besucht. Die Übersetzerin wollte ein Andenken haben, du wolltest nichts, aber du hast doch ein Andenken mitgenommen. Ob die amerikanische Russin heute nacht auch von toten Gespenstern träumt?«

Nun konnte ich wieder atmen und lachen.

»Ruhla«, sagte ich, »liebe, liebe Ruhla, die träumt wohl kaum von toten Gespenstern. Vielleicht träumt sie von Merkel. In Amerika ist man sehr aufgeklärt. Aber was für eine lächerliche Theorie stellst du da auf: Ich hätte Angst gehabt? Vor wem bitte? Nein, Angst hatte ich nicht. Tot ist doch tot!«

Sie sagte:

»Vor dir selbst hattest du Angst Und meinst du wirklich, tot sei einfach tot? Um tote Dinge träumt man nicht mehr, man träumt nur um lebendige Dinge, mein Lieber. Aber nun laß uns schlafen. Ich bin müde. Hoffentlich besuchen mich deine Gespenster nicht im Traum. Schlaf auch du wohl und recht gute Nacht!« Sie drehte sich um und schlief ein.

Am nächsten Tag besuchte uns Siebenhaar im Hotel.

Er tat sehr erfreut, alte Bekannte zu sehen und lud mich und Ruhla zu einem Besuch in seinem Hause ein. Und am späten Abend nahmen wir einen Wagen und besuchten den Tschekisten. Er stellte uns ein blondes Russenmädchen als seine Frau vor. Der Tisch war gut gedeckt das Gespräch ging hin und her, und zum Schluß erzählte er uns von seiner Arbeit.

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